Ah, fast hätte ich es ja vergessen! Alt wie die Arche Noah, aber vielleicht ist ja der eine oder andere Jungspund unter den Lesern, der’s noch nicht kennt. Von daher hier einmal mehr das gute alte »Stenkelfeld«, quasi das modernere »Dinner for One«.
Von fulminantem Feuerwerk.
Freitag, 31. Dezember 2010 § 0 Kommentare
Kein Rückblick.
Freitag, 31. Dezember 2010 § 4 Kommentare
Jetzt hatte ich hier doch eigentlich diverse Postings zur Jahresrückbetrachtung vorbereitet, und anschließend gefiel mir doch keiner so recht. Zu schwammig, zu persönlich, zu langweilig, ach, überflüssig eben. Fassen wir uns also alle bei der Hand und wünschen uns, dass das nächste Jahr besser wird als dieses, unabhängig davon, ob dieses Jahr schon der Himmel auf Erden oder doch ein quälender Marsch durch gekochten Hundekot in der Hölle war. Wünschen wir uns, dass wir gesund, fidel und potent bleiben oder es wieder werden, wünschen wir uns, dass der ominöse »Terror« uns auch im kommenden Jahr fern bleibt, dass Guido Westerwelle verschollen geht, am besten die ganze FDP, von mir aus auch, dass die Benzinpreise stabil bleiben, wünschen wir uns einfach, dass nichts schlechter und vieles besser wird, dass der Rohrkrepierer von einer Gesundheitsreform uns nicht allzu sehr fuchst, wünschen wir uns, dass wir alle ein wenig mehr lächeln werden, weil wir alle ein gutes Stück glücklicher geworden sein werden, einfach, weil 2011 eine so hübsche Zahl ist und die Reiter der Apokalypse trotz unzähliger Endzeitfilme aus den Achtzigern immer noch nicht da waren. In diesem Sinne allen freundlichen Mitlesern einen guten Rutsch ins nächste Jahr und allen weniger freundlichen ein Furunkel am Hintern.
Damals, die Zweite.
Dienstag, 28. Dezember 2010 § 4 Kommentare
In diesen besinnlichen Zeiten kann man prinzipiell ja gar nicht zu genüge in der Vergangenheit wühlen. Heute vielleicht mal mit ein paar Gedanken, die mir letztens beim Kaffeekochen so kamen. Warum beim Kaffeekochen? Vermutlich, weil ich dauernd Kaffee koche.
Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass ich ein so patentes Kerlchen geworden bin. Ich und, hm, vermutlich auch genügend andere derer, mit denen ich meine Kindheit so verbracht habe. Voller Toleranz, Akzeptanz und anderer wohlmeinender »anz«-Wörter. Wenn ich bedenke, mit welchen Vorurteilen und hinterwäldlerischen Ansichten ich als Dreikäsehoch so bombardiert wurde, wäre es eigentlich kaum verwunderlich, wenn ich heute als Redneck auf irgendeiner Veranda sitzend mit der Flinte auf dunkelhäutige Imigranten ballern würde.
Meine Eltern nämlich, aufgewachsen in der DDR und zeitlebens behütet vor anderem Kulturgut, taten so Einiges, um aus mir einen ausgewachsenen Rassisten zu machen – und das nicht mal böswillig, sondern einfach, weil sie’s nicht besser wussten. Schwarze (Uh, nennt man die heute noch so?) waren grundsätzlich »Neger«, und überhaupt sollte man denen bloß nicht zu nahe kommen, weil die ja böse waren und seltsam rochen und überhaupt. Vermutlich dachte man das im Westen auch von den Ostdeutschen. Nun ja. Herrje, ich möchte nicht wissen, wie viele weitere Vorurteile mir zugetragen wurden, die ich heute einfach nur inzwischen vergessen habe. In der Grundschule tat man dann in der fünften oder sechsten Klasse Vieles, um uns zu vermitteln, dass der Ausländer von nebenan so bitterböse ja gar nicht sei. Eigens dazu gab’s dann einen Kulturtag, an dem, öhm, einige afrikanischstämmige Gäste vorbeikamen. Hm, ich meine, mich zu erinnern, dass einer von denen später in der Zeitung war, weil er einem Trupp schlecht gelaunter Neonazis in die Arme gelaufen war. Bei denen hatte die elterliche Erziehung vermutlich gefruchtet.
Bei mir hat’s glücklicherweise mit der richtigen Erziehung irgendwie von selbst geklappt, lange bevor man in der Schule darauf kam, was tun zu müssen. Lag vermutlich am Fernsehen. Politische Korrektheit im kapitalistischen Konsumapparat! Und da schimpfe noch einer auf die gute alte Flimmerkiste.
Damals, ja, damals.
Sonntag, 26. Dezember 2010 § 3 Kommentare
Mitunter vergesse ich schon mal, dass ich ja im Fall von Langeweile dieses Blog-Dingens hier vollschreiben und so meine Mitmenschen mit eigentlich absolut unnützen Textbeiträgen vollsülzen kann. Da der Tatbestand der Langeweile gerade gegeben, das Jahr quasi so gut wie vorübergezogen und beides zusammen ein hervorragender Nährboden für ein wenig verbale Melancholie ist, werde ich jetzt dazu übergehen, unglaublich melancholisch zu sein. Ein Blick in die Vergangenheit des PhanThomas, für den früher so gar nichts schlecht und doch so vieles besser als heute war.
Ach, früher. Heute sitze ich hier, tippe auf meinem von Bratfett verschmierten MacBook, schaue mich hin und wieder um und seufze ob der Leere im Zimmer und vermutlich auch der grässlich missmutigen Musik wegen, die links neben mir aus den Lautsprechern dudelt. Damals, ja, damals, da hatten wir keine MacBooks, und deswegen tippten wir auch kein missmutiges Zeug. Ja, früher war alles irgendwie noch ganz anders.
Wenn mir nämlich früher langweilig war, dann saß ich nicht dumm herum und starrte ins MacBook, nein, ich saß dumm herum und starrte in den PC-Monitor – damals noch astreine Röhre, optischer Strahlentod mit unbefriedigender Maximalauflösung. Damals, da konnte ich morgens aufstehen, mich mit einer Schüssel Cornflakes (vorwiegend was mit Schokolade) stärken und dann die laut röhrende Mühle von einem Computer anwerfen, um zu spielen, bis ich viereckige Augen bekam. Damals, ja, damals, da bekamen wir wirklich noch viereckige Augen, bzw. fühlte sich das nach einem komplett verspielten Tag so an, wenn einem das nie abgelegte und verschwitzte Nachtzeug am Hintern festklebte und man erschöpft aber zufrieden feststellte, dass man den kompletten Tag mit Videospielen vergeudet, dafür aber dem Obermotz auch so richtig eins auf die Mütze gegeben hatte. Heute, ja, heute, da kriegt irgendwie niemand mehr was auf die Mütze. Ach.
Und wenn man auch das letzte Spiel bis zum Erbrechen gedaddelt hatte, dann lud man sich nicht einfach neuen Stoff aus diesem ominösen Internet, von dem damals so recht keiner was verstand und vom dem deswegen auch keiner redete, sondern man belud den CD-Player mit dem, was man so an Musik da hatte. Das war zumeist nicht viel, da MP3s noch nicht erfunden und CDs in D-Mark genauso teuer waren wie sie es heute noch sind. Zwei Silberscheiben konnten so schon mal zum Taschengeldkiller für einen ganzen Monat avancieren. Also hörte man eben dasselbe Zeug den ganzen Tag lang, aber das war egal, weil die Musik damals ja sowieso viel besser war als heute. Damals, ja, damals, da spielten die Bands noch der Musik und des Geldes wegen und nicht nur für Knete. Da hatten sie noch Einfälle, oh ja, und unsere Ohren hatten noch Spaß. Ach, früher, ja, das war was.
Uh, und hin und wieder, da gingen wir vor die Tür, und damals, ja, damals, da trieben wir Sport. Spielten Fußball, um des Fußballs willen und nicht, weil man in den Pausen die Kiste Bier leeren wollte, die eventuell neben dem Platz gebunkert stand. Denn damals, ja, damals, da tranken wir nicht einfach so, und taten wir’s doch, dann wenigstens richtig kompromisslos – bis man kotzte und in wirklich jeder Ecke jemand lallend oder besinnungslos herumlag. Und damals, ja, damals, da schadete einem das noch nicht, denn schließlich ist aus uns noch so richtig was geworden. Kann man von der Jugend heute ja nicht mehr wirklich behaupten.
Und was redeten wir früher über Themen, von denen man heute so gar nichts mehr versteht. Das geht so weit, dass ich nicht einmal mehr weiß, worüber wir so redeten. Doch damals, ja, damals, da wurde uns bei all den wichtigen Gesprächen noch nicht einmal langweilig. Da war man noch bei der Sache und debattierte wie am Stammtisch, und niemand glotzte geistig abwesend auf sein Smartphone. Denn früher, ja, früher, da besaßen wir überhaupt keine Mobiltelefone, die wir in den Hosentaschen herumtragen konnten. Überhaupt, wir hatten ja nichts. Da waren wir zwar nicht dauernd erreichbar, aber dafür waren wir mangels Strahlung umso potenter.
Im Nachhinein muss man sich schon fragen, wie wir es bis ins Hier und Jetzt schaffen konnten. Schließlich konnte man jederzeit betrunken in der Wildnis enden, ohne jemanden anrufen oder zumindest mal die aktuelle Position per GPS ermitteln zu können. Irgendwie war man immer darauf angewiesen, dass jemand das Festnetztelefon benutzte oder persönlich vorbeikam, wenn man etwas unternehmen und nicht unbemerkt daheim verwesen wollte. Konnte man sich nicht leiden, gab’s kein Cyber-Mobbing, sondern amtlich was auf die Fresse, und für alle friedlichen Fälle fiel einem doch immer irgendeine Beschäftigung ein. Und heute? Ja, heute bläst man sinnlose Blogs in die Welt hinaus und seufzt ihnen nach. Ich sag’s doch: Damals, ja, damals, da war alles so viel besser.
Back to the known. Mal wieder.
Freitag, 24. Dezember 2010 § 5 Kommentare
So denn, da bin ich wieder. Gestresst von einiger Herumreiserei, aber um so manche Erfahrung reicher. Beispielsweise habe ich gelernt, dass Österreicher deutlich langsamer gehen als wir Deutschen. Deswegen verwenden sie auch deutlich häufiger das Wort »gehen«, statt des Wortes »laufen«, was für sie, nun, so was wie rennen ist. Jedenfalls laufen sie langsamer als der Berliner, soweit ich das beurteilen kann. Für den süddeutschen Raum würde ich meine Hand nun nicht ins Feuer legen, denn da mag man’s eventuell auch etwas gemächlicher. Hier, dagegen, will man ja ankommen. Oder wahlweise über die Schleicher schimpfen. Interessant auch, dass im Moloch namens Wien tatsächlich alle Leute brav hintereinander auf der Rolltreppe stehen, so dass links besonders hastige Menschen, vermutlich Deutsche, vorbeigehen können. Würde das hier mal klappen, ach, ich müsste mich deutlich weniger aufregen.
Uh, und das konnte ich zumindest heute ja besonders gut. Ist ja nicht so, als würde ich meine finalen Weihnachtseinkäufe frühzeitig erledigen, denn wozu fällt der 23. Dezember schließlich sonst auf einen Werktag? Aber nun bin ich ja hier, erledigt, fertig, das warme Notebook auf dem Schoß, dadurch vermutlich meine eigene Potenz schmälernd und genieße es, dass das Wetter in Innenräumen nicht tut, was es will, sondern das, was es soll. Nämlich die Schnauze halten, soll heißen, den Schnee für sich behalten. Herrje, ich rede wirr, und das vor Weihnachten. Uh.
Bevor meine Schreiberei in eine zusammenhanglose Buchstabensuppe ausartet, die vielleicht noch einigermaßen schmeckt, sonst aber wenig gehaltvoll ist, empfehle ich mich für heute und wünsche dem reinlesenden Internetvolk ein frohes Fest! Thematisch passend meine Lieblingsversion von »O holy Night«. Ach, was bin ich besinnlich…
Into the wild.
Donnerstag, 16. Dezember 2010 § 0 Kommentare
Während sich alle Welt über Schneechaos und Menschenaufläufe zwecks weihnachtlicher Konsumamokläufe aufregt, tue ich, was man einzig tun kann, wenn man die Faxen mal dicke hat: auswandern! Um mich andernorts über Schneechaos und Menschenaufläufe zwecks weihnachtlicher Konsumamokläufe aufzuregen. Bis einschließlich Dienstag wird Herr PhanThomas nicht zugegen sein. Von daher handhabe ich es wie schon letzte Woche und verabschiede mich vorzeitig ins Wochenende. Möge selbiges von Schneechaos und… Ach, lassen wir das!
Familienanekdoten, die Zweite.
Dienstag, 14. Dezember 2010 § 9 Kommentare
Viva la Papa! Weil ich gerade schon bei Familienanekdoten war, hier noch eine, bei der ich tatsächlich nicht schlecht geschaut habe:
Papa öffnet die Tür, Postbote steht davor, ein Paket vom Online-Schuhhandel »Zalando« in der Hand haltend…
Papa: »AAAAAAAAAH!«
Postbote (sichtlich erschreckt): »Huch? Was war das denn?«
Papa: »Ja kennen Sie nicht die Werbung?«
Postbote: »Na doch.«
Papa: »Na dann los! Sie auch!«
Postbote: »AAAAAAAAAH!«
Sensationell!
Festliches von früher und so.
Donnerstag, 9. Dezember 2010 § 17 Kommentare
Alle Jahre wieder… Uh, und immer diese Schenkerei. Nicht nur, dass man Zeug kaufen muss, das keiner braucht, nein, es will auch noch verpackt werden, was bei mir jedes Mal in einem Fiasko endet. Heraus kommt am Ende ein Stapel überflüssiger Dinge, der irgendwie eingepackt ist und eher nach Unfall als nach Präsenten aussieht. Herrje.
Doch das bringt mich zu einer kleinen aber feinen Anekdote aus meiner Kindheit. Damals nämlich, als die Erde noch jung und die Dinosaurier sehr fidel waren, war ich mit meinen Eltern also in einem Geschäft, in dem die nette Dame an der Kasse allerlei Zeug, hm, Dinge eben, einwickelte. Und das Geschenkband, nun, das zog sie über eine Schere, damit sich das kräuselte. Fand ich seinerzeit unendlich faszinierend. Heute gibt’s dafür ja diese Plastikteile, die am Band noch Haarspalterei betreiben, während sie kräuseln, was das Zeug hält. Aber ach, damals, da hatten wir ja alle nichts. Und da machte man das eben mit einer Schere. Nun, jedenfalls tat die nette Dame das. Mein Vater nämlich, der glaubte mir nicht, dass das mit einer normalen Schere geht. »Dafür braucht man so ‘ne ganz spezielle Schere«, winkte er ab. »Sowas haben wir nicht hier.« Bis ich ihn daheim dazu gebracht hatte, es doch wenigstens mal zu versuchen. Und es klappte natürlich! Amüsant daran war eigentlich nur, als er danach meinte, hätte er das doch nur früher gewusst, dann hätte er das Geschenkband nicht jedes Mal mühselig um einen Bleistift wickeln müssen, um es zu kräuseln. Tjaja, wie gut, wenn man einen schlauen Sohn hat. Ahem.
In diesem Sinne, jedem Mitleser ein angenehmes Weihnachtsmarktwochenende und viel Erfolg beim Kaufen und Kräuseln!
Von Enten und Großmüttern.
Mittwoch, 8. Dezember 2010 § 11 Kommentare
Texte, Texte, und kein Ende? Nun, ich gebe zu, derzeit bin ich etwas blogfaul, wenn man das so sagen kann. Besserung gelobe ich selbstverständlich nicht, dennoch sei an dieser Stelle eine gute Tat vollbracht: In diesem Sinne also hier meine kulinarische Weihnachtsgeschichte, die du, liebe Nele, die ich dich ausnahmsweise namentlich erwähne, hiermit offiziell kommentieren darfst und sollst. Nun denn, ran an die Tasten, an den Speck, an den Salat, oder woran auch immer!
Das Weihnachtsessen
Wir saßen bei Tisch. Mama, Papa und ich. Wir schwiegen. Es war der 26. Dezember, und im Haus roch es herrlich nach Braten, nach Keksen, nach Kerzen. Es duftete weihnachtlich, der Tisch war mit einem schneeweißen Tuch aus Stoff gedeckt, Mama hatte das gute Porzellan aus dem Schrank geholt und auch das teure Besteck. Doch in diesem Jahr war die Stimmung getrübt. Großmutter war zwei Tage vor Heiligabend für tot erklärt worden. Anfang Dezember war sie zu einer Weltreise aufgebrochen, weil sie wenigstens noch einmal etwas von ihrer Rente haben wollte, wie Mama gemeint hatte. Nur wenige Tage später verschwand sie jedoch spurlos. Mama und Papa telefonierten viel, doch schließlich hieß es, die Strapazen wären wohl zu viel für sie gewesen, so dass sie in irgendeinem seltsamen Land umgekommen sein musste. Anders sei ihr Verschwinden nicht zu erklären, war Mama sich sicher. Papa hatte dazu nur genickt. Und Mama sagte nun auch, wir müssten natürlich traurig sein, sollten aber dennoch Weihnachten feiern wie jedes Jahr. Oma hätte es doch auch so gewollt.
Und wie wir feierten! Wie die Könige! Die Geschenke fielen größer aus als in den vorherigen Jahren. Weitaus größer sogar: Ich bekam einen gigantischen Flachbildfernseher für meine X-Box. Und dazu ein ziemlich teures Surround-Sound-System, das ich mir von meinem Taschengeld in zehn Jahren noch nicht hätte leisten können. Was staunte ich Bauklötze, als ich den riesigen Stapel aus eingepackten Geschenken sah, der den Blick auf unseren geschmückten Weihnachtsbaum fast völlig versperrte! Doch als Mama und Papa ihre Geschenke auspackten, bekam ich es schon ein wenig mit der Angst zu tun. Mama schenkte Papa eine Urlaubsreise nach Ägypten für uns drei. Während sie ihm die Tickets überreichte, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und strahlte über beide Ohren. Und Papa hatte Ohrringe für Mama gekauft. Er sagte, die seien aus Platin. Aus Platin! Weil sie eine tolle Frau sei, die nichts anderes als das Beste vom Besten verdiene. Danach konnte ich nicht anders, ich fragte nach, wie wir uns das alles plötzlich leisten konnten.
»Die Oma hat eben immer viel gespart«, sagte Mama. »Sehr viel sogar. Und das werden wir jetzt erben. Weil wir ja ihre einzigen näheren Verwandten sind.«
Mama erklärte mir das, als sei ich noch ein kleiner Junge, der die Welt einfach nicht begreift. Doch ich bin kein kleiner Junge. Ich bin elf und weiß genau, was es bedeutet, wenn man das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauswirft, und das sagte ich auch.
»Sei nicht albern, Tim«, sagte meine Mama dazu nur und streichelte mir über den Kopf. »Oma hätte das so gewollt.« Noch immer hatte sie diesen belehrenden Tonfall.
Als wir nun am gedeckten Tisch saßen, sah ich Papa an. Er schwieg, wie er es meistens tat, bis Mama ihm sagte, dass er gefälligst auch mal den Mund aufmachen sollte. Dann kam Mama mit der Weihnachtsente aus der Küche. Sie schnaufte und keuchte, als sie das riesige Tablett mit dem Braten auf den Tisch stellte.
»Donnerwetter!«, entfuhr es meinem Papa. Nun hatte er doch geredet, ohne gefragt worden zu sein.
»Das kannst du laut sagen!«, schloss ich an. »Das ist die größte Ente, die ich je gesehen habe.«
»Und sie ist ganz hervorragend gelungen«, sagte Mama und grinste stolz. »Und wir werden sie uns jetzt schmecken lassen! Was möchtest du, Tim? Keule oder Flügel?«
»Mama?«
»Ja?«
»Sollten wir nicht erst das Tischgebet sprechen?«
»Nein, Tim. Wir werden nicht beten«, sagte Mama kurz angebunden und begann, mit dem Messer die Ente zu zerteilen. Ich fand das nicht in Ordnung und protestierte weiter: »Aber wir beten doch sonst auch immer. Und es ist ja auch Weihnachten. Du hast immer gesagt, da gehört sich das erst recht.«
»Tim, es wird nicht gebetet, verdammt noch mal! Hör auf deine Mutter!«, fuhr mein Papa dazwischen. Er sagte es in diesem bedrohlichen Ton, der keine Widerrede zuließ.
»Oma hätte das so gewollt«, murmelte ich.
»Tim, es reicht!«, raunten meine Eltern im Chor, als hätten sie sich abgesprochen. Dabei straften sie mich mit tadelnden Blicken, bis ich nicht anders konnte, als den Kopf zu senken und auf meinen Teller zu starren. Prompt hatte ich ein großes Stück Fleisch darauf zu liegen.
»Nimm dir bitte selbst Kartoffeln und Rotkohl, so viel du magst«, sagte Mama. »Guten Appetit und nochmals frohe Weihnachten!«
»Frohe Weihnachten«, brummte Papa. Ich schwieg.
Die Ente war zäh und schmeckte überhaupt nicht. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen, weil ich nicht undankbar sein wollte. So aß ich meine Kartoffeln und stopfe mir genügend Rotkohl in den Mund. Ich würde einfach sagen, dass ich die Ente nicht mehr schaffe. Während ich aß, schaute ich zu meinen Eltern. Ihnen schien die zähe Ente gar nichts auszumachen. Mama schob sich die Fleischstücken in den Mund, als hätte sie seit Wochen gehungert. Nie zuvor hatte ich sie so gierig schlingen gesehen. Und auch Papa stopfte sich das trockene Ding in den Mund, als wäre es das Köstlichste, das ihm je untergekommen war. Bratfett hing an seiner Unterlippe, lief sein Kinn herab und blieb in seinen Bartstoppeln hängen. Wie hypnotisiert starrte ich auf den Tropfen aus Fett, der sich dort bildete, um dann auf den Teller zurückzufallen.
»Das ist die beste Ente, die wir je hatten!«, nuschelte er mit vollem Mund und schmatzte genüsslich wie ein Schwein.
»Vielen Dank, Schatz!«, antwortete meine Mutter und stopfte sich selbst einen weiteren großen Bissen in den Mund. Ich konnte gar nicht hinschauen. Meine Eltern aßen nicht, sie fraßen! Wie konnten die beiden dieses eklige Ding so herunterschlingen? Ich war kaum in der Lage, das Fleisch überhaupt zu beißen. Es fühlte sich im Mund an wie ein Stück alte Schuhsohle und schmeckte wahrscheinlich auch genauso. Meine Mama sah, dass ich geschickt um mein Stück Ente herumaß.
»Iss jetzt die Ente, Tim!«, sagte Mama mit strenger Stimme.
»Mama?«
»Was denn jetzt?«
»Ich schaff die Ente nicht. Ich hab zu viele Kartoffeln gegessen.«
»Du isst deine Ente, sonst setzt es was!«, schimpfte Papa. Damit war die Sache für ihn erledigt. Für mich natürlich auch. Ich würde das zähe Ding essen müssen, und wenn mir davon der Kiefer ausleierte. Mit der Gabel zerteilte ich mühsam den widerspenstigen Fleischbrocken, als ich etwas Seltsames darin entdeckte. Mit Daumen und Zeigefinger griff ich danach und zog es vorsichtig aus dem Fleisch heraus. Eine graue Haarsträhne, leicht gelockt, von der nun etwas Bratensoße tropfte. Wie kam die in die Ente? Mama hatte kein graues Haar, Papa auch nicht. Locken hatten sie beide nicht. Oma, schoss es mir wie ein Blitz in den Kopf! Aber, nein, was ich nun dachte, konnte nicht sein. Ich war sicher, dass das Blödsinn war, und doch musste ich einfach nachfragen.
»Mama?«, begann ich vorsichtig. Genervt von meinen ständigen Fragen, ließ sie die Gabel auf das Porzellan fallen. Das laute Pling-Geräusch, das dabei entstand, zerschnitt die Stille wie ein Messer.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«
»Ich- ich frag mich, woran Oma gestorben ist«, sagte ich leise und schaute so betreten drein, wie ich konnte.
»Tim, nicht beim Essen!«, murmelte Papa.
»Aber-«, begann ich und wurde von Mama unterbrochen: »Oma war schon alt. Und wenn man alt ist, dann stirbt man eben irgendwann. Sie hatte ein gutes und langes Leben. Jetzt sei ruhig und iss gefälligst!«
»Essen wir gerade Oma?«, entfuhr es mir schneller, als ich darüber nachdenken konnte, ob es gut war, diese Frage zu stellen. Und es war nicht gut, denn als nächstes sah ich nur noch Sterne, weil Papa mir dermaßen eine scheuerte, dass ich fast vom Stuhl gefallen wäre.
»Verschwinde auf dein Zimmer und wage es nicht, heute noch mal raus zu kommen!«, schrie meine Mutter mich an.
Ich wollte protestieren, als mein Papa mich am Kragen packte. »Hör auf deine Mutter!«, brüllte er mich an.
Bis zum Abend lag ich auf meinem Bett und starrte an die Decke. Meine Wange fühlte sich heiß an. Sie brannte wie Feuer, und mein Kiefer schmerzte. Tolles Weihnachten, dachte ich. Da verging mir auch die Lust, an der X-Box zu spielen. War das wirklich Oma, die meine Eltern gegessen hatten? Das war doch völliger Unsinn. Meine Eltern waren keine Menschenfresser, und meine Frage war einfach unverschämt gewesen. Kein Wunder, dass sie böse geworden waren. Doch wie kamen dann die grauen Haare in die Ente? Und Enten waren doch nie und nimmer so groß, oder? Ich musste mir das alles einbilden, so viel war klar.
Während ich weiter darüber nachdachte, wurde es dunkel. Irgendwann glitt ich, ohne es zu merken, in den Schlaf hinüber. Einmal nur wachte ich vor Schreck auf, weil ich geträumt hatte, Mama würde sich ein Bein absägen, um mich damit zu jagen und zu verhauen. Ich spürte, dass mein Herz heftig hinter meiner Brust schlug. Nur ein Traum, dachte ich. Während ich mich beruhigte, hörte ich meinen Papa im Bad würgen. Hatte er etwa zu viel von der ekligen Ente gegessen? Vermutlich. Noch während ich mich fragte, wie sie es geschafft haben mochten, das zähe Ding zu tatsächlich herunterzuwürgen, döste ich wieder ein.
Weihnachten ging dahin, wie es gekommen war. Silvester stand ins Haus, und am Abend ließen meine Eltern das schönste Feuerwerk in die Luft gehen, das man in der Nachbarschaft je gesehen hatte.
»Da werden die Koschinskys vor Neid grün, wenn die das sehen«, hatte meine Mama gesagt und wie ein kleines Mädchen gekichert.
Ein paar Tage nach Neujahr waren wir bei der Testamentseröffnung. Omas Leiche war noch immer nicht gefunden worden, doch da man sie für tot erklärt hatte, war es wohl in Ordnung, ihr Testament zu verlesen.
»Soll ich die Ohrringe mit den Steinen tragen, oder doch lieber die neuen, die du mir geschenkt hast?«, hatte Mama vorher meinen Papa gefragt. Die beiden hatten sich rausgeputzt, als würden sie tanzen gehen. Und nun saßen wir hier und warteten darauf, dass der nette Herr mit dem weißen Haar, der uns vorher sein Beileid ausgesprochen hatte, endlich vorlas, was Oma uns vermacht haben würde. Als er das Testamentsschreiben öffnete, nahm Mama Papas Hand in ihre und drückte sie ganz fest.
Der Mann verlas den Inhalt, und meine Eltern wirkten sichtlich gelangweilt, bis er nach einer gefühlten Ewigkeit dazu kam, was denn nun vererbt wurde.
»Dir, Jochen, geliebter Sohn, vermache ich mein kleines Wochenendhaus in der Lüneburger Heide. Mögen Sabine und du dort einige entspannte Wochenenden verbringen.«
Mama warf Papa ein strahlendes Lächeln zu. Ihre Augen glänzten wie Edelsteine, und auf ihren Wangen zeichnete sich eine leichte Röte ab, so wie immer, wenn sie sich sehr freute.
»Doch mein beträchtliches Vermögen, das sich immerhin auf knapp 800.000 Euro beläuft«, fuhr der Mann fort, »vermache ich einzig und allein meinem lieben Enkel Tim. Jochen, du und Sabine, ihr würdet mein Geld doch nur mit vollen Händen ausgeben. Ich werde veranlassen, dass mein Vermögen von einem Treuhänder verwaltet und geschützt wird, bis Tim selbst alt genug ist, um darüber zu verfügen. Sofern sich dies erwirken lässt, sollt ihr beide noch nicht einmal den Pflichtteil bekommen.«
Während der freundliche Herr weitersprach und dabei zunehmend rot wurde, konnte ich sehen, wie Mamas Gesicht sich zunehmend weiß färbte. Sie drehte sich zu mir und funkelte mich böse an. Papa schwieg einfach und starrte in die Leere. Ich sah jetzt lieber weg, denn Mamas Blick machte mir Angst. Große Angst sogar!
Inzwischen sind wir wieder auf der Heimfahrt. Ich sitze im Auto und schaue zum Seitenfenster raus. Draußen zieht die Landschaft still an meinen Augen vorbei. Mama und Papa haben seit dem Ende der Testamentseröffnung kein einziges Wort gesprochen. Hin und wieder schaue ich nach vorn. Papa sieht mich ab und zu durch den Rückspiegel an. Mama schaut derweil selbst zum Seitenfenster raus.
Und dann redet Mama plötzlich doch: »Jochen, ich glaube, wir sparen etwas Geld. Tim wird nicht mit nach Ägypten kommen.« Papa nickt nur und schweigt. Mama dreht sich zu mir herum und lächelt.
»Nicht wahr, Tim?«
Ihre Augen leuchten. Dann leckt sie sich über die Lippen.
Fiktion und so.
Freitag, 3. Dezember 2010 § 4 Kommentare
Da ich die Welt ohnehin schon zu genüge dazu nötige, sich von mir Verfasstes anzutun, kann ich das auch gleich an dieser Stelle fortführen. Daher zum Ausklang einer arbeitsamen Woche mein Beitrag zur Erhaltung des Kulturgutes Sprache. Oder so ähnlich eben.
Irgendwann kehren die Vögel zurück
Sie hatte zu lange geschlafen, das wusste sie sofort, als sie wach wurde. Die Sonne stand bereits viel zu hoch und flutete das Schlafzimmer mit grellem Tageslicht. Als sie sich aufsetzte, knarzte das Bettgestell fürchterlich. Ihr Schädel dröhnte, als würde jemand in ihrem Kopf eine große Trommel schlagen. Sie streckte sich, warf den Kopf in den Nacken, versuchte zu sich zu kommen. Sie stank. Nach Schweiß, auch nach dem eines Mannes. Ein Geruch, den sie verabscheute, so widerwärtig, so wiederkehrend. Nicht der Geruch ihres Mannes, sondern der eines anderen. Mühsam warf sie die Bettdecke zurück. Das Laken war von Blut verschmiert. Es war ihr Blut, das nicht nur auf dem Bett, sondern auch an ihren nackten Schenkeln klebte. Wie lange hatte er sich an ihr vergangen? Es mussten Stunden gewesen sein, Stunden, in denen sie nicht geschrien, sondern nur erduldet hatte, was sie zu erdulden hatte. So war es nun einmal.
Schließlich hatte er das Sagen. Ihm gehörte das einzige Trinkwasser, und er gab es nur all jenen, die ihm gefügig waren. Er hatte Beziehungen, das wussten alle. Immer wieder kamen Lastwagen von außerhalb, brachten Paletten mit unzähligen, prall gefüllten PET-Flaschen voller köstlichem Wasser und verschwanden wieder. Es war Wasser, das ihm allein gehörte. Früher, als die Mauer noch nicht stand, die sie alle seither in eine andere Welt verbannte, eine Welt, die nicht mehr Gedelitz oder Meetschow oder Gorleben hieß, die kein einfaches Dorf mehr war, war er lediglich ein austauschbares Beamtentier gewesen. Ein zeitlich geregelter Schauläufer für wechselnde Krawattenmuster. Heute nannten sie ihn den Mafioso. Eine Rolle, in der er sich gefiel, die ihm jedes Recht gab, sich zu nehmen, was er haben wollte. Und ein weiteres Mal hatte er sie genommen. Was machte das schon?
Sie stand auf. Das Gehen bereitete ihr Schmerzen. Schmerzen, die ihr vertraut waren, die stumm blieben. Natürlich wusste ihr Mann Bescheid, er hätte das Wort erheben können, doch dann hätten sie auch ihn als Verräter der Neuen Republik Lüchow-Dannenberg verurteilt. Der Mafioso hätte ihn in der großen Scheune aufhängen lassen, wie schon andere, die den Mund aufgemacht hatten. Und wer hätte ihr dann geholfen, wo sie ohnehin von allen gemieden wurde? Gemieden, weil sie ein Wunder vollbracht hatte. Ein Wunder, das Juliette hieß. Ein Wunder, das inzwischen sieben Jahre alt war und noch immer lebte. Und vor allem war das Mädchen gesund geblieben, ohne Tumore, ohne körperliche Behinderungen, ohne schwachsinnig zu sein wie die Kinder der anderen. Ein gesundes Mädchen, vielleicht das einzige auf der Welt diesseits der Mauer.
Die nackten Füße steckte sie in ausgetretene Schlappen, die einzigen Schuhe, die sie noch besaß. Wie gern hätte sie neue gekauft. Wie gern wäre sie in die Stadt gefahren, zum Schaufensterbummel, so wie sie es damals getan hatte, als das Leben sich noch nicht stumpf angefühlt hatte. Als es noch keine Mauer gegeben hatte, keinen Wall, der nichts und niemanden herein oder heraus ließ, außer die monatlichen Lieferungen, die ohnehin der Mafioso kontrollierte. Ob draußen noch alles wie früher war, fragte sie sich manchmal.
Für einen Moment stand sie regungslos im Schlafzimmer, lauschte der Stille, der allgegenwärtigen. Sie betrachtete sich im Spiegel, sah ihre tiefen Augenringe, ihr sprödes Haar, das weiße, eingefallene Gesicht, geprägt von zu weit herausragenden Wangenknochen. Sie sah ihren Körper: nur Haut, durch die sich die Knochen nach außen zu pressen schienen. Wie so viele, war sie ein Abbild dessen geworden, was sie alle ereignet hatte: die Katastrophe. Der jüngste Tag. Sie seufzte Welten, dann warf sie sich ihr schmutziges Nachthemd über und verließ sie das Zimmer.
»Ich habe verschlafen«, rief sie. Ihre Stimme war rau vom Schlaf. Keine Antwort.
Wie ein Geist wankte sie zur Haustür. Sie ging nach draußen, sah sich um. Gerade wollte ein Anflug von Panik sie befallen, die Befürchtung, der Mafioso hätte sie abholen lassen, ihren Mann und Juliette natürlich, als ihr einfiel, dass eine ihrer Kühe ein Junges erwartete. Vermutlich würde es das letzte Kalb des alten Tieres sein. Der letzte Versuch.
Sie ging zum Stall hinüber. Als sie näher kam, vernahm sie gedämpft klingende Stimmen. Der vom Regen der Nacht nasse Boden gab unter ihren Füßen nach. Dann die Stimmen zweier Männer. Hannes, ihr Nachbar, der allein in seinem großen Haus lebte, der einzige Mensch, der auch nach allem, was passiert war, ein Freund geblieben war, würde ihrem Mann behilflich sein. Hannes, der nicht zerfressen war, vom Neid auf das Wunder des Lebens, das sie vollbracht hatte.
Als sie den Stall gerade betreten wollte, nahm sie im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ein Reflex ließ sie herumfahren. Juliette stand am Zaun und starrte auf das unbestellte Feld hinaus. Dorthin, wo nichts wachsen durfte, weil alle Nahrung, die sie diesseits anbauten, nicht sättigte, sondern nur krank machte. Das Mädchen trug ein bordeauxfarbenes Kleid, gemacht aus einem ihrer alten Kleider und schmutzig von zu wenigen Wäschen. Das brünette Haar fiel dem Kind bis über die Schultern und wehte im seichten Wind mit. Wie schön sie ist, dachte die Frau, als sie ihre Tochter ruhig betrachtete. Wie gern hätte sie jetzt eine Träne des Glücks vergossen, das ihr widerfahren war, ein Hoffnungsschimmer, ein strahlendes Licht in einer finsteren Nacht ohne Sterne.
Das Mädchen hatte sie offenbar gehört und drehte sich herum.
»Mama?«
»Schatz.«
»Du hast lange geschlafen, Mama. Du hast mir kein Frühstück gemacht.«
»Ich weiß, Juliette. Manchmal schlafen auch Mamas lange. Hat Papa dir Frühstück gemacht?«
»Ja, hat er.«
»Schön.«
Sie lächelte. »Was machst du denn hier?«, fragte die Frau dann.
»Komm her, Mama, ich will‘s dir ins Ohr flüstern.«
Sie kam näher. Das Mädchen lächelte. Vorn fehlte ihr ein Schneidezahn, ein Zahn, der erst noch wachsen würde. Wachsen, wie das Kind selbst noch so sehr wachsen würde. Wie schön sie ist, dachte die Frau erneut. Dann beugte sie sich zu ihrer Tochter herab.
»Na los, sag es mir«, flüsterte sie und bemühte sich um einen gespannten Ton.
»Ich hab einen richtigen Vogel gehört, Mama«, sagte das Mädchen. Ihr Atem klang aufgeregt.
»Was? Du hast doch noch niemals vorher einen Vogel gehört«, flüsterte die Frau zurück. »Wie kannst du dann wissen, wie ein Vogel klingt?«
»Ich weiß es. Das klang ganz, ganz toll. Wie ein Lied, das jemand pfeift.«
»Vielleicht hat auch nur jemand gepfiffen.« Die Frau strich dem Mädchen sanft über den Kopf. Sie ist zu dünn, dachte sie. Viel zu dünn.
»Nein, das war kein Pfeifen, Mama. Das war ein Vogel. Von da drüben aus dem Wald, hinter dem Feld.« Das Mädchen zeigte mit dem Finger auf die Bäume hinter dem tristen Acker.
»Na gut, vielleicht war es wirklich ein Vogel. Einer, der sich verirrt hat.«
»Vielleicht kommen die Vögel ja zu Besuch zu uns, Mama.« Das Mädchen biss aufgeregt in seine Hand. »Und vielleicht kommen ja noch mehr Vögel. Vielleicht bleiben sie bei uns und singen Lieder für uns.«
Die Frau schmunzelte. Wenn alle Menschen einst so reine Gedanken hatten, dachte sie, was musste ihnen alles widerfahren sein, dass sie letztlich doch zu so verdorbenen Gestalten wurden? Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Mafioso, sah, wie er über ihr war.
»Hast du Hunger, Juliette?«, fragte die Frau und versuchte dabei zu lächeln.
»Ein bisschen. Machst du mir Mittag? Machst du Pudding?«
»Ich mach uns Suppe. Gehen wir rein, ja?«
»Na gut. Und Mama?«
»Ja?«
»Irgendwann kehren die Vögel zurück.«
»Ja, irgendwann, Schatz. Irgendwann ganz bestimmt.«
Sie nahm das Mädchen an die Hand und ging mit ihm zum Haus zurück, als plötzlich ein schriller Schrei aus dem Stall ertönte. Für einen Moment bekam sie Angst, doch dann wusste sie sehr genau, dass Hannes sich erschreckt haben würde. Sie wusste, was passiert war, und sie wusste, was als nächstes passieren würde.
»Halt dir die Ohren zu, Juliette«, sagte die Frau. Dann ertönte ein lauter Knall. Der Schuss eines Gewehres. Sie sahen beide zum Stall hin. Das Tor öffnete sich, und ihr Mann kam heraus. Seine Stiefel waren beschmutzt von Rinderkot. Das Gewehr trug er in der rechten Hand, den Lauf resigniert zum Boden gerichtet. Er sah seine Frau an, schüttelte den Kopf und senkte dann den Blick. Sie verstand. Wieder kein Erfolg, dachte sie. Vermutlich wieder ein halb totes Kalb mit zwei Köpfen, fünf Beinen oder anderen grotesken Absurditäten.
»Papa?«, rief das Mädchen.
»Komm, wir gehen rein«, sagte die Frau. Ihre Tochter folgte ihr.
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.