Gerade entdeckte ich beim Löschen des täglich anfallenden Spam-Befalls, was mich zuweilen an lästiges Schneeschaufeln erinnert, ein hübsches Mail-Kleinod:
Hallo [Hier stand mein Name],
wir haben ihre Versicherungen und Möglichkeiten geprüft und stellen fest, es ist an der Zeit neue Tarife zu verhandeln. Denn nur so können sie mit [unglaublich dreister Spam-Verteiler] jährlich bis zu 5.000 Euro sparen.
[Dann folgten jede Menge toller Links mit Vorschlägen für den Sparfuchs an sich...]
Find ich fantastisch, was die von dieser Seite, die ich übrigens nicht kenne, alles checken können. Habt ihr auch gleich meine Unterhosen gecheckt und festgestellt, dass ich ein Dutzend neue brauchen könnte, weil die Gummizüge bereits spröde und ausgeleiert sind? Ganz zu schweigen davon, dass ihr wahrscheinlich mal so eben hinten herum meinen Hintern gecheckt habt, um festzustellen, dass ich den ruhig mal mit Heißwachs enthaaren könnte, was? Meine Güte, im Internet sind sie auch wirklich alle um mein Wohl besorgt. Schön.
Er las es in der Zeitung. Zuerst meinte ein Teil seines unabänderlichen Verstandes, es müsste sich um eine andere Elise handeln. Natürlich, es konnte nicht DIE Elise sein. Doch der kleine Kasten mit der schwarzen Umrandung verriet Rüdiger schließlich auch das Geburtsdatum, was die Zweifel recht schnell ausräumte.
Elise Ritter geb. Krauss *19.01.1971 †20.06.2009 In Liebe und in Dankbarkeit
Und hatten die Spatzen es nicht ohnehin schon vom Dach gepfiffen? Erst vor zwei Tagen beim Einkaufen war die dicke alte Erna Brauer mit ihren vollen Einkaufstüten wie ein Pinguin auf Rüdiger zugewatschelt, um ihm nur ganz schnell ihr Beileid auszusprechen.
»Elise hatte einen Autounfall?«, hatte er rückgefragt und versucht, ein wenig Entsetzen in seiner Stimme mitklingen zu lassen. »Nein, das wusste ich noch nicht. Wissen Sie, Frau Brauer, ich habe zu meiner Exfrau keinen Kontakt mehr gehabt. Zumindest nur noch selten. Aber haben Sie Dank. Ich werde mich natürlich mit den Angehörigen in Verbindung setzen.«
Hatte er selbstverständlich nicht getan. Zugegeben, für einen Augenblick hatte er tatsächlich darüber nachgedacht, Horst anzurufen. Horst. Horst! Wer war überhaupt Horst? Sie hatte wieder geheiratet – und dann ausgerechnet diesen Horst Ritter. Nicht ganz helle, arbeitete von früh bis spät auf dem Bau. Ein Mann wie ein Bär. Kein drahtiger Informatiker wie Rüdiger einer war. Was sie von dem nur gewollt hatte? Natürlich hatten Rüdiger und Elise sich einvernehmlich getrennt. Vor zwei Jahren schon – nach nur fünf Jahren Ehe. Aber hatte sie denn gleich wieder heiraten müssen? Das hatte den Kleinkrieg schließlich erst entfacht. Und dann ausgerechnet diesen dämlichen Horst! Er hatte Horst nicht angerufen. Was hätte er ihm denn sagen sollen? Mein Beileid zum Tod meiner, nein, DEINER Frau? Willkommen in der Truppe, Sohn? Nein, es hätte keinen Zweck gehabt.
Während Rüdigers Augen nun wieder und wieder die Zeilen überflogen, verfestigte sich die Gewissheit in ihm. Ja, sie war tot. Hier stand es doch! Schwarz auf weiß! Die Feder war mächtiger als das Schwert, also musste sie auch die Wahrheit sprechen. Rüdiger nickte, ohne es zu merken. Er erhob sich von dem klapprigen Stuhl und legte die Zeitung auf den Küchentisch. Noch einmal betrachtete er die kleine, schlichte Todesanzeige in der Ecke der aufgeschlagenen Seite. Und nun schlich sich ein leichtes Grinsen in sein Gesicht. Hatte Gott ihm also endlich Gerechtigkeit zuteilwerden lassen und diese undankbare Frau mit einem symbolischen Blitz niedergestreckt! Ha, dachte Rüdiger, welch grandioser Start in einen wunderbaren Tag!
Natürlich gehörte es sich nicht, sich über den Tod eines Menschen zu freuen. Schon gar nicht über den dieses ganz bestimmten Menschen. Aber reichte es nicht, zu wissen, dass es sich nicht gehörte? Im Endeffekt war es doch wie mit der Schadenfreude: Man weiß, dass sie falsch ist, und dennoch genießt man sie auf eine spezielle Art. So, wie man Bitterschokolade genießt, die auch nie so wirklich schmeckt. Solange Rüdiger wusste, dass er sich falsch verhielt, war doch nichts dabei, ein wenig vom Triumph zu nippen.
Er schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien. War es nicht ein wunderbarer Morgen, um auf dem Balkon zu frühstücken? Mit einer schwungvollen Handbewegung zog Rüdiger die Kühlschranktür auf und prüfte sogleich den Inhalt. Alles da. Mit einem geträllerten Bohemian Rhapsody auf den Lippen stellte er alles auf das leicht eingestaubte Tablett, das er kurz suchen musste, um es dann angelehnt neben dem Kühlschrank zu finden: Käse, ein wenig Schinken, Erdbeermarmelade, die selten gebrauchte Halbfettmargarine und natürlich das geschnittene Brot. Den Kaffee würde er sogleich nachholen. Mit dem Tablett voraus schob er sich auf den sonnenbeschienenen Balkon. Sofort fiel ihm das unschöne Bild auf: Was hatten all die leeren Kartons hier zu suchen? Unbedingt aufräumen, vermerkte Rüdiger sogleich auf seinem gedanklichen Notizblock. Wie lange er schon nicht mehr hier draußen gesessen haben musste. Fast drei Jahre musste das doch schon her sein. Er wischte den Gedanken rasch hinfort, zuckte mit der Schulter und ging wieder ins Haus, um den Kaffee zu holen.
Die Vögel sangen ihre Oden auf den Tag und das Leben, während die Sonne allmählich höher stieg und die Luft in ein warmes Kleid hüllte. Ein schöner Tag, doch den Kaffee hatte Rüdiger irgendwie heute nicht hinbekommen. Und das Brot musste wohl auch schon zu lange herumgelegen haben. Ihm schmeckte es heute einfach nicht, und so beschloss er, alles wieder abzuräumen. Der herrliche Tag ließ sich auch für einen Spaziergang nutzen.
Auf dem Weg nach draußen warf Rüdiger noch einmal einen flüchtigen Blick in die Zeitung. Elise Ritter. Schwarz hatte sie geheißen. Damals. Nicht mehr Krauss und schon gar nicht Ritter! Rüdiger warf die Tür zu und ging gemächlich die Hausflurtreppe herab. Another One Bites the Dust lag ihm auf den Lippen. Eigentlich war es doch ein Tag zum Feiern.
Irgendwie war der Stadtpark auch nicht mehr das, was er mal gewesen war, stellte Rüdiger schwermütig fest, nachdem er den verspielt verschnörkelten Weg inmitten durch die Wiesen, vorbei an Bäumen und dem großen Teich, ein Stück weit gegangen war. Die mussten hier umgebaut haben. Früher war das doch schöner gewesen. Und nun? Die ganze Atmosphäre hatten sie dem Park genommen. Warum betonierten sie ihn nicht gleich zu, wie auch den Rest der Stadt? Rüdiger fühlte sich sehr unbehaglich. Nein, ein Spaziergang hier war nicht das Wahre. Augenblicklich machte er kehrt und ging zurück nach Hause.
Immer wieder fiel sein Blick in die Zeitung. Ja, sie war gestorben. Einige Male blickte er auf das Telefon, das stumm blieb. Auch er rief niemanden an. Er würde den Tag einfach auf seiner Couch verbringen und ein wenig fernsehen. Vielleicht war das heute genau das Richtige, um die Jubelstimmung zu genießen.
Das Fernsehprogramm war wieder einmal fürchterlich. Typisch.
In der Nacht fand Rüdiger kaum Schlaf. Viel zu oft musste er sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischen. Manchmal war es doch wie verhext, dachte er, als er gerade das Kissen herumdrehte, um auf der trockenen Seite liegen zu können. Da musste er doch tatsächlich weinen, ohne zu wissen, weshalb. An einem so wunderbaren Tag.
Freitagsmusik steht an, und alle so, yeah! Nun mag »Ertrinken« von den Düsseldorfer Hosen zwar nicht gerade die passende Klangkulisse für den feuchtfröhlichen Genuss des hoffentlich verdienten Feierabends sein, aber es ist eben ein so schönes Lied. So stimmig. So auf den Punkt gebracht. So ich. Einfach so eben.
Die Wesen in der Zwischenwelt hassen mich. Oder sie lieben mich, weil sie mich als fleischgewordene Sitcom betrachten. So genau kann ich das noch nicht einschätzen, aber etwas davon muss es wohl sein. Am letzten Sonntag war ich nämlich joggen, wie ich es sonntags eben so tue, und verwechsle doch beim Laufen auf meiner gewohnten Strecke fast die dicke Tretmine aus dem Allerwertesten eines Menschen besten Freundes mit zusammengeknülltem Laub. Mit einem gekonnten Sprung zur Seite entging ich dem Unheil. Scheiße an den guten Laufschuhen! Das wäre es ja gewesen. In dem Zusammenhang fiel mir dann auf, dass ich seit vielen Jahren nicht mehr in die Scheiße getreten bin – jedenfalls nicht in echte mit Aroma. Tja, und was klebt am Montag, also nur einen Tag später, kurz nach Feierabend plötzlich unter meinem Schuh? Ein frisches Stück brauner Masse, die man nicht anfassen möchte. Wie soll ich das also deuten? Einfach nur Pech? Selektive Wahrnehmung? Verdammte Zwischenweltwesen! War jedenfalls eklig, die Reste, die weder Laub noch Gras zu entfernen vermochten, daheim aus dem Profil zu kratzen. Grmpf!
Dabei fällt mir eine alte Weisheit ein, die mich meine Eltern schon frühzeitig gelehrt haben: Der Westdeutsche hat grundsätzlich kein Problem damit, wenn jemand mit Schuhen durch sein häusliches Domizil latscht, während dem Ostdeutschen Selbiges so gar nicht behagt. Da gibt’s dann eben Hausschuhe für den Gast, oder aber selbiger muss auf ausgelegten Zeitungsbahnen laufen. Das liegt wohl daran, dass der Ostdeutsche von Welt sich vor allem auf Teppichen wohlfühlt, während der Westdeutsche seit jeher das Parkett zu bevorzugen scheint. Seltsam eigentlich. Bröselt aber in der jüngeren Generation auf, wie ich selbst merke. Nun ja, jedenfalls war ich klug und musste weder Hundekot aus dem Teppich scheuern, noch musste ich das Parkett wischen. Hab die Kacktreter einfach vor der Haustür ausgezogen und dann direkt zur Kontamination gebracht. Habe ich übrigens erwähnt, dass das ziemlich unschön war? Grmpf!
Ich hasse Weihnachten! Wie, es ist noch gar nicht Weihnachten? Seltsam, dass draußen alles blinkt und leuchtet, als wäre die Welt ein überdimensionierter Christbaum oder aber ein Freiluftspielcasino. Glücklicherweise bin ich vollkommen immun gegen die immense Reizüberflutung, die einem das Geld bereits aus den Taschen zieht, wenn man nur zu lang hinschaut.
Und so schritt ich soeben während meines Einkaufs – der Mann von Welt muss schließlich essen, sonst stirbt er – konsequent durch die aufgetürmten Reihen an Süßkram wie einst Moses durchs Rote Meer, immer das Ziel direkt vor den stressgeröteten Augen. Nämlich das Regal mit dem Tomatensaft. Im Gegensatz zu meinem Lieblingsmüsli kann ich mir hier immerhin jedes Mal sicher sein, dass mir keiner den letzten Karton vor der Nase wegschnappt, denn abgesehen von mir, trinkt das Zeug schließlich keine Sau. Soweit, so gut. Raus aus dem Laden, nichts Weihnachtliches gekauft. Yeah!
Dann überall diese Weihnachtsmärkte, die sie einem in den Weg stellen! Ich meine, mich erinnern zu können, dass die einst am letzten Novemberwochenende starteten. Seltsam. In einigen Jahren kann ich dann wahrscheinlich auf dem Rückweg vom feuchtfröhlichen Sommerfestbesuch drüberschlendern. Ganz abgesehen davon, dass ich das gar nicht will, denn diese blöden Märkte, die nichts anderes sind als gigantische Duftproben für konsumierbares Backwerk und Glühwein, sind ohnehin nur für glückliche Pärchen begehbar. Und nichts für verbitterte Allzeitsingles wie mich, die sich tagtäglich an ihrer Erfolglosigkeit erfreuen dürfen bzw. müssen. Ahem. Ja, verbittert! Sollte also da draußen ein nettes Mädel hocken, mitlesen und sich denken, och, der scheint aber ganz nett zu sein, also sprech ich ihn mal an – vergiss es!
Ich schweife ab, nicht wahr? Nun gut, es fällt mir auch ein wenig schwer, mich auf das verhasste Thema Weihnachten zu konzentrieren, denn hier im trauten Heim ist es etwa so weihnachtlich wie zur Mittagsstunde in der Sahara. Adventskränze, -kalender und Weihnachtsbäume sucht man bei mir vergebens. Einzig weihnachtlich ist während der bewegungsaversen Winterphase die Staubschicht, die sich wie Schnee auf mein Mobiliar legt. Schön. Nee, stattdessen gibt’s bei mir wie immer gepflegte Rockmusik zur allabendlichen Belustigung auf die Ohren. Und wenn der Rest der westlichen Welt am Heiligen Abend schließlich den Griff zur Gans aus der Röhre wagt, verzichte ich auch gern darauf. Bei mir gibt’s nur Weihnachtsgans N’ Roses aus dem CD-Player. Entschuldigt bitte den Scherz.*
Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja: Ich hasse Weihnachten! Hab ich das schon erwähnt? Nein? Doch? Gut.
*Der Phonetikwitz zu den Weihnachtsgans N’ Roses stammt übrigens von Nacki, der hier ab und an mal als Ugla mitkommentiert. Ja.
Wenn ich am Vorabend etwas zu großzügig mit mir selbst in Sachen Alkoholkonsum war, so bin ich am nächsten Tag meistens ein klitzekleines Bisschen vom schlechten Gewissen geplagt. Warum das so ist, erschließt sich mir zwar nicht, aber dennoch bietet dieses seltsame Gefühl mir die Gelegenheit, Ordnung in die Dinge zu bringen. Welche Dinge? Ja alle halt, die sich so anstauen, die man vor sich herschiebt wie große Dreckhaufen vor einem gewaltigen Besen und die es dann eigentlich so nach und nach abzuarbeiten gilt. Da wollen Unterlagen ausgefüllt werden, Briefe an nette Menschen geschrieben werden [Ja, ich tue das mitunter!], es wollen Sporteinheiten absolviert werden und und und. Wenn man das alles richtig regelt, bleibt übrigens sogar noch genug Zeit, der Internetsucht zu frönen. Toll. Tja, und das hat heute sogar alles mal funktioniert. So gut wie alles, was ich erledigen wollte, habe ich erledigt und fühle mich daher nun tatsächlich, als hätte ich das ultimative Feng Shui für mich entdeckt. Unsagbar! Vielleicht sollte ich mir samstags regelmäßig einen Umtrunk gönnen? Hm, das überleg ich mir noch mal.
[Nachtrag: Sogar gebloggt hab ich was. Kaum zu glauben. Sinnvolles? Eher nicht, wie man liest. Aber darum geht es ja nicht.]
Muss ja zugeben, dass ich kein großer Dylan-Fan bin. Immer, wenn ich mir was von ihm anhöre, möchte ich mich sogleich beschwingt an die nächstgelegene Straßenlaterne hängen. Aber das zeigt wohl, dass die Musik ziemlich, hm, gelungen (?) ist. Wie dem auch sei, seit der hervorragende Streifen »Watchmen« im Kino lief, tue ich mir, ein wenig wehmütig aber doch immer wieder gern, das steinzeitige »The Times They Are A-Changin’« an, das dann heute mal zur Freitagsmusik herangezerrt wird. Viel Spaß beim Reinhören.
[Edit: Okay, eine Version, die auch bis zum Ende gespielt wird, ist dann doch besser. Daher also - Update!]
Ach ja, und so ganz nebenbei könnte der interessierte Leser geneigt sein, sich hübsche Kunst anzuschauen, die mir ganz gut gefallen hat. Wo? Na [hier].
Was macht man, wenn man nicht weiß, was man Feines berichten könnte? Hm, die Nachrichten meide ich in letzter Zeit ja, hab also nichts zu mosern und fühle mich so unverschämt ausgeglichen, dass ich fast schon glauben mag, eines Tages mit einer Axt durch die Fußgängerzone rennen zu müssen, um… Ach, lassen wir das.Daher Füße hochgelegt, lieber Leser, denn heute ist Anekdotenabend alá PhanThomas.
Da war ich also so um die sechzehn Jahre alt und arbeitete in den Sommerferien im Betrieb meines Vaters. Macht man ja so, wenn man sich ‘ne teure PlayStation kaufen möchte. Ja, damals war das eben so: Arbeiten und alles sogleich wieder verprassen, kaum, da die Kohle auf dem Konto angekommen war. In Sachen Geldpolitik eine kleine Ein-Mann-Bundesrepublik quasi.
Es war Mittagspause, und ich musste dringend mal auf, hm, na ja, aufs Klo eben. Erleichtert hockte ich nach getaner Arbeit da und griff zum typisch einlagigen Klopapier. Tja, leider jedoch grinste mich nur eine abgewickelte, splitternackte Papprolle an. Toll. Wie gut, dass es zwei Klos in diesem Gebäude gab, direkt nebeneinander lagen – getrennt durch eine hölzerne Trennwand. Sofort erhob ich mich, um in anstrengend gebückter Haltung ins Nachbarklo zu wackeln, als-
-die Tür aufflog und ein schnaufendes Etwas, das Geräusch der Schritte ließ knappe zwohundert Kilo wandelnde Fleischmasse erahnen, sich auf den Weg zum noch freien Lokus machte. Gesagt, getan, hockte er also da, machte, dass die Luft stank, schnaufte hier, schnaufte dort, wickelte ein wenig an der Klorolle und stahl sich frisch gewischt wieder davon. Derweil Stillschweigen auf meiner Seite der Trennwand – inklusive obligatorischem Luftanhalten, um die Senfgasattacke irgendwie zu überstehen. Nun ja.
Ruhe kehrte ein, die Luft wurde klarer, und es wurde endlich Zeit für mich, einen neuen Anlauf zu wagen. Wieder erhob ich mich, schlich mich ins andere, nun freie Klo und schloss augenblicklich ab. Ein Blick auf die Klorolle ließ jedoch sofort den fürchterlichsten Albtraum Realität werden: Es war nur noch das Pappröllchen übrig. Da hatte mein Vorsitzer tatsächlich ziemlich zugeschlagen.
Was also nun? Erkunden, wozu eine raue Handfläche in Extremsituationen wie dieser in der Lage ist? Oder Schändung des Hosenbodens unter der Gefahr, für den Rest des Tages von den Nase rümpfenden Kollegen umgangen zu werden? Die Panik überfiel mich wie ein durchgedrehter Kanarienvogel. Schweißperlen rannen mir von der Stirn. Es war aus.
Dachte ich – als ich im seitlichen Blickwinkel das mich rettende Utensil erblickte: eine Happy Weekend. Lektion fürs Leben: In Industriebetrieben hängen in den Produktionshallen mindestens drei Kalender mit groß- und barbusigen Damen, während auf den Betriebsklos immer, aber auch wirklich immer, Schmuddelheftchen zu finden sind. Je oller, desto doller. Oder so.
Nachdem ich das, hm, für damalige Verhältnisse noch recht brisante Material also sitzend gesichtet und qualiätsgeprüft hatte, musste ich mich dringend entscheiden. Sollte ich die Hochglanzdamen wirklich opfern? Klar! Raaatsch, los ging’s. Dumm an der ganzen Sache war eigentlich nur, dass Hochglanzpapier relativ wischresistent ist. Nun gut, das Resultat war somit leider, dass ein Großteil der nackten Nymphen dran glauben musste. Uh!
Nach Beendigung meiner schändlichen Tat machte ich übrigens, dass ich rauskam. Nur für den Fall, dass das schnaufende Etwas zurückkommen würde, um seine nun arg geschmälerte Qualitätsillustrierte zu holen. Und gleich darauf konnte ich eigentlich schon drüber lachen. Und tue es bis zum heutigen Tag.
Fast schon traditionell ist es, hier am gemütlichen Sonntag ein kleines Geschichtlein zu veröffentlichen. Nun könnte ich auch was anderes schreiben, aber da in meinem Leben derzeit gähnende Leere herrscht – meistens zumindest – mach ich’s einfach wie gehabt. Der folgende Text ist übrigens für ein kleines Plattenlabel gedacht und wird dann hoffentlich dort demnächst so ziemlich, huh, »independant« in einem kleinen Büchlein erscheinen. Ach ja, und falls der eine oder andere Leser sich fragen mag, an was ihn die ganze Geschichte denn bloß erinnert, so sind es mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit die [Critters].
Die Nacht der lebenden Igel
In der Hermannstraße war Ruhe eingekehrt. Die leergefegten Bordsteine waren längst hochgeklappt, und all die Eigenheime, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, schienen tief und fest zu schlafen. Lediglich die zirpenden Grillen untermalten die perfekte Stille, als Pantothenic Acid plötzlich in ihrem klapprigen VW-Bus um die Ecke schossen und die Ruhe mit geradezu blasphemischer Penetranz durchschnitten.
Pantothenic Acid – das waren Mike, Incredible Jürgen, Frank und Paul, alias Dr. Pepe. Und der Gig des Abends war leider ordentlich schief gegangen: Nicht nur, dass die Instrumente irgendwie partout verstimmt gewesen waren, auch die anwesende Klientel im Ultimate Fighter hatte guten Punk Rock einfach nicht zu schätzen gewusst – wie immer. Na immerhin hatte es genügend Bier für lau gegeben.
An der Hausnummer 54 kam der Bus mit quietschenden Reifen zum Stehen. Die Seitentür schob sich rasant auf, worauf sich eine dichte Nebelwolke ebenso an die frische Luft zwängte wie die lauten Riffs der Band NoFX, die aus den dicken Lautsprechern dröhnten.
»Haut rein, Jungs. Wir sehen uns übermorgen bei den Proben«, sagte Mike, während er aus dem Wagen sprang. »Ach und Frank«, schloss er an, »hau ihm eine rein, auch wenn er seine scheiß Brille aufgesetzt hat!« Gehässiges, lautes Gelächter setzte ein. Darauf grinste Mike, winkte den Jungs noch einmal lässig zu und wankte schwerfällig zur Haustür. Schon war auch der alte VW wieder unterwegs. Damit entfernten NoFX sich, und endlich kehrte die gemütliche Stille in die Hermannstraße zurück.
Gerade fixierte Mike mit den Fingern das Haustürschloss, um den rostigen Schlüssel trotz seines respektablen Alkoholpegels irgendwie rein zu kriegen, als er ein lautes Schnaufen vernahm. Was war das denn jetzt, zum Teufel noch mal? Verwundert blickte er sich um, doch konnte er partout niemanden entdecken. Und eigentlich kam das Schnaufen auch eher – ja, es kam von unten! Vorsichtig senkte Mike seinen Blick und erschrak prompt vor dem sich bewegenden Bündel auf der Fußmatte. Ein verdammter Igel hockte hier! Da hatte das scheiß Biest doch tatsächlich auf ihn gelauert, um ihn vor der eigenen Haustür zu erschrecken, oder was? In einem kurzen Wutanfall und ohne weiter nachzudenken, holte Mike mit dem rechten Fuß aus und kickte das arme Tier wie ein Lederei von der Matte. Ein kurzes, lautes Quieken des Igels verriet, dass Mike ganz ordentlich getroffen haben musste. Er sah dabei zu, wie das Vieh in hohem Bogen ins Gebüsch flog. Eigentlich, schaltete Mikes Gewissen sich plötzlich ein, war das jetzt ziemlich bescheuert gewesen. Und dennoch musste er grinsen, denn der fliegende Igel hatte ihn gerade an diesen blauen Stachelknilch erinnert, den er noch aus seinen alten SEGA-Konsolen-Zeiten kannte. Sonic, hieß das Ding, fiel es ihm ein.
Für einen Moment schaute er zum Gebüsch hinüber. Nichts. Dann zuckte Mike mit den Schultern und betrat die Wohnung. Wenn er sich in der Zeit nicht so ganz vertan haben sollte, müsste er es eigentlich gerade noch rechtzeitig zum Anfang von Apocalypse Now schaffen. Bestimmt würden sie wieder diese scheiß geschnittene Version für Kleinkinder zeigen. Eine riesige Sauerei war das. Filme waren Kunst! Könnte man bei der Mona Lisa die Titten sehen, würde die schließlich auch niemand überkleben wollen. War doch so!
Mike torkelte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und kniff vor dem Licht die Augen zu. Dann griff er den angefangenen Milchkarton aus dem Seitenfach, öffnete den Schraubverschluss und nahm einen kräftigen Schluck. Die Milch lief ihm an den Mundwinkeln herab, verteilte sich über sein T-Shirt und tropfte auf das Laminat. »Scheiße«, murmelte Mike, als er das Malheur sah, und wollte sich gerade daran machen, die verschüttete Milch mit Küchentüchern wegzuwischen, als ein lautes Scheppern aus dem Wohnzimmer an sein Ohr drang. Eigentlich sollte hier niemand weiter sein! Niemand, außer er und ein Kasten mit lauwarmem Bier neben der löchrigen Couch.
Leise schlich er sich hinüber ins dunkle Wohnzimmer. Ein wenig aufgeregt blieb er vor der Tür stehen, doch dann fasste er sich – dem Pegel sein Dank – ein Herz, griff blitzschnell mit der Hand nach dem Lichtschalter und sprang ins Zimmer. Hier war wirklich niemand. Doch da – auf dem Fußboden, direkt vor dem Fernseher lag der Center-Speaker seiner sündhaft teuren Surround-Soundanlage auf dem Boden – zerbrochen in zwei Hälften. Mike sah nach oben. Genau an der Stelle, an der eigentlich ein funktionstüchtiger Center-Speaker stehen sollte, saß so ein beschissener Igel herum. Schon wieder, verdammt! Hier musste es ein Nest geben, dachte Mike. Er spürte, wie die Wut abermals in ihm hochkochte, und schon war er dabei zu überlegen, wie er das Mistvieh wieder aus der Bude befördern konnte. Am besten würde er einfach ein Sofakissen greifen und das Biest erst mal vom Fernseher schmeißen. Anfassen wollte er das Stachelding ganz sicher nicht.
Gerade, als er zur Couch hinüberstürmen wollte, spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz am kleinen Zeh seines linken Fußes. Er schaute nach unten und schrie vor Schreck auf. Ein weiterer Igel hatte sich unbemerkt angeschlichen und sich genüsslich in seinem Zeh festgebissen. Mike konnte bereits ein kleines Blutrinnsal an seinem Fuß erkennen, worauf er den Fuß vorschnellen ließ und den Igel wegtrat. Wieder dieses Quietschen. Wo, verdammter Mist, kamen all die Viecher her? Gab es hier Löcher in den Wänden? Wieder schaute er zum Fernseher hinüber und stellte mit Entsetzen fest, dass der Igel, der auf selbigem hockte, ihn anzustarren schien. Ja, Mike hätte sogar schwören können, dass das Tier ihn geradezu hämisch angrinste. Scheiße auch, konnten Igel überhaupt grinsen?
Schweißperlen sammelten sich auf Mikes Stirn. Mit der Hand wischte er darüber, strich er sich das lange, schwarze Haar aus dem Gesicht und sah im selben Moment, dass direkt vor ihm drei weitere Igel um den Sessel gekrabbelt kamen. Sie schnauften wie Dauerläufer und hielten ausgerechnet genau auf Mike zu. Der Igel auf dem Fernseher derweil, blieb völlig regungslos und starrte ihn noch immer diabolisch an. Und ob das Vieh grinste, dachte Mike, bevor er zu der Einsicht kam, dass es eine ziemlich gute Idee sein würde, das Wohnzimmer augenblicklich zu verlassen.
Er rannte durch den Flur, zurück in die Küche. Sofort sah er, dass der Milchkarton, aus dem er soeben noch getrunken hatte, nun auf dem Fußboden lag. Die Milch hatte sich über das Laminat ergossen, und in der Pfütze hockten sechs weitere Igel, die sich an ihrem Freigetränk gütlich taten. Als sie Mike bemerkten, hörten sie jedoch sofort auf zu trinken. Sie sahen ihn mit ihren kleinen (bösen) Knopfaugen an, dann bewegten – nein – marschierten auch sie auf ihn zu. Das war endgültig genug! Mike stürzte zur Haustür, wollte diese Hölle sofort verlassen. Kurz vor dem rettenden Ausgang sah er mit schreckgeweiteten Augen, was er gewiss nicht sehen wollte: Mindestens ein Dutzend weiterer Igel hockte wartend an der Haustür. Sie glotzten ihn an und gingen sofort wie tollwütige Hunde auf ihn los. Panisch blickte Mike nach allen Seiten. Vor ihm waren Igel, hinter ihm sowieso. Rechts war eine verdammte Wand und links war – das Bad!
Ohne lange nachzudenken, riss Mike die Badezimmertür auf, stürmte ins Bad und schloss sofort die Tür ab. Plötzlich kam ihm der grauenhafte Gedanke, dass auch hier durchaus Igel sein konnten. Er sah sich um, konnte jedoch glücklicherweise keines dieser stacheligen Monster entdecken, worauf sein Herz etwas langsamer zu schlagen schien. Was wollten die überhaupt von ihm? (Rache)
»Ich hab es nicht so gemeint. Ehrlich Leute, es tut mir leid«, brüllte Mike. Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Doch dann, dieses Scharren. Immer deutlicher wurde es, und nun musste Mike hilflos mitanhören, dass die Igel offenbar bereits begonnen hatten, die Badezimmertür zu bearbeiten. Würden sie sich durch das Holz hindurchgraben können? Scheiße – diese Tür, fiel es Mike wie Schuppen von den Augen, war doch nur aus billigen Spanplatten! Am falschen Ende gespart, ganz eindeutig!
Viel Zeit zum Überlegen würde nun wohl nicht mehr bleiben. Seine Gedanken hasteten panisch über die Badezimmergegenstände, als ihm die simple Lösung auch schon ins Auge stach: Das Fenster, klar! Darauf hätte er auch gleich kommen können. Es war klein und etwas hoch gelegen, doch er würde sich hindurchzwängen können. All das Bier hatte bei ihm glücklicherweise nie auf die Linie geschlagen. Mit einem beherzten Sprung war er auch schon an Ort und Stelle und öffnete das Fenster mit schnellem Griff. Gerade wollte er sich mit den Händen am Fensterbrett hinaufziehen, als das Grauen ihn packte: Unzählige Igel fielen von draußen durch das Fenster wie Kohlen in einen Kellerschacht – und damit direkt ins Bad. Mike schrie laut auf. Er taumelte rückwärts, stolperte dabei über das Klobecken und stürzte ziemlich schmerzhaft zu Boden.
Fraßen Igel überhaupt Fleisch? Die Bandprobe konnte er jedenfalls vergessen, war Mikes letzter Gedanke, bevor die flinken Igel begannen, eifrig an seinen Beinen zu nagen und die heraufbrechenden Schmerzen ihm endgültig die Sinne raubten.
Bevor wir, soll heißen ihr und ich, uns ins Wochenende stürzen, gibt’s noch ein wenig feine Musik. Quasi zum Ausklang einer eventuell arbeitsintensiven Woche. Das fulminante »Can’t Stop« von den Red Hot Chili Peppers – zwar schon etwas älter, dafür aber zeitlos gut – stiftet genügend Erholung, um sich fußwippend in den Feierabend zu takten, spült nebenbei ganz hübsch die Gehörgänge, und zu alledem ist das Video auch noch sehr ansehnlich geraten. Was will man mehr?
Du wühlst auf iThought 2 gerade in den Archiven zum November, 2009.
Phan-Who?
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.