2017 – Retroedition

Bis vor ein paar Jahren oder so schrieb ich hier ganz gern Zusammenfassungen über das vergangene Jahr. Dieses Jahr – wer hätte es gedacht – spare ich mir den ganzen Kram und klaue dreist Nufs Retro-Frageliste (ohne die zugehörigen Antworten natürlich). Hach, diese Retrofragedingenssachen fehlen in Zeiten von Like-und-weg irgendwie ein wenig.

Zugenommen oder abgenommen?

Weder noch. Mein Gewicht ist seit vielen Jahren wie in Stein gemeißelt. Ich nenne das die späte Rache des Moppelkindes. In der Grundschule hatte ich nämlich fast ausschließlich kohlenhydratimmune Hungerhaken als Freunde, sodass ich mir mit meiner Ich-trinke-zu-viel-gezuckerten-Eistee-Figur im direkten Vergleich immer vorkam wie ein Sumōringer zwischen Skispringern. Heute kann ich dafür fressen wie ein Scheunendrescher und werde dafür von allen beneidet. Kehrt sich im Alter vermutlich wieder um, aber dann werde ich halt ein dicker, gemütlicher Opi.

Haare länger oder kürzer?Was sind Haare? Im Ernst, gleichbleibend höchste einstellbare Stufe am Haarschneider.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Stabsichtiger. Die nächste Brille wird wohl kommen, aber solange ich alle Untertitel in Videospielen lesen kann, ist alles bestens.

Mehr ausgegeben oder weniger?

So was von mehr! Gartenzäune sind ein stark unterschätztes Gut, sowohl investitionstechnisch als auch organisatorisch.

Mehr bewegt oder weniger?

Tendenziell eher mehr. Der Umzug an den Arsch der Welt Rand der Stadt, die Gartenarbeit … Vom Sport her ungefähr gleichbleibend, auch wenn der innere Schweinehund aufgerüstet hat.

Der hirnrissigste Plan?

Den Gartenzaun vom selben Typen liefern und aufbauen lassen, der schon bei der Anlieferung des Mutterbodens das reinste Chaos war. Sollte mein verbliebenes Haar noch lichter geworden sein, das war der Grund!

Die gefährlichste Unternehmung?

Der Versuch, die Glastür der Duschkabine allein die Treppe hochzuschleppen. Merke: Glastüren wiegen ungefähr so wie viel wie Neutronensterne, bis man sie denn endlich doch lieber zu zweit trägt.

Die teuerste Anschaffung?

Der Gartenzaun. (Wie oft denn noch?!)

Das leckerste Essen?

Selbstgemachtes Rezept aus dem Internet: Zucchinipasta mit Hähnchenbrustfilet, Pesto, Feta und Oliven.

Das beeindruckenste Buch?

Ich erinnere mich kaum an gelesene Bücher dieses Jahr. Das letzte, das mir gut gefallen hat (und das ich gerade erst ausgelesen habe), war „Unterleuten“ von Juli Zeh. Auch, weil ich selbst aus Brandenburg stamme.

Der ergreifendste Film?

Filme? Ach so, das sind doch diese Dinger, die so hastig ihre Geschichte erzählen, dass man sich zu einer gemächlichen Serie zurückwünscht. Gab’s keinen.

Die beste CD?

Kein Abspielgerät mehr im Haus. Wenn’s um das geht, was drauf ist: Aktuell der Soundtrack zum Videospiel „Persona 5“. Groovige Mischung aus J-Pop und Jazz. Ansonsten musikalisch ein sehr maues Jahr.

Das schönste Konzert?

Für Konzerte bin ich zu klein. Von Wandteppichen aus verschwitzten Shirts, Achselhöhlenaroma und lebensgefährlichen Ellbögen habe ich die Nase (Haha!) voll. Im Alter wird man manchmal eben doch weiser.

Die meiste Zeit verbracht mit…?

Mit dem Ärger über den Gartenzaun, fürchte ich. Ansonsten mit der Arbeit. Wenn man’s hochrechnet, definitiv zu viel.

Die schönste Zeit verbracht damit…?

Mit der Freundin. Ist eigentlich immer die schönste Zeit, wenn sie nicht gerade irgendwo ganz dringend eine Wand streichen oder ein Regal anbringen will. 😉

Vorherrschendes Gefühl 2017?

Ganz ehrlich: Das Gefühl, dass der Planet, bzw. die Zivilisation aufs Ende zusteuert. Vielleicht kommen wir noch gut durch, die nach uns aber nicht mehr.

2017 zum ersten Mal getan?

Bolognesesauce gekocht, ohne irgendwelches Maggi-Zeugs reinzuschmeißen.

2017 nach langer Zeit wieder getan?

So’n Fragedingens hier ausfüllen vielleicht? Weiß nicht, war viel Neues dabei, aber kein Revival.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

Auf den „Unfall“, der meinem Vater widerfahren ist. Darauf so viel, dass es keine zwei anderen Dinge braucht.

Die wichtigste Sache, von der Dich jemanden überzeugen wollte?

Die Notwendigkeit, GIT statt SVN zu verwenden, vielleicht? Haut mir ab mit diesem neumodischen Zeug!

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Ein schönes Zuhause. Echt, weiß ich inzwischen zu schätzen wie vielleicht nie zuvor.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

Puuuh, weiß nicht. Ich bin offenbar nicht empfänglich für Komplimente und schöne Sätze.

Wem gilt noch ein bisschen Extra-Liebe?

Neben der Freundin vermutlich dem Internet, speziell YouTube. Was ich da dieses Jahr alles gelernt habe! Neben dem ernsthafte(re)n Fotografieren beispielsweise, wie ich ’ne Waschmaschine und einen Reißverschluss reparieren kann.

2017 war mit einem Wort…?
Erhellend.

Ein Kessel Buntes

Guess who’s still around? Ich habe so lange nicht mehr geschrieben und nicht zum ersten Mal dachte ich mehrfach drüber nach, das Ding hier komplett zu schließen. Aber dann wäre der letzte Post eben der letzte gewesen. Hätte ich so nicht gewollt, so wie es mich überhaupt störte, dass er oben stand. Löschen wollte ich ihn aber auch nicht gerade, also was soll’s … Hier bin ich also wieder. Neben mir steht meine heiß geliebte »Batman«-Tasse, gefüllt mit – na was wohl – Kaffee natürlich. Weil manche Dinge sich nie ändern. Sich nie ändern sollten. Die Sonne scheint, in Decken eingemümmelt neben mir liegt die Katze und, hey, ich habe sogar gute Musik parat. Alles wie früher – fast.

Ich habe beschlossen, eine Rolle rückwärts zu machen, was die Schreiberei angeht. Vielleicht sogar zwei Rollen. Wann habe ich das überhaupt beschlossen? Keine Ahnung, gerade eben vermutlich. Es fühlt sich ja auch irgendwie noch vertraut an, aber schon ein bisschen auch, als müsste ich ein schlechtes Gewissen ausbügeln. Weil ich anderen Dingen nachgegangen bin vielleicht. Aber hey, was war eigentlich so los in letzter Zeit?

Vieles und nichts. Die eigenen vier Wände machen Fortschritt und wollen doch so recht nie fertig werden. Aber ich will mich wirklich nicht beklagen. Alle paar Tage kotzt irgendeine Tageszeitung einen Artikel über den katastrophalen Berliner Wohnungsmarkt aus und ich fühle mich nur noch wie ein Zaungast, was das angeht. Das ist ein so beruhigendes Gefühl, dass es sich schon wieder schlecht anfühlt. Vielleicht weil es ein wenig elitär ist, sich um horrende Mieten nicht (mehr) kümmern zu müssen und weil ich mit elitären Positionen nie so richtig gut klar kam.

Und dann, boah, was habe ich viel fotografiert in den letzten Monaten! Vielleicht war der Auslöser all die Scheiße, die im Sommer passierte, so kurz vorm Urlaub, ich weiß es nicht. Es soll ja Leute geben, die stürzen sich in Krisensituationen in die Arbeit. Ich eher nicht, aber scheinbar lenke ich das Hirn in meinem für meine Größe viel zu riesigen Schädel gern einfach mit neuen Lernfeldern ab. Und warum auch nicht? Der Tag, an dem es nichts mehr zu lernen gibt, wird ein trauriger sein und vermutlich nie eintreten.

Jedenfalls habe ich seit dem Sommer wahnsinnig viel gelernt. Ich würde immer noch nicht behaupten, gut fotografieren zu können, aber ich bin definitiv um Welten besser geworden, was die Ausführung und auch die Nachbearbeitung angeht. Ich habe viel und noch mehr zum Thema gelesen und YouTube-Videos bis zum Erbrechen geschaut. Zwischenzeitlich hatte ich an einer eigenen Fotoseite gewerkelt, doch irgendwie war mir das dann doch noch etwas zu fummelig und die Zusammenstellung eines Portfolios schien mir momentan noch etwas zu sehr mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Deswegen blieb ich einerseits auf dem Bildermassengrab Instagram, andererseits wollte ich’s aber doch etwas weniger flüchtig haben, deswegen poste ich hin und wieder auch bei 500px, das mir soweit ungefähr das bietet, was ich von einer Fotoseite erwarte. Wie gehabt sehe ich die Sache aber entspannt. Ich freue mich über Fortschritte, die ich selbst erkenne und ärgere mich nicht über Rückschläge oder schlechte Tage. Meine berüchtigte Motivation ist allerdings geweckt, weshalb die Dame des Hauses vermutlich ein ums andere Mal schon mehr oder minder heimlich die Augen verdreht hat.

Ansonsten, so denn Zeit bleibt, beschäftige ich mich wie gehabt mit den angenehmen Dingen des Lebens. Neben Sport und coolen Netflix-Serien sind das immer noch und immer wieder auch Videospiele. Neben dem neuen South-Park-Spiel wäre das beispielsweise das wundervolle Episodenspiel »Life Is Strange: Before The Storm« (vorher aber unbedingt den ersten Teil spielen). Beide Spiele erzählen nicht nur spannende wie melancholisch schöne Geschichten, sondern haben auch mit die besten Soundtracks, die mir in Spielen bisher untergekommen sind. Drum abschließend eine grundsätzliche Reinhörempfehlung (ist aus Teil 2 des Spiels und die Band an sich ist sehr gut hörbar):

Zerbrechlich

Das Leben ist so zerbrechlich. Je älter ich werde, desto bewusster wird mir das. Ich bin nicht unbesiegbar und genauso wenig sind es jene, die ein Stück meines Weges mit mir gehen und auch nicht diejenigen, die mir den Weg überhaupt erst bereitet haben.

Als ich ein Kind war, habe ich dich immer für unfehlbar gehalten. Selbst wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte, irgendwie musstest du wohl doch recht gehabt haben, denn so musste es ja nun mal sein, oder nicht? Wenn wir als Kinder nicht auf die Weisheit jener bauen können, zu denen wir aufsehen, worauf bitte sonst?

Mir ging erst später auf, dass du nicht allwissend und perfekt warst, es auch längst nicht bist. Klar, wer ist das schon, aber vielleicht waren deine Fehlbarkeiten immer schon der Grund, weshalb unser Verhältnis nie so innig war, wie es sein sollte. Ich war immer der unterkühlte, du viel zu emotional. Wenn es dir nicht so gut ging, pralltest du bei mir meistens eher auf Unverständnis. Nicht weil ich so wenig empathisch war, sondern einfach, weil ich nie die richtigen Worte fand. Gleichfalls versuchte ich es umgekehrt gar nicht erst, wenn es mir mal nicht gut ging. Es war eine stillschweigende Vereinbarung, es war okay für uns, so okay, wie es für Außenstehende merkwürdig gewirkt haben mag.

Vor zehn Jahren oder so, da wurdest du plötzlich krank. Du spürtest, das Diesseits ist nicht endlich und wolltest raus aus deinem kleinen Leben, wolltest jemand anders sein und wurdest es dann auch. Vielleicht steckte diese übertriebene Art schon immer in dir und sie äußerte sich eben darin, wie aus einem Garten, den du pflegtest, eher ein Dschungel wurde oder darin, dass putzen bei dir nicht einfach putzen bedeutete, sondern derart klinische Reinheit herzustellen, dass man hinterher aus dem Klo hätte essen und trinken können. Nach Beginn deiner Krankheit wurdest du seltsam, die Extravaganz kehrte sich nach außen und es war, als wolltest du es jetzt wissen, all die Dinge nachholen, die sich zuvor in deinen Taten, nicht aber in deinem Auftreten geäußert hatten. Wir als Familie taten das als Schrulligkeit ab, als Midlife-Crisis, über die ich aber nie richtig lachen konnte, weil du mit deiner neuen Art Menschen verletztest, die dir nahe standen. Ich war wütend darüber, nicht nur einmal. Und du triebst es leider auch weiter, obwohl es dir nicht gut tat und uns schon gar nicht.

Am Ende, da trieb deine Abenteuerlust dich in die Höhle des Löwen, nicht wissend, dass die Löwen zu Hause waren.

Und jetzt liegst du im Krankenhaus, fast getötet von Menschen, die es einfach nur auf ein paar Wertsachen abgesehen hatten. Ich bin wieder wütend auf dich, und ich bin verzweifelt. Ich weiß gerade nicht, ob du jemals wieder aufwachen wirst oder, falls doch, wie du dann sein wirst.

Das Leben ist so zerbrechlich.

Lebenszeichen, die fünfhundertachtundsiebzigste

Hach ja, let’s face it: Die Schreiberei ist mir irgendwie ein wenig entglitten – sowohl hier im Blog als auch auf anderen Plattformen. Vor ein paar Jahren gehörte das regelmäßige Geklimpere auf der Tastatur zu meinen liebsten Hobbys und wenn ich »Geklimpere« schreibe, dann klingt das nicht ohne Grund ein wenig abwertend: Die meisten Texte aus dieser Zeit meines Lebens mag ich heute nicht mehr sonderlich gern. (Hab ich darüber nicht schon mal gebloggt? Herrje!) Sie sind Zeugnis einer abgeschlossenen Lebensphase, in Bernstein eingeschlossene literarische Dinosaurier-DNA, und wer immer mir damals unterstellte, ich würde mittels meiner Texte letztlich auch nur versuchen, irgendwelche unterbewussten Dinge zu verarbeiten oder schlicht meine Wut oder was auch immer zu kanalisieren, der hatte wohl recht. So wie mir das Schreiben entglitten ist, so ist mir auch dieses Gefühl abhanden gekommen, gegen das eigene Selbst ankämpfen zu müssen, immer wieder nachjustieren und Erkenntnis finden zu müssen. Das ist einerseits sehr schön, weil ich mich in meinem Leben zuletzt so angekommen fühlte wie jetzt, als ich noch in der Kleinstadt lebte, in der ich aufgewachsen bin. Andererseits ärgert es mich aber auch immer noch: Ich habe mich stets als, na ja, zumindest passabel kreative Person empfunden. Heute ist davon nicht mehr allzu viel übrig. Als würde mein Geist nicht nur nicht mehr schrei(b)en wollen, sondern einfach ganz und gar die Schnauze halten.

Im Zuge dessen komme ich mir in letzter Zeit auch noch zunehmend »konservativ« vor. Damit meine ich nicht politisch konservativ (obwohl ich auch hier Tendenzen bemerke), sondern einfach meinen derzeit umgesetzten Lebensentwurf betreffend. An manchen Tagen entdecke ich sogar Marotten an mir, die ich von meinen Eltern übernommen zu haben scheine, obwohl ich doch so nie, aber auch wirklich niemals werden wollte. Wie wahrscheinlich drölfzig Generationen vor mir. Früher stellte ich mir vor, ich würde vermutlich meine späten Zwanziger und die frühen Dreißiger damit verbringen, in irgendwelchen verrauchten Kneipen herumzusitzen, über das Leben zu philosophieren und dies in irgendwelchen schriftlichen Pamphleten festzuhalten. Stattdessen führe ich ein geregeltes Leben und habe zumindest derzeit meine Liebe zu akkurat gemähtem Rasen und Grillkäse entdeckt – und das ausgerechnet in Berlin! Ich bin so zufrieden, dass mein alternatives Ich dauernd aus irgendeinem Winkel meines Hirns herüberbrüllt, dass es so doch (noch) nicht laufen darf. Und dann werde ich unzufrieden, weil ich zufrieden bin. Absurde Kiste, absurdes Erste-Welt-Problem.

Tja, worauf wollte ich jetzt hinaus? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich habe mir immer vorgenommen, dieses Blog wiederzubeleben, sobald die größten Umzugsquerelen vorbei sind, das eigene Büro eingerichtet ist und wir uns gut eingelebt haben. Hinter all diese Punkte könnte ich jetzt einen Haken setzen (gut, ich hatte den vermaledeiten Garten nicht bedacht, der viel mehr Aufwand macht, als ich je gedacht hätte), und dennoch: So richtig will sich nichts tun, will nichts nach außen dringen, das sich in Schriftform gießen ließe, abgesehen vom Gejammere über selbigen blogtechnisch unhaltbaren Zustand. Nicht einmal mehr gesellschaftliche Themen kümmern mich mehr sonderlich. Ich schätze, es wird einfach nicht mehr so wie früher.

Wenn ich demnächst auch noch anfange, Aquarelle zu malen, wissta bescheid, ne?

Gestohlene Identität

Für fast alles gibt es ein erstes Mal. Nicht alles davon tritt ein, einiges hätte man gern erlebt, auf anderes hätte man gut und gern verzichten können. In letztere Kategorie fällt das Erlebnis, festzustellen, dass einem die Geldbörse geklaut wurde.

Nun hatte es mich also auch getroffen, am dreizehnten eines Monats, nicht mal an einem Freitag. Dafür ausgerechnet am Tag vor den Osterfeiertagen. Tage, an denen man nichts regeln kann, an denen man sich gern erholen würde.

Aber natürlich hatte es sich mit der Erholung erledigt. Auch als ich aus der Panikphase heraus war – wirklich angenehm wurden meine freien Tage nicht mehr. Überhaupt, die Panik: Zuerst einmal will man so etwas ja nicht wahr haben. Ich trug meine Geldbörse immer in meiner Handtasche Umhängetasche und vielleicht hatte ich diese an jenem Tag einfach nicht richtig geschlossen, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wo auf meinem Heimweg mein Portmonee abhanden kam. Von selbst herausgefallen konnte es immerhin nicht sein, so viel konnte ich sagen. Als ich den Verlust feststellte, wollte ich eigentlich gerade in einen Baumarkt gehen. Die erste Reaktion war natürlich, alles zu durchwühlen. Die Situation war für mich so surreal, dass ich irgendwann sogar kleinste Zettel in meiner Tasche dreimal umdrehte, so, als hätte sich noch irgendwas darunter verbergen können. Doch es half nichts, meine Geldbörse war weg. Das verlorene Bargeld störte mich dabei weniger, schlimmer waren all die Karten und Ausweise, die ich nun halt nicht mehr besaß.

Hektisch suchte ich noch auf dem Heimweg via Internet eine Telefonnummer, über die ich zumindest meine Geldkarten sperren lassen konnte. Das war gar nicht mal so einfach, wollte die Bandansage doch jedes Mal die Telefonbanking-PIN von mir erfahren. Klar, die hat man ja ständig parat. NICHT! Irgendwie konnte ich diese Hürde jedoch umgehen, sodass zumindest der erste Schritt schnell bewerkstelligt war. Trotzdem guckte ich tagelang ständig auf mein Konto und beäugte sämtliche Geldausgänge.

Tja, und dann saß ich da, ohne die Möglichkeit, irgendwo Geld abheben zu können, ohne im Falle eines Falles zu einem Arzt gehen können, ohne mich irgendwo ausweisen zu können. Und plötzlich stellte ich fest, ohne all die Plastikkarten, auf denen wir unser Leben aufbauen, war ich keine Person mehr. Nur noch ein Mensch, ein Haufen Fleisch, durch den ein rhythmisch pochender Muskel Blut pumpt. Alles, was uns offiziell als Person definiert, ist die Gesamtheit unserer Plastikkarten. Ich fand das ein bisschen schockierend, ehrlich gesagt. Wir schimpfen immer, wie abhängig wir doch von unseren Smartphones geworden seien, dabei sind wir von diesem Bündel an rechteckigen Plastikkarten noch weitaus abhängiger. Sie machen uns aus, sie geben an, wer wir sind und dass wir überhaupt ein Jemand sind. Und so hatte ich eben auch das Gefühl, dass ein Teil von mir gestohlen wurde, zumal auch ein paar alte Bons, vermutlich die eine oder andere Kinokarte und ein paar Fotos in meiner Geldbörse waren. Ich spürte, mir fehlte was. Gestohlene Identität.

Ich versuchte im Laufe der freien Tage, wieder etwas Ordnung in meinen Verstand zu bringen, der die ganze Sache noch immer nicht so recht wahrhaben wollte. Ich erstellte eine Liste und markierte rot bzw. grün, für welche Karten ich bereits eine Sperre beantragt hatte, welche ich neu beauftragt hatte und für welche ich in Bälde Ersatz erhalten würde. Seit einiger Zeit geben mir Listen das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu bekommen. Früher wuppte ich die Dinge einfach nach Chaossystem, indem ich mir alles merkte oder eben auch nicht. Das könnte ich so irgendwie nicht mehr. Inzwischen ist auf meiner Liste alles soweit grün (abgesehen vom Personalausweis und dem von mir nie benötigten Führerschein) und die Normalität ist zurückgekehrt.

Gelernt habe ich aus der Sache, meine Geldbörse nur noch in Jackeninnentaschen zu tragen und nicht benötigte Karten lieber gleich zu Hause zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen, mich selbst noch etwas weniger wichtig zu nehmen. Aber nur vielleicht.

Das bisschen Sehnsucht

Im Jahr 2004 machte ich mein Abitur. An den Vorabend meines letzten Schultages erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß in meinem Zimmer und trank ein Radler. Im Fernsehen lief »Friss oder stirb« von den Toten Hosen. (Damals spielten Musiksender ja noch Musik.) Wenn ich das Lied heute höre, sehe ich mich wieder dort sitzen, vor dem Fernseher in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern, in der Hand das kalte Getränk, im Kopf die Vorfreude auf den letzten Schultag meines Lebens und noch viel mehr die alles überwältigende Neugier auf das Kommende – ein akustischer Bernstein, ein aufflackerndes Lebensgefühl für immer konserviert. Es war ein perfekter Moment. »Oh, ich liebe dieses Leben«, singt Campino in dem Lied und auch wenn natürlich nicht alles positiv gemeint ist, irgendwie bildeten einige Textfetzen und die Melodie genau meine Gefühlswelt ab. »Und bleibt’s mal irgendwann für immer dunkel, der letzte Abend wird unser bester sein«, heißt es weiter. Was hätte meine Aufbruchstimmung besser beschreiben können?

Jeder Mensch hat natürlich solche Momente und vor allem mit Musik verbindet man eben auch immer wieder besondere Augenblicke und Erlebnisse. Dieser eine ist in der Hinsicht vielleicht nicht mein schönster, wohl aber mein »besonderster«. Vielleicht, weil im Nachhinein alles gar nicht so aufregend wurde, gar nicht so großartig und umwälzend, wie ich es mir damals erhofft hatte. Ich hatte ja keine genaue Vorstellung davon, wohin mein Leben mich führen würde, was ich mal machen würde. Ich hatte zu der Zeit einen Studienplatz sicher, war mir bewusst darüber, dass ich mein Heimatkaff bald verlassen würde. Ich war Single, mir stand die Welt offen und wann immer ich meine Stimmung hinausrief, rief das Echo »Freiheit« zurück.

Na ja, genug Pathos. Sage und schreibe dreizehn Jahre später bin ich ein wenig herumgekommen – nicht allzu sehr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich wohl längst nicht alle Chancen immer so genutzt, wie ich das hätte tun sollen oder können. (Obwohl sich durchaus fragen ließe, ob da überhaupt eine Chance war, wenn sie nicht genutzt wurde.) Ich habe in Stuttgart gewohnt, habe in Bonn gelebt, bin nach Berlin gezogen und wider Erwarten einiger früherer Weggefährten immer noch in dieser Stadt – wenn auch seit ein paar Monaten nicht mehr im quirligen Kern (was in Berlin eigentlich fast jeder beliebige Ort innerhalb des S-Bahn-Rings sein kann – je nach Blickwinkel).

Ich bin jetzt 32 und dass ich mich manchmal unsäglich alt fühle, habe ich ja schon das eine oder andere Mal durchklingen lassen. 32, das ist so eine Zahl, bei der ich automatisch denke, dass da so viel eben auch nicht mehr geht. Die Tatsache, dass wir ein Haus am Stadtrand gekauft haben, ist vielleicht auch nur ein Ausdruck dessen, dass ich mich so angekommen fühle wie sich mein 2004er-Aufbruchego vermutlich nie hätte fühlen wollen. Zu behaupten, ich wäre nicht irgendwie doch wie meine Eltern geworden, wäre jedenfalls eine glatte Lüge. Neulich stand ich auf unserer Terrasse. Über mehrere Stunden hinweg fegte ich Kies in die offenen Fugen der Terrassensteine – ein bisschen ist das wie umgekehrtes Zähneputzen: Man putzt den Dreck halt in die Rillen hinein, statt heraus. Ich stand also dort in meiner Windjacke, den Besen in der Hand und da war es wieder, dieses Lied: »Oh, ich liebe dieses Leben. Das bisschen Sehnsucht bringt mich nicht um.«

Das ist es jetzt also, dachte ich, während Steinchen in die Rillen purzelten, das ist das Resultat meiner Lebensreise. Hier bin ich, angekommen, die Reise ist zu Ende. Ich begann als kaum Erwachsener mit einem Radler im Dachzimmer vor dem Fernseher und endete Kies fegend auf meiner Terrasse. Und bin ich deswegen unglücklich? Aber nein, im Gegenteil. 32 ist ein schönes Alter, um zufrieden zu sein. Mit sich und dem Erreichten, Mit all der Spießigkeit, die ein gewöhnliches Leben mitbringt. Mit all seiner Normalität, für die ich meistens dankbar bin. Und das bisschen Sehnsucht? Bringt mich nicht um.

Ein Leben nach Trump

Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen „West“-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann’s ja nicht mehr dauern …

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für ’nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

Dieses verflixte 2016

Was für ein Jahr! Eigentlich ist in meiner heimeligen Welt gar nicht so viel Schlimmes passiert, aber das Drumherum … meine Güte! Gefühlt hat der Lärm der Welt eine nie dagewesene Unerträglichkeit erreicht. Vermutlich war’s niemals wirklich besser und wenn man mal die Tagesschau von vor 20 Jahren anschaut, die auf einem der unzähligen Öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt wird, dann wird das auch untermauert: Irgendwo gab es immer Krieg, irgendwo wurden immer Geiseln genommen, Anschläge begangen, etc. und irgendwo gab es immer schon einen Irren, der nichts lieber getan hätte, als der Welt den letzten Schubs zu geben, der nötig war, um sie gänzlich in den Abgrund zu stürzen.

Trotzdem scheint 2016 eine Zäsur darzustellen, eine scheußliche Dissonanz im Reigen der sonstigen Aufs und Abs der Jahre, die ich bewusst und aufmerksam miterlebt habe. Der Brexit, ein – um es mit Jan Böhmermanns Worten zu sagen – orangefarbener Pelikan als nächster US-Präsident, von dem auch so gar nichts Gutes zu erwarten ist, in Deutschland ist der Terror angekommen und passend dazu erstarken überall die rechten Parteien. Inzwischen wird für 2017 ja schon das komplette Auseinanderbrechen der Eurozone herbeiprophezeit. Es ist, als würde die Welt in ein vermeidbares Chaos stürzen, alle wüssten es, wären aber zum Zusehen verdammt, weil die einen kein Rezept gegen die Katastrophe parat haben und die anderen Freude dabei empfinden, die Welt brennen zu sehen. Auf ganz ähnliche Art und Weise ist diese Welt in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, hineingeschlittert, aber ich will den Teufel nicht noch deutlicher an die Wand malen, als er dort ohnehin schon prangt.

Nie war es verlockender als 2016, Augen und Ohren zu verschließen, ganz, ganz langsam bis zehn zu zählen und zu hoffen, dass dann der Kelch an uns Menschen vorübergegangen sein möge. Die Lösung ist das aber wohl auch nicht.

2016 war das Jahr, in dem ich endgültig die Lust daran verlor, lustige Texte zu schreiben. Vielleicht, weil nach vielen Jahren der erfolglosen Schreiberei ein bisschen die Luft raus ist, vielleicht aber auch, weil es eben doch kein richtiges Leben im Falschen geben kann. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Wann immer ich eine Juxnummer über ein banales Alltagsthema zu Papier bringe, fühle mich ein wenig schuldiger an der ganzen Misere, die uns umgibt. Ich, der hier sitzt, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lässt, ein teures MacBook auf dem Schoß, neben mir eine Tasse mit gut dampfendem Kaffee und dem letzten »Green Day«-Album, das aus den Lautsprechern schallt, während die Katze neben mir die Sofadecke knetet und zufrieden schnurrt.

Es fühlt sich alles nicht gut an, nicht aufrichtig, viel mehr noch, weil sich unsere private Situation 2016 so sehr verbessert hat wie nie zuvor: Wir sind Mitte Dezember ins eigene neu gebaute Haus gezogen, wo alle großen Fenster und Terrassen mit ihrer Südlage reichlich Sonnenschein einfangen, wo kein zu hoch gebautes Hinterhaus mehr das Tageslicht stiehlt, wo ein kleiner Garten darauf wartet, dass wir im kommenden Jahr irgendwas Passables mit ihm machen. Es ist, als hätten wir eine kleine Insel der Glückseligkeit inmitten eines tosenden Meeres gefunden, und so schön es hier eben auch ist, wissen wir ja doch nie, wann dieses blöde Meer eine alles überrollende Welle ausspuckt.

Es sind unsichere Zeiten, ich denke, darauf können sich alle einigen. Wir können nur hoffen und im Kleinen unseren Teil dazu beitragen, dass alles wieder besser wird. Mögen Vernunft und Verstand 2017 die Oberhand gewinnen, mögen wir alle gesund bleiben oder werden, ein kleines bisschen Glück für uns und andere finden. Noch sind wir alle hier, können belanglosen Stuss schreiben und selbigen lesen und das ist im Angesicht der Verrücktheiten da draußen doch schon mal was Gutes. Und immer dran denken: »It ain’t over ’til it’s over«, wie Lenny Kravitz mal sang. In diesem Sinne allen Mitlesern einen guten Rutsch ins nächste Jahr! Keep fingers crossed, wir schaffen’s schon irgendwie.

Smoothies töten!

smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem … trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!

Die Brückentrolle des Digitalzeitalters

Mich treibt’s mal wieder auf die Palme: Wenn man umzieht und rechtzeitig(!) bei seinem Internet-Provider kündigt, dann muss man den Anschluss ab Umzug trotzdem noch drei Monate lang bezahlen. Wohlgemerkt gilt das auch, obwohl man ihn vielleicht gar nicht mehr nutzen kann.

Wir haben derzeit Internet via Kabel und das wird demnächst nicht mehr möglich sein, da am neuen Wohnort nicht vorhanden. Eine Alternative desselben Anbieters (Vodafone übrigens) fällt ebenfalls flach, weil die Telekom am Standort Glasfaser bis ins Haus legt und da derzeit den Daumen drauf hat. Wir wären also gar nicht in der Lage, den alten Provider irgendwie weiterzunutzen, selbst wenn wir mit Vodafone kundenzufriedenheitstechnisch auf Wolke 7 schweben und uns rosa Zuckerwatte teilen würden.

Und TROTZDEM müssen wir drei Monate lang ab Umzug weiter für den alten Anschluss bezahlen? Was ist denn das bitte für eine Brückentrollmentalität? Kann da mal die EU dem Gesetzgeber was auf die Finger geben, bitte? Oder kommt das sogar von denen? Wer Gurken normt, dem traut man schließlich so manches zu.

Falls wir übrigens den Umzug nicht nachweisen können, laufen die Telefon- und Internetverträge bis Mitte April weiter – also nicht einmal so lange wie die drei angedrohten Pflichtmonate. Ich bin gespannt, wie da vom Anbieter für den Exkunden entschieden wird, habe aber so eine vage Vermutung … Was den Kabelfernsehanschluss angeht: Dieser läuft sogar bis in den August hinein weiter, sofern die drei Zwangsmonate nicht greifen. Eine Frechheit insbesondere, da Kabelfernsehen am neuen Wohnort gar nicht angeboten wird. Aber gut, könnte ja sein, dass wir schamlos lügen und gar nicht umziehen, sondern nur still und heimlich den Anbieter wechseln wollen. So was geht schließlich nicht, wo kämen wir da denn hin? Würde das jeder machen, das wäre ja … wäre ja … wie ein freier Markt wäre das. Igitt!

Ich rief jedenfalls, als ich das mit den drei Monaten erfuhr, einfach mal den Kundensupport an. Das alles schien mir so absurd, das konnte doch einfach nicht stimmen. Zugegebenermaßen hatte mein Puls bereits gesundheitlich bedenkliche Höhen erreicht, aber ich war am Telefon dennoch freundlich wie … Zuckerwatte und so. Die trotzdem von vornherein passiv-aggressive Callcenter-Agentin bestätigte leider die kundenfeindliche Regelung nochmals und versuchte dann, im Tonfall eines ausgehungerten und tollwütigen Tyrannosaurus Rex, mir stattdessen einen konventionellen DSL-Anschluss anzudrehen. Super Idee! Das Gespräch lief jedenfalls ungefähr so ab.

Ich: »Ich muss leider wechseln, weil wir am neuen Wohnort Glasfaser bis ins Haus gelegt bekommen. Da lässt die Telekom momentan ja keinen anderen dran.«

Sie: »Stimmt nicht! Wir können Ihnen da auch was anbieten. Wohin ziehen Sie denn?«

Innerlich leicht genervt nannte ich ihr unsere Adresse, denn DSL würde eben genau NICHT funktionieren, wenn da kein Kupferkabel liegt.

Sie: »Aha. Nein, also da könnten wir Ihnen nur DSL 16.000 anbieten.«

Nein, können Sie nicht, dachte ich, sagte aber: »Nee, also das ist zu langsam. Bei der Telekom kriege ich bis zu 200 MBit.«

Sie: »Stimmt nicht. Die Telekom bietet auch nur maximal 100 Mbit an. Mehr ist technisch gar nicht möglich.«

Ich: »Aha.« Komisch, dachte ich, steht doch überall drauf, dass mit reiner Glasfaser durchaus 200 Mbit möglich sind und auch angeboten werden.

Ich beendete das dezent unsachliche Gespräch dann wieder und ärgerte mich weiter über die Brückentrolle des Digitalzeitalters. Unabhängig von allen ärgerlichen gesetzlichen Regelungen, mit denen man offenbar ehemals zufriedene Kunden in den ersten Herzinfarkt treiben will, könnte so mancher vermeintliche KundenBERATER ruhig mal eine Softskills-Schulung besuchen.