Da mich die sich anbahnende Winterdepression derzeit einfach nicht aus ihren Fängen entlassen möchte, will ich an dieser Stelle einfach versuchen, aus der kalten Ummantellung heraus etwas Konstruktives zustande zu bringen, bzw. etwas, das man zur gegebenen Uhrzeit eventuell noch konstruktiv nennen könnte. Daher gibt’s hier und jetzt ein kleines Geschichtchen zur hoffentlich erholsamen Nacht…
Ein Anfang am Ende
Vom gefühlt ewigen Warten bereits sichtlich zerknirscht hatte es Axel endlich geschafft, vom Ende der unendlich langen Warteschlange bis an den einzigen vorhandenen Schalter zu kommen. Nun stand er da, stützte sich wegen seiner schmerzenden Füße erleichtert auf den Tresen, dessen altes, dunkel verfärbtes Holz als Antwort augenblicklich knarzend stöhnte und schob mit leicht unsicherer Hand seine rahmenlose Brille ein wenig höher. Darauf befeuchtete er mit der Zungenspitze seine von der langen Wartezeit längst trockenen Lippen (außer Kaffee hatten die unfreundlichen Servicedamen, welche die Warteschlange auf und ab schritten, nichts Brauchbares im Angebot gehabt) und sprach mit leicht belegter Stimme: “Einen Passierschein bitte.” Direkt gegenüber des Schalters schaute ihn die schwer übergewichtige Bedienstete mit ihrem streng nach hinten gebundenen schwarzen Haar reaktionslos an. Ihr wulstiger Mund war nach unten gebogen, als würde sie permanent versuchen, einen fetten, gelangweilten Fisch im Aquarium zu imitieren. Auf ihrer Nase trug sie eine dieser markanten Damenbrillen, wie Axel sie einige Male in Filmen aus den 50er Jahren gesehen hatte. Als die offensichtlich wenig geschwätzige Dame noch immer nicht reagierte, begann Axel, nervös nach unten zu schauen, hustete ein wenig verlegen in seine Hand und blickte der strengen Frau wieder ins Gesicht. Er beugte seinen Kopf vor und wiederholte: “Ich sagte, ähm, sagte, ich hätte gern einen Passierschein.” Die dicke Frau sah ihn immer noch völlig regungslos mit versteinerter Miene an. Dann endlich öffnete sie wie in Zeitlupe ihr Fischmaul, so dass Axel unfreiwillig ihre schief gewachsenen, weit auseinander stehenden Zähne erblickte. “Was Sie gern hätten, ist mir sowas von egal”, giftete sie ihn an. “Entweder haben Sie Ihren ausgefüllten Antrag dabei, damit ich Ihnen einen Schein ausstellen kann oder Sie gehen verdammt noch mal zurück zu einem unserer Kundenberater und lassen sich einen entsprechenden Antrag F16 geben. Für eines von beidem müssen Sie sich schon entscheiden. Das ist hier schließlich nicht das Arbeitsamt, von dem Sie einfach verschwinden können.” Vom energischen Befehlston dieses Schaltermonsters sichtlich eingeschüchtert begann Axel, hektisch in seiner mitgebrachten Umhängetasche zu wühlen. Kurz darauf zog er einen Telefonbuch-dicken Stoß Papier heraus und knallte ihn ungeschickt auf den Tresen. “T-Tut mir wirklich leid”, sagte er mit leiser Stimme und rückte nervös wieder seine Brille zurecht. Die Frau hinter dem Schalter zog den Antrag mit grimmigem Gesichtsausdruck zu sich heran, befeuchtete den Zeigefinger an ihren Wurstlippen und blätterte routiniert nur die ersten Seiten durch. Dann griff sie, ohne hinzusehen, zur rechten Seite und packte einen gigantisch großen und äußerst schwer aussehenden Stempel, den sie sofort darauf auf die erste Seite krachen ließ. G E N E H M I G T stand nun in dicken, roten Lettern quer über das ganze Blatt Papier. Axel, der das Prozedere genau verfolgt hatte, runzelte verwundert die Stirn. Die Brille rutschte ihm wieder leicht von der Nase. Er kniff die Lippen zusammen, um die Worte in sich zu behalten, die ihm von der Zunge purzeln wollten. Und dann platzte es doch aus ihm heraus: “Ähm, e-entschuldigen Sie die Frage, aber ich habe zwei Wochen ununterbrochen diesen Antrag ausgefüllt.” Dann lächelte er nervös und setzte wieder an: “Und- und nun haben Sie ja doch nur ganz kurz drüber geschaut. Warum musste ich denn überhaupt all diese komplizierten Fragen beantworten?” Die Schalterdame hob langsam und mit der Anmut eines umstürzenden Kachelofens den Kopf, zog eine Augenbraue hoch, so dass sich direkt darüber eine Fettwulst bildete. Kann man überhaupt Fettwülste an der Stirn haben? schoss es Axel kurz durch den Kopf, und um ein Haar hätte er grinsen müssen. Ihr Kopf färbte sich zunehmend rot, als wollte er aufplatzen, um einen vernichtenden Vulkanausbruch freizusetzen. Der Ausbruch folgte auch augenblicklich, allerdings in Form lauten Gebrülls, so dass sämtliche Gespräche in der Schlange hinter Axel plötzlich verstummten: “WAS BILDEN SIE JUNGSPUND SICH EIN?” Axel wich sofort reflexartig einen Schritt zurück, nahm seine Brille ab und wischte die Speichelspritzer dieses Sauriers von einer Angestellten von den Gläsern. Die Frau, die zweifelsohne mit einiger Genugtuung Notiz davon nahm, dass sie den Idioten hinter dem Tresen ordentlich verschreckt hatte, wurde augenblicklich wieder um einige Dezibel leiser und setzte ihren Vortrag fort: “Sie werden doch wohl nicht glauben, ich mach das hier erst seit gestern! Seit 60 Jahren sitz ich nun hier und stempel diese beschissenen Anträge ab. Wenn alle so viele Fragen stellen würden wie sie und ich den Mist hier komplett lesen müsste, dann hinge ich immer noch bei meinem dritten Antrag, und Sie könnten sich noch ein paar tausend Jahre die Beine in den Bauch stehen.” Axel, dem die Lust auf eine Erklärung gehörig vergangen war, wollte die Frau unterbrechen, bevor sie sich doch noch richtig in Rage redete, doch mehr als den ersten Laut bekam er nicht heraus, denn dann wurde er auch schon wieder deutlich übertönt. “Sie brauchen gar nicht mit Erklärungsversuchen kommen”, bekam er gleich darauf zur Antwort. “Ich hab schon Leute durch diese Tür dort drüben geschickt, als Sie noch Quark im Schaufenster waren.” Passend dazu deutete sie auf das gigantische eiserne Tor zur Linken, vor dem noch zirka zwei Dutzend unglücklich dreinblickender Leute auf Wartestühlen saßen und zu Boden blickten. Einige wippten nervös mit den Füßen oder trommelten mit den Fingern auf die Knie. Die Schalterdame unterdessen setzte fort: “Und so wird das auch noch sein, wenn die da oben Ihre vergammelten Gebeine wieder ausbuddeln, um den nächsten in der gleichen Grube einzutüten, der dann bald hier vor mir stehen und mich mit dämlichen Fragen nerven wird.” Axel hob nun beschwichtigend die Hände, als wollte er sich ergeben, leckte dabei wieder nervös über seine Lippen und öffnete erneut den Mund, um die Dame mit Worten zum Schweigen zu bringen. Die derweil ließ sich nicht beirren, holte so tief Luft, als würde sie den gesamten Sauerstoffvorrat in der Halle in sich aufsaugen und in ihren wahrscheinlich monströs großen Lungen speichern wollen. “Sie wollen wissen, warum Sie DAS hier ausfüllen mussten?” sprach sie weiter, deutete mit dem Zeigefinger auf den abgestempelten Antrag vor sich und setzte fort: “Es wird Ihnen nicht gefallen, Schätzchen, aber das gehört zum Programm für Sie und all die anderen armen Schweine hier. Kapiert?” Axel klappte vor Überraschung über diese Antwort die Kinnlade herunter, hatte er doch zumindest eine etwas befriedigendere Erklärung erwartet oder eher erhofft. Dann verzog er wie vor Enttäuschung das Gesicht, blickte nach unten und schob erneut die Brille zurecht. Die Schalterdame blickte Axel noch immer an, sagte nun aber nichts mehr und griff stattdessen zur Seite, zog mit zackiger Bewegung an einer Rolle Papier und riss mit einem Handgriff ein Stück ab. Dieses knallte sie mit einiger Wucht vor sich auf den Tisch und erklärte mit genervtem Blick: “Da, Ihre Eintrittskarte. Hoffe, sie ist genehm. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen, setzen Sie sich rüber zu Ihren Leidensgenossen da an der Tür und warten Sie, bis Sie hereingerufen werden.” Axel klaubte mit einem lustlosen Handgriff den Schein vom Tisch, blickte kurz auf die Aufschrift – Nummer 529; Zum einmaligen Eintritt, Umtausch ausgeschlossen – und schlurfte in Richtung der wartenden Menschen vor der großen Tür.
Gerade hatte er sich hingesetzt, da sprach ihn auch schon die junge Frau mit der blonden Lockenmähne an, die direkt links neben Axel saß: “Hallo Sie. Ich bin die Tanja.” Axel sah sie verdutzt wegen ihres jungen Alters von geschätzten zwanzig Jahren an, schüttelte dann kurz den Kopf und legte ein schüchternes Lächeln auf. “Freut mich. Und ich bin Axel. Sagen Sie, was hat Sie denn hierher verschlagen? Sie wirken noch so jung.” Die junge Frau kicherte und sagte: “Ach, nennen Sie mich doch auch Tanja, wenn ich mich schon so vorstelle. Wissen Sie, Sie sind schon der fünfte, der das sagt. Ich hab mich hier schon mit einigen unterhalten, und jedes Mal musste ich meine Geschichte erzählen. Ich nehme an, Sie sind ein neugieriger Mensch?” Dann nickte sie mit dem Kopf in Richtung des Schalters und erklärte: “Ich hab die Alte brüllen gehört. Sie haben was gefragt, stimmt’s?” Axel rollte entnervt die Augen, musste dann aber ein wenig lachen und sagte: “Okay, dann bin ich aber einfach nur Axel. Jedenfalls hast du wohl Recht. Ich hatte mich über den dicken Antrag gewundert. Großer Fehler, wie ich jetzt weiß. Solche Drachen schüchtern mich immer ziemlich ein. Erinnern mich an meine grausige Mutter. Die konnte auch nichts anderes, als zu schreien.” Darauf sahen sich beide schweigend an. Plötzlich zogen sich ihre Mundwinkel gleichzeitig nach oben und schon lachten sie gemeinsam laut los. Dies schien ein so ungewöhnliches Geräusch in dieser Halle zu sein, dass ausnahmslos alle der um sie sitzenden Wartenden verwundert aufsahen. Die meisten schüttelten kurz darauf verständnislos den Kopf, um dann wieder ihre traurig dreinblickenden Gesichter gen Boden zu richten. “Und du hast übrigens noch mal Recht. Ich bin wirklich neugierig. Also, würdest du deine Geschichte auch ein fünftes Mal erzählen?” fragte Axel. “Klar, aber bitte du zuerst. Das wäre mal ‘ne Abwechslung für mich”, sagte Tanja und sah ihm lächelnd in die Augen. “Also gut”, sagte Axel, räusperte sich und schob die Brille ein weiteres Mal zurecht. “Also, ich bin ja auch noch nicht ganz alt. Soll heißen, neunundzwanzig.” Er pausierte kurz und setzte fort: “Ich hatte wohl leider einen Autounfall.” Darauf blickte er zu Boden und musste sich erneut räuspern. “Es ist so, ich hatte etwas zu viel getrunken und… ja, am helllichten Tag. Hatte zurzeit ein paar Probleme, tut jetzt aber auch nichts mehr zur Sache. Jedenfalls musste ich unerwartet wegen genau dieser Angelegenheiten dringend nach Bonn. Und ach, lange Rede, kurzer Sinn: Ich hab wohl unterwegs jemanden mit dem Auto auf’s Korn genommen und bin dann selbst an einem Baum geendet.” “Uh, das tut mir leid”, sagte Tanja und verkniff schmerzverzerrt das Gesicht, als würde sie in eine Zitrone beißen. “Aber lustiger Zufall. Ich komme auch aus dem Bonner Umland. Dummerweise kann ich mich aber nicht wie du daran erinnern, was genau passiert ist. Ich weiß noch, dass ich mit dem Fahrrad zur Uni wollte. Und ich weiß auch noch, dass ich sogar schon losgefahren war. Aber irgendwo da ist der Film leider gerissen.” Dann kniff sie kurz die Augen zusammen und flüsterte: “Unter uns, ich glaube, irgendjemand hat mich umgebracht oder sowas.” Dann sprach sie normal weiter: “Na ja, jedenfalls bin ich deswegen so jung – nämlich erst neunzehn. Ich hatte gerade erst mit dem Medizinstudium begonnen. Dumme Sache, was?” “Ähm, j-ja. Ist wirklich schlimm”, entgegnete Axel leise und richtete seinen Blick auf das große Eisentor. “Hast du eigentlich Angst vor dem, was dahinter sein mag?” fragte er. “Was?” fragte Tanja, als hätte sie gerade jemand geweckt. “Ach so, das da”, schloss sie an und nickte in Richtung des Tores. “Nee, ach Quatsch. Weißt du, ich bin ja selbst schuld, dass ich überhaupt hier hocke. Wir haben als Kinder mal ein paar Katzen in einen Sack gesteckt, den zugebunden und dann ins Wasser geschmissen.” “Oh, dafür landet man also auch hier”, sagte Axel überrascht. “Ja, wusste ich auch nicht”, bestätigte Tanja. “Ich hatte das auch eigentlich schon vergessen oder viel mehr verdrängt. Üble Sache eigentlich. Jedenfalls hab ich das auch erst durch meine Kundenberaterin erfahren, als ich nachgefragt hab. Die vergessen hier echt nichts. Blöd gelaufen… Aber ich hab eben keine wirkliche Angst, weil hier im Warteraum das Gerücht umgeht, dass man nach einiger Zeit da drinnen wieder raus kann und dann nach ganz oben darf, wenn man sich nur anständig benimmt und eine gewisse Zeit abgesessen hat.” Axel richtete sich etwas auf, zog die Augenbrauen hoch und sah sie deutlich überrascht an. “Glaubst du echt?” fragte er ernsthaft interessiert. “Ja, ganz bestimmt”, gab Tanja zur Antwort. “Ich hab das von mehreren gehört, die das unabhängig voneinander gesagt haben, und die dahinten haben auch schon davon gemurmelt. Da muss doch einfach was dran sein. Jedenfalls geb ich die Hoffnung nicht auf und freu mich drauf. Weißt du, man muss sich einfach immer etwas suchen, auf das man sich freuen kann, auch wenn’s weit weg ist. Das hatte mir meine Mutter oft gesagt, wenn ich mal richtig traurig war. Ob die sich wohl im Moment noch freuen kann?” Kurzes Schweigen setzte ein, und Beide sahen nach unten. Dann wurde die Stille durch die Schalterdame unterbrochen, die wieder brüllte. Offensichtlich hatte jemand eine Frage gestellt. Axel und Tanja sahen sich wissend an und mussten plötzlich wieder laut auflachen. “Weißt du, ich glaube, du hast bestimmt Recht. Das baut mich jetzt ein wenig auf, und ich will mich jetzt, so wie du auch, darauf freuen, hier irgendwann wieder rauszukommen”, sagte Axel und zwinkerte Tanja zu. “Das hör ich gern. Ich freue mich immer sehr, wenn ich jemanden aufheitern kann”, sagte Tanja und lächelte. “Ach so, eine Frage hätt ich noch, wenn ich darf”, flüsterte sie darauf. “Klar”, sagte Axel und rückte nah an sie heran. “Schieß los.” “Na ja, also…”, setzte sie zaghaft an. “Ich will ja keine Wunden aufreißen oder so. Aber ich frag mich gerade, ob du wohl weißt, was aus der Person geworden ist, die du überfahren hast. Lebt die noch? Weißt du was?” Axel lehnte sich wieder zurück, schob einmal mehr seine Brille zurecht und sagte: “Oh, das- das war ein Hund. Aber… Na ja… Der ist tot. Du weißt ja, die ahnden hier auch tote Tiere.” “Hmmm…”, überlegte Tanja mit ernster Miene. ” Tut mir verdammt leid. Echt zu dumm. Wenn man das nur vorher wüsste. Aber, egal. Da kann man einfach nichts mehr ändern.” Dann kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück, und sie sagte: “Hey Axel, hast du vielleicht Lust, gleich mit mir zusammen reinzugehen? Ich sitz hier schon seiner einer ganzen Weile, aber ich bin tatsächlich als nächstes an der Reihe.” Dann deutete sie auf die Digitalanzeige rechts neben dem großen Tor. “Siehst du? Die Nummer 108 ist als nächstes dran. Das ist meine.” “Ach, man darf zu zweit reingehen?” fragte Axel sichtlich überrascht. “Na ja, das ist so”, sagte Tanja. “Eigentlich nicht, wegen Datenschutz und Privatsphäre oder so. Aber die haben zu wenige Stühle hier draußen. Und damit nicht alle noch länger stehen müssen, haben die jetzt hier so ‘ne Art Massenabfertigung. Jedenfalls darf sich jeder jemanden aussuchen, der gleich mit reinkommen darf. Du musst halt nur deinen Passierschein vorzeigen.” Kurzes Schweigen kehrte ein. Dann setzte Tanja nach: “Ehrlich gesagt, ich mag dich. Und vielleicht dürfen wir ja drinnen zusammen bleiben. Dann wären wir nicht allein und hätten wieder etwas, worüber wir uns freuen könnten. Also, was sagst du?” Axel seufzte laut, dann schenkte er Tanja ein zärtliches Lächeln und sagte: “Nun, ich schätze, da rein muss ich so oder so, was? Mit so netter Gesellschaft könnte die nächste Zeit schon deutlich angenehmer werden. Und wie sagt man? Augen zu und durch, hm?” “Augen zu und durch”, wiederholte Tanja und blinzelte Axel verstehend zu. Dann hielt sie ihm ihre Hand hin, die er nach kurzem Zögern ergriff und fest umklammerte. “Komm, lass uns schon mal zum Tor gehen”, sagte Tanja gleich darauf. “Wir müssten gleich dran sein. Die da drinnen mögen das angeblich nicht, wenn sie nach dem Aufrufen zu lange warten müssen.” So standen sie Hand in Hand auf und gingen zu dem geschlossenen eisernen Tor, um darauf zu warten, dass die Digitalanzeige von der Nummer 107 auf die 108 springen würde. Die Anzeige ließ auch tatsächlich nicht lange auf sich warten, und sofort darauf öffnete sich langsam das gigantische Eisentor mit bedrohlichem Quietschen und flutete den Wartebereich mit einem grell roten Licht. Axel und Tanja sahen sich mit gequältem Lächeln in die Augen und sagten, als wäre es abgesprochen, gleichzeitig: “Augen zu und durch.” Und so traten sie ein.
Da wirbt ein mehr oder minder bekannter, ziemlich gelber Stromerzeuger derzeit mit einem gleichfalls grellgelben Plakat, das mir als Bonner Bürger ein ganzes Jahr Preisgarantie zusichert, wenn ich jetzt zu denen umsteige. Da wird das als “Bonbon für Bonner” angepriesen (und sicher auch in anderen Städten mit ähnlich bekloppten Wortspielen). Da tut man so, als wär man der große Gönner, der dem kleinen Mann günstigen Strom zusichert. Bah, da kommt mir wirklich der Kaffee hoch, den ich gerade getrunken hab. Und der hat gut geschmeckt. Soll also was heißen, wenn’s mir hier übel aufstößt. Die tun so, als wären sie der Robin Hood der Strombranche, indem sie mit der Angst der Verbraucher vor dem nächsten Preisschock spielen, den diese Abzocker SELBST festsetzen. Denn was man wissen muss: Der gelb angepriesene Strom gehört zu hundert Prozent zur EnBW, der Energiemafia aus BaWü. Preisgarantie versprechen die Verbrecher, nur um dann nach Ende des ersten Jahres gleich doppelt zuzuschlagen.
Ist natürlich kein Einzelfall. Die anderen dicken Energiedinos aus dem deutschen Stromoligopol machen’s ja genauso. Schön sind hier auch die kleinen, regionalen Anbieter – im Bonner Fall die Stadtwerke Bonn. Kehrt man denen den Rücken zu, telefonieren sie einem nach, drücken mit Briefen auf die Tränendrüse des Verbrauchers und finden es ja ach so schade, dass man die eigene Region nicht unterstützt. Und so bieten die einem dann in bunten Prospekten “qualitativ hochwertige Stromprodukte zum kleinen Preis” an, als wollten sie Werbung für Waschmittel im Sonderangebot machen. Qualität… Pah! Hat anderer Strom Wackelkontakte oder was!? Diese ganze Scheinheiligkeit regt mich auf. Warum muss ich als kleiner Mann verdammt noch mal auf dieses verbrecherische Heuchlerpack angewiesen sein? Warum dürfen die mir legal mehr Geld aus der Tasche ziehen, als gut für sie ist? Warum hocken unsere Herren Politiker bei den besagten Gaunern in den Aufsichtsräten und verhindern so eine notwendige Regulierung des völlig kaputten Marktes? WAAAAAGH! Holt mir sofort die Fackeln und Forken! Aber Zack, Zack!
Es ist ziemlich blöd, wenn man sein Festnetztelefon ins Klo fallen lässt und dann nicht mehr angerufen werden kann (Ja, auf’s Handy, aber das vergessen wir der Dramatik halber jetzt mal…). Da ging es also auf Tauchstation, blubberte vor sich hin und schickte Hilferufe in Form von Wo-ist-die-Basisstation-Pieptönen an die Oberfläche, bis es sich von mir dann wieder zurück an die Oberfläche fischen ließ. Ein wenig trocknen hier und da, und abends ging das Ding wieder. Doch was passiert? Über Nacht ist dem Teil scheinbar der Verstand aufgrund des Schocks durchgebrannt, und nun macht es, was es will. Wie genau das Telefon es ins Klo geschafft hat, will ich hier mal nicht erläutern. Das gehört zum geheimen Singleverhalten.
Alles in allem dumm gelaufen, würde ich sagen. Noch dümmer ist’s allerdings, wenn dies das spektakulärste Ereignis eines Wochenendes war. Nun, vielleicht hege ich einfach auch nur zu hohe Ansprüche an so ein Otto-Normalverbraucher-Leben. So sei es.
Männer haben’s eigentlich ziemlich schwer, wenn’s darum geht… Nun, Klopapier zu kaufen. Warum? Ganz einfach: Frauen wird ganz selbstverständlich die Verwaltung des Haushalts zugeschrieben. Da kann sie schon mal losziehen, um Nachschub an Toilettenpapier zu besorgen, damit Mann (und sie selbst) sich nicht plötzlich unbewaffnet auf dem Lokus wiederfindet. Denn das könnte ein schmutziges Geschäft werden, wie wir alle uns sicher sehr gut vorstellen können. So stromert das schönere Geschlecht dann eben in den nächsten Schlecker oder jedes andere beliebige Geschäft mit riesiger Wischpapierauswahl, nutzt sein besser ausgeprägtes mikroökonomisches sowie haptisches Verständnis und greift zum Klopapier mit dem maximalen Flauschfaktor zum minimalen Preis, um das größtmögliche sanitäre Wohlbefinden auf dem stillen Örtchen zu garantieren. Kein Problem soweit.
Die in dieser Hinsicht zugegebenermaßen ungleich plumperen männlichen Herren der Schöpfung haben es da bei weitem problematischer. Das fängt schon beim Wählen der geeigneten Sorte an. Nicht nur, dass wir mit der viel zu großen Auswahl, deren Unterschiede wir höchstens anhand der Papierlagenanzahl ausmachen können, völlig überfordert sind, zusätzlich überkommt den echten (!) Mann auch eine Art Unwohlsein in dieser ominösen Abteilung. Ist ein wenig, als müsste man allein Damenunterwäsche für die Angebetete aussuchen. Denn es ist völlig klar, dass mindestens drei Lagen vorhanden sein müssen, schließlich mögen auch wir es weich. Aber das kommuniziert man einfach nicht nach außen, so wie man nicht darüber spricht, dass Frauen überhaupt etwas mit Toilettenpapier anfangen können. Richtigen Männern ist der bereits genannte Wohlfühlfaktor nämlich sowas von egal. Der echte Kerl braucht als Werkzeug nichts anderes als ein Stück Schleifpapier, doppelseitig benutzbar, das nach Verwendung einfach mit der Hand gereinigt wird. Die blumige Wahrheit dahinter sieht jedoch leider ganz anders aus.
Haben wir uns dann doch entschieden, bei aller Hektik und Tunnelblick dabei natürlich die teuerste Sorte gewählt, während direkt daneben ein gleichwertiges Dutzend Rollen zum halben Preis gelegen hat, heißt es schnell hinfort aus dieser unheiligen Zone – dabei Augen immer geradeaus. Ein zusätzlich einstudiertes Siegerlächeln suggeriert, dass uns die lässig unterm Arm getragene Packung Klopapier sowas von sexy macht – schließlich sind wir uns nicht zu fein, der werten Dame daheim ein wenig Arbeit abzunehmen. Hinter dem aufgesetzten Grinsen denkt der Mann von Welt allerdings etwas ganz anderes: Musste es unbedingt das Zwölferpack sein? Jetzt glaubt doch jeder, ich hätte einen unglaublich produktiven Darm. Nur nicht zu schnell laufen! Das sieht sonst so aus, als würde ich sofort nach Hause rennen, um die erste Rolle einzuweihen. Nicht vergessen, locker schlendern! Schlennnnnnnndern!!!
Bei aller Trottligkeit mögen wir vielleicht unbeholfen wirken, aber eines sind wir ganz sicher nicht: dumm! Schon die Geschichte hat uns gelehrt: Die größten Strategen waren Männer, die größten Mathematiker sowieso und überhaupt. Dieser Vorteil an Taktik und Berechnung veranlasst uns in der jetzigen Situation instinktiv dazu, niemals den größtmöglichen Fehler zu begehen: uns NUR mit dem Toilettenpapier an die Kasse zu stellen. Frauen können das bedenkenlos tun, scheinen doch schon ihre routiniert dreinblickenden Augen zu sagen, dass sie einfach vergessen hatten, das Toilettenpapier auf den Einkaufszettel zu schreiben und deswegen noch mal schnell zurück ins Geschäft gelaufen sind. Der Mann dagegen muss dafür sorgen, dass er zusätzlich zum Toilettenpapier einen möglichst geplant wirkenden, zusätzlichen Korb voll Waren im Anschlag hat. Also NICHT nur einen Sixpack Bier! Sehr gut eignen sich dagegen beispielsweise ein paar Dosen unterschiedlicher Eintöpfe für Notfälle, für’s regelmäßige Frühstück zwei Packungen Milch und gesundes Müsli, zum Abend Brot, Butter, Käse, Wurst. Nahrungsmittel wie Kidneybohnen und Linsensuppe sind dagegen wieder eher weniger geeignet. Ach ja, außerdem kommt eine intellektuell wirkende Illustrierte immer gut – die Neon oder was Vergleichbares.
Denn NUR ein Mann und sein Klopapier – das wäre eine Steilvorlage für all die hinter uns wartenden Kunden, sofort zu glauben, sie wüssten, wie unsere letzte halbe Stunde ausgesehen haben muss: Mit der ausgebreiteten Tageszeitung hatten wir es uns auf dem Ort des häuslichen Friedens gemütlich gemacht, der “Dinge” harrend, die da kommen mochten. Und dann, als wir gerade instinktiv zum Rollenhalter griffen, der Super-GAU: Da hing nur noch die verhasste Papprolle! Mit runtergelassener Hose staksten wir dann erst mal wie ein Königspinguin in die Küche zur rettenden Küchenrolle, doch auch die haben wir natürlich vergessen zu kaufen. Also ab zurück ins Bad zur weiteren Projektplanung. Und dann, bereits am Rand der Verzweiflung, erblickten wir die rettende Tageszeitung… Nein, da möchte man niemandem mehr in die Augen sehen. Eine Vorteilstube Hämorrhoidensalbe zu kaufen kann nicht schlimmer sein.
Haben wir dann aber endlich erfolgreich die Kasse passiert, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Nach den ersten eigenen Klopapierkäufen denkt der männliche Proband noch, ihm stünde nun ein Spießrutenlauf bevor, und jeder würde darauf schauen, wie er sichtlich unsicher mit dem Toiletten-Zwölfer durch die Fußgängerzone hetzt – ein wenig so, als müsste er splitterfasernackt, nur mit den Händen vorm Gemächt nach Hause rennen. Aber bald schon kommt Routine in die Sache, und wir stellen fest, dass wir im alltäglichen Straßenbetrieb keineswegs auffallen wie ein bunter Hund. Und außerdem haben wir ja unseren antrainierten Pseudo-Schutzeinkauf dabei. So wirkt alles vollkommen perfekt geplant – und schließlich ist die Papiergrundlage für’s große Geschäft ja auch die natürlichste Sache der Welt. Irgendwann haben wir dieses Defizit der Frau gegenüber dann sogar komplett kompensiert, und keine Papprolle am Toilettenpapierhalter kann uns mehr schocken – es sei denn, wir haben wirklich nicht aufgepasst und das ausgerechnet an einem Tag, an dem keine Zeitung im Briefkasten lag…
Hab ich schon erwähnt, dass ich ein sehr gläubiger Mensch bin? Was? Nein, ich glaube an keinen Gott, es sei denn, er heißt Elvis. Spaß beiseite, denn was ich eigentlich meine, sind ganz andere Dinge. So bin ich mir zum Beispiel sicher, dass es intelligentes Leben irgendwo da draußen im All gibt. Ich meine, irgendjemand muss ja schließlich die Pyramiden gebaut haben, oder? Und jetzt soll mir bitte keiner damit kommen, das hätten die alten Ägypter fertig gebracht. So weit ich weiß, besaßen die keine Bulldozer. Das allerdings ist eine der letzten großen Überzeugungen, die ich mit mir herumtrage. Und ich schätze mal, bis irgendein neunmalkluger Knilch zweifelsfrei nachweisen kann, dass E.T. die Dinger nicht erbaut hat, werde ich diesen Glauben auch nicht ablegen.
Das bringt mich nun auf die Idee, mal wieder ein wenig in der Kiste der vergangenen Kindheit zu kramen. Jetzt wo ich bald wieder ein Jahr älter werde, ist das doch sogar recht passend. Denn früher, als ich noch klein und unwissend war, hab ich noch an viele schier magische Dinge geglaubt. Nein, auch dann nicht an einen Gott! Das haben mir meine Eltern schon ziemlich früh ausgetrieben (wofür ich denen auch sehr dankbar bin). Doch ich erinnere mich noch gut an all die Gedanken, mal mehr, mal weniger schön, die mich immer dann begleitet haben, wenn ich gerade mit mir allein war. Was? Nein, auch kein Schmuddelkram. Also bitte, jetzt ist’s aber gut!
Da war zum Beispiel die Tatsache, dass ich früher der einzige Mensch auf der Welt war – zumindest der einzige echte. Denn alle anderen waren grüne Schleimmonster, inklusive meiner Eltern. Ich war mir da vollkommen sicher, konnte es jedoch nie beweisen, weil die Viecher meine Gedanken lesen konnten. Die wussten genau, dass ich im nächsten Moment nachschauen würde und haben dann wieder ihre menschliche Form angenommen. Was ich dabei allerdings nie verstand, war, weshalb sie mich nicht fressen wollten. Manchmal glaubte ich, die würden einfach warten, bis ich schlafe, damit ich mich garantiert nicht wehren würde. Zum Glück ist der menschliche Verstand, vor allem der kindliche, zur Verdrängung fähig, sonst hätte mich das bestimmt mal in den Wahnsinn getrieben. So jedoch blieb alles nur ein fieser kleiner Gedankenwicht, der sich ab und an mal einschlich. Später gab’s diese Geschichte ja dann sogar mal im Kino. Nannte sich die Truman-Show. Da waren’s zwar keine Monster, sondern Schauspieler, aber… Ach, Sie wissen schon, was ich meine.
Als ich über die grünen Glibberbatzen hinweg und auch ein wenig älter war, fielen dann zwei weitere fiese Einfälle dieser Sorte über mich her. Nummer eins war das üble Vieh, das in unserer Wohnung hauste, unsichtbar war und lauerte, bis ich ihm im Dunkeln den Rücken zudrehte. Dann schlich das Ding mit seinen messerscharfen Zähnen hinter mir her, Schritt um Schritt, so dass ich es gar nicht bemerkte. Und wehe, das Licht war aus. Dann kam es immer näher, bis ich das gierige Hecheln fast hören und fühlen konnte. Brrr, da läuft’s mir heute noch kalt den Rücken herunter… Nummer zwei war die Tatsache, dass ich um Punkt Mitternacht nicht auf die Uhr sehen durfte, denn es war völlig klar, dass das ein böses Unglück heraufbeschwören würde. “Heraufbeschwören” ist dabei besonders gut gewählt, denn es würde sich natürlich eine Pforte ins Reich der bösesten Phantasien öffnen, die ich mir vorstellen konnte – alles direkt hinter meiner Zimmertür. Und dann würde die Türklinge sich allmählich nach unten bewegen und grauenerregende Bestien würden mein Zimmer betreten, um über mich herzufallen. Uff, wenn ich so darüber nachdenke, funktioniert die Verdrängung wohl selbst heute noch ziemlich gut.
Aber auch was Gutes gab’s: Da war einmal der Geist im roten Umhang, der in meinem Kopf hauste und mit mir redete. Ich glaubte, ich wär der einzige Mensch, der so jemanden mit sich herum trüge. Nun, vielleicht war das ja wirklich so. Andererseits war ich ja gar kein Kind von Einsamkeit, und so sehr einen an der Klatsche hatte ich nun auch nicht. Ach, und dann waren da die Menschen im Spiegelschrank. Ja, richtig gelesen. Da gab’s eine gemütliche Spelunke, in der ich jederzeit hätte einkehren können – dachte ich zumindest. Besonders gern wollte ich das morgens, wenn ich mich für die Schule fertig machen musste und mir so saukalt war. Ich bin ja ein chronischer Langschläfer, daher verbinde ich frühes Aufstehen mit nackter Folter. Das war eben auch früher schon so, und so half mir die Vorstellung dieser lauschigen Zuflucht, von der einzig und allein ich wusste, wohl über den ungemütlichen Morgen hinweg. Reingekommen bin ich in den besagten Laden freilich niemals, wen wundert’s.
Tja, so war das damals, als die Welt sich noch ein wenig langsamer drehte und die interessanten Geschichten direkt vor der Haustür oder sogar im eigenen Kopf warteten. Manchmal wünsch ich mir einen Teil dieses kindlichen Glaubens zurück, damit diese viel zu ernste Welt wieder einen Teil ihres Zaubers zurückbekommt, der sie früher so erkundenswert gemacht hat. Aber ach, ich sollte aufhören, in der Vergangenheit zu schwelgen und sehen, was sich aus den eingangs erwähnten Außerirdischen machen lässt…
Ich hab ja an dieser Stelle schon mal erwähnt, dass Batman der Held meiner Kindheit war. Und ich hab auch die Serie geliebt. Jaaaa, genau! Die Serie mit Adam West in der Hauptrolle. Damals, als ich noch ein Jungspund war, war mir nie aufgefallen, wie dämlich dieser Batman-Verschnitt eigentlich war. Auf Anregung hin kam ich dann gerade dazu, mal wieder das Paradebeispiel dafür rauszusuchen, was diese Serie so bekloppt macht (der ein oder andere kennt’s sicher schon):
Uh, und früher fand ich das tatsächlich unglaublich cool…
So so, da sagt der Herr Gottschalk nun also, Reich-Ranicki tauge nicht zur “Gallionsfigur im Kampf um mehr Niveau im Fernsehen”. War das nicht klar? Jemand, der sein ganzes Leben den Feinheiten der Literatur gewidmet hat, hat sicher nur wenig Zeit, sich mit dem Schund auseinanderzusetzen, der dem Zuschauer den ganzen Tag so präsentiert wird. Was Reich-Ranicki aber sehr gut hinbekommen hat, ist den Anstoß zu dieser Diskussion, die so ja eigentlich schon lange unter jenen geführt wird, die den auf der Fernsehen bezogenen Untergang des Abendlandes bewusst realisieren. Warum jedoch kommt unsere Diskussion niemals von selbst bei den TV-Verantwortlichen an? Selbst, wenn man nur auf die Quote schaut, muss man doch merken, dass sich hier eine Zahl stetig nach unten bewegt. Und mal ehrlich: Eigentlich sind das da oben doch intelligente Leute, und die müssten doch merken, welchen Müll sie da über die Mattscheibe auf die Fernsehzuschauer schüten. Oder ist das bei denen auch so eine Art Betriebsblindheit?
Ich für meinen Teil habe lange Zeit versucht, den Fernseher zu meiden und es auch erfolgreich geschafft. Mittlerweile setze ich mich wieder mit dem Programm auseinander, versuche allerdings, mich auf gute Filme und interessante Dokumentationen zu beschränken. Ach, und ich selbst gebe es ja zu: Ab und an tue ich mir auch ein wenig TV-Trash an, einfach weil das etwa so ist, als würde man mal wieder gemütlich einen über den Durst trinken. Aber warum nur muss auf einigen Sendern den ganzen Tag Dreck laufen? Wenn der Großteil des deutschen Fernsehpublikums mittlerweile so dekadent ist, dann möchte ich eigentlich nur noch die Flucht ergreifen. Ein wenig Hoffnung gibt mir nur, dass diese Entwicklung offensichtlich mit der Ausbreitung des Internets einherging. Vor allem junge Leute ziehen ja mittlerweile bekanntlich das Internet dem Fernsehen vor. Da bleibt ja zu wünschen, dass die Liebhaber der ganzen grottigen Sendungen so allmählich aussterben. Denn einen Umschwung in Sachen Qualität und Niveau sehe ich nicht mehr. Den kann kein Thomas Gottschalk, kein Marcel Reich-Ranicki und auch kein rummotzender Phan-Thomas mehr einleiten.
Ich glaube, an der einen oder anderen Stelle hab ich mal erwähnt, dass ich ein sehr toleranter Mensch bin. Nun, das war gelogen. Ja, im Ernst, ich bin eigentlich fürchterlich voreigenommen, finde vieles komplett inakzeptabel, und ach… meine Meinung ist so unabänderlich wie Ebbe und Flut. Und deswegen kommt als nächstes, was kommen muss. Ich schreibe grausam intolerante Dinge nieder, fahre damit sicher dem einen oder anderen über den Fuß und trete dem nächsten anschließend kräftig auf den Schlips. Aber es hilft alles nichts, es muss sein! Denn diesen Text wollte ich schon lange schreiben. Weiterlesen geht also auf eigene Gefahr, und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt…
Wenn man mal keine Ahnung hat, wo man einen Menschen, den man vielleicht weniger gut kennt, einsortieren soll, dann gibt es eine ganz banale Methode: Es ist die gute alte, immer wieder zu hitzigen Diskussionen anregende Frage nach dem Musikgeschmack. Je nach Antwort lassen sich die befragen Probanden in ca. eine Handvoll Charaktergruppen einteilen. Wie, schreit da etwa jetzt schon jemand auf? Sie da hinten in der letzten Reihe? Aber aber… Ich hab doch noch gar nicht begonnen. Sie gehören bestimmt zu jenen, die auf diese große Frage nicht befriedigend antworten könnten, würden sich winden und sagen, dass sie sich nicht festlegen wollen, gern alles mal hören – quasi quer durch den Gemüsegarten, wie Ihresgleichen gern sagt. Sie meinen, Sie wären halt flexibel? Okay, Sie haben es nicht anders gewollt, also will ich mit Ihrer Gruppe beginnen…
Die Alleshörer: Die Alleshörer sind jene Personen, für die der R’nB erfunden wurde. Rhytmisch durchaus begabt, schwingen sie ihren mehr oder weniger hübsch anzuschauenden Hintern durch die Disco, so dass auch garantiert jeder ihre Hüften bewundern kann. Der R’nB geht ihnen dabei durch’s Mark und klingt schallend in ihrem leeren Kopf nach. Dort oben im Schädel, wo es außer Oberflächlichkeiten und einem kläglichen Häufchen Weltanschauung nur gähnende Leere zu finden gibt, klingt Musik natürlich besonders schön – das Lautsprecherprinzip lässt grüßen. Gierig ziehen sich die Alleshörer illegal alles aus dem Netz, was irgendwie nach Pop klingt, möglichst wenig komplexe Harmonien und Klangelemente aufweist und tanzbar ist (sofern man dabei mit dem Arsch wackeln kann). Immer wieder lässt sich auch beobachten, dass der Alleshörer neben fehlender Lieblingsmusik auch keine Lieblingsbücher besitzt. Zwar ist er des Lesens durchaus mächtig, doch ist sein Vorstellungsvermögen so beschränkt, dass er nicht ganz recht weiß, was er mit all den schwarzen Lettern auf dem vielen Papier anfangen soll. Also liest er erst gar nicht und gibt sich weiter den Freuden der wilden Partynächte und der schmalspurigen Unterhaltung hin. Letztlich macht sein fehlendes tiefgründiges Gedankengut den Alleshörer so vorhersehbar wie einen Arztroman und befördert seine Charakterstärke auf das platte Niveau einer Vorabend-Soap.
Der Technohörer: Bevor wir uns dem erquickenden Bereich wahrer humanitärer Qualität zuwenden, wühlen wir noch ein wenig in den menschlichen Mülltonnen. Gemeint ist hier natürlich der Technohörer. Er ist quasi die unterste Sprosse auf der Leiter der Menschwerdung, wahrscheinlich sogar der Beginn der Evolution überhaupt – ein Einzeller in jeglicher Hinsicht. Erstaunlicherweise habe ich gerade hier allerdings schon so einige Ausnahmen kennengelernt, die jedoch bekanntlich nur die im folgenden erörterte Regel bestätigen: Bumm-Bumm-Musik ohne jeglichen textlichen Inhalt, ohne musikalische Raffinesse reicht dem Technohörer völlig aus, um glücklich zu sein. Bildung ist dem “Technoten”, wie er auch gern genannt wird, ziemlich gleich, solange er den schier unendlichen Freiraum in seiner platzverschwendenden Hohlbirne mit Alkohol auffüllen kann. Als wäre seine Musik anspruchsvoll, unterscheidet er unter anderem zwischen Techno und House und meint ja eigentlich doch immer wieder das gleiche. Bei all der unsinnigen Streiterei um Begrifflichkeiten entgeht dem Technohörer dabei, dass er stets die gleiche musikalische Giftbrühe aufgetischt bekommt. Auch an der Verwurstung alter Songklassiger zu Technoeinheitsbrei stört sich der Technohörer bekanntlich niemals. Nein, er freut sich sogar und schlägt motiviert im hämmernden Takt mit der Faust in die Luft (vielleicht auch ab und an an den eigenen Kopf?), wenn der blondgechlorte Lied-Leichenfledderer Hans-Peter, Frontprolet des teuflisch schlechten Trios Scooter, der seine ungenießbare, wiederholt aufgewärmte Grütze in die feiernde Menge kotzt. Der Technohörer könnte, wäre er bei aller Dummheit nicht herzensglücklich mit seinem belanglosen Dasein, jedem höheren Individuum, also wirklich jedem (!), regelrecht leid tun.
Der Hip-Hop-Hörer: Die Spezies des Hip-Hop-Hörers (im Folgenden HHH abgekürzt) ist von ihrem Verhalten her eng verwandt mit der des Alleshörers. Wie der Alleshörer ist auch der HHH einem eher oberflächliches Dasein ergeben, redet nicht viel Sinniges, benickt jedoch viel Sinnfreies im schleppenden Takt seiner Sprechmusik, als würde er jeglichem Mist zustimmen wollen, den seine Lieblings-Legastheniker Bushido und Bande, nuschelnd wie ihre Vorbilder Fuffzig-Cent und Piff Poppy, oder wie letzterer auch gerade heißen mag, von sich geben. Bei allem, was der HHH tut, er tut es nie allein, ist er doch ein reinrassiges Herdentier, das sich jederzeit loyal einem der musikalisch talentfreien rappenden Leitwölfe von MTV und Co. anpasst. So ist der HHH sich nicht zu schade, auch jeden noch so dummen Trend mitzumachen: Da wird in der Öffentlichkeit frechfröhlich die eigene Unterhose präsentiert, während die darüberliegende Übergrößen-Jeans in den Kniekehlen hinterhergeschleift wird. Da packt man sich in Jacken ein, die so dick sind, dass selbst panzerbrechende Geschosse irgendwo im Futter steckenbleiben würden und versteckt man das Haupt unter bunten Kopftüchern, die wiederum selbst von lässig zur Seite gedrehten Schirmmützen versteckt werden. Bei all dieser Lächerlichkeit ist der HHH hier immerhin konsequent und zieht sowohl im Sommer wie auch im Winter in der offensichtlich sehr unbequemen Kluft durch’s Land. Ansonsten wäre der HHH eigentlich ein sehr angenehmer Zeitgenosse – sitzt er mit seiner üblen Gang aus zehn- bis zwölfjährigen ja gern abseits der restlichen Gesellschaft – würde er doch nur endlich aufhören, seinen unmelodischen Schund blechern aber lautstark über basslose Handybrüllwürfel zu hören!
Der Klassikhörer: Würden wir die aktuelle Betrachtung ins Tolkien’sche Universum versetzen, dann wäre der Technohörer der Ork, während der Klassikhörer dem Elben gleichkäme. Ja, man kann wohl behaupten, dass der “Klassiker” die höchste Ebene menschlichen Intellekts für sich entdeckt hat. Oft esotherisch angehaucht, hüllt er sich in wallende Gewänder, die der früheren Kelly Family alle Ehre gemacht hätten, enthält sich dem Alkoholkonsum, schlürft sich dafür aber hektoliterweise Tee in den untersetzten Wanst und gibt kluge Phrasen zum Besten, die Ottonormalhörer im Leben nicht versteht. Schon deswegen wird der Klassikhörer unberechtigterweise oft belächelt und begibt sich so lieber unter seinesgleichen. Nicht erst seit gestern findet man größere Ansammlungen dieser Spezies vor allem an den Universitäten. Im gefühlt vierundzwanzigsten Semester verharrend stört man sich nicht am arbeitenden Rest der Welt, atmet Haschisch-durchzogene Luft wie in den späten Sechzigern und unterhält sich über die zunehmende Verfügbarkeit von Bio-Lebensmitteln in Discountern. Doch wird gerade dieser studentische Klassikhörer in der letzten Zeit eher rar. Denn zu tausenden durch den eingeführten Bachelor von den Hochschulen vertrieben, muss er sich schließlich doch widerwillig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen und dort oft mühsam nach Gleichgesinnten suchen oder aber er flüchtet sich ins alles rettende Masterstudium.
Der Rockhörer: Die Rockhörerschaft ist eine etwas komplexere Gattung, kann sie doch grob in zwei Schichten unterteilt werden. Auf der einen Seite steht die schwarz gekleidete, Ketten- und Stachel-behangene Dummfraktion, die sich in geklauten Kassettenrekordern übel leiernde Demotapes völlig unbekannter Punkbands anhört, während ein Bierkasten der billigsten verfügbaren Plörre nach dem nächsten geopfert wird. Den Gesprächsthemen zu folgen, scheint für den Außenstehenden ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, setzt sich die Verständigungssprache doch nur aus zusammengelallten Wortfetzen mit eingeschobenen Rülpsern zusammen. Auf der anderen Seite der Rockhörer jedoch steht die Exzellenz der Musikliebhaberschaft. Diese Hälfte reicht in Sachen Intellekt freilich nicht an den Klassikhörer heran, ist dafür jedoch jederzeit öffentlichkeitstauglich und durchaus auch in der freien Wirtschaft zu gebrauchen. Seine Intelligenz rührt dabei natürlich nicht von der Musik her, doch wird selbige durch den höchst vorzüglichen Musikgeschmack nachgewiesen: Hochkomplexe Gitarrensoli, großangelegte Rockopern mit unzähligen Harmoniewechseln innerhalb nur eines Liedes, sowie bunte und tiefgründige Textgemälde weiß diese Gattung des Rockhörers wohlwollend zu genießen, zu deuten und zu werten. Als die letzten freien CD-Käufer gelten sie als der rettende Tropf der kränkelnden Musikwirtschaft und sollten mit sofortiger Wirkung einen eigenen, weltweit anerkannten Feiertag bekommen.
Uff, das soll auch schon mein mehr oder minder kurzer musikorientierter Ausflug in die Differenzierung menschlicher Psyche gewesen sein. Ach ja, natürlich ist im gesamten Text jegliche Subjektivität meinerseits vollkommen ausgeschlossen. Ich fühle mich zu keiner der Gruppen persönlich hingezogen, das versteht sich ja von selbst. Denn eigentlich bin ich ja doch ein recht toleranter Mensch, bedeutet Toleranz ja sehr wohl, dass ich auch mal was beschissen finden darf.
Wir Menschen sind schon ein komisches Völkchen, oder? Offiziell finden wir es anrüchig, andere Menschen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, bzw. dieses allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Eine schlimme Mode der Neuzeit sei das, sagt man. Da seien die ganzen Zeitschriften dran schuld, glatt gebügelte Schauspieler in Hochglanzfilmen und ach, das Fernsehen überhaupt, sagt man.
Irgendwie dumm, ist doch gerade dieses Verhalten nichts weiter als natürlich. Wählen Tiere ihre Partner nach dem Charakter aus? Nun, vielleicht ein wenig. Aber hauptsächlich gucken die ja schon, wer von den Artgenossen besonders bunt leuchtet oder sonstwie auffällt. Wir Menschen mit unserer Zivilisation und unserem Rationalismus würden gern alles ablegen, was uns auch nur im Entferntesten daran erinnert, dass wir auch nur Primaten sind und vergessen dabei, dass gerade die genannten Elemente Zivilisation und Rationalismus nichts anderes sind, als Erfindungen unseres zu mächtig geratenen Gehirns.
Paradoxerweise erschweren genau diese Ansichten die Suche nach dem richtigen Partner ungemein. Ich meine, wenn ich mal ein wenig die Augen offen halte, sehe ich verzweifelte Mitt-Vierziger, die Angst haben, ihr Zug könnte endgültig abgefahren sein. Da stehen sie und wagen es nicht mehr, jemanden mal eben so anzusprechen, weil das rationale Kalkül zu stark im eigenen Kopf wirkt. Da wird das Für und Wider abgewägt, bis die richtige Chance verflogen ist, wieder und wieder.
Vielleicht würde es dem einen oder anderen gut tun, wenn er all den Anspruch für einen Augenblick ablegen könnte, keine Suche mehr nach intellektueller Gleichstellung, keine Forderung des so genannten festen Standbeins im Leben. Würden wir all das fallen lassen und einfach Menschen ansprechen, die uns optisch zusagen, wären wir sicher erfolgreicher, denke ich mir. Klar, da wären eine Menge Gurken dabei, aber irgendwann würde es dann sicher doch mal passen, da bin ich mir ziemlich sicher.
Tja, und warum hock ich dann hier allein auf der Couch, wo ich doch bloß mal meinen eigenen Rat beherzigen müsste? Nun, ich bin ja selbst nur einer jener Rationalisten, Denker und Träumer, die jede Chance verpennen und von eigenen Gedanken, Ansprüchen und Moralvorstellungen wie betrunken durch’s Leben torkeln. Ich sag’s ja, wir Menschen sind ein komisches Völkchen, und ich auch nur einer von vielen.
Du wühlst auf iThought 2 gerade in den Archiven zum Oktober, 2008.
Phan-Who?
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.