Der Autor dieses allzu häufig nicht erreichbaren Weblogs gibt zu, mit seinem selbst gefassten Plan »Sieben Tage, sieben Texte« im Kontext »Assoziatives Schreiben« kläglich gescheitert zu sein. Nach Nummer 5 hat doch tatsächlich irgendwer die Puste aus der literarischen Luftmatratze herausgelassen. Andererseits sind fünf Texte in fünf Tagen ja auch schon eine hübsche Hausnummer und quasi als Wort zum Sonntag gibt’s dann doch noch einen kleinen Nachschlag. Heute, passend zur entwichenen Schreibluft, was über die Kurzatmigen unter uns.
Daher nun: Raucher
Wenn es einen Gott geben sollte – und möge er von mir aus auch gern aus in die Länge gezogener Teigmasse, angereichert mit Bolognaisesauce und appetitlichen Fleischklopsen bestehen -, der sich unserer Erschaffung angenommen hat, dann ging er vermutlich so vor, dass er Mann und Frau aus dem prähistorischen Schlamm knetete, anschließend mit dem Marlboro-Mann für ein Päuschen auf den Balkon ging, bevor er sich zurück an die Arbeit machte und plötzlich das Gefühl bekam, dass noch etwas Wichtiges zur Vollkommenheit zu fehlen schien. Noch ein wenig Schlamm hier, ein ein bisschen Spachtelmasse da, eine löchrige Teerlunge, dazu ein Päckchen Kippen, lässig in die Arschtasche geschoben, und weil man dafür ja überhaupt erst mal eine Tasche braucht, gab’s eine adrette Blue Jeans dazu – fertig war der Raucher.
Nun unterscheiden sich Raucher und Menschen in vielerlei Hinsicht. Das fängt schon damit an, dass Menschen immer nur olle Menschen sind, während Raucher so was wie das nikotinabhängige Äquivalent zu blutschlürfenden Vampiren sind. Ständig sind sie auf der Pirsch nach dem nächsten Glimmstängel, egal ob erschnorrt oder bei Nacht und Nebel aus ‘nem Automaten gefriemelt, um der Lebenserwartung ein weiteres Mal ‘nen Scheitel zu ziehen. Niemand warnt den Nichtraucher so sehr vor den Gefahren, den Nachteilen, der Lästigkeit des Tabakkonsums, wie der Raucher selbst. »Ganz schlimme Angewohnheit«, sagen sie dann, als hätten sie’s auswendig gelernt, ziehen genüsslich am verteerten Filter und fahren fort: »Fang du bloß nicht auch noch damit an!« Die Botschaft ist klar: Raucher wollen unter sich bleiben, sie sind eine verfluchte Elite, die Geschöpfe der frischen Luft, Sklaven einer tausendfach inhalierten Milligrammdosis Nikotin, von denen der Nichtraucher tunlichst Abstand halten sollte. Und das tut er gemeinhin auch freiwillig, ist doch so ein vorbeigehender Teerkübel an Gestank nur von sich selbst zu übertreffen, nämlich sobald er den Mund öffnet und beim Reden ein undefinierbares Aroma in die Welt hinausjagt, dass wenigstens mich noch am ehesten an den Duft von Salami nach einem ausgiebigen Sonnenbad erinnert.
Dabei sind die Kinder des Teer streng genommen ein wirklich lässiger und damit beneidenswerter Haufen: Lässig genug, um dem Lungenkrebs bis zum bitteren Ende hustend ins Gesicht zu lachen, schließlich ist Leben ohnehin tödlich, lässig genug, um den röchelnden Nichtraucher geflissentlich gar nicht zu bemerken oder ihn schlicht zu ignorieren. Nach der Zigarette ist eben vor der Zigarette, allem Protest zum Trotz! Und jeder nichtrauchende Lokalbesucher weiß, wenn alles ein Ende und nur die Wurst derer zwei haben sollte, dann hat die Zigarette des nervigen Schornsteins am Nebentisch überhaupt kein Ende. Raucher sind in jeder Hinsicht die ruhigeren Probanden, finden Raucherpausen doch fernab des stressigen Alltagskosmos statt, in der nebulösen Welt der Raucherzimmer, deren Sauerstoffarmut ein Nichtraucher keine fünf Minuten standhalten kann, ohne dass ihm die Augen aus den Höhlen quillen. Raucher sind die besseren Kollegen, zumindest unter ihresgleichen, denn alle anderen müssen die im Dunst erstickte Arbeitszeit wieder ausgleichen und büßen so soziale Pausenkompetenzen ein. Aber Raucher sind eben auch die besseren Regierungschefs, denn abseits jeglicher Meinungsverschiendenheit in Sachen Aufrüstung oder Menschenrechten schmeckt die Zigarette zwischendurch doch allen Beteiligten gleichermaßen.
Außer den Nichtrauchern! Und weil es derer trotz krebserregenden Passivrauchens scheinbar immer noch viel zu viele aber eben nicht genug gibt, haben sie sich inzwischen selbst in die Opferrolle hineindefiniert und die stinkenden Tabakeimer aus öffentlichen Gebäuden verbannt. In Restaurants duftet es nun endlich nach Essen statt nach Teergrube, Kneipen riechen nach Schnaps und Erbrochenem und Diskotheken nach Schweiß. Es ist Ruhe eingekehrt im Abendland, selbst die Raucher scheinen sich an den Regelungen nicht zu stören, die sie nun sommers wie winters zum Qualmen nach draußen beordern. Da kann es noch so kalt sein, stört niemanden, die Finger des Dauerquarzers zittern ja sowieso. Außerdem ist da noch der Aufschwung der Heizpilzindustrie, so dass Freund Raucher auch im Winter eigentlich kaum mehr frieren muss, während er sich ordentlich Lochfraß in die Lunge hineinpfeift. Natürlich ist das schlecht fürs Klima, selbstverständlich werden die horrenden Energiekosten für die Dinger auf Getränke und Speisen und nicht auf die Glimmstängel umgelegt, aber irgendwie muss man den pseudogesunden Nichtraucher mit dem ewigen Stock im Arsch ja ärgern, wenn man ihm schon nicht mehr die Luft verpesten kann. Mich als einen von ihnen bringen diese nur auf sich bedachten Nikotinsüchtigen ja schon wieder auf die Palme. Da hilft zur Beruhigung wirklich nur noch ‘n Tässchen Kaffee.
Ich muss eingestehen, so allmählich ist die Luft raus. Sieben Tage, sieben Texte, nun, das war vielleicht doch etwas hoch angesetzt. Es wäre jedenfalls wohl sinnig gewesen, sich die assoziationsgeeigneten Begriffe bereits im Voraus zu überlegen und dann so zu tun, als wäre man spontan unendlich kreativ. Hinterher ist man ja immer schlauer. Doch es hilft alles nichts, es muss weitergehen, also werfen wir die Hirnmaschinerie an und schreiten tüchtig voran. Und weil vorwärts eine so schöne Richtung ist, bleiben wir doch gleich dabei.
Heute also: Vorwärts!
Genosse Honecker sagte es bereits zu Lebzeiten im aufschwungbefreiten Ostteil Berlins: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer!«, die kleinen kapitalkritischen Maulwurfsaugen hinter der dickglasigen Brille siegessicher (oder wegen regelmäßiger Asbestinhalation geistesabwesend) funkelnd. Vielleicht war das Nasenfahrrad des Genossen auch nicht dick genug, sonst hätte er doch sicher gemerkt, dass es zwar vorwärts ging, aber nur für all jene, die ihre Augen nach hinten gerichtet hatten. Nun gut, die Geschichte hat uns gelehrt, dass nicht lange danach die Scorpions kamen, um zuerst die Mauer und dann den ganzen Staat mit gespitzten Lippen und Akustikgitarren wegzusäuseln. Und seitdem geht’s ja auch wirklich vorwärts hier in Berlin. Da guckt man einmal nicht hin, schon ist aus einem hübschen Park ein leerstehendes Bürogebäude geworden und schon Tags darauf ein besetztes Haus.
Wo Berlin ist, da ist Leben, da hat sich geballte Unfreundlichkeit zu Unmengen an Menschmasse personifiziert, die sich zusammengequetscht wie ein immenser Wackelpudding aus Fleisch und Schimpftiraden durch die Straßen wühlt, als wäre das ganze Jahr lang Schlussverkauf. Und wer was abbekommen will, im Schmelztigel aller Formen und Farben von Selbstgefälligkeit und Egoismus, der muss eben sehen, dass er vorwärts kommt. Das fängt damit an, dass die Oma schon morgens um zehn im Discounter um die Ecke an der Kasse steht, um das letzte Bier abzustauben, und endet mit den zu jeder Tageszeit von Pennern besetzten Parkbänken, die eigentlich längst eigene Hausnummern haben müssten.
Man muss eben auf Zack sein, aber dafür gibt es hier schließlich, sofern man nicht mit dem eigenen motorisierten Gefährt in das ewig währende Hupkonzert der urbanen Stauapokalypse einstimmen möchte, den öffentlichen Nahverkehr, der sich aber den Slogan »Vorwärts!« glücklicherweise nicht auf die rapsgelben Fahnen geschrieben hat, denn … ach, man kennt es ja: Nur zehn Meter sind es bis zum Bus und man ist bereits zum eleganten Sprint übergegangen, um gerade noch rechtzeitig zum Hechtsprung durch die sich schließende Tür anzusetzen. Doch hat man die Rechnung ohne den Busfahrer gemacht, jene Spezies, die auch ohne den für das Lachen benötigen Muskelapparat auskommt und so maulfaul wie perfide ist. Der nämlich, hat den herbeihastenden Fahrgast längst ausgemacht und schließt die Tür rechtzeitig direkt vor dessen Nase. Der geübte Brummifahrer geht einen Schritt weiter und klemmt den Zinken des unglückseligen Zuspätkommers fachgerecht in der Tür ein. Und immer dann, wenn man nur noch den Rücklichtern des gemütlich davonbrausenden Busses nachsehen kann, scheint dessen Heck sich vor den eigenen Augen in einen Hintern mit heruntergelassenen Hosen zu verwandeln. Macht nichts, der nächste Bus kommt bestimmt. Nicht!
Doch man kann alternativ ja auch mit der U-Bahn vorwärts kommen, wenn es denn so nötig ist, dass man sich den durchaus als experimentell zu bezeichnenden angestauten Duft menschlicher Ausdünstungen antun möchte, der irgendwo zwischen den üppigen Ausscheidungen einer Kuh und einer polnischen Schnapsbrennerei anzusiedeln sein dürfte. In den gelben Riesensärgen, die tagein, tagaus durch den lauschigen Berliner Untergrund holpern, stellen untalentierte Akkordeonspieler sowie die Zeitungsfritzen von »Motz« und »Straßenfeger« eine durchaus respektable Wirtschaftsmacht dar und bieten dem Fahrgast immerhin ein wenig Unterhaltung, während er seine Nase im Winter in der eigenen Jacke und im Sommer in fremden Achseln vergräbt. Ach und dann dieses Gedränge beim Ein- und Aussteigen, denn – wir wissen es – hier will jeder vorwärts kommen. Ruhig bleibt da nur der Bahnfahrer, der die Tatsache, dass ein gigantischer wutschnaubender Menschenpudding versucht, sich durch eine einzige U-Bahn-Tür zu quetschen, über Lautsprecher mit dem Satz »Dit is hier keen Weihnachtskalender. Hier jehn alle Türn uff!« kommentiert.
Unwesentlich bequemer sind da die S-Bahnen, die zumindest schneller vorankommen, als ihre quietschgelben Untergrundgenossen, dafür aber im Gegenzug jedes Jahr wieder kollektiv ihren Winterschlaf halten und so dafür sorgen, dass der ohnehin wenig entspannte Berliner alles andere als vorwärts kommt. Da das Problem allgemein bekannt ist, wartet jedoch ohnehin kaum jemand auf die ausbleibenden S-Bahnen und wer keine Ahnung hat und doch zu lange am Gleis herumsteht, wird für diese Dummheit eben auch mal von eifrigen Nachwuchsstädtern ins Krankenhaus geprügelt.
Ohnehin sollte sich die erfahrene Bulette wohl am ehesten auf die eigenen Quanten verlassen, kommt man mit selbigen doch irgendwie immer noch am unproblematischsten vorwärts. Zwar ist innerhalb des urbanen Molochs längst nicht alles fußläufig erreichbar, sofern man Zelt, Thermoskanne und Stullenbüchse zu Hause gelassen hat, doch in Berlin verlässt eh niemand den eigenen Bezirk, wenn nicht Leib und Leben bedroht sind oder irgendwo eine zünftige Demonstration nach Steineschmeißern ruft. Ja, wenigstens das Laufen klappt hier problemlos, so man sich erst einmal daran gewöhnt hat, alle zwanzig Meter einen beherzten Ausfallschritt zur Seite zu tun, um der gewaltigen Tretmine, bestehend aus Waldis Morgengeschäft, auszuweichen. Und so schaut man im Vorbeigehen dem gerade entkommenen, diesmal besonders hässlichen Stück Köterkot fasziniert nach und steht prompt in der Scheiße. Kurzer Exkurs in Sachen Kacke: Berliner Hunde sind besonders fleißig und fabrizieren jeden Tag fulminante 30 Tonnen an Hinterlassenschaften für den besohlten Fuß. Das entspricht vergleichsweise einer Menge von über 650.000 Big Mac-Frikadellen. Exkurs Ende.
Gut, ich sehe schon: Was die Mobilität angeht, waren die Begriffe »Berlin« und »vorwärts« vielleicht doch kein gut gewähltes Geschwisterpärchen. Was der kleine Ausflug aber immerhin zeigt: Wenn der tattrige Honecker mit seinem Ausspruch schon nicht die Wirtschaft gemeint haben kann, die Fortbewegung kann es eigentlich auch nicht gewesen sein.
Der Alltag hat den kürzlich zu altem Fleiß zurückgefundenen Autor dieses charmanten Blogs eingeholt und ihm wie ein Zombie mit dem Strohhalm des Stresses plus zwei die Kreativität durch den präfrontalen Kortex gesaugt. Deswegen mag folgende Fortsetzung der kleinen, gemütlichen Assoziationsrunde etwas wirrer als beabsichtigt wirken. Der Leser möge dies bitte entschuldigen. Um dennoch den Schein von Niveau aufrechtzuerhalten, gibt’s heute etwas Hochtrabenderes als Haxen, Fisch oder Feiertage.
Nämlich: Theorie und Praxis
In der Theorie ist die Praxis der Theorie näher als in der Praxis, sagt man. Aber ach, fangen wir ganz vorn an. In einer verständlicheren und wirklich ausufernden Theorie ist alles Leben dem Urknall entsprungen, einem vielleicht göttlichen Furz in der Dunkelheit, welcher dermaßen vor Physik und Naturgesetz strotzt, dass Meister Mensch dem Urheber des frechen Windes unlängst jegliche Existenzberechtigung aberkannt hat. In der Praxis nennt sich das dann schlicht Wissenschaft. Theoretisch ist die Wissenschaft unter anderem da, unser schönes Leben mit allerlei Kenntnis zu erleuchten und es dank moderner Medizin auf unverschämte Länge auszudehnen. In der Praxis jedoch sollen wohl vor allem Frömmler mit unwiderlegbaren Formeln geärgert und alle anderen mit Details zu wenig angenehmen Dingen gemartert werden, die eigentlich gar niemand wissen möchte: schmelzende Polkappen, gekappte Schuldenberge, Waldsterben, Walsterben und andere Dinge, die den Kaffee morgens beim Zeitunglesen ein gutes Stück bitterer schmecken lassen.
Theoretisch sagt uns der ganze gedruckte Blödsinn, den die Kittelträger dieser Welt so ermitteln, dass wir für alles, was wir versauen, allein verantwortlich sind, dass niemand nach uns schaut, dass es eben kein Schicksal gibt. Wie eine tote Seekuh treiben wir ungelenk und hilflos, vom Wellengang des Alltags geschüttelt, durch das unergründliche Meer namens Leben und fragen uns, in welchem metaphorischen Netz, Raubfischmagen oder Ölteppich unser Kadaver wohl enden mag. So weit, so unpraktisch. Praktischerweise gibt es aber eindeutige Gegenbeweise: Da wäre etwa dieser Kerl, der doch tatsächlich sechs mal von einem Meteoriten getroffen wurde. Sechs! Mal! Wenn es neben dem Guinness-Buch der Rekorde auch so was wie ein Kilkenny-Buch des Schicksals gäbe, dann würde ich den Hintern eines toten Stinktieres essen, wenn für diesen armen Knilch – nennen wir ihn mal Günther – nicht so etwas drin stünde wie: »Meteorit trifft Günther! Tot!« So weit also die simple Theorie des Schicksals. Praktisch jedoch hat Günther natürlich guten Stuhl, ist deswegen auf Zack und geht zur Seite, wenn der Himmel einen seiner dicken Brocken zur Erde hustet. Das Schicksal muss inzwischen mächtig sauer auf Günther sein.
Doch im Ernst, wie hoch ist die Chance, tatsächlich sechs mal von einem großen Weltallpopel getroffen zu werden? Theoretisch vermutlich deutlich geringer, als im Lotto zu gewinnen. Günther allerdings, der wird praktisch nie im Lotto gewonnen haben. Doch was Wahrscheinlichkeiten anbelangt, da geht sowieso alles kreuz und quer: Theoretisch etwa nähert sich die Chance, einem Bekannten am anderen Ende der Welt in einer fremden Stadt in einem fremden Park zufällig zwischen Baum und Parkbank zu begegnen, der Null. Von unten! Auch hier ist der ersehnte Lottogewinn zumindest theoretisch wahrscheinlicher. In der Praxis kennt aber so ziemlich jeder jemanden, dem eine solche Begegnung widerfahren ist. Doch wer kennt schon jemanden mit sechs Richtigen im Lotto?!
Theoretisch lässt das nur zwei Schlüsse zu: Entweder gewinnt niemals jemand im Lotto und all das ist nur ein geschickter Kniff des Gevatter Staat, um dem dauerneidischen Pöbel wenigstens das Gefühl zu geben, es mit ein paar Kreuzen auf einem Zettel zu was bringen zu können, oder aber es gibt in Wahrheit deutlich weniger Menschen auf der Erde, als die praktische Wissenschaft uns weismachen will. Sagen wir, hmm, circa fünfhundert. Letzteres würde auch erklären, weshalb man dauernd dieselben Leute an unterschiedlichen Orten trifft. Eine passable Verschwörungstheorie will mir dazu aber nicht einfallen.
Wohl auch, weil ich eher praktisch veranlagt bin. Und würde ich im Lotto gewinnen, ich würde niemandem von meinem Geldsegen erzählen und stattdessen den Innendruck meiner durchgelegenen Matratze mit den druckfrischen Scheinen etwas nachbessern. Äußerst praktisch. Oder eine Eckbank aus Goldbarren, die wäre sogar noch praktischer. Wenn nämlich die Finanzjongleure mit den bunten Krawatten des Zirkus »Marktwirtschaft« eine neue Riesenblase fabrizieren, um dann milliardenfach theoretisches Geld im Nichts verschwinden zu lassen, dann wären tausende weniger amüsierter Anleger mit einem Schlag praktisch ruiniert, während ich auf meiner in jeglicher Praxis praktischen Goldbarreneckbank Platz nehmen könnte, um bei einer Tasse Tee über den Eingangssatz dieser knappen Abhandlung nachzusinnen. Theoretisch wenig sinnvoll, praktisch jedoch entspannender als heranrauschende Meteoriten und leere Sparkonten.
Es ist immer gut, schnell weg zu kommen, wenn’s brenzlig wird. Oder schnell hinzukommen, wenn’s was umsonst gibt. Wie ich drauf komme? Nun, es soll immer noch herumassoziiert werden, und da ich glücklicherweise jener Gattung angehender Endzwanziger angehöre, die beim Blick abwärts nicht einen unter schlabbrigem Shirt verborgenen Butterberg von einem Bauch sieht, sondern wie zu besten Zeiten die eigenen Füße, sollen auch diese das heutige Thema sein.
Drum nun: Füße
Die Geschichte des Fußes ist mitnichten eine Geschichte voller Missverständnisse, doch wenn ich die löchrigen Socken von den mir angewachsenen Bodenbelägen friemle und schaue, welch Bild sich mir darbietet, dann scheint es sich doch zumindest um eine Geschichte langen Leidens zu handeln. Nehmen wir Gollum aus dem »Herrn der Ringe«: Einst einem Hobbit nicht unähnlich, wie Rauschebartträger Gandalf es formuliert, ließ der dauerjammernde Grottenolm sich von einem hübsch glitzernden und dauermurmelnden Ring dahinknechten, schinden und aussaugen wie in erster Ehe, bis, nun ja, etwas übrig blieb, das höchstens noch einem von Lepra befallenen Penis nicht unähnlich ist. Nun haben Gollum, unansehnliche Geschlechtsteile und Füße eigentlich nicht allzu viel gemeinsam, doch worauf ich hinaus will: Letzteren sieht man das Leid einer lang währenden Evolution einfach an.
Führen wir der Veranschaulichung halber einen kleinen Schwenk in Richtung der Hände durch. Wer von Mutter Natur initial nicht allzu sehr abgestraft wurde oder mit polnischem Knallwerk zu sehr geböllert hat, muss schon zugeben, dass Hände nicht eben die hässlichsten Körperteile sind. Natürlich sind sie kein in Fleisch gegossener Rembrandt, doch eine gewisse Ästhetik kann man den menschlichen Greifern nicht absprechen. Ganz anders dagegen Füße, die vor Äonen, eben vor der Erfindung des aufrechten Ganges und dem damit einhergehenden Trend zur Kniescheibenfehlstellung, einmal so etwas wie die großen Brüder der Hände gewesen sein müssen. Zehen standen den Fingern in nichts nach und wenn es darum ging, dem Überbiss des verhassten Höhlennachbarn in Sachen Evolution nachzuhelfen, dann hatte man vermutlich die Qual der Wahl aus vier geeigneten Fäusten.
Doch dann – irgendein einschneidendes Erlebnis in der Geschichte unserer Art, vielleicht ein Haufen Säbelzahntigerkacke zu viel, in dem die Vorderpatsche hängen blieb, vielleicht das Erkennen des Entspannungsmehrwertes von Fußbädern oder einfach nur das zunehmende Bedürfnis, Hinterkopf und Hinterteil gleichzeitig kratzen zu können, irgendetwas jedenfalls muss unsere werten Vorfahren dazu gebracht haben, künftig nur noch auf zwei Beinen gehen zu wollen. Und zwei dauerhaft freie Hände machten zwei kaum mehr freie Hände langfristig recht überflüssig – degradierten sie sozusagen zu Fußvolk.
Und diese Füße begannen sich zu verändern: Filigrane Finger wurden zu verkümmerten, ungelenken Zehen, die seither aus einem langgezogenen Trittwerkzeug herauslugen und sich winden wie aufgedunsene Maden im Speck. Statt schwieliger Handflächen gibt’s zwei wildgewachsene Furunkel namens Ballen und Ferse. Let’s face it: Füße sind nicht schön! Das sagt sogar ein Großteil der Frauen, denen ich bisher begegnet bin, um tiefsinnige Gespräche über die Ästhetik von Füßen mit ihnen zu führen. Deswegen verpacken wir sie gleich doppelt – die Füße, nicht die Frauen -, wenn wir außer Haus gehen: zuerst in zumeist unscheinbare Socken, die kein Grauen unter dem Stoff vermuten lassen und dann in allerlei buntes Schuhwerk, das elegant davon ablenken soll, dass unterhalb von Leder, Gummi und Schnürsenkel zwei missratene Körperteile ein zweisames Schattendasein fristen.
Schlimmer noch ist ja, auf welch perfide Art die biologischen Treter versuchen, dennoch Aufmerksamkeit zu erregen: Mitunter imitieren sie den Duft von ranzigen Milchprodukten und hilft auch das nichts, spielen sie Mutterboden für juckende Parasiten, deren namensgleiche Vettern zum Herbst in Wäldern wuchern und auf eifrige Sammler warten. Ja, vernachlässigte Füße halten uns auf Trab: Sie schmerzen nach langen Märschen oder schlicht nach dem Aufstehen, ganz wie es ihnen beliebt, sie lassen Zehnägel genüsslich ins Fleisch wachsen, die dann mit Zangen aus eitrigen Wunden gezogen werden wollen, sie ärgern uns mit gerissenen Bändern, gebrochenen Zehen, mit wässrigen Blasen und sie schlafen genau dann ein, wenn man gerade aufstehen und zum Kühlschrank gehen möchte.
Und doch … es gibt sie, die Fußliebhaber, die Fetischisten, denen Fellatio mit dem großen Onkel lieber ist als alles andere, die genüsslich an Zehen lutschen wie an einer Waffel mit Vanilleeis bei Sonnenschein. Es will mir nicht in den Kopf, wie Füße Liebe sein können, wo Liebe doch durch den Magen gehen soll. Doch vielleicht ist gerade jenes von den meisten als Abart empfundene Verhalten Mutter Naturs Versuch, uns auf unsere angeborenen Laufutensilien aufmerksam zu machen. Ein gewolltes Bekenntnis zum Fuß sozusagen, schließlich steckt hinter dieser vermutlich Jahrtausende währenden unendlich komplizierten Transformation durchaus der Zweck, uns ein Mittel zur Verfügung zu stellen, mit dem jederzeit komfortabel weite Strecken überbrückt werden können. Ein Wunder der Natur eben, auf das der werdende Mensch fortan angewiesen sein sollte.
Der Autor dieses bescheidenen Blogs hat Geburtstag. Doch das Mehr an Kerzen auf dem Kuchen hält den Schreibwüterich noch längst nicht davon ab, mit der assoziativen Texterei weiterzumachen. Mag auch der gestrige Text vermutlich bereits die Krönung meiner geistigen Ergüsse gewesen sein, so lasse ich mich dennoch nicht lumpen, pfeife im soeben begonnen achtundzwanzigsten Jahr meiner Daseinsberechtigung auf persönlichen Anspruch und mach weiter im Programm. Mit einem reichlich naheliegenden Begriff, versteht sich …
Heute daher: Geburtstag
Mit Geburtstagen ist es streng genommen wie mit Freunden: Sie stehen immer genau dann auf der Matte, wenn man sie am wenigsten brauchen kann, glänzen ansonsten aber natürlich durch chronische Abwesenheit. Manchmal sind sie höchst willkommen und manchmal möchte man ihnen auf die Schnauze hauen.
Als Kind sieht die ganze Sache selbstverständlich noch wenig differenziert und dafür umso freundlicher aus: Taschengeld ist grundsätzlich knapp, mit Spielzeug kann das eigene Zimmer nie vollgestopft genug sein, sodass ein amtlicher Geburtstag mit Geld- und Wareneingang immer eine lohnenswerte Sache ist. Älter wird man als Kind ohnehin nicht, das lehrt den neunmalklugen Dreikäsehoch ja schon das Fernsehen. Oder haben Tick, Trick und Track jemals mit dem ersten Bartwuchs zu kämpfen? Drückt Bart Simpson in irgendeiner Folge Aknepickel vor dem Badezimmerspiegel aus? Auch Pippi Langstrumpf hat zumindest im Fernsehen niemals in den Goldkoffer greifen müssen, um Tampons kaufen zu gehen. Geburtstage im Kindesalter sind vor allem eines: Lässig wie eine nackte Putzfrau. Man ist plötzlich wenigstens auf dem Papier ein stolzes Jährchen älter als ein Großteil des sozialen Umfeldes, damit ungleich weiser und die Geburtstagsfeier wird ohnehin von den Eltern organisiert.
Die haben nämlich genug damit zu tun, Einladungen zu schreiben und zu drucken, fluchend zum nächsten Elektronikmarkt zu eilen, um neue Farbpatronen für den streikenden Drucker zu erstehen, dem das Cyan ausgegangen ist, anschließend weiterzudrucken, die Fressalien für ein Dutzend heranwachsender Gourmets vorzubereiten, die Nahrung eher als Wurfgeschoss denn als Magenfüllung ansehen, An- und Rückfahrdienst für den überteuerten Kinobesuch zu »König der Löwen – Simbas Rache« zu spielen, bei alledem freudige Stimmung zu verbreiten und zu grinsen, während sich das Bankkonto schneller leert als der Tank eines aufgebohrten Ford Mustang. Das halbwüchsige Geburtstagskind derweil hockt am großen Tag auf dem Ehrensitz wie Vito Corleone mit einem Glas Cognac auf seiner Veranda, während die bepackten Gäste herbeieilen, als wollten sie dem neu geborenen Jesuskind huldigen. Andy Warhols fünfzehn Minuten Ruhm, einen ganzen Tag lang und das einmal pro Jahr.
Und dann ist da natürlich diese Sache mit den Geschenken: Erfahrene Eltern versuchen erst gar nicht, aus dem von allerhand jungen Gästen dargebrachten Tinnef fernöstlicher Massenfertigung einen Gegenwert zu den eigenen Ausgaben zu errechnen und selbst bei den Sprösslingen bleibt ja immer noch das Problem mit dem Freuen: »Oh, danke schön! Der sieht ja fast aus wie ein Original-Transformer!«, oder »Ui, noch eine Sparbüchse! Mama, kannst du die zu den anderen stellen?«
Letzteres ändert sich, so wie ich das sehe, auch im späteren Leben nicht. Mit Geschenken tut man dem Feiernden nur selten einen wirklichen Gefallen. Die fünfte von Geschmacksphobikern designte »Mit dreißig längst noch kein Restefick!«-Karte dürfte der Beschenkte nur mäßig komisch finden und die Feier, die schon lange nicht mehr von ausreichend betuchten Eltern finanziert wird, ist auch nur deswegen obligatorisch, weil die abendländische Portmoneekultur das nun einmal so vorschreibt. Zu feiern gibt es von nun an und bis ins hohe Alter eigentlich schon gar nichts mehr, sind doch gesteigerte Krebs- und Herzinfarktrisiken, eine vergrößerte Prostata und spontane Bandscheibenvorfälle nur dann Grund zur Freude, wenn’s den verhassten Nachbarn erwischt, der dauernd die leeren Schnapsflaschen über den Zaun schmeißt und bei Nacht und Nebel die Zeitung klaut.
Doch zurück zum Geburtstag an sich: Ist man nämlich erst einmal im Altersdomizil angelangt, jenem steril gehaltenen Wartezimmer vor dem Übergang in die Eichenholzresidenz, so schaut’s mit den persönlichen Ehrentagen vermutlich wieder reichlich bequem aus: Die Feier organisiert jemand anders und um die eigene Jahreszahl muss man sich auch kaum mehr sorgen, schließlich kann die Kerzen auf dem Käsekuchen sowieso keiner mehr zählen. Und überhaupt ist es mit den Jahren ein bisschen wie beim Gefängnisaufenthalt: Man ist wahrscheinlich nur froh, wenn wieder eins rum ist und die Entlassung näher rückt. Aber davon abgesehen dürfte man doch wieder gut Freund mit dem eigenen Geburtstag sein: Reichlich Gratulanten wohnen Tür an Tür, Geldgeschenke purzeln eh durchs letzte Hemd und sind damit so obsolet wie ein Kropf und selbst wenn man keinen Bock auf den eigenen Feiertag haben sollte, wäre man ohnehin viel zu gebrechlich, ihm eins auf die Schnauze zu hauen.
Anmerkung des Autors: Natürlich missgönne ich niemandem seine Feier und ganz sicher können auch achtzigste und neunzigste Geburtstage ‘ne dufte Sache sein und vermutlich wird mit der hier hingeknallten Schreibe nur der eigenen Frustration über das zunehmende Alter Ausdruck verliehen. Vermutlich.
Ein Viertelstündchen Arbeitspausensurferei hat mich auf hier verlinkten Text des Herrn Kaliban aufmerksam gemacht und mir die Idee in den Kopf gepflanzt, mal wieder eine Blog-Aktionswoche zu starten. Zum Thema »assoziatives Schreiben« nämlich. Soll heißen, ich greife per Gedankenlasso eines der vorbeigaloppierenden Worte auf und schreibe dazu auf, was mir eben gerade so einfällt. Das mag einigermaßen sinnlos sein, füllt aber immerhin die Woche und lässt mich text- und blogtechnisch mit einem lupenreinen Gewissen zurück.
Assoziation heute: Fisch
Kürzlich gab’s in der Kantine um die Ecke, die oft preiswert und manchmal lecker ist, Lachs. Also nicht den geschmacksfreien Seelachs aus recycelten chinesischen Wochenzeitungen, sondern richtigen Männerlachs. Und weil ich Lachs sehr gern mag, wählte ich, wie alle anderen Kollegen auch, Steak. Der Koch, ein höchst freundlicher Bursche, der auf skeptische Kundenblicke gern mal mit lieblos angerichtetem Sellerieeintopf oder angedeuteten Ohrfeigen reagiert, drohte sogleich damit, den Pangasius herbeizuschaffen – den Trendfisch, wie ich ihn nannte, oder auch die Schluckimpfung.
Denn ein kurzer Plausch zum Thema führte zum Ergebnis, dass man statt des Pangasius – artgerechte Haltung sei dank – eigentlich auch gleich eine Packung unbedingt verschreibungspflichtiger Tabletten vertilgen könnte. Dasselbe bei den allseits beliebten Gambas: Ob man nun tatsächlich gepelltes Krebsgetier futtert oder aber sich hundert Gramm Penicillin reinpfeift, macht allerhöchstens in geschmacklich feinsten Nuancen einen Unterschied und sonst eben gar nicht. Kein Wunder eigentlich, dass die Menschen immer älter werden, wenn Magen und Darm eine tüchtig werkelnde Reiseapotheke ergeben.
Aber weg von Weltgesundheitsbelangen und zurück zum Fisch. Kennt eigentlich noch jemand diese Nordsee-Restaurants? Ja genau, die, die man meistens übersieht, weil zehn Meter weiter entweder ein McDonald’s oder ein Burger King seine frittierten Düfte in die Einkaufsmeilenbiosphäre hinausjagt. Wie dem auch sei, bei Nordsee, also da gibt’s diesen Bremer. Ich weiß weder, was das Ding heutzutage kostet noch weiß ich, in welchen Gewässern dieser Bremer zu Hause ist, aber immerhin erinnere ich mich mit nicht abflauender Faszination an die absolute Geschmacksfreiheit des kompakten Fischsnacks. Dass selbst das ober- und unterhalb der Mogelfischpackung klebende Brötchen keinerlei Geschmacksknospen zu reizen weiß, lässt gar ein Geschmacksvakuum vermuten, welches der Umgebung dieser panierten Absurdität jeglichen Verzehrreiz zu entziehen scheint. Da aber Nordsee vermutlich mehr Anwälte für die Gourmetrezensentenjagd bereithält, als ich mir jemals leisten können werde, will ich es dabei belassen und gebe offiziell zu Protokoll, dass man alles andere bei Nordsee durchaus vertilgen kann.
Verweilen wir noch ein wenig beim Fischbrötchen. Mit Geschmack gibt’s selbige auch an diversen Bahnhofsbäckerimbisscafés. Die Anzahl dieser hängt vermutlich direkt proportional mit dem Verspätungsgrad der Deutschen Bahn zusammen. Jeder weiß schließlich: Die verflixte Warterei macht verdammt hungrig und all die Signalstörungen, postmortale Menscheneintöpfe auf brückennahen Schienen und in umgekehrter Reihenfolge verkehrende Bahnhöfe sind mit leerem Magen noch deutlich weniger zu ertragen! Und wenn der Snickers, der seit anno dazumal im Automaten auf Adoption wartete, nicht langt oder der Automat tatsächlich keine Snickers mehr parat hat, dann stellt das bahnreisende Individuum sich auch gern mal für ein Fischbrötchen bei einem der genannten Cafés an. Hab ich kürzlich getan und nicht schlecht gestaunt, dass die doch tatsächlich dreifuffzig für ein wenig Weißbrot mit gewürfelten Fischresten haben wollten. Die nette Tante an der Kasse hat dann auch noch mal sicherheitshalber das verkleisterte Preisschild von der Auslagenscheibe gepopelt, um selbst kontrollierend die diabolische Summe zu prüfen.
Aber ob teuer oder Dutzendware, ob geschmacksentfremdet oder intensiv dünstend, die »frutti di mare« aus Poseidons Lenden sind eiweißreich wie Mannes Liebessaft. Zumindest will es der Volksmund so. Und mag schon der frühere Eisengarant Spinat längst als Blender mit Blubb enttarnt sein, so will ich wenigstens dem weißbärtigen Käpt’n Iglo glauben, dass sein Klotzfischgold neben allerlei antibiotischen Ingredienzien auch ein bisschen was für bewusste Lebensführung mitbringt und zudem beim Muckiaufbau hilft. Weil gerade Letzteres ja auch den männlichen Wohlfühlfaktor und die weibliche Libido gleichermaßen steigert, hab ich auch nichts gegen Fisch und sollte selbiger beim nächsten Kantinengang im Angebot sein, nehme ich selbstverständlich Steak.
Habe ich schon erwähnt, dass die Damen von Katzenjammer ganz und gar grandiose Musik machen? Kann man auch schon mal ein ganzes Album hören und fühlt sich danach tatsächlich irgendwie, als hätte man ein Stündchen auf ‘ner angenehm warmen Kochplatte verbracht. Ähm, auf ‘ner sehr gemütlichen Kochplatte, versteht sich, eine, auf der sich’s aushalten lässt und die für meinen erbärmlichen Vergleich hier wohl erst noch in Gedanken definiert werden muss. Aber ach, sei’s drum. Here you go.
Potzblitz, jetzt ging mir doch gerade ein Licht auf, das mich alles um mich herum vergessen und fast vom Thron fallen ließ. Folgendes trug sich in der Räumlichkeit des heiligen Lokus zu:
Ich habe Sätze in der wörtlichen Rede bis vor knapp zwei Jahren immer dann nicht mit einem Komma von einem nachstehenden Teilsatz abgetrennt, wenn es sich um einen Ausrufe- oder Fragesatz handelte. Zum Beispiel so was hier:
»Renn!« rief er. Oder: »Wie geht es dir?« fragte sie.
Ich hab das einstmals unter dem strengen Regime von Frau Bodemann gelernt, ganz bestimmt, oh ja. Doch dann – das sei falsch, hieß es plötzlich. Schlichtweg falsch, so falsch wie Bomben für den Frieden, und ich solle doch einfach mal ein Buch aufschlagen und das nachprüfen. Rechthaberisch wie ich war und noch immer bin, verneinte ich das, schlenderte guter Dinge, voller Vorfreude auf eine weitere Krönung des Rechthabens, dabei ein Liedchen pfeifend (Na gut, das ist gelogen.) zum Bücherregal und sah nach.
Komma! Komma, Komma, Kommakommakomma. Überall waren Kommas, die mir so entweder nie aufgefallen waren oder die jemand nachträglich in die Bücher gesetzt hatte oder …
Uh! Das sind ja Momente, in denen ich mich tatsächlich frage, ob ich einem verfrühten Fall von Demenz anheim gefallen bin oder ob sich vielleicht nachträglich ein Fehler in mein Hirn geschlichen hat, mir vorgaukelnd, das mit dem fehlenden Komma sei immer schon richtig gewesen. Spontan fallen mir dann natürlich auch tausend andere Dinge ein, bei denen mein Verstand in der jüngsten Zeit nicht so ganz auf Trab war und – zack, schon bin ich wieder gedanklich bei der beginnenden Demenz.
Und dann eben: Ich habe dieses Buch vor mir und lese folgende Passage: »Du bist also eine Göttin?« fragte Zweiblum aufgeregt.
Ha, da haben sie wohl das Komma vergessen, dachte ich und überflog spaßeshalber einige weitere Zeilen, vollgepackt mit wörtlicher Rede. Komma? Fehlanzeige!
Google ist mein Freund und so brachte mich ein wenig Internetrecherche nun endlich auf des Rätsels Lösung, die so banal ist, dass ich sie vermutlich einfach nie in Betracht gezogen habe, weil Banales nicht des PhanThomas Tagewerk ist: Ich hatte recht! Der alten Rechtschreibung zufolge gab es da, verdammt noch mal, kein Komma! Das kam erst mit der Verballhornung der deutschen Schreibe gegen Mitte bis Ende der seligen Neunziger. Und als Einundneunzigereinschulungsjahrgang (Huh!) musste ich eben zuerst die alte und später dann die so genannte neue Rechtschreibung erlernen.
Ein Umstand, der mich scheinbar nachträglich ähnlich konfus macht wie Linkshänder, die das Schreiben mit der rechten Hand erlernen mussten. Wenn das mal keine nachhaltigen Schäden meines Geisteszustandes zur Folge hatte!
Doch immerhin: Für den Augenblick ist der Sieg mein!
So so, der CCC ist also an den Bundestrojaner gelangt, zumindest recht wahrscheinlich (auch wenn das jetzt erst mal von den entsprechenden Stellen abgestritten wird). Dass das Ding riesige Sicherheitslücken in die Rechner reißt, auf denen es installiert wird, war ja klar. Alles, was IT-technisch vom Bund initiiert wird, ist beschissen. Man denke an die Maut, man denke an den jämmerlichen Versuch, Ministerien mit Linuxrechnern auszurüsten und ach, wenn ich etwas länger darüber nachsinnen würde, mir fielen sicher noch weitere Beispiele für technisches Versagen auf ganzer Linie ein, wenn Vater Staat seine Finger im Spiel hat.
Pikant ist dann aber doch, was dieses Stück Dilettantentechnik kann: nämlich Vollzugriff auf die infizierten Rechner verschaffen. Nicht nur können Tastatur- und Mauseingaben gesteuert werden, nein es können auch Programme nachinstalliert werden oder, man denke weiter, beliebige Dateien abgelegt werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wenn ich also Schelm sein wollte, könnte ich so weit gehen, darüber zu spekulieren, ob man mit einer solchen staatlich eingesetzten Schadsoftware nicht auch unliebsamen Bürgern illegales Zeug auf die Rechner packen und sie dann dafür verknacken könnte.
In despotischen Ländern mag das ja Gang und Gäbe sein, aber für eine Bundesrepublik, die sich selbst als demokratisches und soziales Land mit Meinungsfreiheit und derlei Brimborium sieht, ist dieser kleine Skandal doch eine ziemlich eklige Sauerei. Und da wundern sich die Knallchargen aus den politischen Kadern von links bis rechts, wie eine vermeintlich bizarre Erscheinung wie die Piraten so großen Zulauf finden kann. Wenn da noch nach Gründen gesucht wird, dann haben die werten Damen und Herren ganz massiv einen gesellschaftlichen Grundkonsens verschlafen oder schlichtweg nicht verstanden. Wirklich traurig.
Übrigens hier noch eben ein so interessanter wie komplexer Artikel zum Thema aus der FAZ.
Ich habe ja kürzlich begonnen, mich durch die gesammelten Werke des Terry Pratchett zu wühlen. Und wenn ich schon mal dabei bin, fange ich natürlich an, alles mögliche zu recherchieren: Zu den Hintergründen der Romane, zum Autor, etc. So stieß ich vor ein paar Tagen auf die, hm, sehr kontroverse BBC-Dokumentation »Choosing To Die«. Terry Pratchett, der selbst seit 2007 an der Alzheimer-Krankheit leidet, präsentiert sich in der etwa einstündigen Abhandlung als Befürworter der aktiven Sterbehilfe, stellt die eigene Position dar, befragt andere unheilbar erkrankte Menschen und begleitet schließlich persönlich zwei Menschen in die Schweiz, die dort ihrem Leiden durch den Freitod ein Ende setzen. Puh.
Letztlich geht es in der Dokumentation natürlich um das Recht, über das eigene Leben und eben auch über dessen Ende selbst bestimmen zu können und um das Verbot der aktiven Sterbehilfe in Großbritannien, welches dazu führt, dass unheilbar kranke Menschen eine weite und kostspielige Reise in Kauf nehmen müssen, statt in ihrer Heimat Frieden zu finden. Das Gezeigte ist zugleich traurig und aufwühlend, aber auch nicht frei von Sonne. Vor allem ist es aber eines: schwer zu ertragen und gerade deswegen besonders sehenswert.
Wo bin ich denn nun schon wieder?
Du wühlst auf iThought 2 gerade in den Archiven zum Oktober, 2011.
Phan-Who?
PhanThomas ist der nicht ganz anonyme Autor dieses Weblogs. Er befasst sich laienhaft mit allem, was gesellschaftspolitisch oder sonst wie von Interesse sein könnte. Sein schlecht recherchiertes Halbwissen kaschiert er durch die willkürliche Einstreuung von mäßig verschnörkelten Artikeln zu seiner eigenen Wenigkeit, die er mit Vorliebe in der dritten Person verfasst.