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smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem ... trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!

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Mich treibt's mal wieder auf die Palme: Wenn man umzieht und rechtzeitig(!) bei seinem Internet-Provider kündigt, dann muss man den Anschluss ab Umzug trotzdem noch drei Monate lang bezahlen. Wohlgemerkt gilt das auch, obwohl man ihn vielleicht gar nicht mehr nutzen kann.

Wir haben derzeit Internet via Kabel und das wird demnächst nicht mehr möglich sein, da am neuen Wohnort nicht vorhanden. Eine Alternative desselben Anbieters (Vodafone übrigens) fällt ebenfalls flach, weil die Telekom am Standort Glasfaser bis ins Haus legt und da derzeit den Daumen drauf hat. Wir wären also gar nicht in der Lage, den alten Provider irgendwie weiterzunutzen, selbst wenn wir mit Vodafone kundenzufriedenheitstechnisch auf Wolke 7 schweben und uns rosa Zuckerwatte teilen würden.

Und TROTZDEM müssen wir drei Monate lang ab Umzug weiter für den alten Anschluss bezahlen? Was ist denn das bitte für eine Brückentrollmentalität? Kann da mal die EU dem Gesetzgeber was auf die Finger geben, bitte? Oder kommt das sogar von denen? Wer Gurken normt, dem traut man schließlich so manches zu.

Falls wir übrigens den Umzug nicht nachweisen können, laufen die Telefon- und Internetverträge bis Mitte April weiter – also nicht einmal so lange wie die drei angedrohten Pflichtmonate. Ich bin gespannt, wie da vom Anbieter für den Exkunden entschieden wird, habe aber so eine vage Vermutung ... Was den Kabelfernsehanschluss angeht: Dieser läuft sogar bis in den August hinein weiter, sofern die drei Zwangsmonate nicht greifen. Eine Frechheit insbesondere, da Kabelfernsehen am neuen Wohnort gar nicht angeboten wird. Aber gut, könnte ja sein, dass wir schamlos lügen und gar nicht umziehen, sondern nur still und heimlich den Anbieter wechseln wollen. So was geht schließlich nicht, wo kämen wir da denn hin? Würde das jeder machen, das wäre ja ... wäre ja ... wie ein freier Markt wäre das. Igitt!

Ich rief jedenfalls, als ich das mit den drei Monaten erfuhr, einfach mal den Kundensupport an. Das alles schien mir so absurd, das konnte doch einfach nicht stimmen. Zugegebenermaßen hatte mein Puls bereits gesundheitlich bedenkliche Höhen erreicht, aber ich war am Telefon dennoch freundlich wie ... Zuckerwatte und so. Die trotzdem von vornherein passiv-aggressive Callcenter-Agentin bestätigte leider die kundenfeindliche Regelung nochmals und versuchte dann, im Tonfall eines ausgehungerten und tollwütigen Tyrannosaurus Rex, mir stattdessen einen konventionellen DSL-Anschluss anzudrehen. Super Idee! Das Gespräch lief jedenfalls ungefähr so ab.

Ich: »Ich muss leider wechseln, weil wir am neuen Wohnort Glasfaser bis ins Haus gelegt bekommen. Da lässt die Telekom momentan ja keinen anderen dran.«

Sie: »Stimmt nicht! Wir können Ihnen da auch was anbieten. Wohin ziehen Sie denn?«

Innerlich leicht genervt nannte ich ihr unsere Adresse, denn DSL würde eben genau NICHT funktionieren, wenn da kein Kupferkabel liegt.

Sie: »Aha. Nein, also da könnten wir Ihnen nur DSL 16.000 anbieten.«

Nein, können Sie nicht, dachte ich, sagte aber: »Nee, also das ist zu langsam. Bei der Telekom kriege ich bis zu 200 MBit.«

Sie: »Stimmt nicht. Die Telekom bietet auch nur maximal 100 Mbit an. Mehr ist technisch gar nicht möglich.«

Ich: »Aha.« Komisch, dachte ich, steht doch überall drauf, dass mit reiner Glasfaser durchaus 200 Mbit möglich sind und auch angeboten werden.

Ich beendete das dezent unsachliche Gespräch dann wieder und ärgerte mich weiter über die Brückentrolle des Digitalzeitalters. Unabhängig von allen ärgerlichen gesetzlichen Regelungen, mit denen man offenbar ehemals zufriedene Kunden in den ersten Herzinfarkt treiben will, könnte so mancher vermeintliche KundenBERATER ruhig mal eine Softskills-Schulung besuchen.

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Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

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Als ich klein war, dachte ich, Alter wäre etwas, das nur anderen passiert. Als Dreikäsehoch ist die Welt ziemlich winzig – soll heißen, meist reichte sie gerade bis zu dieser einen Straße, die ich auf keinen, aber auch wirklich auf GAR KEINEN Fall allein überqueren durfte. Vielleicht ist das für Kinder heute anders, aber vor über zwanzig Jahren gab es halt noch kein Internet, meine Heimat war in eine unüberwindbare Grenze eingezwängt und das einzige von weiter weg, was mir unterkam, waren die Westpakete meiner Urgroßtante aus Baden-Württemberg. Aber erwachsen werden, so alt und grau wie Oma und Opa und vielleicht sogar eines Tages dieses ominöse Sterben mitmachen zu müssen, nee, das war nichts, was mir passieren würde. Viel zu absurd, die Vorstellung. Andere von mir aus, aber mein Leben hatte gefälligst in Wachs gegossen zu sein.

Mit diesem Glauben ließ es sich prima leben. Ich konnte Tage grandios verschwenden, indem ich auf einer Wiese herumlag und in die Wolken starrte, um Bilder in ihnen zu erkennen, ich konnte zum zwanzigsten Mal denselben Trickfilm gucken, die unproduktivsten Dinge des Universums tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen und dachte eigentlich nie über so abstrakte Dinge wie Zeit nach – darüber, dass sie vergeht, dass man sie nicht wiederbekommt und dass man sie vielleicht ja mal sinnvoll nutzen sollte. Was war schon Sinn, was war Zeit? Jedenfalls nicht so cool wie Cartoons und Wrestling auf RTL2.

In meiner Jugend hielt ich mich längst nicht mehr für unsterblich, aber durchaus noch für unbesiegbar. Hier und da hörte ich schon mal von anderen Jugendlichen, die schlimme Krankheiten bekamen, die darüber hinwegkamen oder auch nicht, und hin und wieder verunglückte auch mal jemand, den ich aber nie wirklich gut kannte. Im Großen und Ganzen blieb alles wie es war: Ich hatte alle Zeit der Welt und wusste sie immer noch nicht so richtig zu schätzen. Es würde immer ein Morgen geben, um richtig anzufangen mit ... was auch immer, aber einfach fest genug dran glauben würde schon helfen. Irgendwo am Horizont ließ sich allmählich erahnen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, dass ich erwachsen werden und sich alles für immer ändern würde und dass die kleinen Sorgenfalten, die sich dabei auf die Stirn verirrten, eines Tages nicht wieder verschwinden würden, sobald der lästige Gedanke abgeschüttelt war.

Inzwischen ist es auch so gekommen. Es fing nicht mal damit an, dass ich plötzlich erwachsen war, Alkohol kaufen und Ab-18-Filme im Kino anschauen durfte, ohne mich irgendwie durchmogeln zu müssen. Das war alles noch ganz cool und aufregend. Es schlich sich eher so ein. Erst war es nur eine Dissonanz hier und da, inzwischen ist daraus eine mitunter wirklich hässliche Melodie geworden. Ich denke oft über den Tod nach. Über all das, was bereits hinter mir liegt. Zum Glück nie über verpasste Chancen, das ist immerhin etwas und das hätte ich auch albern gefunden. Auch nicht so oft darüber, wie viel Zeit ich mit Dingen verschwendet habe, die unsinnig waren, denn wenn auch ich nicht mehr frage, was Zeit ist, dann aber schon noch, was Sinn überhaupt sein soll.

Trotzdem: Ich bin nun 32, eigentlich immer noch annehmbar jung. Wenn ich nur auf die Zahl schaue, kommt mir dieser ganze Text hier wahnsinnig bekloppt vor. Schaue ich dagegen in den Spiegel, sehe ich hinter meinen Augen den Jungen von früher, der sich fragt, was zum Teufel passiert ist. Vielleicht liegt es daran, dass die ersten Einschläge doch schon kamen: Ende des letzten Jahres starben meine Oma und mein Onkel in kurzer Folge. Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich seit längerem eine Tablette gegen zu hohe Blutfettwerte, um nicht irgendwann mit 'nem Herzkasper vom Stuhl zu kippen. Das zusammengenommen mit allerlei Gedankenspielereien und Verlustängsten hat in meinem Gemüt über die Jahre – wie Salat, der zulange herumstand – aus einem knackigen »Carpe diem« ein siffiges »Memento mori« werden lassen.

Aber gut, es ist ja auch Herbst, die Sonne lässt sich seit Wochen nicht blicken, ich bin erkältet und an Geburtstagen bin ich sowieso grundsätzlich melancholisch und die Grummeligkeit in Person. In diesem Sinne: Happy birthday to me!

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Manchmal muss man Dinge einfach mal machen. Davon, dass ich seit einem Jahr oder so ganz gerne fotografiere, habe ich bereits berichtet. Gestört hat mich bislang auch nicht, dass meine Bilder auf dem heimischen Server Grünspan ansetzten, weil nur ich sie dort betrachten konnte. Ich hatte auch nicht so recht Lust darauf, eine weitere WordPress-Installation für Fotos auf die Beine zu stellen, obwohl diese Plattform dank wunderbarer Templates ganz hervorragend dafür geeignet ist.

Also habe ich mich vor ein paar Tagen kurzfristig dazu entschlossen, einen Instagram-Account anzulegen (einen neuen, denn einen für Alleweltsschnappschüsse habe ich ja bereits), wo ich – so derzeit der Plan – ein, zwei Fotos einstelle. Na ja, eher eines, damit mir nicht so schnell die Vorräte ausgehen.

Wer Lust hat, mich dort zu bookmarken, mir mit dem eigenen Account zu folgen oder was auch immer man mit so einem Account halt anstellen kann*, der möge das gerne tun, ich würde mich freuen. (Dass meine Makros nicht immer ganz scharf sind und farblich an den Rändern etwas ausfransen, liegt übrigens zum Einen an meiner zittrigen Hand, zum Anderen aber auch daran, dass sich bisher kein Oligarch dazu erbarmt hat, mir eines dieser sündhaft teuren Makro-Objektive zu kaufen und ich daher nur mit Aufsatzlinsen herumwurschtle.)

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* In Sachen Social Media stelle ich mich an wie der erste Mensch.

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Tote Gäule traben nichtDer Einzelhandel ist ein toter Gaul. Und während zumindest meine Generation längst abgestiegen ist, versucht die Branche noch immer, den aufgedunsenen Kadaver zum Trab zu bewegen, indem sie neue Sättel draufschnallt und liebevoll das Fell striegelt. Und ich gebe zu, hin und wieder lasse ich mich von einem besonders schönen Sattel und hübsch gebürstetem Fell auch in den Glauben versetzen, das könnte noch was werden mit dem Gaul ... und dann betrete ich doch einen Laden. Oder eben einfach dann, wenn ich dringend neue Schuhe brauche.

So letztens geschehen. Das Wetter war gut, ich hatte frei, und so machte ich mich auf nach Steglitz, wo es geschätzt fünf komma drei Schuhläden je Einwohner gibt. Und bevor ich jetzt in genervten Ton verfalle, sei diesem Prolog hinzugefügt: Ich! War! In! Jedem! Einzelnen!

Grundsätzlich scheint es erst mal zwei Arten von Schuhgeschäften zu geben. Die, in denen man jeweils nur einen Schuh im Regal findet und dann die, in denen beide Schuhe im Karton liegen.

Okay, zur ersteren Sorte: Ich hatte mich als Kind ja immer gefragt, warum Geschäfte, in denen man eigentlich VIELE Dinge kaufen kann, als »EINZELhandel« bezeichnet werden. Offenbar lautet zumindest für manche Schuhgeschäfte die simple Antwort: weil man eben nur einen einzelnen Schuh bekommt! Und da kriege ich ja einen Hals, dick wie’n Butterfass! Soll ich etwa, wenn ich – oh Wunder – einen verdammten Schuh gefunden habe, der mir gefällt, mit dem Ding durch den Laden bolzen und einen Verkäufer suchen wie ein Verdurstender in der Wüste auf der Suche nach der nächsten Oase? Und das, wo doch Menschen wie ich andere Menschen nicht leiden können – besonders dann, wenn sie Verkäufer sind, mich beobachten und dauernd fragen, ob sie helfen können. NEIN, IHR KÖNNT MIR NICHT HELFEN!!! MIR IST NICHT MEHR ZU HELFEN!!! Baumarktregel Nummer 1: Ich frage nicht nach, wo das Badezimmersilikon liegt, ich finde es selbst. Und wenn es sich nicht finden lässt, dann gehe ich eben wieder, weil es ganz offenbar nicht da ist, Punkt! Das gilt so auch in Schuhläden, verdammt noch mal! Die Urmenschen gingen doch auch nicht zum Serviceschalter, um zu fragen, wo das nächste Mammut zu finden war oder eine Aufbauanleitung fürs Lagerfeuer zu bekommen. Deshalb, liebe Einzelschuhhändler: So wird das nichts mit uns. Sagt doch schon eine alte chinesische Weisheit: Biete dem Menschen nur einen Schuh und du bietest ihm keinen Schuh.

Kategorie zwei der Schuhgeschäfte, die wenigstens nicht glaubt, jeder Kunde sei von Haus aus Kleptomane und würde mit den frisch anprobierten Tretern sogleich aus dem Laden marschieren, ist alles in allem aber auch nicht angenehmer. Zwar wäre ich während meiner Schuhsafari hier zumindest theoretisch in der Lage gewesen, auch mal BEIDE Füße in die besohlten Lederwaren zu schieben, aber immer dann, wenn die Theorie mit einem niedergeschriebenen Masterplan glänzt, kommt die Praxis fröhlich pfeifend um die Ecke und setzt einen großen Haufen drauf.

Denn das Drama fängt schon bei der Auswahl an. Ja ich weiß, die Ladenfläche ist begrenzt und man kann eben nicht so viel Zeug im Angebot haben wie Amazon oder diese Berliner Gebrauchthandyläden, die sich über Nacht in pleitegegangenen Geschäften manifestieren, aber wenn ich eben Sneakers kaufen will, und wenigstens gefühlt tragen doch die meisten Leute unter achtzig Jahren Sneakers, dann erwarte ich einfach nicht, dass das Sneakers-Regal so groß ist wie die Miniküche in Barbies scheiß Traumhaus! Es gibt deswegen auch nur so ungefähr fünf unterschiedliche Modelle, von denen gerade mal eines farblich nicht nach halb verdautem Brokkoli aussieht. Der Rest des Ladens ist dafür vollgestopft mit zehn Fantastilliarden Varianten an Lackraketen! Das sind jene Schuhe, die sich der Businesskasper von Welt über die gebügelten Socken stülpt, wenn er Kompetenz vortäuschen muss. Schuhe wie diese gibt es in genau zwei Farben: Braun und schwarz. Warum zur Hölle muss ein Laden davon also mehr Modelle haben, als es Atome im Universum gibt?

Das nächste Drama ist dann – man ahnt es – die Schuhgröße. Als Mann finde ich es ja schon schlimm genug, dass man von den guten alten Größenangaben in Zahlen wie 40, 41 und so weiter abgerückt ist, um mir jetzt eine Achteinhalb zu präsentieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verflixt und zugenäht, also hört auf, unsere liebgewonnenen Größen durch fünf zu teilen oder was weiß ich, was ihr da tut! Hundert Gramm Käse sind schließlich auch seit jeher hundert Gramm Käse und nicht plötzlich dreiundzwanzig komma sieben acht Metakubri. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.

Aber das eigentliche Problem mit den Größen ist dann viel eher, dass keine der vorrätigen Schuhe passen. Okay ich weiß, ich habe kleine Füße, ich bin größentechnisch insgesamt eh nicht gerade das, was man Durchschnitt nennt, aber zumindest in meinen Augen sind alle Schuhe der Herrenabteilung, die man heute in einem Geschäft kaufen kann, lediglich in den Größen »Kindersarg« und aufwärts erhältlich. Was ist hier eigentlich passiert? Hat Tschernobyl nicht nur unsere Pilze versaut, sondern den Leuten Goofys Fußlänge beschert? Das kann doch nicht gesund sein. Wenn das so weitergeht, braucht sich zum Skifahren bald niemand mehr Bretter unter die Füße zu schnallen.

Um es kurz zu machen, es lief in jedem einzelnen Laden so ab: Ich suchte und fand so ziemlich genau ein Schuhmodell, das mir gefiel, probierte es an und es passte nicht. Kein! Einziges! Mal! Natürlich machte mich das immer wütender. Jedes Mal, wenn ich dann ein Schuhgeschäft verließ, stellte ich mir vor, ich sei einer dieser Superbösewichte aus den Comics und im nächsten Moment würde der Laden effektvoll explodieren, während ich ganz lässig, ohne mich umzudrehen und natürlich in Zeitlupe, weggehen würde – den rechten Mundwinkel zu einem fiesen aber zufriedenen Lächeln verzogen.

Ende der traurigen Ballade: Ich ging nach Hause, klappte das Notebook auf, rief den Schuhhändler meines Vertrauens auf, der mit »Z« anfängt und auf »alando« endet, stellte ein paar Filter ein – klick, klick, klick – schon waren drei (übrigens passende) Schuhpaare unterwegs zu mir. Zeitaufwand: ungefähr drei Minuten. Nervenersparnis: unendlich! Und so leid es mir tut: Zumindest für mich bleiben die toten Gäule jetzt tot.

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Manchmal wünsche ich mir, irgendwann in ferner Zukunft Enkelkinder zu haben. Das ist natürlich völlig absurd, weil ich selbst keine Kinder haben möchte. Dennoch mag ich den Gedanken, als mit Weisheit gesegneter Opi in meinem unfassbar bequemen Ohrensessel zu sitzen, eine karierte Decke mit Goldrand über dem Schoß und ein Rudel Halbwüchsiger im Halbkreis vor mir sitzend, das staunend zu dem kahlen aber mit einem imposanten weißen Bart gesegneten Großvater aufschaut und sich elegant ausgeschmückte Geschichten von früher anhört, während die Großmutter etwas abseits sitzt und mit halbem Ohr zuhört, was der Greis jetzt schon wieder für Blödsinn verzapft.

Das wären dann Geschichten, wie sie selbst heute schon fast wie aus grauer Vorzeit klingen. Zum Beispiel, dass wir, als ich selbst noch ein Dreikäsehoch war, keine Heizung hatten, sondern nur einen wuchtigen Kohleofen, in dem ganz bestimmt kinderfressende Kobolde lebten, die nachts hervorkamen und uns schlafenden Kindern die Seele absaugten. Morgens nach dem Aufstehen war es so kalt in der Wohnung, dass wir unsere blaugefrorenen Füße in ausgehöhlte Eisblöcke steckten, um sie zu wärmen. Okay, das ist etwas weit hergeholt, klingt für unwissende Kinder, die sich den gut gepolsterten Hintern an der Fußbodenheizung wärmen, aber sicherlich ganz faszinierend.

Und dann wäre da die Geschichte, dass es ja damals kein Telefon gab, zumindest nicht bei uns auf dem Land, wo unachtsame Spaziergänger noch von riesigen Wölfen gefressen wurden. Für Kinder, deren Hände – der Evolution sei dank – vermutlich bereits allein für das Halten eines Smartphones geformt sein werden, sicherlich ein unvorstellbar barbarischer Zustand. Aber es war ja so. Wir mussten eben einfach losziehen und solange bei Freunden klingeln, bis eine ausreichend große Gruppe zusammengetrommelt war, mit der sich was Anständiges anfangen ließ: mit Spraydosen kleine Wälder abfackeln zum Beispiel. Dicke Kinder gab es deswegen nicht, schließlich wohnten alle ausreichend gut im Ort verteilt, und hin und wieder ging auch mal ein Kind auf dem Weg zu Freunden für immer verloren – zumindest erzählte man sich das, und der komische Typ, der ständig sein Auto wusch, war auf jeden Fall ein Kindermörder, der leckere Süßigkeiten anbot, wenn man zu nah heranging und zu dem man auf gar keinen Fall ins frisch gewaschene Auto steigen durfte –, aber so war das eben. Wer sozial sein wollte, musste noch ganz andere Opfer bringen als einer im Sekundentakt nervig piepsenden WhatsApp-Gruppe beizutreten oder beim gemeinsamen Pokémon-GO-Spielen in den Dorfteich zu fallen.

Außerdem würde ich in epischer Länge über das Nichtvorhandensein adäquaten Spielzeugs fabulieren. Hm, ob Kinder in 40 Jahren noch wissen werden, was nicht digitales Spielzeug ist? Sogar bei digitalem Kram wird es doch heute schon schwierig: Welches Kind weiß bei all den hochauflösenden Bildschirmen denn heutzutage noch, was ein echtes Pixel ist? Als ich jünger war, waren Pixel groß wie Grizzlybären und mindestens genauso gefährlich. Aber zurück zum Spielzeug, das wir, wie schon angedeutet, ja quasi gar nicht besaßen, weshalb wir mit Mottenkugeln und Rattenködern »Glückliche Familie« spielten. Na gut, gelogen, aber das werden die Kinder ja nicht merken. Was nicht gelogen ist: Meine Kindheit war dermaßen unschuldig, dass ich statt ausufernder Weltraumschlachten einfach nur das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« nachspielen wollte. Die Geißlein hatte ich, den Wolf sowieso, aber die Mutter fehlte mir, weshalb ich sie im Kindergarten klauen musste. Wir hatten ja nichts, hab ich das schon erwähnt? Nun gut, jedenfalls wurde ich erwischt, trotzdem nicht bestraft und hatte hinterher endlich die olle Ziegenmutter für mein Spiel. Wenn das nicht pädagogisch wertvoll war, was dann? Klauen lohnte sich offenbar voll, aber das würde ein weiser Großvater in seinem Haus voller wertvollem Kram natürlich nicht den Kindern erzählen, die ihm gebannt lauschen.

Apropos klauen: Derweil ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das ganze Prinzip meiner Gedankenspielerei von »Käpt’n Blaubär« gestohlen ist. Ach, es ist doch eine Crux: Kaum erfindet man was, hat’s schon irgendwer vorher erfunden. Aber wie gesagt, mit den brav zuhörenden Enkelkindern wird es eh nichts, also werde ich mir wohl doch lieber einen wunderschönen Krückstock kaufen, mit dem ich drohend in der Luft herumfuchteln werde, während ich unverständliches Zeug schimpfe, weil mir nicht gefällt, was die Nachbarskinder schon wieder treiben. So lässt sich der Lebensabend sicher auch gut aushalten.

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Wenn es einen König unter den »First World Problems« gibt, dann ist das – zumindest in meinen Augen – das Einkaufen. Also nicht Klamotten und Schuhe, denn so was kaufe ich ohnehin ausschließlich im Internet. Denn erstens gibt es in Geschäften nur selten meine Größe, und zweitens kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Verkäufer mir nachlaufen und vielleicht auch noch fragen, ob sie mir helfen können. Brrr!!! Nein, ich meine das Einkaufen im Supermarkt.

Ich bin ja sehr technologie- und fortschrittaffin, und da stößt mir der Einkauf von Lebensmitteln eben sauer auf, denn:

  1. Einkaufen frisst wahnsinnig viel Zeit. Wenn ich unter der Woche von der Arbeit nach Hause komme, gibt es wirklich angenehmere Sätze als: »Du, wir müssen noch einkaufen.« Und aufs Wochenende verschieben ist zumindest in Berlin auch nicht immer die beste Lösung.
  2. Womit wir nämlich bei Punkt 2 wären. Ein Wochenendbesuch in einem beliebigen Berliner Supermarkt erinnert ziemlich frappierend an eine Massenpanik während einer Zombieapokalypse: Es ist voll, die Leute plündern, als würden die Regale niemals wieder nachgefüllt (was in gewissen Discountern in der Obst- und Gemüseabteilung auch manchmal so zu sein scheint) und wer jetzt noch einen Einkaufswagen durch die engen Gänge bugsieren muss, kommt sich ganz schnell vor wie in einem Autoscooter, bei dem nur Besoffene mitfahren.
  3. Die Kassen sind ein Graus. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass Supermärkte fünf bis sechs Kassen haben müssen, von denen jedoch nur zwei besetzt sein dürfen. In der eigenen Warteschlange geht es dann natürlich immer am aller-aller-allerlangsamsten voran und hat man sich doch mal bis nach ganz vorn vorgekämpft werden die Waren, die man vorher mühevoll aufs Laufband gewuchtet hat, in einem Tempo über den Scanner geschoben, als säße »Flash« persönlich an der Kasse. Hastig räumt man die gescannten Waren schnell wieder ein, damit sie sich nicht zu einem meterhohen Berg auftürmen und verlässt dann mit dem Stresslevel eines Kampfjetpiloten auf der Flucht vor einer Boden-Luft-Rakete den Supermarkt.
  4. Betrifft wohl vor allem uns: Wir haben kein Auto. Was mit den Lebensmitteln des täglichen Gebrauchs wie Brot, Käse und Obst noch geht, wird bei Katzenstreu und Getränken echt zum Problem: das Geschleppe. Und nein, das trägt nicht zur körperlichen Ertüchtigung bei, sondern ruiniert dem schleppenden Proband maximal die Schultern.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass diese elenden Einkäufe ziemlich mittelalterlich anmuten. Die Lösung, zumindest in größeren Städten: Bringdienste! Ja genau, ähnlich wie jene, die uns Menschen seit Urzeiten mit Grundnahrungsmitteln wie Pizza Salami, Lasagne und gebratenem Eierreis versorgen. Die gibt es seit einiger Zeit nämlich auch für den Wocheneinkauf. Wir haben da mal zwei ausprobiert.

Amazon Prime Now

»Amazon Prime Now« gibt es, glaube ich, bisher nur in Berlin. Der Name sagt eigentlich schon alles: Ist von Amazon, gibt’s nur mit Prime-Mitgliedschaft und wird sofort geliefert. Und mit sofort meine ich auch sofort, bzw. halt innerhalb von zwei Stunden nach Bestellung. »Prime Now« bietet diverse Waren, neben Büchern, Filmen, etc. eben auch Lebensmittel (sogar Tiefkühlkost). Wir haben das zweimal probiert und unseren Einkauf dort geordert. Die Lieferung erfolgte innerhalb von zwei Stunden, wie versprochen. Die Produkte waren tadellos und alles kam einigermaßen umweltverträglich in Papiertüten. Die Lieferung lässt sich per App nachverfolgen (über die man übrigens auch bestellen muss) und überhaupt fühlt sich das ganze Prozedere sehr futuristisch an. »Prime Now« hat meiner Ansicht nach aber auch ein paar größere Mankos:

  1. Es ist teuer. Während des Bestellens fällt das zwar nicht so auf, weil sich der Unterschied ja meist hinterm Komma abspielt, aber insgesamt läppert sich der Einkauf doch ganz schön. Immerhin aber ist’s dann aber versandkostenfrei.
  2. Das Sortiment ist sehr eingeschränkt und erinnert mitunter an den Einkauf in einem Tante-Emma-Laden auf dem Dorf: Von allem gibt es irgendwie nur eine Sorte (abgesehen von Getränken), Lauchzwiebeln bspw. haben wir auch gar nicht gefunden.
  3. Man muss Prime-Mitglied sein. Die Mitgliedschaft kostet im Jahr knapp 50 Euro, man erhält damit Premiumversand (der nicht immer funktioniert), kann online tonnenweise Filme und Serien schauen, bekommt ein ordentliches Musiksortiment zum Streamen und hat noch ein paar weitere Vorteile. Muss man aber eben haben, sonst kann man »Prime Now« nicht nutzen.
  4. Es gibt kein Pfandsystem. Wer sich tonnenweise Getränke in Glasflaschen liefern lässt, hat hinterher eben tonnenweise Pfandflaschen im Haus. Und habe ich erwähnt, dass wir kein Auto haben? Genau, doof.

Man merkt eben doch, dass der Dienst nicht für den Wocheneinkauf gedacht ist, sondern dafür, sich schnell noch das liefern zu lassen, was man vergessen hat oder bspw. für den Grillabend noch braucht. Die Logistik funktioniert hier nämlich prima. Für den Supermarkteinkauf wird man hierzulande wohl auf »Amazon Fresh« warten müssen, das gerüchteweise im Herbst starten soll (in Berlin, höhö).

AllyouneedFresh

Der zweite Dienst, den wir ausprobiert haben, trägt den passenden Namen »AllyouneedFresh« und auch hier war zumindest bei unserer ersten Testbestellung (die zweite folgt demnächst) der Name Programm: Wir haben alles gefunden, was wir brauchten, und – wow – was waren die Waren frisch! Der Salat war so knackig, als hätte man ihn vom Feld geholt und wäre dann damit direkt zum nächsten Lieferanten gerannt.

Im Prinzip hat dieser Dienst, der übrigens zu DHL gehört, genau all die Nachteile, die ich zu »Prime Now« aufgezählt habe, NICHT.

  1. Die Preise sind echt in Ordnung und beispielsweise günstiger als im »Kaiser’s« um die Ecke, oft gibt es sogar Rabattcoupons, was das Einkaufen ein bisschen wie das Suchen nach Angeboten im Supermarkt wirken lässt. Klar, an Aldi, Lidl und Co. kommt »AllyouneedFresh« nicht heran, aber dafür bekommt man auch mehr Markenprodukte.
  2. Das Sortiment ist mit angeblich über 20.000 Artikeln ausreichend groß, wir haben jedenfalls alles gefunden, was wir wollten. Es gibt auch nicht nur ein Produkt zu jeder Kategorie: Bananen zum Beispiel gibt es in drei unterschiedlichen Sorten und Preisen.
  3. Man muss nirgends Mitglied sein. Witzigerweise kann man sich sogar mit seinem Amazon-Konto einloggen und auch dessen Zahlungsdaten verwenden.
  4. Es gibt ein Pfandsystem. Zusammen mit den Getränken bekommt man einen Coupon. Bei der nächsten Bestellung gibt man dem Kurier einfach seine Flaschen wieder mit und bekommt das Flaschenpfand hinterher zurück. Zumindest in Berlin ist das so, auf dem Land ggf. eher nicht.

Alles in allem waren wir sehr zufrieden. Der Einkauf hat wahnsinnig viel Zeit gespart, war bequem und wir konnten, während wir auf den Lieferanten warteten, was anderes machen. Drei kleinere Mankos hat »AllyouneedFresh« dann aber doch:

  1. Man bekommt die Lieferung nicht am Tag der Bestellung. Das ist nicht schlimm, zumal man abends bestellen kann und die Waren am nächsten Vormittag erhält, ist aber eben nicht ganz so cool wie bei »Amazon«.
  2. Der Mindestbestellwert für den Gratisversand liegt bei 40 Euro. Bei einem Wocheneinkauf kommt der Betrag aber schnell zusammen, sodass sich damit gut leben lässt.
  3. Der Dienst wirbt damit, besonders umweltfreundlich zu sein. Ich war aber doch ein wenig schockiert darüber, dass alles in Plastiktüten geliefert wird. Das müsste wirklich nicht sein. Wir heben die Tüten jetzt auf und verwenden sie als Mülltüten. Die wären sowieso aus Plastik, sodass die Umweltsünde nicht ganz so groß ausfällt. Hier könnte man aber doch sicher noch nachbessern. UPDATE: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Was ich nämlich bisher übersehen hatte: Auf den Tüten steht, diese seien zu 85 Prozent aus Zuckerrüben und zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Sollte das denn so stimmen, ist dieser Punkt natürlich obsolet.

Ansonsten, wie gesagt, kann ich zumindest nach der ersten Bestellung jedem, der wie ich das Einkaufen verabscheut wie der Teufel das Weihwasser, empfehlen, »AllyouneedFresh« mal auszuprobieren. Ich find’s großartig!

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Seit einiger Zeit hadere ich mit mir. Dinge, an denen ich früher viel Freude hatte, machen mir heute weniger bis keinen Spaß. Seit Monaten hinterfrage ich für mich die Sinnhaftigkeit dieser Seite hier beispielsweise, ich habe keine wirkliche Lust mehr, mir Gedanken über Texte zu machen, über deren Aufbau, darüber, ob sie lustig sind oder nicht. Vielleicht ist es eine (längere) Phase, vielleicht ist das Ding auch einfach durch.

Was mir dafür seit einiger Zeit Spaß macht, wozu ich allerdings viel zu selten komme (und woran ich selbst schuld bin), ist das Fotografieren. Vor etwas über einem Jahr habe ich mir eine Kamera gekauft, mich ein wenig in die Materie eingelesen, weil ich der Meinung bin, dass es immer gut ist, die Regeln zu kennen, wenn man sie brechen möchte, und weil es eben doch sehr gut zu wissen ist, weshalb ein Foto schlecht geworden ist, obwohl das Motiv doch so viel hergab und die Kamera so billig gar nicht war.

Ich bin nie über den Anfängerstatus hinausgekommen, mir fehlt auch das Talent, gute Motive ganz natürlich zu erkennen. Ich weiß, es gibt Menschen, die haben dafür ein gewisses Gefühl, die können das, ohne sich dieses geschulte Auge erst aneignen zu müssen. Mir geht das nicht so. Ich muss mir jedes Bild, jeden kleinen Fortschritt erarbeiten.

Aber genau daraus ziehe ich merkwürdigerweise meine Freude. Vor langer Zeit habe ich mir das Gitarrespielen beigebracht, und auch hier bin ich nie über den Anfängerstatus hinausgekommen. Allerdings macht's mir auch keinen wirklichen Spaß zu üben, meine Finger zu trainieren, weil ich einfach weiß, dass mir das Talent fehlt, dass das, was ich spiele, immer mittelmäßig klingen wird, weil meine Wurstfinger gerne danebengreifen. Mit den Bildern mag es auch so sein: Vielleicht werden die niemals besser, wahrscheinlich werden meine Fotos immer schlechter sein als die derjenigen, die einfach ein Auge fürs Motiv haben, aber trotzdem macht mir die Sache viel Spaß.

Ich glaube, das liegt in erster Linie an der Entschleunigung. Ich packe die Kamera in den Rucksack, dann geht's ab in die Natur und auf Motivsuche. Allein diese Suche ist so wahnsinnig beruhigend, und es ist wirklich unendlich befriedigend, etwas Schönes zu entdecken, die Kamera draufzuhalten und bei der Nachkontrolle festzustellen, dass man das, was man fotografieren wollte, wenigstens einigermaßen gut abgelichtet hat. Ich kann während des Fotografierens den Alltag vergessen, die permanente Lautstärke der Großstadt, den Erwartungsdruck des Berufslebens. Allein diese Pirsch macht mir wahnsinnig viel Spaß. Seien es Vögel, Insekten, irgendwelche Pflanzen, Bäume, irgendwas Spannendes gibt es immer zu entdecken. Vermutlich irgendein Kindheitserinnerungsdingsbums. Kleinigkeiten, auf die man im normalen Alltag nie achten würde, werden besonders, und genau das macht die Faszination aus. Und klar, nach einer Weile gehen auch dem blutigsten Anfänger die Fotos etwas leichter von der Hand, was auch ganz schön.

Ich mag auch die Natürlichkeit der Motive. Nie käme ich auf die Idee, Menschen zu fotografieren (abgesehen von meiner Freundin). Ich mag es, dass die Natur tut, was sie mag. Wenn sie geduldig ist, kann ich ein Foto machen, wenn nicht, habe ich eben Pech und warte in Ruhe auf die nächste Gelegenheit. Im Endeffekt bekommt man immer eine Situation, einen Moment, festgehalten in einem Bild. Bei Menschen sieht das anders aus: Sie halten still, begeben sich in Pose, sind daher immer ein Stück weit künstlich. Und ehrlich gesagt, ist gerade das Fotografieren für mich auch eine Art Flucht vor dem Alltag und damit auch vor den Menschen. Deswegen allein reizt mich persönlich Portraitfotografie auch überhaupt nicht. Aber das muss jeder für sich herausfinden.

Was jedenfalls das Fotografieren angeht, habe ich über die Zeit einige einfache Erkenntnisse gesammelt, die ich gerne weitergeben möchte (falls sich auch wer dafür interessiert):

  1. Kauft euch eine gute Kamera. Nicht die beste, um Gottes Willen, aber durchaus eine gute. Die gibt es schon für ca. 300 bis 400 Euro mit brauchbarem Einsteigerobjektiv. Damit kann man schon viel anfangen, die Ergebnisse sind um Lichtjahre besser als jede hochgelobte Smartphone-Kamera, und ihr werdet auf jeden Fall mehr Spaß haben als mit einer 60-Euro-Billigknipse aus dem Elektronikmarkt. Ich habe beispielsweise eine Nikon 3200 und bin damit größtenteils zufrieden. Inzwischen hätte ich gern ein paar zusätzliche Funktionen, die meine Kamera nicht hat, aber auch das gehört zum Lernprozess.
  2. Kauft nicht jeden Quatsch dazu, nur weil's euch jemand empfiehlt. Wer mit einer Kamera und einem guten Allround-Objektiv anfängt, kann damit alles tun, seine Grenzen austesten und, sind diese erreicht, immer noch entscheiden, ob es denn ein weiteres Objektiv sein soll, ein Stativ, diverse Filter, etc.
  3. Lest ein Buch! Echt, es hilft zu wissen, was Blende, Verschlusszeiten und ISO-Werte sind, wie die drei zusammenhängen und wie man damit seine Bilder beeinflussen kann, was bspw. Schärfebereiche, korrekte Belichtung und Bildrauschen angeht.
  4. Nutzt ruhig die automatischen Modi der Kamera. Am Anfang wollte ich alles manuell machen und einstellen, weil ich dachte, das gehört zum richtigen Fotografieren dazu. Aber nach einer Weile merkte ich doch, dass die Kamera es oft besser weiß und dass eben ein Autofokus verdammt viel schneller und genauer ist, als wenn ich manuell am Fokusring des Objektivs drehe.
  5. Macht euch bloß keinen Stress. Ich dachte anfangs, ich muss sofort wahnsinnig tolle Bilder von großartigen Motiven machen. Das ist aber Blödsinn. Im Zweifel halte ich die Kamera einfach drauf und schaue hinterher am Computer, ob sich das Bild verwerten lässt. Lieber ein Bild zu viel als eins zu wenig machen, lautet die Devise. Ein Reiz des Fotografierens besteht für mich auch darin, hinterher kleine Details in Bildern zu entdecken, die man während der Aufnahme gar nicht gesehen hat und die ein ansonsten langweiliges Foto vielleicht doch interessant machen.
  6. Nachbearbeitung! Auch so ein Ding, von dem ich anfangs dachte, ich dürfte es nicht brauchen, weil es eine Art Schummelei sei. Bilder aus der Kamera sind im Rohdatenformat oft etwas blass, manchmal auch zu dunkel, etc. Mindestens Tonwertkorrekturen (Buch lesen!) sollte man ruhig vornehmen und auch an den Farbreglern spielen kann ein erhabenes Erlebnis sein, wenn man damit erst mal ein blasses Bild in ein farbenfrohes verwandelt hat.
  7. Geht raus in die Natur! Wie gesagt, ich müsste es selbst öfter tun, aber ach ... Man muss nicht unbedingt große Reisen unternehmen. Auch (oder gerade) in Berlin bspw. gibt es viele schöne Ecken, wo man ganz in Ruhe fotografieren kann. Alte Friedhöfe sind immer dankbare Motivsammelsurien, aber auch die vielen Parks, die es hier gibt. Wer mal ein hüpfendes Eichhörnchen scharf abgelichtet hat, weiß, wie toll sich das anfühlt.
  8. Last but not least: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Der große Nachteil einer Spiegelreflex ist ihre Größe und damit ihr Gewicht. Meine Freundin hat eine Sony RX100, die sehr kompakt und leicht ist, die aber meist mindestens genauso gute Bilder macht wie meine große Nikon, im Makrobereich (Buch lesen!) sogar deutlich bessere (da ich kein Makroobjektiv besitze – siehe zweitens). Zum Üben im Alltag tut's sicher auch mal eine gute Smartphone-Kamera. Ein Punkt jedenfalls, den ich mir auch mal zu Herzen nehmen müsste (aber siehe hierzu halt auch fünftens).

Vielleicht werfe ich demnächst mal ein paar mehr Ergebnisse hier auf die Seite. Ich hatte ursprünglich überlegt, ein Fotoblog zu starten, hab dann aber erst mal wieder davon abgelassen (noch mal: siehe fünftens). Bis dahin hier ein paar Bildchen, an denen ich wirklich Spaß hatte und noch immer habe:

Eichhörnchen in #Berlin #photography #nikon #d3200 #dslr #nature

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#Berlin #Tiergarten #Nikon #DSLR

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... und seine Beute? 😉 #berlin #kleistpark #schöneberg #fotografie #photography #natur #nature #nikon #d3200 #tamron

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Trolle im Grunewald #Nikon #D3200 #DSLR #Berlin

A photo posted by Thomas Meyer (@herrphanthomas) on