Irgendwo im Laufe des Dahinvegetierens, soll heißen, während wir diesen Prozess noch als Erwachsenwerden bezeichnen, eben während wir noch besser und nicht einfach nur älter werden, muss bei einigen Mitmenschen was gründlich schief laufen. So verstandtechnisch, mein ich. Geboren werden wir ja doch irgendwie alle gleich. Dauerquengelnde glatzköpfige Minischeunendrescher, wie wir sind, machen wir uns daran, die Welt zu erkunden, indem wir alles beäugen, jeden unbeaufsichtigten Moment nutzen, um ungesicherte Steckdosen zu begrapschen und idealerweise zur persönlichen Anteilnahme jede greifbare Substanz genüsslich sabbernd in den Mund stecken.
In Krippen und Kindergärten, sofern bezahlbar, treffen wir bei Zeiten dann auf gleichgesinnte Nervenbündel. Pausbäckige Jungen auf dem Weg zum Jagdinstinkt bringen sich selbst mit Brüllwerk und Fausteinsatz an die Spitze der Aufmerksamkeit, während weitaus stillere Mädels sich mit Puppen ganz von selbst auf die Rolle vorbereiten, die sie im kinderfeindlichen Deutschland eventuell niemals einnehmen möchten, während sie ganz nebenbei lernen, welchen Nutzen es haben kann, die Nebenbuhlerin mit hinterlistigen Mitteln auszuspielen, um am Ende die Welt aus dem Untergrund zu regieren. So weit, so gut. Die Welt ist noch in Ordnung, und irgendwie sind doch immer noch alle gleich. Minisozialismus zum Anfassen.
Jetzt wird sich der ein oder andere fragen, worauf ich eigentlich gerade hinaus will. Nun ja, ich geb zu, ich hab etwas weit ausgeholt. Genau genommen geht’s gar nicht noch weiter. Aber das dient alles der Verdeutlichung. Ein, uh, überproportional aufgeplustertes Stilmittel eben, einfach zur Verdeutlichung der Gleichheit. Denn irgendwo während des länger andauernden Lebensabschnitts, in dem wir mal mehr und meist weniger begnadeten Pädagogen beim Unsinnvermitteln zusehen und vor Langeweile konzentrische Formen zwischen unsere Aufzeichnungen kritzeln, muss die Abspaltung beginnen. Irgendwo da. Vielleicht während eines schicksalsträchtigen Augenblicks, den einige verpassen, weil sie gerade auf der geistigen Toilette eine Illustrierte lesen. Oder so. Denn während die eine Hälfte der heranreifenden Pubertierendengarde beginnt, die Welt und ihre Bestandteile akribisch zu hinterfragen, sich für Politikbetrug und Gesellschaftswahnsinn zu interessieren, die Schönheit der Welt und ihrer Nachahmung, der Kunst, schätzen lernt, tut die andere Hälfte etwas, nun, sehr Überschaubares: nichts.
Wann genau diese Abspaltung vom Nachdenken oder, energischer ausgedrückt, vom Denken stattfindet und vor allem, weshalb das passiert, ist mir doch, gelinde gesagt, schleierhaft. Während die bildungsinteressierten, oft zum Grübeln neigenden Exemplare der Gattung Mensch so sehr damit beschäftigt sind, Weltanschauungen zu hinterfragen, eigene auszuprägen und die Sinnhaftigkeit ihres Daseins zu koordinieren, ja, während sie die Denkpausen nur dafür nutzen, ihre verknoteten Gehirnwindungen zu entwirren, scheint das Hirn der Nichtdenker-Fraktion sehr aufgeräumt daherzukommen: gerade mal ein langer, leer gefegter Gang, will man es denn verbildlichen. Ohne Türen. Ohne Fenster. Beleuchtet mit flimmernden Leuchtstoffröhren, die nervig klackern. Die Luft stets sehr stickig. Immerhin gibt’s dann der farblichen Abwechslung halber einen doppelten Schmuckstreifen an der kalkweißen Gangwand. Klingt eintönig? Langweilig? Belanglos? Willkommen in der Welt der Anderen.
Und wie äußert sich ein solcher Hinderwäldlerverstand im nicht abstrahierten Sinn, also im wahren Leben? Für gewöhnlich treten diese Fünf-Watt-Leuchten in Rudeln auf, so um die fünf Personen, damit vier herumhampeln und einer dümmlich aber laut lachen kann. Sehr anstrengend kann das sein. In öffentlichen Verkehrsmitteln beispielsweise bestechen sie durch ihre nur rudimentär vorhandene Sprachfunktion. Mehr Ausdrucksfähigkeit wird jedoch auch gar nicht benötigt, geistert ihnen doch sowieso kein Thema von Belang durch den schallverstärkenden Schädelinnenraum, das über das Niveau einer Jamba-SMS-Ansage hinausginge. Für den Rest der anwesenden Fahrgäste ist die prähistorisch anmutende Lautsprache zugegebenermaßen ein ziemliches Ärgernis, zumal diese tatsächlich immer in Lautstärkeverhältnissen detonierender Atomsprengköpfe vonstatten gehen muss. Da helfen auch iPod und Konsorten nichts. Mit dem Schmökern im Groschenroman ist’s sowieso ganz vorbei. Und so sitzt man mehr duldend daneben, während einem innerlich der Kamm schwillt.
Gelegentlich ist man als atmender und denkender Mensch in das Rumgeblödel dieses nervigen Genüberschusses derart involviert, dass man solchen Leuten eigentlich eine deutlich sichtbare Kennzeichnungspflicht verordnen müsste. Intern scheinen sie etwas Ähnliches sogar schon zu verwenden, wie ich kürzlich einmal mehr feststellen konnte. In einer nur mäßig spaßigen Bonner Lokalität zur, öhm, abendlichen Unterhaltung per Volldröhnung bis zum Ohrenbluten konnte ich beobachten, wie das Dümmste vom Dummen aus dem weiblichen Lager es schaffte, zielgenau tatsächlich das ganz offenbar verstandfeindlichste männliche Exemplar im ganzen Raum zu finden. Klar, ich hatte selbiges unterdessen auch schon als geistigen Tiefflieger ausgemacht, allerdings musste ich dafür meine gesamte Beobachtungsgabe aufwenden, ein wenig analysieren und abschätzen, während das Mädel einfach nur direkt nach dem Hereinkommen sargnagelinhalierend zum kurzen, lässigen Rundumblick ansetzte und ihr Ziel des Abends sogleich ausgemacht hatte. Ins Gespräch kamen die beiden augenblicklich. Veni vidi vici quasi. Schön, dass es noch so einfach sein kann.
Und gerade, wenn es um diese Einfachheit im Leben geht, kommt doch bei mir irgendwie der Neid auf. Ich meine, ist ja toll, wenn man auf der intelligenzabseitigen Ebene der Existenz ach so schnell zueinander findet. Nur weshalb zum Teufel muss unsereiner dann das Kennlernprozedere bis ins winzigste Detail eines Taschenuhrwerks ausdehnen, nur damit wir anschließend feststellen können, dass die ein oder andere Gesinnung eben doch nicht zueinander passt und man ärgerlicherweise Unmengen seiner begrenzten Daseinsberechtigung für nichts verschwendet hat? »That’s life«, hätte Frank Sinatra wohl gesagt. »Frank wer?« hätten die beiden geistigen Milchtoasts aus der erwähnten Discothek wohl gesagt.
Aber auch abseits der lieben Liebelei scheint so Einiges einfacher zu funktionieren. Wer im Leben nicht nur perplex geradeaus, sondern auch mal nach links, rechts und nach hinten schaut, wird feststellen, dass so mancher Aspekt des Daseins kein Zuckerschlecken ist. Nehmen wir zum Beispiel das Finanzielle: Man plant, rechnet nach, legt um und schaut, dass man irgendwie so durch kommt, dass man nachts noch ruhig schlafen kann. Nicht so die geistige Totgeburt: Denn da wird schlicht das Geld ausgegeben, das man sowieso nicht hat. Macht ja nichts, steht diesem Vorgehen doch am Ende trotzdem ein materieller Gegenwert in Form üppig ausgestatteter Einbauküchen und protziger Autos deutschen Fabrikats gegenüber. Und geht gar nichts mehr, kommt Peter Zwegat oder einer seiner Ableger vorbei und bringt alles wieder ins Lot. Kein Grund, sich auch nur ansatzweise den inhaltsfreien Kopf zu zerbrechen.
Überhaupt ist es mit den Sorgen so eine Sache. Sollte etwa das Wochenende doch der Entspannung dienlich sein, ist es, was mich und ähnlich geartete bemitleidenswerte Leute betrifft, doch letztlich vor allem ein Zeitraum des Gedankenordnens. Endlich hat man mal ein paar Momente, um ein wenig Hirnschmalz darauf zu verwenden, sich wegen der Sensationsnachrichten zu Wirtschaft, Politik, Klima und Gesundheit Sorgen zu machen, ohne dass einem der Chef dreinquatscht. Ablenkung sucht man meist vergeblich. Und so hat man spätestens am Sonntagabend so viele Kellen Gedankensülze nachgeschenkt, dass man sich fühlt, als stünde man kurz vor dem geistigen Brechreiz. Kein Wunder, dass man anschließend eigentlich ein Wochenende zur Erholung vom Wochenende braucht. Wohl deswegen erwischt man sich ab und an eben doch beim Wunsch, zu den Auserwählten zu gehören, die sich noch nicht mal um sich selbst Sorgen zu machen scheinen. Keine hirnflutende Dauerbeschallung mehr am Wochenende, sondern einfach nur ein sanft rauschendes Testbild geistiger Umnachtung. Ausgerechnet ein intelligenter Mensch wird es wohl gesagt haben: »Das Glück gehört den Dummen.« Das kann ich nur laut seufzend wiederholen und mich damit beruhigen, dass wir zum Lebensabend hin wahrscheinlich doch wieder alle gleich sind.
Und wie ich so hier sitze, gedankenverloren aus dem Fenster starre, mit meinen Augen dem Zug der Wolken folge und selbstzufrieden am schaumigen Senseo-Kaffee nippe, fällt mir einmal mehr ein, dass ich allmählich anfangen müsste, meinen Plan zum Thema Erfolg & Reichtum in die Tat umzusetzen, wenn das noch was vor der Rente werden soll. Nun plane ich schließlich schon seit einiger Zeit, mein eigenes Buch zu schreiben, bzw. mich zumindest daran zu versuchen. Irgendwas Abstrues. Nicht so’n Thriller mit Twist am Ende. Alles Kindergeburtstag. Auch kein Schmalz. Gibt’s genug von. Eher so Richtung Independent. Kein Problem eigentlich, müsste man meinen, hat doch die Muse, während sie anderer Leute Stirne küssen mag, meiner Wenigkeit mit viel Nachdruck ins Hirn geschissen. Und davon kann ich noch lange zehren. Uh.
Ist der Bestseller dann erst mal erschienen, sind die öffentlichen Lesungen vorbei, Fototermine gemacht, die Kontoauszüge vergoldet und gerahmt und und und, nun, dann kann ich endlich beginnen, das Schriftstellerleben zu führen, das ich bisher nicht hatte: Mit Bart und langem Haar (sofern noch vorhanden, falls nicht, dann aufgeklebt), bekleidet nur mit wallenden Gewändern, schlurfe ich jesusgleich durch mein endlos verwinkeltes Haus, immer auf der Suche nach der nächsten Kaffeemaschine oder dem Rückenkratzer. Und während ich mir das bittere Koffeingebräu myriadenfach in den Hals schütte, um dem wohligen Atem auf Lange Sicht den Gar aus zu machen, lasse ich alle Krisen dieser Welt unbeachtet an mir vorbeiziehen. Draußen marodiert der Pöbel gegen die konservative Obrigkeit? Oha, wo war gleich meine Kaffeetasse hin? Das norkoreanische Wirtschaftskonglomerat unterjocht den Welthandel? So so, hatte ich jetzt eigentlich Klopapier gekauft oder nicht? Und warum sind meine Füße so schmutzig?
Endlich kann ich die Welt mit dem Anstandsmaß an Ignoranz ehren, das sie verdient hat. Denn wenn ich von der marmornen Denkerhalle meiner abgelegenen Villa aus durch das kunstvoll verzierte Panoramafenster schaue und besinnlich die aufwendig angelegten Hängegärten auf meinem rückseitig angelegten Grundstück beäuge, während die Stones aus den Bose-Lautsprechern meine Erfolgstaten besingen, werde ich aufgehört haben, mich um das Weltgeschehen zu kümmern und mir so den Verstand zu zermatern. Und brauche ich eine Ablenkung von all der paradiesischen Entspannung, so ziehe ich mich einfach in eines meiner himmlischen Schlafzimmer zurück, die stets mit einer gemischten Auswahl, wunderbarer, brünetter und blonder Damen besetzt sind. Derweil lasse ich die Welt natürlich auf die geschriebene Forsetzung meines Rekordwälzers warten.
So weit, so gut. Jetzt fehlt mir nur die Idee für meinen Bestseller-Roman. Jemand ‘ne Idee? Der Lohn wäre, uh, eine lebenslang garantierte Festanstellung in meinem Angestelltenkader.
Ich bin gewillt, die freitägliche Tradition fortzusetzen. Soll heißen, es gibt zur Einstimmung auf das hoffentlich der Erholung dienliche Wochenende feine Musik. Nun gut, heute aber nichts Bekanntes aus dem Plattenladen, sondern mal was ganz anderes. Bisschen independent. »Stromaufwärts« sind eine, sagen wir, recht unbekannte Band aus Duisburg, der Stadt, die irgendwie so aussieht, wie meine Ostheimat kurz nach der Wende (mittlerweile alles Pastelltöne da).
Das Besondere: Ich kenn die Bandmitglieder, war beim Videodreh dabei (sehr pizza- und bierlastige Angelegenheit) und hab die, nun, Pizzakartons beigesteuert. Huh. Die Musik an sich geht irgendwie in Richtung Ärtze. Irgendwie aber auch nicht. Und das Liedchen hier ist dementsprechend irgendwie ein bisschen »Yoko Ono«, irgendwie aber auch nicht. Ach ja, und keine Ahnung, warum das »Bisa Bing« heißt.
Schon seltsam, wie sich die Welt verändert. Da sitzt man abends mit dem Notebook auf der Couch, balanciert eine Tasse Kaffee auf dem Sitzpolster neben sich und tippt seine zusammengehirnten Gedanken in dieses Gerät, auf dass sie schon in Kürze alle Welt lesen oder ignorieren kann. Nebenbei werden die Mails gecheckt, einige mal mehr, mal weniger herzliche Antworten rausgeschickt, hier und da ein wenig ICQ-Gedöns betrieben, und und und…
Ich erinnere mich noch gut an meine unbeschwerte, weitgehend technikfreie Kindheit. Nicht nur, dass wir da kein Internet hatten (einfach, weil das WWW als solches noch nicht aus der Hölle ausgebüchst war), nein, wir hatten ja nicht mal einen PC. Also kein Web 2.0, kein Filesharing, kein YouPorn. Ach, was rede ich. Als ich gerade zur Schule kam, da konnte man selbst ein Telefon vergeblich bei uns suchen. Denn es dauerte schon noch ein wenig, bis in Neufünfland flächendeckend Anschlüsse gelegt waren und auch wirklich jeder seine Skepsis überwunden hatte, sich so ein Ding zu kaufen.
Ich musste also, wenn ich einen meiner Freunde treffen wollte – jetzt kommt’s – zu ihm gehen (mit meinen Beinen), an der Tür klingeln und ihn persönlich fragen. Uh. Hatte derjenige dann keine Zeit, musste ich den ganzen Weg zurücklaufen. Aber ich konnte unterwegs die Natur beäugen. Und ab und an traf ich dabei jemanden zufällig auf der Straße, mit dem ich mich dann unterhielt. Oder prügelte. Oder so. Ohne Messenger. Sondern so richtig mithilfe der Sprachskills bzw. der Fäuste.
Das Wühlen in meinen Echtwelterinnerungen gibt mir ein wenig das Gefühl, dass man früher noch mehr Mensch war. Und ja, das klingt jetzt wieder, als wäre früher alles besser gewesen. Aber vielleicht stimmt das auch ein bisschen. Heute gehen wir ja nicht mal mehr aus dem Haus, ohne uns die elektronische Fußfessel namens Handy ans Bein zu binden.
Ach, Arcandor ist pleite. Karstadt (vor allem jedenfalls) steht mal wieder vor dem Aus, einmal mehr. Hatten wir ja erst vor einigen Jahren. Man gewöhnt sich an alles. Und da der Peer derzeit im Rahmen der »internationalen Finanzkrise« (von niemandem bedrohlicher ausgesprochen als von Oskar Lafontaine) die Spendierhosen anhat und dieses Jahr auch noch Wahlen anstehen, sind die Chancen wohl durchaus gegeben, dass der Steuerzahler und ich ein weiteres Mal ins Portemonaie langen müssen, um ein paar Milliönchen für einen gebeutelten Konzern mehr raus zu rücken. Fand ich ja bei der jammernden Pornobranche schon absurd. Und so auch hier.
Denn mal im Ernst: Muss man jetzt jeden Mist auf diese Krise schieben? Klar ist es schlimm, wenn 50.000 Jobs wegfallen, aber der Staat kann doch nicht jedes Mal einspringen, wenn irgendwelche geölten Krawattenträger Mist bauen. Bei so viel Kontrolle können wir auch gleich den Sozialismus ausrufen. Ich meine, sehen wir uns Karstadt doch mal an! Ein dickes Kaufhaus, das von allem ein bisschen hat aber nichts so recht ganz. Klamotten findet dort allenfalls die geschmacksferne Großmutter von vorgestern, der technikverliebte Papa bekommt nur halbgare Altware angeboten, und die kitschige Jägerin des verlorenen Schickschnacks sieht sich in all den Mambos und sonstigen Tineffläden einer weit größeren Auswahl gegenüber. Wozu da noch die Karstadts dieser Welt, die nebenbei erwähnt, auch noch meist neben dicken Kaufhöfen herumstehen? Schon mal was von Überangebot gehört? Nein? Na dann: sechs, setzen! Dass nebenbei auch versucht wird, Reisen, Versicherungen und was weiß ich nicht alles zu verticken, zeigt deutlich, dass das Management von Arcandor/Karstadt keine keine klare Linie verfolgt, sondern eher völlig ratlos in einem undurchdachten Wollknäuel festhängt.
Ich mache wirklich drei Kreuze, wenn dieses ganze Krisengeplärre endlich abebbt. Denn bei all den Arcandos, Opels, GMs, Commerzbanken und sonstigen leidgeplagten Verlierern des ungezügelten Radikalkapitalismus geht fast völlig unter, dass Nordkorea sich gerade anschickt, der Welt einen atomaren Denkzettel zu verpassen. Zeit, den Kopf mal wieder frei zu kriegen.
Ach, was mögen wir alle Musik, nicht wahr? Warum also nicht hier verweilen? Ein wenig kontrovers über das Thema diskutieren? Sich ein wenig aufregen? Oder mal so richtig ärgern? Aus aktuellem Anlass soll’s mir hier um Coverversionen gehen. Cover, soll heißen, wir klauen ein Lied und verdienen damit Geld, kann man generell eigentlich so ziemlich in drei Kategorien unterscheiden: Es gibt [gute][Cover], es gibt [weniger][gute] Cover, und es gibt absolut [grottigen][Schrott].
Letzteres kann leider, entgegen allen physikalischen Gesetzen, bis ins Unermessliche gesteigert werden – heute wieder unfreiwilligerweise vernommen. Im Fitnessstudio natürlich, dem Ort des gemeinhin schlechtesten Geschmacks zwischen Hölle und Bekleidungsgeschäften. Schmalos wurde da schändlichstes Machwerk gespielt, dass meine Ohren kläglich zu weinen begannen: Nirvanas »Smells Like Teen Spirit«, vergewaltigt mit einer Überdosis Bumm-Bumm-Technorotz, dass einem die Galle hochkam. Das ist doch Grabschändung! Die pissen auf Kurt Cobains Andenken. Doch statt sie dafür zu bestrafen, werden die dafür wohl auch noch bezahlt! Und das nicht eben schlecht. Aber klar, im Kapitalismus verdient ja offensichtlich jeder mit jedem Humbug Geld. Außer ich. Ich nicht.
Nun, egal. Ich erinnere mich, dass es vor einigen Jahren, als Blogs lediglich falsch geschriebene Wörter waren und ich noch gezwungen war, Dinge zu lernen, die mich nicht mal peripher tangierten, nun, dass es da einen hässlichen, dicken Mann gab (nannte sich sogar DJ Ballon, glaub ich), der sich ebenfalls auf’s Schlimmste an diesem Evergreen vergangen hatte. Aber sowas von. Das war nicht mal mehr Grabschändung, das war die Vergewaltigung der kopflosen, verwesten Leiche des Kurt Cobain. Das gehört doch nicht auch noch bezahlt, das gehört bestraft. Oder nimmt einfach mein Weltverständnis jetzt schon ab?
Einmal mehr sei der geneigte Leser eingeladen, sich einen meiner unsinnig langen Blogtexte durchzulesen, die für diese Art Plattform denkbar ungeeignet sind. Eine weitere Abhandlung zum Menschen im Umgang mit sich und seinesgleichen. Keine direkte Fortsetzung, eher im Geiste. Dennoch, Teil I gab’s [hier].
Tödlich kreativ II
Lässt man sich über den schier ins Unendliche reichenden Unsinn des menschlichen Verstandes aus, so kommt dies im Allgemeinen offenbar gut an, wie ich ein ums andere Mal feststellen konnte. Und weil wir uns alle auf diesem Gebiet so unheimlich bespaßt fühlen, sollten wir vielleicht noch ein wenig verweilen. Das fettig wabbelige Ding hinter unserem Dickschädel, das eher einem seltenen, dafür aber äußerst schmackhaftem Pilz namens »Fette Henne« gleicht, sondert ja genügend geistige Grütze ab, über die wir einmal mehr gierig herfallen können. Na dann, Füße hochgelegt und wohl bekomm‘s…
Die Titelthemen Tod und Kreativität zusammen zu bringen, ist im Allgemeinen nicht schwer, ganz egal, wo man mit seinen Erörterungen auch beginnen mag. Der Höflichkeit halber beginnt man vorn. Und vorn meint in diesem Fall beim altehrwürdigen Keulenschwinger – nicht bei der gemeinen Hausfrau, sondern beim kauzigen Vorfahren. In Zeiten, als noch alles neu und weder Rasierapparate noch Energiesparlampen erdacht worden waren, fiel es ausgesprochen leicht, neuer Erfindungen habhaft zu werden. Den Anfang dürfte hier der handelsübliche Stein gemacht haben. Diese Errungenschaft war leicht herzustellen, anders als neue VW-Golf-Modelle stets vorrätig und zudem äußerst vielseitig einsetzbar. Man konnte allerhand Nahrung zerkleinern, auf andere Steine draufschlagen und so lustige Töne erzeugen, und wenn der Säbelzahntiger dreimal klingelte, ließ dieser sich mit Hilfe einiger schwerer Klamotten sicher auch wunderbar in die Flucht schlagen. Und wo Kreativität ist, nun, da ist der Tod nicht weit. So dürfte es letztlich nicht lange gedauert haben, bis ein kluger Kopf herausfand, dass man eben jenen klugen Kopf am besten damit durchsetzte, dass man andere, weniger kluge Köpfe, mit Freund Stein kollidieren ließ. So macht man Evolution. Sollte mich nicht wundern, wenn diese Genialität die Ausbreitung des Menschen über den Planeten um einige tausend Jahre zurückwarf.
Die nächste Erfindung, die aus einer ganz speziellen Gattung Stein resultierte, war das Feuer, erzeugte doch das Zusammenschlagen von Steinen nicht nur vorsintflutzeitliche Technomusik (die sich auf diese Art bis zum heutigen Tag treu geblieben ist), sondern ließ auch hübsche Funken entstehen. Sicher hat man den ersten Funkenerzeugern aus Angst vor bösem Zauber mit den Feuersteinen noch den Schädel eingedroschen, bevor man sich letztlich doch einig darüber geworden sein dürfte, dass so ein wärmendes Feuer gerade im Winter mangels serienmäßig vorhandener Zentralheizung eine dufte Sache war. Und den Säbelzahntiger ärgerten beleuchtete Höhlen wohl einmal mehr. Tja, und bezüglich des Feuers blieb bis ins dunkle Mittelalter auch erst mal alles bestens. Wie gesagt, bis dahin. Denn das Mittelalter war ja gerade deswegen so dunkel, weil man mit dem Feuer nicht mehr die Häuser heller und wärmer machte, sondern lieber den Hintern des ungeliebten Nachbarn in Brand setzte. Wer den Auflagen christlicher Zensurbehörden nicht entsprach, kam nun also auf den Grill, am besten vorsichtshalber gleich im Kollektiv mit der Familie und ein paar Bekannten. Ein klasse Fernsehersatz war das – und dabei so günstig in der Herstellung. Schließlich musste der Henker mit der Fackel nur die Reihe ablaufen, jeweils einmal kurz den Arm senken, und schon stand der nächste im schmerzlich züngelnden Rampenlicht.
Überhaupt schien man zur Zeit gepanzerter Barbaren und mordlüsterner Päpste ziemlich einfallsreich gewesen sein, wenn es darum ging, die gut gemeinten Helferlein der schädelzertrümmernden Urmenschen als Entertainmentrequisiten bei den allseits beliebten Hinrichtungen zu missbrauchen. Mag das beim Feuer irgendwie noch nachvollziehbar sein, schließlich kann man ja schon mal leicht versehentlich, nun, jemanden anzünden, so zeigt doch ein anderer Hinrichtungsgegenstand ganz besonders die Perversion des menschlichen Verstandes, seinem nächsten immer das Schlimmste bescheren zu wollen. Das Rad. Nichts liegt doch wohl ferner, als ein praktisches Utensil, das den Ägyptern eine Menge Buckelei ersparte und heute die Grundlage deutscher Schlüsselindustrien bildet, als Mordinstrument zweckentfremden zu wollen. Warum musste man erst jemanden auf ein gigantisches Rad spannen, um ihm dann mit Knüppeln die Knochen klumpig zu schlagen? Weil es unbequem war? Weil so ein Rad doch irgendwie immer ästhetisch wirkte und das Stadtbild nicht verschandelte? Man weiß es nicht.
Doch genug im Themenbereich mangelhafter Tötungseffizienz verweilt. Reisen wir doch ein Stück weiter. Zum Schießpulver! Als man es nun endlich mal so richtig krachen lassen konnte, dauerte es nicht lange, bis eine geeignete Verwertungsmethode für diese Genialität menschlichen Erfindungsreichtums gefunden war: die Schusswaffe. Statt mit aller Kraft draufzuhauen, musste man jetzt nur noch einen Finger krumm machen, wenn man ein bisschen Hirn durch die Gegend spritzen sehen wollte. Nun werden Anhänger spaßiger Tiertötungsorgien garantiert aufschreien und erzählen wollen, dass die Schusswaffe doch ein Jagdinstrument sei. Okay, das mag bis zu einem gewissen Punkt stimmen. Aber da kann ich dennoch zurück feuern. Denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine geschossene Wildsau sonderlich schmackhaft aussieht, wenn ein pizzatellergroßes Loch in ihrem Bauch klafft. Viel mehr ist es doch so, dass kleine Einschusslöcher im Kopf des verhassten Feindes seit jeher langweilig sind. Denn das konnte selbst der gute, alte Stein schon besser. Und Maschinengewehre? Knallt man damit Vogelschwärme vom Himmel? Von der jagdtechnischen Sinnhaftigkeit strategischer Artillerie muss ich hier gar nicht erst anfangen.
Wer gut aufgepasst hat, wird festgestellt haben, dass in dieser Abhandlung bisher gerade die wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte angesprochen wurden. So soll‘s auch bleiben. Also auf zur Elektrizität. Yeah! Dass Strom gefährlich ist, bekamen auch schon die felltragenden Steinliebhaber zu spüren, wenn sie von einem gezielten Blitzschlag augenblicklich zur Erdölgrundlage verarbeitet wurden. Schlaue Leute wie Edison und Tesla kamen viel später auf die Idee, elektrische Energie sinnvoll einzusetzen. Endlich konnte man Licht in die Bude bringen, ohne Angst haben zu müssen, die ganze Nachbarschaft abzufackeln. Und endlich war die Grundlage für geldgierige, monopolistische Energieriesen geschaffen worden. Ein nicht weniger kluger Kopf musste sich derweil wohl überlegt haben, dass qualitativ minderwertige, ständig zerplatzende Glühbirnen auf Dauer langweilig sind. Könnte man mit Strom nicht auch andere Dinge platzen lassen? Augen zum Beispiel? Bingo! Schnell war der elektrische Stuhl erfunden, was so ziemlich jeden gefreut haben dürfte: Für abendliche Unterhaltung war wieder gesorgt, und den Energiemultis spülte die volt- und wattlastige Zitterpartie ordentlich Cash in die Kassen. Die Bedenken der Hinrichtungsgegner und des Zappelphilipps auf dem Stuhl konnte man da getrost vernachlässigen.
In diesem Sinne hier die Preisfrage: Was ist noch wirkungsvoller als ein bisschen Energie? Nun, viel Energie natürlich. Nichts bringt mehr Energie in die Bude als eine zünftige Kernspaltung. Mag sich mir die Funktionsweise der Atomtechnologie mangels physikalischem Background entziehen, so weiß das Resultat doch zu überzeugen, hält Atomstrom doch zumindest theoretisch den Energiepreis unten. Des einen Freud ist jedoch bekanntlich des anderen Leid. Besonders im fernen Japan. Denn Uncle Sam, der zuerst die krude Idee, mit Hilfe des Atoms auch ordentlich Rabatz zu machen, umgesetzt hatte, ließ sich seinerzeit schlecht gelaunt im asiatischen Raum blicken und sorgte mit seiner bösen Bombe dafür, dass das Land der aufgehenden Sonne seinem Namen alle Ehre machte. Eine fürchterliche Sache. Jedoch wohl nicht fürchterlich genug, und so ließ man‘s gleich noch mal richtig krachen. Das war‘s dann aber glücklicherweise, denn bevor der Amerikaner aller guten Dinge drei sein ließ und so den späteren Siegeszug von Plasma-TV, Playstation und Porno-Mangas allzu effizient verhindern konnte, gab Japan lieber klein bei.
Tja, und was bietet die Moderne? Nun, die letzte große Erfindung dürfte wohl das Internet gewesen sein. Und offenbar war es ja mit jeder, aber auch wirklich mit jeder wichtigen Errungenschaft möglich, dem Abmurksen seinesgleichen eine ganz neue Qualität zu verpassen. Wie jedoch soll das bitte mit dem Internet funktionieren? Allerhand Schindluder lässt sich damit ja treiben: Datenklau, illegales Filesharing, anonyme Verunglimpfungen, exzessiver Pornokonsum, sinnfreie Zensurmechanismen, und und und. Aber Blut und Morde? Soll man dem Subjekt persönlicher Hasstiraden das Modem über den Schädel zimmern? Das konnte wiederum der Stein schon besser. Chatten bis zum Hirnversagen? Vielleicht, aber etwas weit hergeholt. Doch ist das Internet ja noch jung, und wie sagte ich eingangs? Der Unsinn des menschlichen Verstandes reicht ins Unendliche. Daher bin ich mir ziemlich sicher, dass irgendeinem klugen Kopf in den kommenden Jahren eine passable Möglichkeit einfällt, um die Ausbreitung der menschlichen Population einmal mehr effektiv einzudämmen. Man darf gespannt sein.
Ich wollte ja etwas weniger über mich selbst bloggen, mehr Weltliches dafür und so. Bisschen Humoriges. Oder auch mal was mit pseudokünstlerischem Anspruch. Macht schließlich deutlich mehr her, wird gemeinhin lieber gelesen, etc. Aber ach, die Tickets sind so hübsch gestaltet, so schön vergriffen (nur noch via Ebay erhältlich), sind so… Nun, ich hab halt welche.
Hab gestern eher zufällig, um den Wecker zu testen, weil ich mir nicht sicher war, ob der noch klingelt oder ganz heimtückisch einfach stumm bleibt und mich gnadenlos verpennen lässt, ein, sozusagen, Probeklingeln durchgeführt. Fast wie ‘ne Feueralarmprobe, nur eben im kleinen Kreis. Klar. Und dann, uh, das verhasste Piepsgeräusch. Nun ist man ja quasi doch irgendwie Pawlowscher Hund auf zwei Beinen, und so assoziiert man dieses ekelhafte Gepiepse mit frühem Aufstehen, mit Ungemütlichkeit, mit kalten Füßen und Gänsehaut auf den Unterarmen halt. Sogleich möchte man sich lethargisch den Morgenmantel überwerfen, schlaftrunken zur Kaffeemaschine wandeln oder eben erst mal das Klo mit der kalten Brille heimsuchen. Ganz nach Belieben. Wie dem auch sei, es war ja später Abend, nicht Morgen. Und sobald der Pawlowsche Hundeanteil des eigenen, wirren Kopfes das realisiert, stellt man fest, dass man unheimlich glücklich ist, dass das Wohlbefinden ins Unermessliche gesteigert worden ist, dass man einfach gerade den perfekten Augenblick durchlebt. Denn man muss ja eben nicht aufstehen. Seltsames Phänomen, aber doch irgendwie logisch nachvollziehbar. Sollte ich öfter anwenden, um, nun, den Stakeholder-Value meines Schlafzimmers kurzfristig zu steigern. Oder so.
Öhm, nun kommen einem ja in den seltsamsten Momenten die seltsamsten Gedanken. Kürzlich ging ich an einem Herrn mittleren Alters vorbei, der gemütlich an sein Auto gelehnt stand, eine Senfgurke aus seinem, nun, Senfgurkenglas zog und diese genüsslich verzehrte. So ganz, als wäre dies das Geheimnis des Glücklichseins. Unbeschwertes Senfgurkenessen. Warum auch nicht? Aber ach, ich schweife ja schon wieder ab. Jedenfalls fiel mir dabei ein, dass ich seinerzeit in einem Blog herumgeschnüffelt hatte, in dem es Minimalprosa zu bestaunen gab. Winzig kleine Kurzgeschichten, die nichts anderes tun, als die Phantasie anzuregen. Mein Erstling war, betrachtet man meinen ausladenden Eingangsgedanken einmal mehr:
“Die ruhigen Momente machen das Leben perfekt”, sagt er, grinst und nascht eine weitere Gurke aus dem Einmachglas.
Macht im Kontext ja Sinn. Nun wäre ich aber wohl nicht ich, wenn ich mich über Unbeschwertheit auslassen würde. Also drauf gespuckt und noch mal nachgedacht. Letztlich entstand dann die folgende kleine Reihe aus 13 Minigeschichten. Jede aus 13 Wörtern. Klar.
13 : 13
In vier Sekunden pralle ich auf dem Boden auf. Ob ich wohl Schmerzen –
Im Dunkel der Schattenwelt ahnte Martin nur, dass unsichtbare Zähne sich geifernd näherten.
Kein Passant entdeckte Maike im hohen Gras. Ihre aufgeschnittene Kehle fraß alle Schreie.
Sabine lächelte ihrem Mann zu. Das Rattengift im Essen würde viel Freude bringen.
Doktor Kaiser sah zu, wie die Leber seines Patienten in der Pfanne anbriet.
Sebastian beobachtete Marina lange durch das Fernrohr, bevor sein Finger den Abzug betätigte.
Verdammter Mist, dachte Inge. Jetzt hatte doch eines seiner Einzelteile das Kanalrohr verstopft.
Klaus wusste instinktiv, dass eine falsche Bewegung seine Knochen noch weiter zermalmen würde.
Die Jäger hatten Jörg letztlich gefunden. Vor seinen Augen luden sie ihre Gewehre.
Einige Zuschauer beschlich das Gefühl, dass die Vergewaltigung auf der Bühne echt war.
Mareike hatte sich versehentlich im Tresor eingeschlossen, und das lange Wochenende stand bevor.
Stundenlang weinte Christian, bevor er seiner schlafenden Frau das Messer ins Herz trieb.
Scheiße, ich rutsche doch über die Kante. Hoffentlich breche ich mir nicht das -
Du wühlst auf iThought 2 gerade in den Archiven zum Mai, 2009.
Phan-Who?
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.