Herr Walter ändert sich

Schlurfende Schritte nähern sich der Tür zur Zweizimmerwohnung im zweiten Stockwerk des alten Mietshauses in der Berliner Innenstadt. Herr Walter führt den Schlüssel ins zugehörige Schloss und öffnet die Tür. Frustriert wie immer wirft er die Arbeitstasche in die Ecke und plumpst auf den klapprigen Küchenstuhl. Zeit für eine Verschnaufpause, den Blick gedankenlos auf den zerkratzten Holztisch gerichtet. Wie lange er dort so sitzt? Mal eine halbe Stunde, oft auch eine ganze. Manchmal wohl sogar länger. Irgendwann, so wie jeden Abend, steht er dann doch auf und geht zum Kühlschrank. Dort wartet eine neue erfrischende Flasche Wodka auf seine schwache Hand. Herr Walter trinkt gern, tatsächlich so gern, dass er das jeden Abend tut. Wie sonst soll er seinen beschissenen Job überhaupt ertragen? Ganz abgesehen von seinem komplett versauten Leben: Die Freunde hat er längst hinter sich gelassen, das Geld meist ausgegeben, bevor es überhaupt in der eigenen Brieftasche landet. Und seit zwei Monaten macht ihm auch noch sein Magen zu schaffen. Aber der klare, plätschernde Wodka mit seinem ehrlichen Geschmack, der kann Herrn Walter doch immer wieder aus seinem Loch herausholen, für eine Weile zumindest. Ja, normalerweise geht es ihm nach einem halben Fläschchen Zauberwasser wirklich ausgezeichnet. Normalerweise. Denn heute will ihm sein lieber Freund Alkohol einfach nicht helfen. Zwar dreht sich seine unaufgeräumte Wohnung wohlig wabernd um ihn, und die Magenschmerzen sind auch verschwunden. Allerdings hat Herr Walter doch urplötzlich erkannt, dass er so nicht weiterleben möchte und es auch nicht mehr lange kann. Endlich hat er verstanden, dass er viele Dinge ändern muss, solange er noch Herr seines eigenen Verstandes ist. Der grässliche Job muss weg, der Alkohol sowieso. Überhaupt muss alles Alte verschwinden, wenn das Leben erneuert werden will. Das sieht Herr Walter nun sehr viel klarer als den Wodka in der Flasche. Und die Änderungen werden sofort folgen, denn Herr Walter ist endlich wieder wach. Er weiß, dass nur er selbst sein Leben verbessern kann, da nur er selbst der Strippenzieher ist. Und so springt er auf, packt die halb volle Flasche Wodka und marschiert leicht taumelnden Schrittes zum Waschbecken, um sein Laster endgültig im Abfluss verschwinden zu lassen. Leider tritt er dabei auf die leere Flasche, die er am Vortag betrunken am Boden liegen gelassen hat. Abfangen kann er den Sturz nicht, der schneller vonstatten geht, als seine trägen Sinne dies noch realisieren könnten. Nur die Flasche lassen seine hilflosen Finger noch fallen. Und so rollen schließlich beide Flaschen für eine endlos kurze Zeit laut über den Fußboden, um dann doch stumm liegen zu bleiben – ebenso stumm wie Herr Walter, der sich beim Sturz auf die Tischkante das Genick gebrochen hat.

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