Aromatheorie

Wir Menschen haben ja bekanntlich für so ziemlich jeden Sachverhalt einen mehr oder minder passenden Spruch parat. „Die Arbeiterei kotzt mich an“, sagen wir, wenn uns im Job etwas nicht ganz gelingt. „Du kannst mich mal“, entgegnen wir jemandem gegenüber, dessen Meinung im Augenblick etwas unpässlich kommt. Und wenn wir eine bestimmte Person dann doch mal wirklich mögen, dann können wir sie gut riechen. Sind die erstgenannten Beispiele ja noch ganz nachvollziehbar, so komme ich doch gerade beim letzten Ausspruch immer wieder ins Grübeln. Ich meine, wir Menschen mögen, was von uns in die Welt gesetzte Gerüche betrifft, ja schon äußerst vielschichtig sein, nicht jedoch, was die guten Gerüche betrifft. Für die hauen wir uns lieber chemisch zusammengepantschtes Gebräu an den Hals. Jetzt mag der eine oder andere Leser wahrscheinlich denken, der Typ stinkt einfach vor sich hin und kennt’s nicht anders. Das kann ich nur dementieren und muss sagen, dass ich in meinem doch noch recht jungen Leben bereits einige aromatische Erfahrungen gesammelt habe, die meine Theorie sehr wohl unterstreichen.

Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass der Mensch sich im Geruch am allerwenigsten vom gemeinen Hausschwein unterscheidet, ja vielleicht sogar noch viel schlimmer mieft. Das fängt schon ganz oben an. Wie sagt man? Der Fisch stinkt vom Kopf her. Das tut auch der Mensch, bzw. stinkt dieser wohl eher vom Mund her. Allein der Gedanke dürfte viele in traumatische Kindheitserinnerungen zurückversetzen, hin zu jenen Momenten, in denen die Großmutter mit bedrohlichem Lächeln befahl: „Gib der Omi einen Kuss!“ Und schon näherte sie sich mit staksendem Gang, vorgezeigtem Gebiss und atmend, intensiv atmend, dem eigenen Gesicht und damit auch der eigenen Nase. Eisern und ohne zu weinen mussten wir ihr muffiges Mundaroma über uns ergehen lassen, und eines dürfte vielen in diesem Augenblick klar geworden sein: Mama hatte ganz böse gelogen, denn die toten Haustiere kamen gar nicht in den Himmel. Die landeten ganz woanders. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir alle doch ab und an mal einen fiesen Atem drauf. Wer ist nicht schon mal morgens erwacht und hat sich gefragt, ob sich die eigene Zunge über Nacht wohl ein nasses Hundefell zugelegt haben könnte? Noch schlimmer traf es mich selbst letztens beim Zahnarzt, als mir eine Füllung entfernt werden musste. Was darunter zutage gefördert wurde und mir auf der Stelle die Nasenhaare verätzte, konnte einfach nur ein bakterielles Massengrab gewesen sein.

Doch, als wären wir nicht schon von Natur aus effektiv genug, was Mundgerüche betrifft, helfen wir auch noch mit diversen Substanzen nach. Wer schon mal von Berufs wegen im „persönlichen Gespräch“ mit professionellen Kaffeegenießern gesessen hat, kann bestätigen, wie langsam Sekunden vergehen können, wenn das geschwätzige Gegenüber mit einer respektablen Menge der schwarzen Brühe seinen Mund gespült hat. Abhilfe schafft hier entweder das unauffällige Abstellen der Nasenatmung oder aber das direkte kaffeeunterstützte Zurückfeuern. Was in diesem Fall noch möglich ist, klappt beim Raucher schon weniger, wenn man selbst als Nichtraucher durch’s Leben geht. Mich persönlich erinnert der Geruch eines Raucheratems ja immer an den Gestank von ranziger Salami. Undefinierbar und ebenso unerträglich wird es jedoch, wenn Kaffee und Zigaretten ihre fatale Wirkung im Duett entfalten… Uh, das verstößt ja wohl gegen die Genfer Konventionen, und wie gern würde ich in solch geruchsintensiven Momenten Getränkespender mit Odol-Zusatz im Büro zur gesetzlichen Pflicht machen.

So vielfältig die ausgestoßenen Lüfte des menschlichen Sprech- und Essorgans auch sein mögen, möchte ich mich doch nicht allein darauf konzentrieren, wartet doch nur wenige Zentimeter weiter unten die nächste Katastrophe: Allein das Wort Axel klingt doch schon nach Gestank, oder? Da tun mir die Herren leid, die auch noch so heißen. So, wie mich Raucheratem an nicht mehr frische Salami erinnert, so kommt mir beim Geruch von Schweiß im Allgemeinen und Axelschweiß im Besonderen oft ein Bild von verdorbenen Frikadellen in den Sinn. Das sind dann aber auch die ganz schlimmen Fälle. Beispielhaft fällt mir hier direkt der Fahrer eines bei uns im Büro eigentlich recht beliebten Pizzalieferservice ein. Der trägt betonenderweise auch noch A X E L – Shirts(!). Unweigerlich bekommt man es da mit der Angst, er könnte aus Unzufriedenheit über unser bescheidenes Trinkgeld vom letzten Mal die Pizza persönlich ein wenig nachgewürzt haben. Na wohl bekomm’s!

Ein recht unbeliebter ehemaliger Komilitone aus meiner Studienzeit wusste den Effekt des Schweißgeruchs übrigens sogar zu seinem Vorteil zu nutzen. Wenn er den Raum betrat, wichen augenblicklich alle anwesenden Personen unauffällig zur Seite. So musste er sich niemals irgendwo durchzwängen. Und außerdem verhalf sein ihm eigenes unbeschreiblich fauliges Aroma ihm zu einem großen Tisch, ganz für sich allein und jeder Menge Freiraum beim Stuhlkippeln. Ach ja, und es wurde zwar nie überliefert, jedoch munkelte man, selbst Mücken und anderes stechwütiges Ungetier würden ihn verschonen. Ja, ich hätte sogar einiges darauf gewettet, dass er, selbst mit Ketten aus purem Gold behangen, aus jedem noch so zwielichtigen Viertel dieser Welt unversehrt heraus gekommen wäre.

Doch wenden wir uns wieder der Allgemeinheit zu und folgen der menschlichen Anatomie weiter gen Süden. Hier kommt lange Zeit erst mal nichts, bzw. mögen da Dinge kommen, auf die ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte. Das trägt einerseits der Tatsache Rechnung, dass der Leser vor dem Überfliegen dieses Textes gegessen haben mag und dient andererseits dem Selbstschutz, bin ich mir doch nicht sicher, wie dehnbar der Sachverhalt „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ist. Daher mache ich es hier wie die großen deutschen Privatsender und schneide die spannendsten Szenen heraus, was dazu führt, dass wir auf unserer osmologischen Reise über und in den menschlichen Körper auch schon bei den Füßen angelangt wären. Und zu denen gibt es eigentlich auch gar nicht viel zu sagen. Jeder weiß, dass Füße, vor allem sind es scheinbar Männerfüße, nicht selten wie abgelaufener Käse duften. Weshalb das so ist, wird für mich wohl immer ein ungelüftetes Geheimnis bleiben. Auf unser anatomisches Gegenstück, die Hände, trifft das schließlich (und übrigens auch glücklicherweise) nicht zu. Soll ja mit Schweiß und Bakterien zu tun haben. Gut, aber warum dann gerade Käse und nicht auch die verdorbenen Frikadellen?

Wie wir bis hierhin sehen, scheint ein Mensch in seinem Geruchsspektrum also vornehmlich verdorbenes Essen zu imitieren. Nun mag der eine oder andere vielleicht denken, dass das doch überhaupt nichts mit Schweinen zu tun hat. Die stinken schließlich viel mehr nach… nun, nach Schwein. Wer dieser Meinung ist, der denkt nicht weit genug oder aber er hat noch niemals eine voll besetzte U-Bahn im morgendlichen Berufsverkehr betreten. Als wäre die stickige Luft in der U-Bahn-Station nicht schon übel genug, beginnt der Horror erst so richtig, wenn die Linie unserer Wahl hält und die Türen sich zischend öffnen. Hui, mag man dann denken, so muss es den Forschern ergangen sein, als sie endlich den Eingang zum Grab Tutanchamuns aufbekommen hatten. Was hier auf engstem Raum an Ausdünstungen der gedrängten Menschenmassen zusammenkommt, entbehrt jeglicher Beschreibung, erklärt die offensichtliche miese Laune der Fahrgäste und dürfte einem zwei Dinge deutlich vor Augen halten: Erstens, die Floskel „Ich kann dich gut riechen“ ist, nimmt man sie wörtlich, Lichtjahre von jeglicher Realität entfernt. Und zweitens, Schweine sind eigentlich gar nicht mal so üble Tiere.

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