Zukunftspläne und so …

Meine Freundin und ich reden über die vermuteten Vorzüge eines Lebens in Skandinavien. Irgendwann dann …

Sie: Ich hab auch immer gesagt, ich würde mal einen Schweden heiraten.
Ich (zerknirscht): Ich bin aber kein Schwede …
Sie: Ich hab dich ja auch noch nicht geheiratet.

Tja, das, äh … bedarf wohl noch einer Erklärung. Oder auch nicht.

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Surreal in München

Ich bin ja nicht so der weltkundige Typ. Wie sagte schon ein weiser Mann (genaugenommen ich)? Du kannst einen Menschen aus der Provinz holen, aber du kannst die Provinz nicht aus dem Menschen holen. Ähm, oder so ähnlich.

Kürzlich war ich beruflich wieder mal unterwegs. Genauer gesagt in München, bzw. an dessen Rand. Hier hatte ich innerhalb kürzester Zeit drei völlig surreale Erlebnisse – surreal vermutlich vor allem für jemanden, der seit längerer Zeit in einer Stadt wie Berlin lebt.

1. Am Mittagstisch wird über Fußball gesprochen. Das an und für sich ist nicht ungewöhnlich, aber dass einhellig der FC Bayern gelobt und bejubelt wird, das, äh, ist schon sehr, sehr seltsam. Ich stelle mir vor, was wäre, wenn das hier jemand laut tönend in einer schummrigen Spelunke täte. Aua …

2. Die Busse, zumindest jene in den Randgebieten, muss man direkt im Bus selbst an einem Automaten bezahlen, der nur passendes Münzgeld oder aufgeladene Geldkarten annimmt. Beides hat man genau nie und der Fahrer hat keine Kasse. Das an und für sich ist bescheuert, nicht aber surreal. Nun hatte ich das Geld bei der zweiten Fahrt aber gerade passend, allerdings wollte der Automat meine 20-Cent-Münze partout nicht schlucken. Nach einigen Versuchen eilte mir der gesamte Bus zu Hilfe und bot Wechselgeld dar, bis es ging und ich mein Ticket bekam. Meine Fresse! Gäbe es solche Automaten hier in Berlin in den Bussen, ich stünde immer noch vor einem solchen und würde versuchen, mein Münzgeld da irgendwie reinzupressen, ohne dass irgendwer was sagen würde, abgesehen von irgendeinem altklugen Spruch nach dem Motto »Ja hätten Se’ das Ticket doch vorher schon jekauft, Menschenskind!«

3. In München gibt es, ich kenne das sonst nur aus dem Fernsehen, diese Zeitungsautomaten (Automat ist schon zu hoch gegriffen eigentlich), aus denen man sich eine Zeitung herausnehmen kann, um dann mittels Münzgeld für die Ware zu bezahlen. Genau. In. Dieser. Reihenfolge! Kontrollen gibt es angeblich stichprobenartig. Woah! Hier müssten solche Dinger Tag und Nacht bewacht werden, weil nicht nur der Inhalt des Automaten ratzfatz verschwunden wäre, sondern gleich der ganze Automat selbst zwecks plünderbarem Kasseninhalt und der Verkaufsmöglichkeit der Einzelteile.

Und doch, obwohl gerade die beiden letztgenannten Punkte einen gewissen Charme haben, kann ich mir einfach nicht vorstellen, in einer solchen Stadt zu leben. Zu sauber, zu ordentlich, von allem irgendwie zu viel. Keine Ahnung, wo das herkommt, aber das schrullige Antlitz Berlins mit seinen dauermürrischen oder großmäuligen Bewohnern behagt mir doch deutlich mehr.

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Teichgeplänkel

entenw Teichgeplänkel(Bild © Ruth Rudolph / pixelio.de; www.pixelio.de)

Es gibt Dinge auf der Welt, die sind, obgleich von unfassbar großem Gewicht, für den menschlichen Verstand kaum zu erfassen. Dinge wie die Existenz des Universums, das Wunder des Lebens oder den Kreislauf des Geldes. Es gibt solche Dinge, und es gibt Enten.

Zwei besonders prächtige, gefiederte Probanden, die auf so manch reich gedecktem Weihnachtstisch die Augen hätten leuchten lassen, hatten es sich auf einem zufällig ins narrative Bild rutschenden, größeren Teich, der gern ein See geworden wäre, bequem gemacht. Hier, umringt von allerlei Tümpelschmuck wie Seerosen, Schilf und vorbeischwimmenden Fischexkrementen, schnatterten die beiden munter drauf los.

»Nak nak, also sag, was du willst, Kolben, aber Zeitungen sind irgendwie auch nicht das Wahre«, quakte einer der beiden Erpel in dieser Sprache, wie nur Enten und Jäger sie verstehen. Die Tatsache, dass er derzeit in einige durchnässte Blätter Zeitungspapier eingewickelt war und somit aussah wie ein gefiederter Burrito, verlieh seiner Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt.

»Was hast du bitte schon wieder gegen Zeitungen?«, quakte sein schnabelbewährter Kompagnon so monoton zurück, wie es mit dem ohnehin zur Monotonie neigenden Kommunikationsinstrument einer Ente gerade noch möglich ist.

»Kaum hat man es sich mit einer davon im Schilf gemütlich gemacht, der Kaffee ist durch und die Kekse liegen schön arrangiert auf dem Teller, ist das Ding auch schon völlig durchgesifft, und man kann nichts mehr lesen. Nicht mal als Klopapier taugt das Zeug noch, so leicht reißt das Papier. Scheußlich, nak nak!«

Kolben (nur seine Mutter wusste, warum er diesen Namen trug) atmete tief durch. Er war ja selbst schuld: Was hatte er auch unbedingt nachfragen müssen? »Gut Fahrenheit, dann erläutere mir doch bitte, warum eine Ente Zeitungen lesen sollte, die im Wasser ja ganz offensichtlich nass werden. Nak! Enten lesen keine Zeitung.«

»Das sagt wer, nak nak? Professor Doktor Kolben, hä?«, blökte Fahrenheit zurück und plusterte sich auf, was Enten bekanntermaßen nicht nur sinnbildlich wunderbar beherrschen. »Ich lese die Zeitung, damit ich am Ball bleibe. Fördert die Intelligenz. Durch … äh … Kreuzworträtsel. Solltest du auch tun. Nak, und überhaupt, bist du denn in Sachen aktueller … äh«, es raschelte, während Fahrenheit sich aus seinem Papierkokon wand, »Flughafenkoalitions…äh…FCBayern genauso im Bilde wie ich?«

»Nak nak, nein, das bin ich nicht. Und du auch nicht. Die Seiten pappen ganz offensichtlich zusammen und du hast einfach vorgelesen, was zufällig aneinander klebt.«

Fahrenheit zog eine beleidigte Schnute, etwas, das Enten genaugenommen immer tun. »Pah, nak, Banause, du! Und tut ja auch gar nichts zur Sache, weil du sowieso keine Ahnung hast. Außerdem … äh … muss ich schauen, was meine … nak, äh …«, abermals raschelte es, während Fahrenheit die Zeitung zunehmend in Fetzen zerpflückte, »Apple-Aktien machen.«

»Nak nak nak!«, schimpfte Kolben. »Du hast ganz bestimmt auch keine Apple-Aktien. Eine Ente liest keine Zeitung und sie sollte auch keine Aktien besitzen. Geschweige denn, dass du weißt, was Aktien sind.«

»Aha, und als nächstes erzählst du mir dann, dass Enten nicht Auto fahren sollten, oder was?«, blaffte Fahrenheit, schlug wild mit den Flügeln aufs Wasser und zerriss damit die durchgeweichte Zeitung endgültig.

»Natürlich sollten Enten nicht Auto fahren, nak nak! Du hast noch nicht einmal einen Führerschein.«

»Wozu brauche ich einen Führerschein? Ich weiß doch, dass ich fahren kann. Da brauche ich das nicht noch mal auf Papier. Siehst du ja, was mit Papier im Wasser passiert, nak.«

»Fahrenheit, deine Beine sind nicht mal lang genug, um an die Pedale zu reichen.«

»Ich fahre Automatik.«

»Aha.«

»Nak! Herr Kolben weiß natürlich alles besser, nak nak. Weil Herr Kolben die Weisheit mit Schnäbeln gefressen hat, nak. Vielleicht kann Herr Kolben mir dann ja auch erklären, weshalb ich einen … äh … Cadillac besitze, wenn ich ihn nicht fahren kann.«

»Fahrenheit, du hast keinen Cadillac«, bemerkte Kolben nüchtern.

»Natürlich habe ich den, nak nak nak. Steht in meiner Garage«, gab Fahrenheit stolz zurück und putzte zur Feier des Augenblicks sein Gefieder an Stellen, die andere Leute nicht im schmutzigsten Traum mit dem Mund reinigen würden.

»Du hast auch keine Garage. Du denkst dir das alles gerade hier und jetzt aus, wie du es immer tust, nak nak. Und du gibst dir nicht einmal Mühe, es zu verschleiern.«

»Natürlich gebe ich mir Mühe«, protestierte Fahrenheit.

»Zur gehörnten Ente auch, was geb ich mich überhaupt mit dir ab?«

Fahrenheit schwamm einmal im Kreis um Kolben herum, blieb dann auf zwölf Uhr stehen, und wandte ihm seinen Schnabel zu. »Du hast meine Garage nur noch nie gesehen. Wie willst du da auch meinen Cadillac kennen, der ja wohl drinnen steht? Nak nak nak«, schnatterte er traurig und schüttelte theatralisch den Kopf. »Wer so mit geschlossenen Augen durchs Leben watschelt wie du, der sollte sich auch nicht herausnehmen, festzulegen, was eine Ente tun darf und was nicht.« Stolz, diesen philosophischen Exkurs beendet zu haben, steckte Fahrenheit den Schnabel ins Gefieder und schloss genüsslich die Augen.

»Wenn ich so wie du durchs Leben ginge«, gab Kolben zurück, »nak nak, dann wären wir beide schon längst Entenbraten oder Schlimmeres: Geschnetzeltes. Du … du … bist ein Idiot, Fahrenheit, und ich höre sowieso nie wieder auf dich! Wegen dir, nak nak, sind wir erst kürzlich hunderte Kilometer weit geflogen, um dann nach Futter im Salzwasser zu suchen, nur weil du Depp einen großen See mit einem Meer verwechselt hast! Die Salzkruste habe ich immer noch zwischen den Schwimmhäuten. Als wäre das nicht genug, nak nak, hast du mich dabei zusehen lassen, wie du ein umgekipptes Kreuzfahrtschiff begattet hast. Nicht, dass du es versucht hättest, nein, es ist dir gelungen! Bah! Nak!«

»Aber es war doch wohl ein schöner Ausflug«, murmelte Fahrenheit verlegen.

»War es nicht, nak nak! Auf dem Rückweg wurden wir fast von einem Flugzeugtriebwerk zu Federkonfetti verarbeitet. Anschließend sind wir nur um ein Haar einer Welle hirnfressender Zombies entkommen, falls du dich erinnern solltest. Was, nak nak, ist bitte daran ein schöner Ausflug?«

Fahrenheit dachte so laut nach, dass die Singvögel im näheren Umkreis vor Schreck das Weite suchten. »Die Aussicht fand ich zumindest ganz hübsch.«

»Naaak!«, brüllte Kolben, dass sich Fahrenheits Gefieder aufstellte, etwas, das selbst einer Ente normalerweise schwerfällt. »Nichts war da hübsch! Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch am Leben sind, und du lobst die Aussicht!«

Fahrenheit wich vorsichtig zurück. Ein Entenschnabel mochte nicht scharf sein, aber man konnte ihn jemandem gehörig über die Birne dreschen. Davon konnte er seit jeher ein Lied singen, und Kolben sah aus, als wäre er im Begriff, diese unschöne Tradition fortzusetzen. »Man soll nun mal die kleinen Dinge im Leben wertschätzen, nak nak.«

»Dir ist echt nicht zu helfen, Fahrenheit, nak nak, weißt du das? Ich kann mir dein Überleben nur damit erklären, dass bekanntermaßen Kindern und Betrunkenen nichts passiert und du durch ein Wunder der Natur beide Gruppen in dir vereinst. Und ich, nak nak, stecke irgendwie in deiner Aura fest, so wie das Kaugummi, das dir ständig im Gefieder klebt.«

»Natürlich bist du in meiner … wie hieß das, nak nak … Aula«, stimmte Fahrenheit zu. »Wir sind schließlich die besten Freunde.«

Kolben schwamm kopfschüttelnd davon. Die Aussicht darauf, den Rest des Tages über wortlos im Schilf sitzend den Fröschen zu lauschen, übte inzwischen einen gewissen Reiz aus. Fahrenheit derweil schwamm vergnügt über den Teich und unterhielt die Seerosen, die vor ihm davonzuschwimmen schienen, sowie diesen einen Beobachter, der, von den Erpeln unbemerkt, am Rand des kleinen Gewässers zusammengesunken wie ein Sack voll nasser Holzwolle auf einer Parkbank hockte und dem Treiben bereits seit geraumer Zeit zusah.

Der junge Mann seufzte, dass Raum und Zeit sich krümmten, und stand schließlich knarzend auf. Eigentlich, wenn man es genau nahm, dachte er, war er mit seinem Leben doch gar nicht so schlimm dran, wie er immer glaubte. Zwar hatte der Mann, der Gregor Samsa hieß, den Allerwertesten voll Arbeit und deshalb so gar keine Zeit, die schönen Seiten des Lebens zu genießen, geschweige denn, zu erfassen, was diese schönen Seiten überhaupt sein sollten, von denen die Leute so seltsam orakelten, doch alles war irgendwie besser, als eine Ente zu sein. Die beiden, denen er zugesehen hatte, schwammen den ganzen Tag wie zwei Bojen auf ihrem Teich dahin, schnatterten sich gegenseitig oder ihr eigenes Spiegelbild an und schoben sich dauernd den Schnabel in den eigenen Hintern, während sie sich höchstwahrscheinlich nicht einmal annähernd ein Bewusstsein besaßen. Dummes Herumschwimmen schien das Höchste der Gefühle für sie zu sein, ohne dass ihnen je etwas Aufregendes, geschweige denn etwas Erwähnenswertes passierte, und das war ganz gewiss schlimmer als das eigene Dasein.

Ja, das war ein guter Gedanke. Alles war besser, als eine Ente zu sein. Na ja, vielleicht abgesehen davon, ein Käfer oder so zu sein. So ein dickes, sechsbeiniges Insekt, das knackte, wenn man drauftrat. Igitt! Gregor Samsa schlurfte nach Hause, dachte noch etwas nach und arbeitete, dann begab er sich frohgemut zu Bett.

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Rote Welle

Feucht das Tal und stramm die Rute,
Kleidung flugs vom Fell gerissen.
Lüstern lechzt des Mannes Schnute,
Gräbt mit raschem Zungenstoß
Sich schmatzend tief in ihren Schoß,
Und geht zu Werke pflichtbeflissen.

Kaum gerät sie in Ekstase,
Will er sich erst recht beweisen,
Drückt hinein die ganze Nase,
Wo die Luft könnt’ frischer sein,
Und schürft, als sucht’ er Edelstein,
Doch schmeckt sie heut’ nach altem Eisen!

Raus, nur raus aus dem Verstecke,
Mund und Nase jedoch klemmen
Fest in ihrer Schenkelecke!
Und die rote Welle treibt
Voran, bis einzig ihm verbleibt:
Die Augen zu und weiterschlemmen!

Panta rhei – wer könnt’s ertragen?
Tod durch Zyklus literweise!
Was wird die Familie sagen?
Panik gärt in seinem Bauch,
Die Welt zerbricht in Schall und Rauch,
Ein Schrei! Und alles ruht ganz leise.

Schweißgebadet reißt im Stillen,
Auf er die verklebten Lider.
Sucht im Bad Beruhigungspillen,
Gott sei dank! Geträumter Schaum!
Doch Spieglein sagt: Von wegen Traum,
So rot der Mund! Nun schreit er wieder.

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Auf den Punkt gebracht

Letztens am Münchener Flughafen beschreibt ein offenbar aus Berlin stammender Mann seinem neben ihm sitzenden Bekannten das Spiel, das er aktuell auf seinem Handy daddelt:

»Weeßste, dit is hier mit den Arthur seine Runde. Da spielste als Lancelot. Der hat den Arthur seine Alte jebumst, und der is jetzt natürlich anjepisst und hat diese Hexe da, Morgana, jerufen. Und die hetzt dir jetzt so Viecher uff’n Hals und du musst kieken, dat de klar kommst.«

Würden solche Leute die Marketingtexte auf Spieleverpackungen schreiben, nun, ich hätte vermutlich nie mit dieser ganzen Zockerei angefangen und wäre heute stinkreicher Fußballprofi oder so. Keine Ahnung übrigens, welches Spiel er meinte.

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Soße

topfw Soße

© BrandtMarke / pixelio.de; www.pixelio.de

Sie stand am Herd und rührte mit dem hölzernen Kochlöffel in der Soße herum, die wie eine große braune Pfütze aus dem Topf zu ihr empor schaute. Und sie rührte die Soße nicht einfach um, sie rührte in ihr herum. Mit dem Löffelstiel zog sie wilde Pfade durch die Soße, durchpflügte sie wie ein Motorboot einen sonst still liegenden See. Als sie sich dabei erwischte, wie sie mit den Lippen das passende Motorengeräusch summte, kam sie sich selbst sehr albern vor und kicherte leise.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb. Da stand sie hier in dieser blöden Küche und rührte in dieser blöden Soße herum. Wie bescheuert war das eigentlich? Irgendwer musste natürlich rühren, sonst würde das Zeug einfach anbrennen, und wenn sie beide später zusammen essen würden, dann müssten sie mit trockenen Nudeln und wahrscheinlich noch trockenerem Fleisch vorliebnehmen.

Und es war ja gar nicht so, dass sie wütend gewesen wäre, weil immer nur sie und fast niemals er das Essen zubereitete, schließlich ging er regelmäßig zur Arbeit, war sicher sehr fleißig bei dem, was er dort auch immer tat, und ohne ihn gäbe es bestimmt keine Soße, in der sie jetzt herumrühren konnte. Oder vielleicht gäbe es die ja doch, aber es gäbe sicherlich weniger Fleisch dazu. Oder gar keines. Und überhaupt weniger von allem.

Nein, es war schon irgendwie alles in Ordnung mit ihm und mit ihr und mit ihnen. Würde er nur nicht jedes Mal, nachdem er heim kam, wie ein nasser Sack auf das Sofa sinken und dabei laut »Ahhhhhhh« sagen, so als hätte irgendwer ein Ventil bei ihm aufgedreht, aus dem nun laut zischend dumme Luft entwich. Es war ein Geräusch wie das penetrante Suppeschlürfen ihres Vaters früher, doch das würde sie ihm natürlich nicht sagen. Sie wollte ja gar nicht undankbar sein, schließlich ging er jeden Tag zur Arbeit, und da sollte er auch das Recht haben, »Ahhhhhhh« zu sagen, nachdem er sie und dann das Sofa im Wohnzimmer begrüßt hatte. Doch natürlich änderte das nichts an ihrer Abscheu gegen dieses Geräusch.

Sie seufzte die Küchenfliesen an, die ihrerseits nur schwiegen, und so ging sie hinüber zu dem mickrigen Küchenfenster, mehr ein Guckloch als ein Fenster. Wie ein kleines Löchlein in einem Schuhkarton, der ihre Wohnung war, eingereiht in einen großen Haufen weiterer Schuhkartons, aufgeschichtet zu einem Haus, und wenn sie, so wie jetzt, am Fenster stand und ihren Blick hinaus auf das Haus gegenüber schweifen ließ, dann stellte sie sich vor, wie auch alle anderen Leute im Haus hinausschauten und dasselbe dachten wie sie. Und dann würde sie Schluckauf bekommen, weil jemand an sie dachte. Oder wie wäre es wohl, wenn jemand im Haus gegenüber zu ihr herüberschaute und sie so herumschauend entdeckte? Ob er wohl winken würde? Sie vielleicht sogar zu sich herüberwinken? Sie dachte daran, wie sie beide, sie und der geheimnisvolle Winker, schließlich in sein rotes Auto mit einem offenen Verdeck klettern und davonfahren würden, und sie würde ein buntes Kopftuch tragen, ganz bestimmt, und eine Sonnenbrille, damit niemand sie erkannte und …

Blubb, machte es im Topf hinter ihr. Blubb, blubb. Als würde er nach ihr rufen und die ihm zustehende Aufmerksamkeit einfordern. Die blöde Soße wollte wieder gerührt werden. Wie lange stand der Topf jetzt überhaupt schon auf der Kochplatte? Sie hatte gar nicht auf die Uhr geschaut oder zumindest vergessen, dass sie es getan hatte. Was, wenn sie den Topf einfach hier stehen ließ, hier auf der heißen Platte, die Soße immer wieder umrührend, den Topf aber nicht herunternahm? Den Gedanken hatte sie schon früher gehabt, als sie noch ganz jung gewesen war, ihrer Mutter beim Kochen geholfen hatte, als die Träume Flügel besessen hatten, mit denen sie irgendwann alle für immer auf und davon geflogen waren, nachdem sie ihr ein letztes Mal zugewinkt hatten. Da hatte sie sich diesen alten Mann vorgestellt, der die Soße solange im Topf blubbern ließ, bis das ganze Wasser herausgekocht war und er den festgewordenen Rest wie einen Backstein aus dem Topf klopfen konnte. Und in ihrer Vorstellung hatte er sich daraus ein Haus gebaut, in dem er dann glücklich und zufrieden wohnte, einfach, weil ein Haus aus getrockneter Soße bestimmt viel günstiger war als ein Haus aus richtigem Stein, dafür aber genauso groß und ebenso gemütlich.

Und dann wurde sie allmählich erwachsen, und auch die letzten Träume waren winkend ausgeflogen. Sie wohnte in keinem Haus aus Backstein und auch in keinem aus getrockneter Soße. Sie wohnte in einem Schuhkarton mit Gucklöchern auf die Schuhkartons gegenüber, und das war allemal besser als nichts.

Sie hatte längst versucht, die vielen Geschichten aufzuschreiben, doch darin war sie einfach nicht gut. Zuvor hatte sie Zirkusartistin werden wollen, dann Ärztin, später Tierpflegerin, dann noch Bankkauffrau und schließlich Friseurin. Und das war eine blöde Idee gewesen, Friseurin zu werden, weil nun niemand wollte, dass sie irgendwem die Haare schnitt. Wäre das anders, dann würde jetzt natürlich niemand die Soße umrühren können, weshalb es wohl keine Soße gäbe, aber sie müsste auch nicht hier rührend wie wartend herumsitzen und dieses »Ahhhhhhh« hören, wenn er nach Hause kam.

Blubb, blubb – dicke Luftblasen pressten sich durch die zähe Soße an die Oberfläche, befreiten sich aus ihrem Soßegefängnis und verschwanden auf nimmer wiedersehen ins … ja, wohin eigentlich? Und da war er wieder, der Gedanke daran, wie es wäre, selbst wie eine dieser Luftblasen zu sein. Einfach auf und davon, blubb, blubb, tschüss und good bye, Schuhkarton, my old friend. Auch wenn sie niemand zu sich winkte und sie mit Kopftuch und Sonnenbrille in seinem roten Auto mitnahm, konnte sie verschwinden, sich Flügel wachsen lassen und den Träumen nachjagen, die sich irgendwann ohne sie davongestohlen hatten.

Sie hörte Schritte im Treppenhaus. Sie kannte diese Schritte. Was er wohl zu solchen Gedanken sagen würde? Wahrscheinlich würde er sie küssen und ins Wohnzimmer gehen, um sich aufs Sofa fallen zu lassen und »Ahhhhhhh« zu sagen. Und dann würde er wohl vergeblich auf sein Essen warten, weil sie längst auf und davon wäre, bevor er »Ahhhhhhh« sagen könnte. Blubb, blubb. Wer sagte denn, dass es zu spät war, den Schuhkarton zu verlassen, um nie wieder irgendeine blöde Soße zu rühren? Zu spät gab es nicht – blubb, blubb, sagten die Blasen im Topf und recht hatten sie.

Sie schlurfte in den Flur hinüber, Socken auf Auslegware, wo es keine Fenster gab, und schaute die Bilder an der Wand neben der Wohnungstür an, während draußen der Schlüssel ins Schloss glitt. Die Wände rückten näher, die Bilder rückten nach, oder sie rückte, was machte das schon? Auf diesem einen Bild, auf dem sie in dem weißen Kleid viel zu blass aussah, hatte sie gelächelt. Aber hatte sie das damals wirklich getan? Sie konnte sich nicht mehr so ganz genau erinnern, so wie sie nicht wusste, wann sie die blöde Soße auf den Herd gestellt hatte und ob sie überhaupt auf die Uhr geschaut hatte.

Die Tür öffnete sich. Sie blickte ihm ins Gesicht, noch bevor er sie ansah. Es waren drei einfache Worte: Ich will weg! Wie eine automatische Schreibmaschine gingen ihre Gedanken: Ich will weg! Ich will weg! Sie öffnete den Mund, er sah sie an und lächelte. Licht flutete durch die geöffnete Tür in die Wohnung, verscheuchte die Dunkelheit aus dem Flur und jagte die Wände zurück an ihren Platz. »Ich liebe dich«, murmelte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Alles wie immer.

»Ich dich auch«, erwiderte er, lächelte schmal und hängte den Schlüssel ans Schlüsselbrett. Er schloss die Tür und sperrte das Licht wieder aus, bevor er ins Wohnzimmer hinüberging. Sie sah ihm kurz nach und wusste, was gleich kommen würde.

Und in der Küche brannte die Soße an.

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Kein Blattgold für meine Füße

Längst sollte ich steinreich sein, ein paar Malediven-Inseln mein Eigen nennen und meinen Schweizer-Bankkonten-Penis mit dem von Uli Hoeneß vergleichen. In einem Paralleluniversum hat das alles auch ganz wunderbar geklappt. Mein Rat an dieser Stelle drum: Der Glaube an Paralleluniversen schadet keiner Menschenseele, bringt keine Robbenbabys um und ist zudem komplett lactosefrei. Und derweil das hiesige Ich permanent ins Klo greift, hat es das Ich im Paralleluniversum längst geschafft und wandelt mit mehr Goldketten um den Hals, als selbst Mr. T tragen könnte, durch den Tag. Ein beruhigender Gedanke.

Irgendwann in der letzten Dekade nämlich hatten ein paar ehemalige Kollegen und ich aus einer Bierlaune heraus folgenden grandiosen Einfall: Wie wäre es denn, ein Online-Portal zu gründen, auf dem die Leute Bars in aller Welt bewerten können? So mit Sternchen wie bei Amazon und natürlich ganz social-web-mäßig mit Kommentarfunktion und solchem Schnickschnack. Die Idee war brillant, schließlich gab es so was unvorstellbarerweise damals noch nicht wirklich, der Name Barvote war so schnell erdacht, wie er bescheuert war, und ausgerechnet bei dem blieb es dann auch. Denn wie das so ist mit Bierlaunen, ersäuft deren Anfangseuphorie spätestens im vierten oder fünften Glas des hellen Hefeweizen, von dem man am nächsten Tag doch lieber ein, zwei halbe Liter weniger gebechert hätte.

Und wie es so ist mit einmaligen Chancen: Das wäre sie gewesen. Der Rest ist Geschichte. Heißt, Bewertungsportale dieser Art gibt es inzwischen wie Sand am Meer (wahrscheinlich, weil irgendwer von uns an jenem Abend zu laut lallte), wir sind immer noch arm, vor allem ich natürlich, während mein unfassbar reiches Paralleluniversen-Ich irgendwo auf seiner Insel die Füße hochlegt, um sich die Hornhaut an selbigen mit Blattgold abrubbeln zu lassen. Ach …

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