Ich stapfe durch das unlängst dunkelnde Bonn. Okay, eigentlich hellt es derzeit, und ich sitze auch eher vor dem heimischen PC und blogge unter dem Gitarrengewitter diverser Rockbands, doch der Dramaturgie wegen, nehmen wir doch einfach mal an, es würde dunkeln, während ich durch Bonn stapfe. Klar soweit? Gestern Abend war das nämlich auch so. Und während ich nun also einer Einladung nachkomme und zur angekündigten Völlerei um jeden Preis stapfe, tue ich das, was ich am besten kann: Ich denke nach. Nehme einmal mehr Abschied. Von Dingen. Sachen. Und so.
Denn wenn ich die Tatsache, dass ich mir mit der ganzen Umzugsgeschichte ganz schön was an die Backe geklebt habe, mal nicht verdränge und ein gemütliches Liedchen pfeife, dann bin ich mir der Tatsache, dass es wohl in wenig mehr als anderthalb Monaten losgeht, durchaus bewusst. Uh!
Also nehme ich Abschied von Dingen, die ich eigentlich mag. Von der, hm, heimeligen Kleinstadtatmosphäre der zumeist lauschigen Bundesstadt vor allem. Auch von den Leuten, die meinen Weg gekreuzt haben. Ich träume von ihnen, jedoch seltsamerweise immer im Guten. Und tatsächlich macht mir dieser ganze Prozess gerade nicht viel aus. Ich meinte mal, der ganze Stress würde heilsam werden. Nun, er war es nicht – im Gegenteil. Nun aber ist er es.
Meine Kopfhörer spielen »Pulling Teeth«, eine Nummer der uralten Green Day Platte »Dookie«. Seinerzeit, vor fast zehn Jahren, von meiner Exfreundin bekommen, dem einzigen Mädchen in meinem bisherigen Leben, dem ich auf Anhieb einen guten Musikgeschmack attestieren konnte. Damals war Frühling; in der Natur, im Leben und im Herzen.
Auch heute ist, hm, irgendwie Frühling. Zumindest in meinem Kopf. Der Himmel kann noch so viel ekligen Schnee zur Erde herabhusten, ich hab innerlich mit dem Winter abgeschlossen. Passiert mir immer um diese Zeit. So eben auch dieses Jahr. Und das ist gut, denn Frühling bedeutet irgendwie doch immer, den inneren Akku aufzuladen, der am Ende der Wintertage meistens aus dem letzten Loch pfeift. Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden, in meinem Fall meistens, sich von Menschen zu trennen, die zum Ballast geworden sind. Kann ich in diesem Jahr wohl weglassen, schließlich gehen mir demnächst automatisch jede Menge Menschen aus den Augen und damit zumindest teilweise wohl auch leider aus dem Sinn.
Nun, vor allem kommt bald jedoch auch die Zeit, in der ich besonders viel an mich selbst und besonders wenig an alle anderen denken werde. Auch das ist immer so, und es ist gut so. Ein sich stetig wiederholender Selbstfindungsprozess eben, der mir dabei helfen wird, all das Neue zu akzeptieren und mit dem Alten abzuschließen, sobald ich hier endgültig verschwunden bin. Es ist ein bisschen, als würde man sanft sterben und neu geboren werden. Ja, das trifft es am ehesten. Ich weiß das, ist schließlich schon das dritte Mal, dass ich das tue.
Und so stapfe ich weiter, schüttle die Gedanken wie Schnee vom Verstand. Fühle mich sofort ein wenig leichter und stopfe mir kurze Zeit später in freundlicher Gesellschaft den Bauch voll.
Seit über einem Monat war ich heute doch tatsächlich zum zweiten Mal laufen. Also rennen, nicht gehen. Die Beine kräftig bewegen eben. Das erste Mal schwang ich am Sonntag die Haxen. Allerdings ließ ich’s da so gemächlich angehen wie ein Rentner auf ‘ner Kaffeefahrt. Meinem alten Knie zuliebe, das in den letzten Wochen so gar nicht wollte wie ich. Aber heute lief sich’s doch sehr geschmeidig. Klar, war ja auch nur auf dem Laufband und so. Gut geölt, versteht sich. Also das Laufband, nicht ich.
Und so brachte ich mich in Trab, warf den MP3-Player in Gang, klickte mich ein wenig durch meine gesammelten Alben und landete bei Metallica. »That Was Just Your Life« zum Einstieg. Das rummste, das gab Zunder, das brachte Senf auf die Buletten. Und jeder Takt, der sich in mein Ohr fraß, symbolisierte nichts anderes als reine Wut. Wut, die irgendwann und irgendwo in Musik kanalisiert wurde, um bei mir wieder als Wut anzukommen. Und ach, wenn ich laufe, dann bin ich eben ein Kraftwerk. So’n dicker Atommeiler eben. Ich verbrenne Wut, ziehe daraus Energie und fühle mich dabei gut.
Mir fiel das heute ganz besonders auf. Vielleicht deswegen, weil ich in den letzten Monaten versuchte, hm, weniger wütend zu sein. Weniger wütend auf die Welt, auf die Menschen und eben auf die Art und Weise, wie all die kleinen Rädchen ineinandergreifen und dabei doch immer wieder scheitern. Weniger wütend auf meine eigene kleine Art, immer wieder zu scheitern. Ich schreibe übrigens bewusst im Präteritum, statt im Perfekt, weil es damit nun vorbei ist. Ich bin wohl einfach wütend, lebe davon. Will man ein wenig Theatralik einstreuen, könnte man mich auch den »angry old man« nennen.
Weshalb ich wütend bin? Das ist schnell erklärt: Ich bin es einfach immer. Ich brauche das wie die Luft zum Atmen. Das heißt nicht, dass ich ein böser Mensch bin, nein. Aber Zorn ist eben doch der Motor für alles, was ich tue. Das mag insgesamt nicht gut sein, doch hilft es mir, am Leben zu bleiben und das auch zu spüren. Heilsame Wut, könnte man sagen. Eine Droge, die mich aufputscht, mich vielleicht auch ein wenig vergiftet, doch das ist okay. Je mehr ich nämlich versuchte, mich gemäßigter zu geben, desto mehr staute sich nicht verarbeitete Wut in mir an. Das Ventil war verstopft vor lauter guten Vorsätzen und triefender Zuversicht. Bah! Zum Henker damit!
Ab heute will ich wieder ganz ich selbst sein. Soll heißen, wenn mich was stört, rege ich mich auf und versuche erst gar nicht, verständnisvoll zu sein und den Aufschrei herunterzuschlucken. Wie gesagt, das mag nicht die feinste aller englischen Arten sein, aber es ist doch immer schon ein Wesenszug meiner Persönlichkeit gewesen. Und wenn ich versuche, das abzustellen, dann verbiege ich mich. Nun, ich glaube, ich habe mich genug verbogen. Irgendwann reicht’s mal, schätze ich. Deswegen schreie ich’s heute einfach mal in die Welt hinaus: Fuck it all!
Und ja, ich habe herrliche Laune. Das ist bitte gänzlich ohne Ironie zu lesen. Yeah!
Ist schon ‘ne Weile her, der letzte Geschichtenabend hier. Da mir aber ohnehin gerade nichts anderes einfällt und ich in den letzten Tage eigentlich nur noch über die Gefahren des bösen, bösen Internets lese, werf ich einfach ein kleines Stückchen Text unters lesewillige Volk, das zeigt, dass auch ganz andere Dinge böse, ja ach so böse sein können.
Rote Brut
Bin ich wirklich allein? Ich habe eben noch einmal durchs Fenster geschaut. Ich glaube nicht, dass sie mir gefolgt sind. Trotzdem habe ich vorsichtshalber die Haustür abgeschlossen, auch wenn sie das wohl kaum aufhalten würde. Sollten sie mir tatsächlich doch gefolgt sein, hält sie wahrscheinlich ohnehin nichts mehr auf. Diese blutrünstigen Dinger! Verdammt, wenn ich nur darüber nachdenke, dass ich vor gerade vier Stunden noch im karierten Schlafanzug und mit Eselkopfhausschuhen an meinen kalten Füßen durch diese Wohnung hier geschlurft bin, um meine restliche Lebensspanne mit Kaffee und Zigaretten zum Frühstück zu verkürzen, dann kommt mir all das nur noch wie eine hübsche Bilderbuchgeschichte aus meiner Kindheit vor. Nun gut, auch jetzt sitze ich hier, verbrühe meine Zunge am tief schwarzen Kaffee und inhaliere Sargnägel, als gäbe es kein Morgen, aber – und das ist die Crux – vielleicht gibt es ja auch gar kein Morgen mehr für mich. Scheiße auch, ich will gar nicht darüber nachdenken.
Dabei sah doch alles zuerst so witzig aus, als ich heute Morgen zur Arbeit ging. Ich betrat das Treppenhaus des Bürogebäudes meiner Firma durch die schwere Glastür und musste augenblicklich grinsen. Links von mir, direkt vor dem alten, klapprigen Fahrstuhl, stand ein Feuerlöscher auf dem gefliesten Boden. Der Fahrstuhl selbst war offen, weil auch in der Tür ein Feuerlöscher stand. Und selbst im Fahrstuhl hatte offensichtlich jemand einen solchen Behälter abgestellt. Für mich sah es aus wie ein Stillleben: »Feuerlöscher auf ihrem Weg ins Büro«. Ich dachte nicht weiter darüber nach, als ich meinen vor lauter Morgenmüdigkeit trägen Körper am Geländer hochzog, um bis ins dritte Stockwerk zu gelangen. Selbstverständlich hätte ich (wie die Feuerlöscher) den Lift nehmen können. Doch was tut man nicht alles, um wenigstens einigermaßen fit zu bleiben? Oder zumindest dem eigenen, schreienden Gewissen etwas vorzumachen?
Oben angekommen, wühlte ich in meiner viel zu großen Umhängetasche nach der Schlüsselkarte. Hätte ich sie vergessen, würde ich klingeln müssen, um mir von Sabine, unserer geliebten Empfangsdame, deswegen wahrscheinlich eine Standpauke anhören zu müssen, dass mir die Ohren dröhnten. Doch glücklicherweise fand ich das Ding, eingedeckt von benutzten und nie entsorgten Papiertaschentüchern. Wir Männer sagen gern, es sei ziemlich eklig, mit der bloßen Hand in der weichen Schwärze der bodenlosen Handtasche einer Frau zu wühlen, doch trägt ein Mann eine Tasche mit sich herum, sieht es darin nur unwesentlich besser aus. Ich weiß, wovon ich rede.
Das Piep signalisierte mir soeben, dass die Tür nun offen war, und ich war gerade dabei, die Schlüsselkarte wieder zu ihren Freunden, den Taschentüchern, zu tun, da hörte ich das »Bing« des eintreffenden Fahrstuhls. Wohl ein Kollege, dachte ich, und hielt die Tür offen. Doch es schritt niemand aus dem Fahrstuhl heraus. Nun, so unwichtig diese Fahrstuhlsache auch gewesen sein mochte, man schiebt die ersten Minuten eines angebrochenen Arbeitstages ja doch ganz gern ein wenig nach hinten, und so beschloss ich, nachzusehen, weshalb der Fahrstuhl im leeren Zustand hier oben angekommen sein würde. Vielleicht war jemand zusammengebrochen? Heiko, unser Boss, war schließlich keine Zwanzig mehr und vereinte zudem eine zerstörerische Mischung aus Choleriker und Hektiker in sich.
Was ich dann aber im Fahrstuhl vorfand, ließ mich doch sehr verwundert zurück. Wahrscheinlich klappte mir sogar die Kinnlade herunter, doch das kann ich nur vermuten. Hinter der geöffneten Fahrstuhltür standen jene drei Feuerlöscher, die ich eben noch unten im Erdgeschoss belächelt hatte. Meine Skepsis verflog dann jedoch recht schnell. Irgendein Spaßvogel würde die Dinger wohl ganz bequem ins dritte Stockwerk geschickt haben und gleich über die Treppe nachkommen. Dabei beließ ich es dann auch und ging nun endlich ins Büro.
Die erste halbe Stunde des Tages arbeitete ich den alltäglichen Mist ab: meinen unendlich langsamen PC aus dem tiefsten Mittelalter hochfahren, das Papierwirrwarr auf meinem Schreibtisch fein säuberlich sortieren, um es anschließend ordentlich geschichtet in die rote »Plunder«-Ablage zu legen und anschließend die ungelesenen aber sowieso unwichtigen E-Mails löschen, die jeden Morgen wie eine Flutwelle über mein wehrloses Postfach herfielen. Sitzt man erst mal sechs bis sieben Jahre am selben Schreibtisch und starrt den selben Bildschirm an, dann ist es ziemlich schwer, das morgendliche Standardrepertoire motiviert abzuspulen. Deswegen zog ich nach dieser halben Stunde sicher noch immer den Flunsch, mit dem ich bereits aus dem Bett geklettert war. Zeit für den ersten Kaffee. Es sollte mein letzter in diesem Büro werden, doch das wusste ich in dem Moment natürlich noch nicht.
Mein Büro befand sich am Giebel des Gebäudes, und die Kaffeeküche war, wie konnte es auch anders sein, natürlich genau am anderen Ende des elend langen Flurs zu finden. Auf dem Weg dorthin sammelte ich Herbert ein. Herbert war vor Jahren am selben Tag in diese Firma gekommen wie ich, und obwohl uns fast zehn Jahre Altersunterschied trennten, redeten wir so miteinander, als wären wir schon früher Klassenkameraden gewesen: Streitereien mit der festgefahrenen Familie, erfolglose Dates am vergangen Wochenende, der zuletzt gekaufte Technikschnickschnack… Wir tratschten über alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war und für arbeitszeitverkürzende Erheiterung sorgte.
»Und, gestern ›Wer wird Millionär‹ geschaut?«, fragte Herbert, während er seine rissige Kaffeetasse unter den Automaten hielt, der sie mit lauwarmem Bohnensaft auffüllte.
»Nein, ich hing geschlagene drei Stunden am Telefon«, sagte ich und rollte theatralisch mit den Augen.
»Ach, lass mich raten? Du hast mal wieder beschlossen, gegen die Wand zu rennen und dir dabei ordentlich die Fresse blutig zu hauen«, feixte Herbert.
»Na was denkst du denn? Die Fresse eines Mannes kann nie blutig genug sein«, sagte ich und musste auch lachen. Es war das alte Leid. Zwei erfolglose Vollzeitsingles, die sich darüber amüsierten, dass ihr liebstes Hobby darin bestand, abends einsam und allein in die vollgerotzten Kissen zu weinen.
»Wie sieht’s bei dir aus?«, fragte ich, als der Automat gerade laut röhrend meine Kaffeetasse auffüllte. »Mal wieder was in der Pipeline?«
»Na ja, vielleicht am Wochenende. Madame hat sich mal wieder erbarmt und will mir nun einige Stunden ihrer kostbaren-« Ein lautes Scheppern schnitt Herberts Redeschwall abrupt ab. Wir schauten uns fragend an, stellten wie abgesprochen unsere Kaffeetassen zur Seite und gingen auf den Flur hinaus.
Im Eingangsbereich des Bürogangs lagen Glasscherben. Offensichtlich hatte jemand die Tür eingeschlagen. Herbert trabte sofort hinüber, um nachzusehen. Ich hätte eigentlich folgen sollen, doch irgendein irrationaler Gedanke brachte mich dazu, zurück in die Küche zu gehen und zumindest meine Kaffeetasse zu holen, bevor ich nachsehen würde, was denn geschehen war. Vielleicht war es auch nur die Macht der Gewohnheit, die mich zurücktrieb, schließlich ist ein waschechter Bürohengst nur selten ohne seine Kaffeetasse in den Weiten der Büros unterwegs. Ganz egal, was es auch war, mir rettete mein Griff zur Tasse jedenfalls das Leben. Für den armen Herbert dagegen, sollten sich die erfolglosen Frauengeschichten ein für allemal erledigt haben.
Ich hatte die Küche noch nicht wieder verlassen, als ich ein dumpfes Schlaggeräusch vernahm. Anschließend folgte ein Poltern, als wäre jemand zu Boden gestürzt. Und dann drang ein schriller Schrei an mein Ohr. Schnellen Schrittes war ich nun auf dem Flur und schaute in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Ich konnte Herbert sehen, der reglos am Boden lag. Um ihn herum Glasscherben. Und rechts neben ihm Sabine, die eben noch gekeift hatte und nun die Hände vor den Mund hielt. Jetzt rannte auch ich zur Tür, und erst, als ich wenige Meter vor Herberts bewusstlosem Körper stand, erkannte ich das wirklich Abstruse an an der schrecklichen Szenerie: Direkt neben seinem Kopf stand ein verdammter Feuerlöscher!
Ich hatte nur wenige Sekunden, um alles wahrzunehmen, mir ein Bild vom Geschehen zu machen, denn anschließend überschlugen sich die Ereignisse. Es blieb gerade noch Zeit, um zu erkennen, dass aus Herberts verletztem Kopf Blut floss. Viel Blut! Und auch an dem Feuerlöscher klebte Blut. Jemand musste ihn durch die Scheibe geworfen und Herbert am Kopf getroffen haben, dachte ich, bevor mir einfiel, dass die Scheibe zerstört worden sein musste, als Herbert noch mit mir zusammen in der Küche gestanden hatte. Doch was stand ich dumm in der Gegend und überlegte, was passiert sein konnte? Ich sah Sabine an, die, wie zur Salzsäule erstarrt, im Gang stand und mit vor Schreck geweiteten Augen auf Herbert herabblickte.
»Sabine, ruf sofort den Notarzt, verdammt. Sab-«, begann ich, als auch ich von einem neuerlichen Geräusch unterbrochen wurde. Wieder dieses dumpfe Knallen von Metall auf einen harten Gegenstand. Dieses Mal direkt aus Heikos Büro. Es folgte ein lautes Krachen, als hätte jemand den kompletten Schreibtisch abgeräumt. Sofort darauf rannte ich hinüber zu seinem Büro und schaute durch die offene Tür. Heiko lag mit dem Gesicht nach unten Auf dem Teppich. Um ihn verstreut lagen Unmengen Papier, als wäre gerade eben ein Wirbelsturm durchs Büro gefegt. Auch sein Monitor lag am Boden. Tastatur und Maus ebenso. Und dann auf seinem Schreibtisch das, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: ein weiterer Feuerlöscher!
»SABINE«, schrie ich, drehte mich um und wollte aus dem Büro stürmen. Doch soweit kam es gar nicht, denn ich hatte mich gerade erst herumgedreht, als ich zwei Feuerlöscher entdeckte, die in der offenen Tür standen und meinen Weg blockierten. Und was soll ich sagen? Scheiße, ich hatte das Gefühl, dass die Dinger mich tatsächlich anstarrten. So starrte ich zurück, bis ein weiteres »Klong« ertönte, dem ein erstickter Schrei folgte. Sabine!
Einen Moment noch stand ich wie angewurzelt in Heikos Büro, dann fasste ich all meinen Mut zusammen, stürzte auf die Feuerlöscher zu, die einfach nur im Weg standen, und trat sie beiseite. Ich rannte auf den Flur hinaus und zurück zu Sabine. Auch sie fand ich nur noch reglos auf dem Boden liegend. Da, wo vorher ein blonder Haarschopf ihren Kopf bedeckt hatte, war nun nur noch eine rot-graue Masse aus Blut, Gehirn und Schädelsplittern zu erkennen. Ich drehte mich weg, hin zu Herbert, der nun in einer großen Blutlache lag. Den Notarzt würde er nicht mehr brauchen. Augenblicklich biss ich in meine Hand, um nicht schreien zu müssen. Verdammt, wo waren die anderen Kollegen? Die konnten das alles doch unmöglich überhört haben! War denn sonst niemand anwesend?
Und als wären meine sich überwerfenden Gedanken ein Kommando gewesen, hörte ich ein lautes Poltern hinter mir. Ich drehte mich um und sah eben noch, wie ein bewusstloser Körper durch eine geöffnete Bürotür auf den Flur hinaus flog, an die gegenüberliegende Wand prallte und wie ein Stein zu Boden fiel.
»Dirk?«, rief ich, doch er antwortete selbstverständlich nicht. Trotzdem spürte ich das Verlangen, noch einmal nach ihm zu rufen, als mir die Worte im Hals stecken blieben. Die Feuerlöscher, die ich eben noch zur Seite getreten hatte, lagen nicht mehr dort, wo sie eben noch gelegen hatten. Die verdammten Dinger standen jetzt vor mir. Direkt vor mir. Allmählich schwante mir, dass sie sich angeschlichen haben mussten, während ich ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Aber mordende Feuerlöscher? In welch grotesken Traum war ich da nur hineingeraten? ich überlegte, ob ich die Augen schließen und bis zehn zählen sollte. Oder mich kneifen. Andererseits käme man in einem Traum niemals auf diese Idee, oder? Panisch warf ich die Gedanken in meinem Kopf hin und her, als wären sie nutzlose Würfel ohne Augen.
»Scheiße!«, stieß ich krächzend hervor und schlug die Hände an meine Schläfen. Ich stand mitten im Flur, starrte die beiden Feuerlöscher vor mir an, als ich aus einem der hinteren Büros ein lautes und ekelhaftes Knirschen hörte. Einen Moment noch richtete ich meine Augen auf die diese diabolischen Mistdinger vor mir, als ich sie abermals beiseite trat, um dem Geräusch nachzulaufen.
Und was ich sah, ließ meinen Atem stocken: Drei über und über mit Blut besudelte Feuerlöscher bildeten in dem kleinen Zweierbüro, aus dem das widerliche Geräusch gekommen war und das nun wie ein Schlachthaus aussah, ein konspiratives Dreieck. In ihrer Mitte lagen die verstreuten Reste eines völlig zerrissenen Körpers. Die blutigen Fetzen des karierten Hemdes und die geschmacklosen braunen Lackschuhe sagten mir, dass es sich bei dem Unglückseligen nur um Jörg handeln konnte. Jörg – einer der Vertriebsmenschen, mit denen ich nie wirklich viel zu tun gehabt hatte. Zu viel Realitätsverlust für meinen Geschmack.
Wieder überfiel mich das grässliche Gefühl, als würden mich diese Feuerlöscher durch ihre nicht sichtbaren Augen anstarren. Ja, sie wirkten, als fühlten sie sich von mir bei der Arbeit erwischt. Und erst jetzt, unter diesen unsichtbaren aber bohrenden Blicken, spürte ich, dass die Betäubung des Adrenalins nachließ und ich in eine so nackte wie grausige Realität geschickt wurde, die eigentlich keine sein konnte. Ich bekam Angst. Verdammte Todesangst, die mich in ihren Würgegriff nahm und auch nicht mehr loslassen sollte.
Ein kehliger Schrei quälte sich durch meinen Rachen an die hörbare Oberfläche, während ich mich langsam rückwärts bewegte. Und plötzlich über etwas Hartes stolperte.
Ich war noch nicht einmal auf dem Boden aufgekommen, als ich bereits wusste, was mich zu Fall gebracht hatte: direkt hinter mir hatte ein weiteres dieser metallenen Monstren auf der Lauer gelegen. Natürlich sah ich zu, dass ich wieder auf die Beine kam. Ich wollte sofort in Richtung Ausgang rennen, als ich mit Entsetzen sah, was sich vor mir aufgebaut hatte: eine regelrechte Armada aus Feuerlöschern versperrte den Gang. Ich bin mir nicht ganz sicher, glaube nun aber, dass ich nicht einmal die Chance hätte, über die Dinger hinwegzuspringen. Vermutlich wäre ich mitten in ihnen gelandet, gestürzt und nie wieder aufgestanden.
So rannte ich stattdessen – etwas Besseres fiel mir einfach nicht ein – auf die Herrentoilette. Ohne Augen im Hinterkopf zu haben, wusste ich, dass die roten Teufel nur wenige Schritte hinter mir waren und gleich über mich herfallen würden. So rannte ich, so schnell ich nur konnte. Und schloss mich ein. Endlich Ruhe.
Ich setzte mich auf den Toilettendeckel, schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, ruhig zu atmen. Es war wichtig, klare Gedanken zu fassen. Auch wenn das alles hier nicht wahr sein konnte, musste ich versuchen, eine Lösung zu finden. Einen Ausweg aus dieser ganz und gar unwirklichen Situation. Mein Herz raste, und jeder Teil meines Körpers zitterte wie Wackelpudding.
Es vergingen nur wenige weitere Sekunden, bis ich das erste Poltern hörte. »Rumms!« Sie waren direkt hinter der Tür und schlugen gegen das Holz. Wieder. »Rumms!« Ich stand auf, presste mich gegen die Wand. »Rumms!« Ich saß, verdammt noch mal, in der Falle. »Rumms!« Und dann das Geräusch von berstendem Holz. Ich wusste, sie würden nur noch wenige Anläufe brauchen, um Kleinholz aus der Tür zu machen. »Rumms!«
Sind die Überlebensinstinkte eines Menschen erst einmal geweckt, wird er zum wilden Tier. Und ich wage zu behaupten, dass sich in einer solchen Situation selbst so manch hungriges Raubtier niederwerfen lassen würde. Und auch wenn Feuerlöscher wohl normalerweise keine Raubtiere sind, blieb mir doch keine andere Wahl, als es mit ihnen aufzunehmen. Oder mir zumindest einen Weg durch ihre tödlichen Reihen zu bahnen. Keinen weiteren Gedanken ließ ich zu, drehte stattdessen am Schloss und riss die Tür auf.
Da standen sie, mindestens zu zehnt, und glotzten mich. Sie bewegten sich nicht, doch ich wusste, dass sie mir den Schädel zertrümmern würden, sobald ich auch nur eine Sekunde lang wegsah oder die Augen schloss. Eben deshalb sah ich nicht weg. Ich ging einen oder zwei Schritte zurück, warf mich sofort nach vorn und sprang ein einem Satz über die roten Biester hinweg. Ich hielt nicht an, rannte, was das Zeug hielt, aus der Herrentoilette hinaus, während ich hinter mir die kratzenden und scharrenden Geräusche meiner Verfolger hören konnte.
Für den Bruchteil einer Sekunde überkam mich die nackte Panik, dass der Flur nun voll von mordlüsternen Feuerlöschern sein würde, und dennoch lief ich hinaus in den Gang. Doch er war leer, und so rannte ich einfach immer weiter. Weiter Richtung Ausgang. Mir wurde schnell klar, wo all die teuflischen Dinger abgeblieben sein mussten. Denn es drangen knackende und schmatzende Laute aus den Büros, als ich an den offenen Türen vorüberlief. Ich sah nicht hinein, wusste ohnehin, was mich erwarten würde. Außerdem waren einige von den Monstern wie besessen hinter mir her.
Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, die Eingangstür des Bürokomplexes zu öffnen, schließlich war die Scheibe ohnehin eingeschlagen worden. Als ich an den mittlerweile zur Hälfte verschwundenen Leichen meiner ehemaligen Kollegen Herbert und Sabine vorbeigestürmt war, sprang ich einfach durch die geschlossene Tür. Die Schnitte, die ich mir dabei zuzog, hielten sich glücklicherweise in Grenzen.
Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass der Teufel hinter mir her war, schließlich waren es gleich mehrere Teufel, die sich am liebsten über mich hergemacht hätten, und dementsprechend schnell stürmte ich das Treppenhaus hinab. Unten angekommen, hörte ich hinter mir eben noch, dass die Fahrstuhltür sich öffnete. Die Mistdinger hatten doch glatt versucht, mir den Weg abzuschneiden, dachte ich fast schon wieder ungläubig, als ich bereits über den Parkplatz rannte. Hinter mir hörte ich nun kein Geräusch mehr, und dennoch lief ich nicht langsamer.
Noch während des Rennens fiel mir ein, dass der Autoschlüssel sich in meiner verdammten Tasche befand, die natürlich noch in meinem Büro lag. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich rannte einfach weiter. Beschloss, mich über die öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause durchzuschlagen. Mich in Sicherheit zu bringen.
All die Leute in der Bahn schauten mich an, als wäre ich geisteskrank. Die meisten gingen in einem weiten Bogen um mich herum, machten gleichzeitig jedoch auch keinen Hehl daraus, dass sie nicht anders konnten, als mich anzuglotzen wie ein seltsames Tier im Zoo. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, kann ich das verstehen. Ich bin weiß wie eine Wand, sehe aus, als hätte ich Nächte nicht geschlafen und schwitze permanent. Ja, ich sehe aus wie ein elender Drogenjunkie. Und derweil ich das alles hier niederschreibe (vielleicht, weil ich es schon morgen selbst nicht mehr glauben würde, wenn ich nur versuchte, mich zu erinnern), zittern meine Finger noch immer, als würde ein Motor in mir-
Verdammt, da war ein Klopfen am Fenster. Vielleicht sollte ich es lassen, ja, wahrscheinlich sollte ich das. Doch ich kann nicht anders. Gehe eben nachsehen.
Wer hat eigentlich im Rahmen der aktuellen Wintermode die Bärenfotze wieder gangbar gemacht? Wo man hinschaut, tragen gestandene Herren ein solches Unding auf dem Haupt. Bah! Aber gut, das nur am Rande. Eigentlich soll’s hier um Musik gehen. Bin heute nämlich mal wieder drauf gestoßen und war doch erstaunt, wie viele Versionen des Klassikers »Working Class Hero« durch die Musikwelt schwirren. Interessant auch die Wirkung der einzelnen Interpretationen. Bei Interesse einfach mal reinhören…
Das Original, gesungen von John Lennon natürlich.
Green Days Version empfinde ich als gelungenstes Cover.
Hm, mit Ozzys Stimme gesungen, klingen wahrscheinlich selbst die Börsennews cool.
Grausig, aber der Vollständigkeit halber: Marilyn Manson hat sich auch dran versucht. Beim Versuch blieb’s dann allerdings wohl auch. Ahem.
Okay, Cyndi Lauper ließ sich’s auch nicht nehmen. Na ja, hm.
Wenn jemand noch weitere Versionen des Songs kennt, immer rein in die Kommentare damit. Auf jeden Fall ein interessantes Hörexperiment, finde ich. Kann man sich am Sonntag Abend schon mal antun.
Argwöhnisch betrachte ich zum Abend die Nachrichtenschnipsel meiner obligatorisch abgesurften Newsseiten und muss mich doch sehr über die politische Landschaft hierzulande wundern. Nein, eigentlich gar nicht mal wundern, aber vielleicht fürchten? Ja, fürchten ist gut. Glücklicherweise sind die Bundestagswahlen bereits vorbei, andernfalls stünde ich nun wohl vor einer noch schwierigeren Entscheidung.
Da gibt es diese CDU, die zusammen mit ihrem bayrischen Eitergeschwür, der CSU in Berlin hockt und sich um eine offensichtlich stumme Kanzlerin schart, die sich gefühlt dermaßen selten zu Wort meldet, dass sie auch schon gut und gern seit Wochen verstorben sein könnte, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Auch potenzielle Nachwuchsdiktatoren wie Herrn K. aus Hessen lässt man, zumindest augenscheinlich, ungeschoren walten und sich den massendiskriminierenden Arbeitseinsatz herbeibeschwören, als wären wir wieder vor fünfundvierzig. Toll.
Am Rockzipfel dieser Aussitzpartei hängt ihr – man muss es leider so sagen – mitregierender Juniorpartner namens FDP. Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen aus leidlich lustigen Spaßvögeln, angeführt vom innen- und außenpolitisch völlig unmöglichen Dauergrinser Herrn W., zeigt gerade, dass ihre radikalliberalen Versprechungen und Wunschkonzerte weiter von der Realität entfernt sind als die Parteifarbenkrawatten der Genossen vom guten Geschmack. Wieder toll.
Und in der Opposition? Nun, faktisch gibt es die doch gar nicht. Die rote Partei, einst Ziel meiner Schimpftiraden, nagt weiterhin genüsslich an ihrer Basis, um wohl auch das letzte Bisschen an sozialdemokratischem Parteistolz aufzuzehren. Die ganz rote Partei macht’s da nicht anders. Erst werden, völlig fern von jeglicher Relevanz für das Bürgerinteresse, interne Hahnenkämpfe ausgefochten, bis denn dann der große Messias nach seiner Krankheit zurückkehrt, um einmal auf den Tisch zu hauen und anschließend ins Politiknirwana zu entschwinden. Wo man hinschaut, rote Implosion. Auch ganz toll.
Was bleibt? Ja, da gab es diese grüne Partei, die ich immer belächelt habe, die ich eigentlich nie ganz ernst nehmen konnte. Was machen die eigentlich? Berliner Gärten pflegen? Aber wenn das so weitergeht, bleibt mir in vier Jahren wohl einzig das grüne Gesocks zur Auswahl übrig. Uh, ein schauriges Szenario! Wie gut, dass ich ohnehin bald in Berlin ansässig bin. Dann kann ich bei aller Frustration wenigstens Farbbeutel auf den Reichstag werfen. Und warum ich überhaupt noch wählen gehe, wenn ich ja doch nur schimpfe? Nun ja, wer nicht wählt, der darf auch nicht zetern. So sieht’s nun mal aus, jawoll!
Ach, die Welt ist ein ungerechter Hort des Schreckens. Da treibt man Sport, schwitzt sich den Hintern schlank, isst ab und an sogar mal einen Salat [Uh!] und ist über alledem doch gerade mal fünfundzwanzig Lenze jung. Und dennoch muss ich mich schon mit der winterlichen Brachialkälte herumquälen. Wie, das müsst ihr auch? Nun ja, mag sein, aber ihr habt höchstwahrscheinlich nicht das, was mich plagt: mein rheumatisches Knie! Rheuma! Ich! Mit fünfundzwanzig!
Habe doch tatsächlich festgestellt, dass mir die Kälte dieser Tage sprichwörtlich ins Gebein kriecht. Das ist nicht nur insofern ein Ärgernis, da ich ja eigentlich gern laufen gehe, sondern lässt mich auch darüber nachgrübeln, wie das wohl erst in fünf Jahren sein mag. Da bin ich schließlich dreißig und quasi kurz davor, dem Sensenmann die Hand zu reichen. Was hab ich dann am Hacken? Ein quietschendes Scharnier in meiner künstlichen Hüfte? Einen Kunststoffbeutel am Bein, der das auffängt, was mein undichter Verdauungsendtrakt ausspuckt? Herzschrittmacher? Glasauge? Hörgerät? Ach, ich sage ja, die Welt ist ein ungerechter Hort des Schreckens, und ich bin hier wohl eindeutig falsch!
PhanThomas hat mal wieder in der Mottenkiste seiner musikalischen Jugendgelüste gewühlt und was Feines hervorgezaubert. Man muss The Offspring gar nicht mal sonderlich mögen, um »Dirty Magic« grandios zu finden. Was, stimmt nicht? Quatsch, Ruhe da hinten! Die zugehörige Platte »Ignition« ist übrigens auch uneingeschränkt zu empfehlen. Nur Glanznummern, kein einziger Durchhänger. Ach, warum gibt’s das heutzutage nicht mehr? Früher war doch irgendwie alles besser…
Da ja noch so ziemlich Winter ist und mir die Worte, hm, nicht mehr wirklich viel bedeuten, werfe ich zum Tage einfach mal gereimte Tatsachen unters Volk. Kann man ja mal machen, sofern man’s nicht übertreibt. Finde ich.
So, die Eindrücke sind noch frisch, die Augen noch munter, die Finger angenehm flink. Zeit, sich über den Film auszulassen, über den derzeit ohnehin die ganze Welt spricht, der so teuer war wie ein durchschnittliches Industrieland und wahrscheinlich bereits mindestens das zehnfache Bruttoinlandsprodukt der kumulierten EU-Staaten eingespielt hat. Die Rede ist natürlich von »Avatar – Aufbruch nach Pandora«, dem neuen 3D-Spektakel von Titanic-Regisseur James Cameron.
Die Handlung, sofern man sich erdreisten möchte, den Plot so zu nennen, ist schnell erzählt: Die böse, böse Menschheit lässt sich nach der vollständigen Ausplünderung der guten alten Erde auf der Dschungelwelt Pandora nieder, um auch diese nach Strich und Faden auszunehmen, auf dass ihr letztes Hemd keine Taschen haben möge. Leider jedoch, erweist sich das hemmungslose Ausbeuten der vorhandenen Rohstoffe als nicht ganz so einfach, weil auf Pandora nicht nur allerhand ekliges Getier kreucht und fleucht, sondern auch ein blau angelaufenes Naturvölkchen namens Na’vis haust, das doch sehr an diverse Indianervölker erinnert. Die blauen Genossen sehen die Zerstörung ihrer Welt, mit der sie sich durch eine Art biologische USB-Stecker in ihrem Haar (!) verbinden und so in Symbiose leben, natürlich reichlich ungern und geben den ungebetenen Gästen ordentlich eins auf die Mütze. Doch der Mensch wäre nicht der Mensch, hätte er nicht ein Ass im Ärmel: nämlich den namensgebenden Avatar. Diese Dinger sind sozusagen Körperhülsen, erstellt aus Na’vi- und Menschen-DNA, die von Menschen mittels diverser Technikspielereien besetzt werden können. Kennt man so ähnlich ja bereits aus Matrix. Die Avatare sollen sich den Na’vis annähern, sie erforschen und sie letztlich zur Umsiedelung bewegen.
Im Zentrum dieses Handlungsgeflechts steht der querschnittsgelähmte Marine Jake Sully, der sich in seinem Avatar recht schnell pudelwohl fühlt und eigentlich gar nicht mehr raus möchte. Klar, das blaue Viech kann ja schließlich auch laufen. Außerdem verknallt er sich in die, öhm, aus Na’vi-Sicht wahrscheinlich sehr hübsche Neytiri. Logisch auch, dass der gute Jake dabei zwischen die Fronten gerät, dass es jede Menge Ärger, Gezänk und Geballere gibt. Gerade letzteres muss schließlich sein, ist »Avatar« doch ein zum großen Teil computeranimierter 3D-Film.
Und da wären wir auch schon beim Thema. Kaum hat man sich die unförmige 3D-Brille ins Gesicht gehängt, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Mitunter möchte man die Hand ausstrecken und nach den vielen herumfliegenden Details des Films greifen. Egal ob dichte Dschungelatmosphäre, wilde Verfolgungsjagden oder krachige Luftgefechte – man ist immer mittendrin statt nur dabei. Ein Wahnsinnserlebnis! Sex für die Augen mit multipler Orgasmusgarantie für alle Optikfetischisten. Schon allein der neuen Technik wegen, muss man den Streifen wohl gesehen haben.
Leider jedoch, ist das auch der einzige Grund. Denn weshalb man sich für den teuersten Film aller Zeiten nicht auch noch eine hübsche Handlung geleistet hat, will mir nicht in den Kopf. Stattdessen turnt man ein Gemisch aus »Pocahontas« und »Der mit dem Wolf tanzt« nach, das sicherlich beiden Vorbildern nicht ganz gerecht wird. Das ist nicht nur langweilig, schließlich ist die gesamte Geschichte so vorhersehbar wie ein Arztroman, sondern wirkt mitunter auch noch unfreiwillig komisch. Die Darstellerriege (u.a. Sam Worthington, Sigourney Weaver) erfüllt ihren Zweck, reißt sich beim Spiel jedoch kein Bein aus. Auch akustisch weiß »Avatar« nicht zu überzeugen. Die Soundkulisse reicht nicht über das Standardrepertoire an Wumms hinaus, und den Soundtrack hat man vergessen, sobald er aufhört zu dudeln.
Was also bleibt? Eine gigantische Grafikdemonstration, bei der man Bauklötze staunt. Mehr allerdings darf man von »Avatar« wohl nicht erwarten. Schaltet der Filmliebhaber von Welt seinen Verstand ab, wird er durchaus seinen Spaß haben. Denn so dreidimensional die Optik ist, so eindimensional ist eben der Rest. Schade! Auf jeden Fall aber zeigt »Avatar«, wo es in den kommenden Jahren filmtechnisch hingehen wird, denn eigentlich möchte man nach dieser Show keinen Film mehr auf herkömmliche Art sehen. Der plastische Phallus im ersten 3D-Porno ist damit wohl nicht mehr weit.
Kopfschmerzbedingt heute an dieser Stelle nur was zum Hören. Bisschen lieblos hingeschmissen, ich weiß. Böse Zungen mögen behaupten, dass man von derlei Musik ja erst recht Kopfschmerzen bekommt – so wie meine Eltern zum Beispiel. Aber die lügen natürlich. Und außerdem hören die sich andere fürchterliche Sachen wie Heino an. Glaub ich wenigstens. Und davon kriegt man was ganz anderes als Kopfschmerzen. Nämlich komische Krankheiten, bei denen eklige Sachen aus zufällig ausgewählten Körperöffnungen schießen. Urgs.
Du wühlst auf iThought 2 gerade in den Archiven zum Januar, 2010.
Phan-Who?
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.