Ende der fetten Jahre

Dienstag, 30. September 2008 § 0 Kommentare

Ich bin dieser Tage ja sehr zwiegespalten. Alle Welt spricht von der Finanzkrise, und da ich ja ein politisch durchaus sehr interessierter Mensch bin, mach ich mir natürlich auch so meine Gedanken. Jetzt bin ich an einem Punkt angekommen, an dem es mir weitgehend schwer fällt, mich zu einem Standpunkt zu bekennenn, was das allgemein geplante Vorgehen einiger Regierungen betrifft – mittlerweile ja auch unserer Staatsführung, wie man an der Hypo-Real-Estate gesehen hat.

Natürlich könnte man jetzt nicht einfach tonnenweise Banken und später vielleicht weitere Unternehmen den Bach runtergehen lassen, dabei schadenfroh zuschauen und sagen: “Ha ha, das habt ihr nun von eurer Zockerei!”
Nein, damit schneiden wir uns alle nur ins eigene Fleisch. Für’s Nichtstun kann ich persönlich also nicht einstehen. Aber so lautet ja auch gar nicht der Plan. Der nämlich ist auf eine abartig zynische Art und Weise viel, viel perfider.

Ich meine, der Steuerzahler soll jetzt ausbaden, dass Maßanzugträger mit schnittig nach hinten geöltem Haar jahrelang die dicke Kohle an den Märkten gemacht haben, als stünden sie im Kasino beim Roulette. Prinzipiell wäre mir das egal, wäre da nicht dieser eine, klitzekleine Haken: Ich BIN einer dieser Steuerzahler! Hab ich was davon gehabt, dass die Herren dort erst Blut geleckt und dann scheinbar den Hals nicht vollbekommen haben? Jetzt dagegen blutet ihnen von ihrer eigenen Raffgier der Arsch, und der kleine Mann soll das heilende Pflaster sein. Mich selbst wird das vielleicht nicht so sehr tangieren, aber was ist mit Familien, die schon jeden Cent zweimal umdrehen müssen, die im Winter vielleicht frieren, weil die Heizkosten den Etat sprengen würden? Die nette Tante vom Aldi soll diesen Schweinen mit seidenem Hut die Anzüge wieder glatt bügeln, damit deren Auftreten auch bald wieder zur Rolex passt, die jetzt wahrscheinlich beschämt in den Schrank gelegt wurde. Da kocht doch der Zorn des Volkes in mir hoch!

Aber vielleicht würde er ja auch endlich mal das Fass zum Überlaufen bringen, dieser Volkszorn. Irgendwann muss der Punkt doch mal erreicht sein, an dem der kleine Mann in die Luft geht. Armani-tragende Vogelscheuchen, die an Straßenlaternen hängen, könnten ein süffisanter Anblick sein, wären ein wirksames Mittel gegen die Taubenplage und vielleicht auch ein eher abschreckendes Beispiel für all die Zocker, als unsere strunzdummen Politiker, die deren Verhalten mit ihrer gehaltlosen Wortgrütze scharf verurteilen.

So, das hat jetzt sehr gut getan!

Anziehender Tod im Büro

Montag, 29. September 2008 § 0 Kommentare

mdm Anziehender Tod im BüroGerade frisch bei mir eingetroffen, hat Metallicas “Death Magnetic” mir den heutigen Bürotag aufgeheitert. Mit der Platte lässt sich’s wunderbar entspannen. Das ist Auf-die-Fresse-Geknüppel zum Haareausschütteln und wohltuende Konzentrationsklangkulisse gleichermaßen. Find ich richtig gut, die Scheibe, dabei ist das ja eigentlich so gar nicht meine Musikrichtung. Alles, was mehr als drei Akkorde umfasst und über die drei Minuten hinausgeht, passt nicht wirklich in mein schnelllebiges Gesamtkonzept. Aber das hier kann ich nur wärmstens empfehlen. Fürwahr, kein Meilenstein der Musikgeschichte, aber wirklich sehr, sehr nett. So möchte ich künftig morgens wachgeküsst werden.

Auf Gleisen in den Abgrund…

Freitag, 26. September 2008 § 9 Kommentare

Yes! In knapp einem Monat geht die Bahn also an die Börse. Ein Monopolist des Staates, wie die Telekom es einst war, kann dann auf dem Aktienmarkt gehandelt werden – mitten im Finanzskandal, gerade jetzt, wo niemand weiß, wie stark Deutschland noch betroffen sein wird. Mutig, mutig, Herr Mehdorn. Ich kann nur hoffen, dass denen das gleiche Debakel ins Haus steht, wie dem rosa Riesen seinerzeit. Vielleicht müssen dann nicht nur all die geölten Investment-Banker ihre Maßanzüge an den Nagel hängen, sondern endlich auch der absolut unfähige Herr Mehdorn. Was ich nicht hoffe, ist, dass irgendjemand darauf herein fällt und diese vermeintliche Pleiteaktie kauft. Aber ach, warten wir’s ab…

Dünn gelogen

Donnerstag, 25. September 2008 § 0 Kommentare

Dass in der Werbung gelogen wird, gehört zum Geschäft, ganz klar. Anders würde es nicht funktionieren. Man kann schließlich nicht sagen: “Ja, liebe Zuschauer, unser Waschmittel wäscht nicht besser als das günstige ohne Markennamen, ist aber dreimal so teuer. Bitte kauft es trotzdem.”
Wenn aber auf die Naivität offensichtlich äußerst ungebildeter Leute gesetzt wird, geht das meiner Meinung nach zu weit. Die Firma Ferrero ist mir ja schon ein Dorn im Auge, seit sie den hässlichen, dämlich dreinschauenden Kevin auf die Kinderschokolade geflanscht haben. Aber mit der Milch-Schnitte geht’s mir dann doch etwas zu weit. Da werden junge Sportskanonen vor die Kamera gestellt, die ihr ganzes Leben nichts anderes tun, als für ihren Körper zu schwitzen, und müssen dann doof grinsend erzählen, dass die Milch-Schnitte doch genau die richtige leichte Mahlzeit für zwischendurch sei. Na, ob jede Menge Zucker, Emulgatoren und die so genannten “natürlichen Aromen” zu einer Sportlerfigur beitragen, wage ich zu bezweifeln. Ich kann nur hoffen, dass dieser Bullshit nicht von einer armen Seele geglaubt wird, die das Zeug dann zentnerweise in sich reinstopft und sich dann wundert, weshalb sie nicht aussieht wie die sportliche Dame aus der Werbung, sondern eher wie ein zweiter Erdtrabant. Sollte man verbieten, sowas!

Aromatheorie

Dienstag, 23. September 2008 § 5 Kommentare

Wir Menschen haben ja bekanntlich für so ziemlich jeden Sachverhalt einen mehr oder minder passenden Spruch parat. “Die Arbeiterei kotzt mich an”, sagen wir, wenn uns im Job etwas nicht ganz gelingt. “Du kannst mich mal”, entgegnen wir jemandem gegenüber, dessen Meinung im Augenblick etwas unpässlich kommt. Und wenn wir eine bestimmte Person dann doch mal wirklich mögen, dann können wir sie gut riechen. Sind die erstgenannten Beispiele ja noch ganz nachvollziehbar, so komme ich doch gerade beim letzten Ausspruch immer wieder ins Grübeln. Ich meine, wir Menschen mögen, was von uns in die Welt gesetzte Gerüche betrifft, ja schon äußerst vielschichtig sein, nicht jedoch, was die guten Gerüche betrifft. Für die hauen wir uns lieber chemisch zusammengepantschtes Gebräu an den Hals. Jetzt mag der eine oder andere Leser wahrscheinlich denken, der Typ stinkt einfach vor sich hin und kennt’s nicht anders. Das kann ich nur dementieren und muss sagen, dass ich in meinem doch noch recht jungen Leben bereits einige aromatische Erfahrungen gesammelt habe, die meine Theorie sehr wohl unterstreichen.

Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass der Mensch sich im Geruch am allerwenigsten vom gemeinen Hausschwein unterscheidet, ja vielleicht sogar noch viel schlimmer mieft. Das fängt schon ganz oben an. Wie sagt man? Der Fisch stinkt vom Kopf her. Das tut auch der Mensch, bzw. stinkt dieser wohl eher vom Mund her. Allein der Gedanke dürfte viele in traumatische Kindheitserinnerungen zurückversetzen, hin zu jenen Momenten, in denen die Großmutter mit bedrohlichem Lächeln befahl: “Gib der Omi einen Kuss!” Und schon näherte sie sich mit staksendem Gang, vorgezeigtem Gebiss und atmend, intensiv atmend, dem eigenen Gesicht und damit auch der eigenen Nase. Eisern und ohne zu weinen mussten wir ihr muffiges Mundaroma über uns ergehen lassen, und eines dürfte vielen in diesem Augenblick klar geworden sein: Mama hatte ganz böse gelogen, denn die toten Haustiere kamen gar nicht in den Himmel. Die landeten ganz woanders. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir alle doch ab und an mal einen fiesen Atem drauf. Wer ist nicht schon mal morgens erwacht und hat sich gefragt, ob sich die eigene Zunge über Nacht wohl ein nasses Hundefell zugelegt haben könnte? Noch schlimmer traf es mich selbst letztens beim Zahnarzt, als mir eine Füllung entfernt werden musste. Was darunter zutage gefördert wurde und mir auf der Stelle die Nasenhaare verätzte, konnte einfach nur ein bakterielles Massengrab gewesen sein.

Doch, als wären wir nicht schon von Natur aus effektiv genug, was Mundgerüche betrifft, helfen wir auch noch mit diversen Substanzen nach. Wer schon mal von Berufs wegen im “persönlichen Gespräch” mit professionellen Kaffeegenießern gesessen hat, kann bestätigen, wie langsam Sekunden vergehen können, wenn das geschwätzige Gegenüber mit einer respektablen Menge der schwarzen Brühe seinen Mund gespült hat. Abhilfe schafft hier entweder das unauffällige Abstellen der Nasenatmung oder aber das direkte kaffeeunterstützte Zurückfeuern. Was in diesem Fall noch möglich ist, klappt beim Raucher schon weniger, wenn man selbst als Nichtraucher durch’s Leben geht. Mich persönlich erinnert der Geruch eines Raucheratems ja immer an den Gestank von ranziger Salami. Undefinierbar und ebenso unerträglich wird es jedoch, wenn Kaffee und Zigaretten ihre fatale Wirkung im Duett entfalten… Uh, das verstößt ja wohl gegen die Genfer Konventionen, und wie gern würde ich in solch geruchsintensiven Momenten Getränkespender mit Odol-Zusatz im Büro zur gesetzlichen Pflicht machen.

So vielfältig die ausgestoßenen Lüfte des menschlichen Sprech- und Essorgans auch sein mögen, möchte ich mich doch nicht allein darauf konzentrieren, wartet doch nur wenige Zentimeter weiter unten die nächste Katastrophe: Allein das Wort Axel klingt doch schon nach Gestank, oder? Da tun mir die Herren leid, die auch noch so heißen. So, wie mich Raucheratem an nicht mehr frische Salami erinnert, so kommt mir beim Geruch von Schweiß im Allgemeinen und Axelschweiß im Besonderen oft ein Bild von verdorbenen Frikadellen in den Sinn. Das sind dann aber auch die ganz schlimmen Fälle. Beispielhaft fällt mir hier direkt der Fahrer eines bei uns im Büro eigentlich recht beliebten Pizzalieferservice ein. Der trägt betonenderweise auch noch A X E L – Shirts(!). Unweigerlich bekommt man es da mit der Angst, er könnte aus Unzufriedenheit über unser bescheidenes Trinkgeld vom letzten Mal die Pizza persönlich ein wenig nachgewürzt haben. Na wohl bekomm’s!

Ein recht unbeliebter ehemaliger Komilitone aus meiner Studienzeit wusste den Effekt des Schweißgeruchs übrigens sogar zu seinem Vorteil zu nutzen. Wenn er den Raum betrat, wichen augenblicklich alle anwesenden Personen unauffällig zur Seite. So musste er sich niemals irgendwo durchzwängen. Und außerdem verhalf sein ihm eigenes unbeschreiblich fauliges Aroma ihm zu einem großen Tisch, ganz für sich allein und jeder Menge Freiraum beim Stuhlkippeln. Ach ja, und es wurde zwar nie überliefert, jedoch munkelte man, selbst Mücken und anderes stechwütiges Ungetier würden ihn verschonen. Ja, ich hätte sogar einiges darauf gewettet, dass er, selbst mit Ketten aus purem Gold behangen, aus jedem noch so zwielichtigen Viertel dieser Welt unversehrt heraus gekommen wäre.

Doch wenden wir uns wieder der Allgemeinheit zu und folgen der menschlichen Anatomie weiter gen Süden. Hier kommt lange Zeit erst mal nichts, bzw. mögen da Dinge kommen, auf die ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte. Das trägt einerseits der Tatsache Rechnung, dass der Leser vor dem Überfliegen dieses Textes gegessen haben mag und dient andererseits dem Selbstschutz, bin ich mir doch nicht sicher, wie dehnbar der Sachverhalt “Erregung öffentlichen Ärgernisses” ist. Daher mache ich es hier wie die großen deutschen Privatsender und schneide die spannendsten Szenen heraus, was dazu führt, dass wir auf unserer osmologischen Reise über und in den menschlichen Körper auch schon bei den Füßen angelangt wären. Und zu denen gibt es eigentlich auch gar nicht viel zu sagen. Jeder weiß, dass Füße, vor allem sind es scheinbar Männerfüße, nicht selten wie abgelaufener Käse duften. Weshalb das so ist, wird für mich wohl immer ein ungelüftetes Geheimnis bleiben. Auf unser anatomisches Gegenstück, die Hände, trifft das schließlich (und übrigens auch glücklicherweise) nicht zu. Soll ja mit Schweiß und Bakterien zu tun haben. Gut, aber warum dann gerade Käse und nicht auch die verdorbenen Frikadellen?

Wie wir bis hierhin sehen, scheint ein Mensch in seinem Geruchsspektrum also vornehmlich verdorbenes Essen zu imitieren. Nun mag der eine oder andere vielleicht denken, dass das doch überhaupt nichts mit Schweinen zu tun hat. Die stinken schließlich viel mehr nach… nun, nach Schwein. Wer dieser Meinung ist, der denkt nicht weit genug oder aber er hat noch niemals eine voll besetzte U-Bahn im morgendlichen Berufsverkehr betreten. Als wäre die stickige Luft in der U-Bahn-Station nicht schon übel genug, beginnt der Horror erst so richtig, wenn die Linie unserer Wahl hält und die Türen sich zischend öffnen. Hui, mag man dann denken, so muss es den Forschern ergangen sein, als sie endlich den Eingang zum Grab Tutanchamuns aufbekommen hatten. Was hier auf engstem Raum an Ausdünstungen der gedrängten Menschenmassen zusammenkommt, entbehrt jeglicher Beschreibung, erklärt die offensichtliche miese Laune der Fahrgäste und dürfte einem zwei Dinge deutlich vor Augen halten: Erstens, die Floskel “Ich kann dich gut riechen” ist, nimmt man sie wörtlich, Lichtjahre von jeglicher Realität entfernt. Und zweitens, Schweine sind eigentlich gar nicht mal so üble Tiere.

Ein verlassene Seele (Teil II)

Sonntag, 21. September 2008 § 0 Kommentare

Was bisher geschah:

-> Teil I: Der erste Besuch

Teil II: Karls Einfall

Meine Güte, macht der Kerl einen Aufriss um nichts
. Stinkt wie ‘ne überfüllte Dorfkneipe und bläkt mich voll, dachte Ottfried Schneider, den seine Freunde und all jene, die so taten, als wären sie seine Freunde (was zugegebenermaßen die meisten waren), schon immer nur als Maaf bezeichneten. Dafür hatte in früheren Zeiten seine wollartige Haarpracht gesorgt, die jetzt, mit Ende fünfzig, auf seinem fast kahlen Haupt allerdings nur noch zu erahnen war. “Schaut, da kommt Maaf, halb Mensch, halb Schaf”, hatten sie in der guten alten Zeit oft gerufen. Jetzt war Ottfried nur noch Maaf. Ottfried – genau genommen hasste Maaf seinen wirklichen Namen – hatte sein Vater, wenn er besoffen gewesen war, ihn doch oft in diesem Ottfrieeeeeeed-Ton herbeigebrüllt, was dem jungen Maaf immer schon vorab verdeutlicht hatte, dass es gleich wieder eine gehörige Tracht Prügel setzen würde. Deshalb gab Maaf seinen Vornamen seit jeher eigentlich nirgendwo an und unterschrieb auch stets mit M. Schneider.

Gerade eben noch hatte Maaf tatsächlich die Happy Weekend gelesen, bzw. genüsslich darin herumgeblättert, dachte gerade noch kurz daran, sich wieder damit auf die Toilette zu verdrücken und ein wenig Frühsport mit seiner geschlossenen rechten Hand zu betreiben, da kam ihm wieder das unsägliche Bild dieser wandelnden Schnapsleiche Karl Geschke in den Sinn. “Arschloch”, murmelte Maaf in den leeren Flur hinein und öffnete den Kasten mit den Wohnungsschlüsseln, der im Wohnungsflur an der Wand hing. Suchend kreiste seine Hand über den Schlüsselbestand und griff dann nach dem in der zweiten Reihe links hängenden einzelnen Schlüssel. Angenervt schmiss er die Tür des Schlüsselkastens wieder zu, ging in sein Abstellzimmer, um seinen alten Spaten zu greifen, den Rat-Buster-3000, dachte er ein wenig belustigt und machte sich schließlich auf den Weg nach oben – auf zur Rattenjagd. Je schneller er das hier hinter sich gebracht haben würde, desto besser. Wahrscheinlich hatte dieser Geschke auch rosarote Elefanten in der Küche tanzen gesehen.

Für Karl verlief der Arbeitstag derweil bisher nur wenig aufregend. Die meiste Zeit über hockte er in seinem nach kaltem Rauch und alten Socken stinkenden Hausmeisterzimmer herum, die Füße auf dem Tisch liegend, und zappte das karge Programm seines mikroskopisch kleinen Fernsehers rauf und runter. Doch eigentlich interessierte es ihn sowieso nicht sonderlich, was die Flimmerkiste hergab, hatte er doch sein eigenes ausgewähltes Programm im Kopf. Dieses bestand jedoch, im Gegensatz zum Fernsehprogramm, aus gerade einmal zwei Kanälen. Auf Kanal Nummer eins lief der Klassiker Hilfe – Meine Frau hat mich verlassen und vögelt einen anderen, während Kanal zwei die x-te Wiederholung des B-Movies Das Auge – Die unheimliche Bedrohung aus der Kloschüssel ausstrahlte. Dummerweise wusste Karl nicht so recht, welches Programm ihm weniger gefallen sollte, doch abschalten konnte er den Mist eben auch nicht, denn der Netzschalter in Form seines Flachmanns lag noch in der Tasche. Und er konnte ihn erst betätigen, wenn die Kinder und die meisten Lehrer am Nachmittag nach Hause gegangen waren und er ihren zurückgelassenen Dreck wegputzen musste. Bis dahin musste er es eben wie so oft irgendwie hier aushalten und hoffen, dass nicht wieder eines dieser Drecksbälger Mist baute und er zur Unterstützung ausrücken musste.

Mit ziemlich gelangweilter Miene lauschte Maaf in Karl Geschkes Wohnung hinein. Wenn hier Ratten waren und sie wirklich auch nur annähernd so groß waren, wie Geschke angedeutet hatte (jetzt musste er wieder an die rosaroten Elefanten in der Küche denken), dann würde er doch irgendwann das Tippeln ihrer widerlichen kleinen Füße hören. Und dann würde er sie auch finden und ihnen gnadenlos den Rat-Buster-3000 um die Ohren hauen. Niemand hielt Maaf ungestraft von seinem Frühstücksritual ab, schon gar keine fetten, grauen Schmarotzer. Jetzt war sich Maaf allerdings nicht so ganz sicher, ob er damit wirklich die Ratten oder doch nur diesen heruntergekommenen Geschke meinte. Augenblicklich kam ihm das Bild einer abwechselnd herumbrüllenden und dann wieder trinkenden, menschengroßen Ratte in den Kopf, und so prustete er schenkelklopfend los.

Leise schritt Maaf abwechselnd Küche und Badezimmer ab. Die anderen Zimmer wollte er lieber gar nicht erst betreten. Da er sich allerdings ziemlich sicher war, dass auch die Ratten dies nicht wollten, würden Bad und Küche ganz bestimmt ausreichen. Noch immer war nichts zu hören, und so langsam kam Maaf auch zu dem Entschluss, dass Karl Geschke tatsächlich mal wieder zu viel gesoffen haben musste. Hätte er doch noch ein bisschen mehr getrunken, dachte Maaf, dann wär er gleich wegen der tanzenden Küchenelefanten zu mir gekommen und ich hätte mir den Weg sparen können. Dem sollte ich in den Schnaps pissen. Wie ein Totengräber, der seine Arbeit getan hatte, schwang Maaf den Spaten über die Schulter, schaute noch einmal in die Küche, dann erneut ins Bad und öffnete schließlich die Haustür wieder. Da war eindeutig nichts gewesen, wofür er den Spaten benötigt hätte, abgesehen vielleicht von dem widerlichen Haufen an Karls benutzten Unterhosen, den er scheinbar systematisch auf dem gefliesten Fußboden neben dem Waschbecken im Badezimmer errichtet hatte. Maaf warf die Tür zu, schloss sie wieder ab und trabte die Treppe hinunter, zurück zu seiner eigenen Wohnung. Später würde er Karl dann sagen, dass die Ratten nicht da waren, als er oben war. Aber er würde es in einem Tonfall sagen müssen, der Karl zeigte, dass Maaf ihm glaubte. Sonst würde dieser cholerische Säufer wieder so durch das ganze Haus brüllen. Vielleicht sollte ich ein wenig vor dem Spiegel üben, dachte Maaf und grinste erheitert.

Karl war dagegen gerade überhaupt gar nicht zum Lachen zumute. Eines der Kinder hatte sich mal wieder mehrmals auf dem Pausenhof übergeben. Gerade war die Magendarmgrippe im Umlauf, und Karl war schon in der Woche zuvor mehrfach abwechselnd zum Schrubben und zum Sandstreuen ausgerückt. Er konnte von Glück reden, wenn er sich nicht auch noch mit diesem Mist ansteckte. Das heutige Kotzattentat wurde direkt vor der Humboldt-Statue verübt, die im Zentrum des Hofgeländes stand. Wäre es nicht ein wirklich gewaltiger Haufen Erbrochenes gewesen, hätte Karl jetzt gelacht, denn für ihn sah das ganze ein wenig so aus, als hätte der vor ihm thronende Alexander von Humboldt persönlich den Schulhof mit der Kotze der Weisheit gesegnet. Und in diesem Augenblick blitzte ein wirklich amüsanter Gedanke in Karls Verstand auf, der ihn die vergangenen Ereignisse vorläufig vergessen ließ. Da hatte ihn dieser Kotzhaufen doch auf eine nette Idee gebracht. Mal sehen, was ihr davon haltet, kam es ihm in den Sinn und er musste unweigerlich lachen. Immer wieder dachte er an diesen Einfall, während er das Erbrochene mit Sand abdeckte und die Sprenkel von der Statue wischte, und je längerer er darüber nachdachte, desto besser erschien ihm diese Idee. Er hob den Arm und sah auf die Uhr. Kurz vor elf – nicht mehr lange, dann würde er sich erst einmal einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann gönnen – einen sehr kräftigen Schluck.

Fortsetzung folgt…

iGesülze

Samstag, 20. September 2008 § 0 Kommentare

Dass sich bei Apple Inc. (vormals Apple Computer Inc.) alles ums Design dreht, dürfte mittlerweile sogar beim Hausmütterchen angekommen sein, die beim Staubsaugen immer mal inne hält, um neue Musik auf ihrem iPod auszuwählen. Papa spielt derweil mit seinem Mac rum und hat noch immer nicht kapiert, wie das Dateisystem funktioniert (‘Auf dem alten PC gab’s doch Laufwerk C, und wo ist der Arbeitsplatz?’), während die Tochter endlich ihr MacBook Air haben will – für die Schule und so, ganz klar.

Diese Durchdringung hat das Unternehmen ganz sicher nicht wegen seiner funktional fantastischen Produkte erreicht, sondern einzig und allein über das Design. Der Mensch ist halt ein Augentier, wird es auch immer sein. Und deswegen zieht sich das bei Apple durch’s ganze Programm. Jede Veranstaltung eine kunstvolle Inszenierung, jedes Produkt eine Augenweide, selbst die Werbespots fesseln in ihrer schlichten Anmut.

Umso mehr wundert es mich, weshalb es Apple scheinbar T-Mobile überlassen hat, Werbung für das iPhone zu machen. Hier werden gnadenlos Perlen vor die Säue geworfen: Während das tatsächlich zeitlos schöne Telefon gezeigt wird, quatscht eine Stimme aus dem Off den Zuschauer im Du-Slang voll (Slang ist es wirklich. Beispiel: “[...] Dateien runterladen, richtig schnell.”). Die Musik geht dabei gerade noch in Ordnung, erzeugt jedoch eher gemütliche Wohnzimmeratmosphäre, statt zum modernen Lifestyle des gehobenen Mittelstandes (meiner Meinung nach die Hauptzielgruppe) zu passen. Doch warum bitte dieser hirnverbrannte Sprecher? Die iPod-Werbung benötigt doch auch keine unsinnigen Erklärungen. Einfach nur grausig, das.

Und falls sich jetzt jemand fragen sollte, ob PhanThomas am Samstag Abend nichts besseres zu tun hat, als sich über diese Lappalien aufzuregen, dann kann ich nur sagen: Nein, hat er nicht! Aber wenn ich mir im Fernsehen gerade die Schnapsleichen auf dem Oktoberfest ansehe (Warum wird da Viva Colonia gegröhlt!?), dann finde ich das überhaupt nicht schlimm und mache es mir gleich noch ein bisschen gemütlicher – wie man das eben so macht, wenn man alt wird und nur noch über dumme Werbespots meckert.

Wenn nur die Kohle zählt…

Donnerstag, 18. September 2008 § 2 Kommentare

Telefonat zwischen goldzahntragendem Filmstudioguru No. 1 und pferdeschwanzbewährtem Filmstudioguru No. 2:

No. 1: “Hey, ich bin’s. Mir kam da heute Nacht eine tolle Idee, Mann.”
No. 2: “Ach ja? Steckt Geld drin?”
No. 1: “Und wie!”
No. 2: “Schieß los.”
No. 1: “Na ja, jetzt wo wir so ziemlich jeden Comicdreck verfilmt haben, der je von einem dieser pickligen Stubenhockerfreaks im Star Trek-Shirt erfunden wurde, können wir doch mal wieder so ‘nen Terminator-Film machen. Die Leute haben bestimmt vergessen, wie beschissen und unnötig Teil 3 war. Was meinst du?”

Kurze Bedenkpause…

No. 2: “Ja, klingt ganz gut. Aber die Sache hat einen Haken. Arnie hat keine Zeit.”
No. 1: “Scheiß auf Arnie! Wir lassen den in der Zukunft spielen, mit ganz vielen Lasern und Robotern und so. Voll teuer und mit John Connor.”
No. 2: “Und wer soll den spielen? Edward Furlong, wie in Teil 2?”
No. 1: “Nee, der ist doch Alkoholiker, oder? Ich dachte eher an diesen Batman-Typ.”
No. 2: “Haben sie den nicht mit dem Gesicht auf dem Teppich-”
No. 1 (hektisch): “Psst, der doch nicht, du Schwachkopf. Der andere, dieser Christian Bale. Passt super, oder?”
No. 2: “Hmm, na gut. Aber macht ein vierter Teil überhaupt noch Sinn?”
No. 1: “Wen interessiert denn heutzutage noch dieser Handlungsscheiß, wenn’s Laser und Roboter gibt? Und hey, da sind hundert Prozent Rendite drin.”
No. 2: “Setz Kaffee auf, bestell die Nutten und das Crack! Ich bin sofort da und bring jemanden mit, der nach Regisseur aussieht. Und den Batman-Typ pack ich auch gleich ins Auto.”

-Klick-

Gefühlssprünge

Mittwoch, 17. September 2008 § 4 Kommentare

Es wird ja gern behauptet, egal ob in Büchern, Zeitschriften, Fernsehen oder sonstwo, dass Gefühle stärker werden oder, betrachten wir das Gegenteil, nachlassen könnten. Ich meine jetzt nicht gezwungenermaßen das ganze Liebesrumgeschnulze, obwohl auch das zu den Gefühlen zählt, möchte ich wohl meinen. Jedenfalls denke ich, dass diese Behauptung ziemlich falsch ist.

Gefühle steigen nicht auf und ab wie Aktienkurse (obwohl es bei denen derzeit ja eher nur noch bergab geht), sondern sie springen. Ich könnte heute eine Frau kennenlernen, säße ich nicht dumm auf meiner Couch und würde bloggen, und ich wäre morgen vielleicht augenblicklich verliebt. Bam, aufgestanden und die rosarote Brille auf! Yeah, so geht das. Umgekehrt leider das gleiche: Wir reden uns und auch dem scheidenden Partner zwar ein, dass unsere Gefühle nachgelassen hätte, in Wirklichkeit jedoch sind wir eines Tages aufgestanden und haben bemerkt, dass was weg ist. So nach dem Motto: Hmm, irgendwas fehlt. Ach ja, ich war ja mal verliebt! Irgendwie nicht sonderlich vielschichtig, unsere Gefühlswelt, hm? Aber ich wollte mich ja nicht auf dieses Feld fixieren.

Nehmen wir also mein derzeitiges irrationales Vorweihnachtsgefühl (das von der freien Lebkuchenwirtschaft übrigens ziemlich ausgenutzt wird, auch wenn ich selbst keine kaufe, aber andere Leute vielleicht): Das kam vor ein paar Tagen einfach zur morgendlichen Laune hinzu. Klopfte quasi pünktlich zum Aufstehen an und sagte “Ho ho ho, es weihnachtet sehr (im September).” Ist ja nicht schlecht, strahlt diese Eselei unseres Gehirns schließlich eine gewisse Art von Wärme und Geborgenheit aus, die ich sonst nicht fühlen würde. Aber es könnte jetzt sein, dass das alles morgen wieder vorbei ist. So ganz einfach bam! Da gibt’s keine Abschwächung oder so. Das kommt und geht einfach.

Oder bleiben wir ganz allgemein: Mit dem Glücklichsein ist’s doch nicht anders, richtig? Ich stehe auf und denk mir: ‘Geiler Tag, wo ist mein Hawaiihemd? Wo die Sonnenbrille? Ach richtig, ich besitze ja beides gar nicht. Na, egal.’ Beschwingt hüpfe ich durch die Wohnung, singe mit noch belegter Schlafstimme in die Leere hinein, falle mit etwas Pech beim Herabgehen der Treppe auf’s Maul aber hey – who cares? Ich hab schließlich Toplaune. Leichter Sachverhalt, leichtfüßiges Leben. Da das Leben jedoch leider so ‘ne Art Medaille ist, sprich, zwei Seiten besitzt, geht’s umgekehrt genauso einfach. Aufgestanden, Laune im Eimer! Das geht so schnell, wir sagen ja nicht umsonst, wir wären in ein Loch gestürzt. Bei den depressiven Leuten ist das vielleicht nicht ganz so. Ich nehme an, die kennen nur schlecht und ganz schlecht.

Was all diese Beispiele verbindet: Es scheint, als würden die Sprünge immer morgens nach dem Aufstehen einsetzen, so als hätte in unserem Hirn jemand nachts eine Art Reset-Knopf gedrückt, der das Lebensgefühl der letzten Wochen oder Monate vergessen macht. Hier beschäftigen mich zwei Fragen: Erstens, wer oder was drückt auf diesen Resetknopf? Zweitens, geht’s nur mir so?

Fahrt durch die Nacht

Montag, 15. September 2008 § 0 Kommentare

Vor Anstrengung keuchend ließ Mike den Kopf immer wieder nach unten sinken und sah die asphaltierte Straße unter sich vorbeiziehen, als blicke er von oben auf eine riesige Filmrolle, die einen Projektor durchläuft. Dieser Vergleich kam Mike häufig in den Sinn, wenn er eine seiner nächtlichen Radtouren unternahm.

Immer wenn der unbarmherzige Wind dieser ersten wirklich kalten Septembernächte ihm wie eisige Messer ins Gesicht schnitt, spürte er abermals das irrationale aber beglückende Gefühl einer bevorstehenden Weihnacht – ein Gefühl, dass im Grau des scheinbar unendlich gedehnten Depressionsduos Oktober und November langsam dahinsiechen würde, um erst in der darauf folgenden Adventszeit wieder zu neuem Leben zu erwachen. Doch jetzt war sie da, diese Barmherzigkeit, die Mike von der Verzweiflung, zu wissen, dass die lauwarmen Sommerabende sich für eine lange Zeit verabschiedet hatten, ablenken sollte, wie sie es schon immer für ihn und für jeden anderen getan hatte und auch weiter Jahr für Jahr tun würde. Mike genoss dieses Gefühl für einige Augenblicke mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel, schüttelte es dann um seiner Konzentration willen jedoch ab und trat fester in die Pedale.

Mit jedem Tritt spannten sich die Sehnen in Mikes Körper wie Gitarrensaiten. Seit einer Stunde trieb er sein Rennrad über den dunklen Asphalt, und die Muskeln in seinen Beinen fühlten sich bereits zum Bersten geschwollen an. Unter dem Schmerz, der aus dieser Anstrengung resultierte, bleckte Mike die Zähne der windig kalten Nacht entgegen. Es war ein heilender Schmerz – eine Pein, die ihn für kurze Zeit von allen Sorgen befreien sollte, welche tagsüber auf seinem Rücken lasteten und ihm finstere Worte ins Ohr setzten. Mike musste beschleunigen, höher schalten, immer schneller fahren, und schon zogen sich die Plagegeister zurück – ein Gefühl versiegenden Zahnschmerzes auf seinem Gemüt.

Der größte Teil seiner 23 Lebensjahre verlief für Mike ziemlich durchschnittlich, etwas zu durchschnittlich vielleicht. Und so war er gerade 19, als das Geflüster in seinem Kopf begann. Anfangs waren es die Abende, denen er nicht selten unter Tränen ins Bett entschwand. Schon bald jedoch wachten die bösen Geister morgens zusammen mit ihm auf und begrüßten auf ihre heimtückische Art der Schwarzmalerei den neuen Morgen. Die andauernden Phasen im Keller der Gefühle waren es, die alle Höhepunkte in Mikes Leben bereits im Aufkeimen zunichte machten.

Obwohl er nie besonders gut ausgesehen hatte, das heißt gut im abschätzenden Auge einer für ihn attraktiven Frau, hatte er es zu zwei Freundinnen gebracht. Beide konnte Mike nicht auf Dauer halten, vertrieb sie mit seinem Zorn sich selbst und seinem für ihn so unbefriedigenden Leben gegenüber. Das Alleinsein verbesserte seine Lage nun nicht gerade, und der aufblühende Gedanke an diesen desillusionierenden Zustand trieb eine einzelne, verirrte Träne über seine Wange, die sich im Fahrtwind stockend ihren Weg in Richtung des Haaransatzes bahnte. Mike drückte seinen Daumen gegen die Handschaltung, es machte klick-klick, als die Fahrradkette in einem höheren Gang ist Stellung ging, und so ließ die zusätzliche Belastung erneut einen ziehenden Schmerz in seinem rechten Oberschenkel herausbrechen, der das düstere Gedankengut eilig wieder vertrieb.

Der Sarkasmus, den ein jeder wohl entdeckt haben würde, hätte er Mikes bisheriges Leben im Gesamtkontext betrachtet, blieb ihm selbst immer verborgen. Dass er äußerst intelligent war, im Gegensatz zu den meisten seiner früheren Mitschüler keinerlei Leistungsdruck in der Schule ausgesetzt war, dass er erfolgreich Informatik studiert hatte und nun in einem Job arbeitete, der ihm eigentlich Spaß machte und immerhin so viel Geld einbrachte, dass er keinen Cent zweimal umdrehen musste – all diese Dinge erschienen ihm selbstverständlich und angesichts dessen, was er nicht haben konnte, als so belanglos.

Es war Nähe, die er gern wieder gefühlt hätte, doch auch Materielles und ein gewisser Status, die ihm fehlten. Wie gern etwa hätte er statt eines Fahrrads ein Auto besessen, hatte bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr sehnlichst davon geträumt. Dann war diese Blase abrupt geplatzt, denn Mike hatte es nie geschafft, die immense Angst zu überwinden, die bei jeder Autofahrt wilde Panikschübe durch seinen Körper gejagt und das Lenkrad durch seine verschwitzten Finger gleiten lassen hatte. Mit 18 Jahren hatte Mike keine Angst vor dem Tod gehabt, wohl jedoch davor, dessen Zeitpunkt nicht selbst bestimmen zu können. Und bei jeder Fahrt war es doch genau das gewesen, was die Angst in seinem Kopf tiefer verwurzelt hatte. Mike war einige Male und dann nie wieder Auto gefahren. Und heute, gerade in diesem Moment, war er sich sicher, dass es schon damals die Dämonen gewesen waren, die diese Panik in ihm gesät hatten. Augenblicklich packte ihn wieder die helle Wut, die rot aufglimmende Funken in sein Blickfeld trieb. Sofort trat Mike noch fester in die Pedale, obwohl er längst spürte, dass er seinen Körper bereits ans Limit getrieben hatte.

Als Mike am Ende der Studienzeit eines Abends mit seinem WG-Mitbewohner bei einem Bier in der gemeinsamen Küche gesessen und im leicht angetrunkenen Zustand über Hoffnungen und Enttäuschungen philosophiert hatte, da hatte dieser ihm gesagt, dass man beginnen müsse zu leben, wenn alle Träume ausgeträumt seien. Und selbst Mike wusste, wie ungeheuer unsinnig es klang, doch es war ihm gerade in der letzten Zeit mehr und mehr bewusst geworden, dass er mit seinen jungen 23 Jahren genau diesen Zustand erreicht hatte. Der Träumer hatte ausgeträumt. Es gab keine ihn liebende Frau an seiner Seite, nichts, was noch zu erreichen war, die bösartigen Kopfdämonen würden sein Hirn weiter zernagen, und so würde sein Leben für immer eine Fahrt durch die Nacht bleiben – und nur die körperlichen Schmerzen der Anstrengung würden ihm zeigen können, was es bedeutet, wirklich zu leben. Für Mike bedeutete sein Dasein nichts anderes als ein schwarzes Gefängnis, durch dessen Gitterstäbe er verendete Träume hinter und ein unerreichbares Leben vor sich sehen konnte. Noch einmal wendete er seine letzten Kraftreserven auf und beschleunigte seine Fahrt, um dieses schaurige Bild zu vertreiben und einmal mehr den viel zu kurz währenden süßen Geschmack eines spürbaren Lebens kosten zu dürfen.

Stecknadelgroße Lichter glimmten in der Schwärze vor ihm auf. Mike schaltete das Licht aus und wechselte auf die Gegenfahrbahn. Als würde er das Auto, das jetzt direkt auf ihn zu raste, dafür hassen, dass er es selbst niemals fahren würde, senkte er seinen Oberkörper hinab und sauste lautlos auf das tödliche Stahlmonstrum zu. Die Dämonen in Mikes Kopf gerieten in Ekstase, schienen ihn auszulachen für das, was er war und schrien in ihn hinein. Durchbrich die Mauer, riefen sie schrill wiederholend in seinen bröckelnden Verstand hinein. Durchbrich die Mauer deiner erbärmlichen Existenz und wir werden gehen! Werden mit dir gehen.

Mike brüllte laut in die Nacht und nur wenige Meter vor dem großen Knall schwenkte er den Lenker seines Fahrrads zurück auf die rettende andere Straßenseite, wie er es in so vielen Nächten zuvor getan hatte. Die bösen Geister in seinem Kopf würden verstummen, wenn er einmal mehr entkam, würden sich enttäuscht zurückziehen und erst am nächsten Tag wieder aufleben, vielleicht sogar erst am übernächsten. Nur Sekundenbruchteile trennten Mike vom Zusammenstoß mit dem gnadenlosen Stahl des Autos, und so trat er noch einmal so stark in die Pedale, wie seine völlig überlasteten Muskeln es zuließen. Im Augenblick, als Mike das rechte Bein durch die Pedale belastete, mischte sich ein peitschender Knall wie eine hässliche Dissonanz in das näherkommende Motorengeräusch. Der sofort ausstrahlende Schmerz seines gerissenen Muskels zerstreute das Schwarz der Nacht und malte erst weiße, dann rote Töne in seinen Blick, die sich miteinander vermischten und wild vor seinen Augen tanzten. Während er stürzte, schien es Mike für einen kurzen Moment, als würden die Dämonen ein ausgelassenes Fest in seinem Kopf feiern. Im nächsten Augenblick wurde er gnädigerweise aus dem Bewusstsein gerissen, was ihm jeglichen weiteren Schmerz beim Aufprall auf die Karosserie des grauen Opel ersparte. Und so hatte Mike tatsächlich die Mauer durchbrochen und setzte seine Fahrt durch die Nacht auf der anderen Seite fort.

Wo bin ich denn nun schon wieder?

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    PhanThomasPhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.
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