Ein verlassene Seele (Teil II)

Was bisher geschah:

-> Teil I: Der erste Besuch

Teil II: Karls Einfall

Meine Güte, macht der Kerl einen Aufriss um nichts
. Stinkt wie ’ne überfüllte Dorfkneipe und bläkt mich voll, dachte Ottfried Schneider, den seine Freunde und all jene, die so taten, als wären sie seine Freunde (was zugegebenermaßen die meisten waren), schon immer nur als Maaf bezeichneten. Dafür hatte in früheren Zeiten seine wollartige Haarpracht gesorgt, die jetzt, mit Ende fünfzig, auf seinem fast kahlen Haupt allerdings nur noch zu erahnen war. „Schaut, da kommt Maaf, halb Mensch, halb Schaf“, hatten sie in der guten alten Zeit oft gerufen. Jetzt war Ottfried nur noch Maaf. Ottfried – genau genommen hasste Maaf seinen wirklichen Namen – hatte sein Vater, wenn er besoffen gewesen war, ihn doch oft in diesem Ottfrieeeeeeed-Ton herbeigebrüllt, was dem jungen Maaf immer schon vorab verdeutlicht hatte, dass es gleich wieder eine gehörige Tracht Prügel setzen würde. Deshalb gab Maaf seinen Vornamen seit jeher eigentlich nirgendwo an und unterschrieb auch stets mit M. Schneider.

Gerade eben noch hatte Maaf tatsächlich die Happy Weekend gelesen, bzw. genüsslich darin herumgeblättert, dachte gerade noch kurz daran, sich wieder damit auf die Toilette zu verdrücken und ein wenig Frühsport mit seiner geschlossenen rechten Hand zu betreiben, da kam ihm wieder das unsägliche Bild dieser wandelnden Schnapsleiche Karl Geschke in den Sinn. „Arschloch“, murmelte Maaf in den leeren Flur hinein und öffnete den Kasten mit den Wohnungsschlüsseln, der im Wohnungsflur an der Wand hing. Suchend kreiste seine Hand über den Schlüsselbestand und griff dann nach dem in der zweiten Reihe links hängenden einzelnen Schlüssel. Angenervt schmiss er die Tür des Schlüsselkastens wieder zu, ging in sein Abstellzimmer, um seinen alten Spaten zu greifen, den Rat-Buster-3000, dachte er ein wenig belustigt und machte sich schließlich auf den Weg nach oben – auf zur Rattenjagd. Je schneller er das hier hinter sich gebracht haben würde, desto besser. Wahrscheinlich hatte dieser Geschke auch rosarote Elefanten in der Küche tanzen gesehen.

Für Karl verlief der Arbeitstag derweil bisher nur wenig aufregend. Die meiste Zeit über hockte er in seinem nach kaltem Rauch und alten Socken stinkenden Hausmeisterzimmer herum, die Füße auf dem Tisch liegend, und zappte das karge Programm seines mikroskopisch kleinen Fernsehers rauf und runter. Doch eigentlich interessierte es ihn sowieso nicht sonderlich, was die Flimmerkiste hergab, hatte er doch sein eigenes ausgewähltes Programm im Kopf. Dieses bestand jedoch, im Gegensatz zum Fernsehprogramm, aus gerade einmal zwei Kanälen. Auf Kanal Nummer eins lief der Klassiker Hilfe – Meine Frau hat mich verlassen und vögelt einen anderen, während Kanal zwei die x-te Wiederholung des B-Movies Das Auge – Die unheimliche Bedrohung aus der Kloschüssel ausstrahlte. Dummerweise wusste Karl nicht so recht, welches Programm ihm weniger gefallen sollte, doch abschalten konnte er den Mist eben auch nicht, denn der Netzschalter in Form seines Flachmanns lag noch in der Tasche. Und er konnte ihn erst betätigen, wenn die Kinder und die meisten Lehrer am Nachmittag nach Hause gegangen waren und er ihren zurückgelassenen Dreck wegputzen musste. Bis dahin musste er es eben wie so oft irgendwie hier aushalten und hoffen, dass nicht wieder eines dieser Drecksbälger Mist baute und er zur Unterstützung ausrücken musste.

Mit ziemlich gelangweilter Miene lauschte Maaf in Karl Geschkes Wohnung hinein. Wenn hier Ratten waren und sie wirklich auch nur annähernd so groß waren, wie Geschke angedeutet hatte (jetzt musste er wieder an die rosaroten Elefanten in der Küche denken), dann würde er doch irgendwann das Tippeln ihrer widerlichen kleinen Füße hören. Und dann würde er sie auch finden und ihnen gnadenlos den Rat-Buster-3000 um die Ohren hauen. Niemand hielt Maaf ungestraft von seinem Frühstücksritual ab, schon gar keine fetten, grauen Schmarotzer. Jetzt war sich Maaf allerdings nicht so ganz sicher, ob er damit wirklich die Ratten oder doch nur diesen heruntergekommenen Geschke meinte. Augenblicklich kam ihm das Bild einer abwechselnd herumbrüllenden und dann wieder trinkenden, menschengroßen Ratte in den Kopf, und so prustete er schenkelklopfend los.

Leise schritt Maaf abwechselnd Küche und Badezimmer ab. Die anderen Zimmer wollte er lieber gar nicht erst betreten. Da er sich allerdings ziemlich sicher war, dass auch die Ratten dies nicht wollten, würden Bad und Küche ganz bestimmt ausreichen. Noch immer war nichts zu hören, und so langsam kam Maaf auch zu dem Entschluss, dass Karl Geschke tatsächlich mal wieder zu viel gesoffen haben musste. Hätte er doch noch ein bisschen mehr getrunken, dachte Maaf, dann wär er gleich wegen der tanzenden Küchenelefanten zu mir gekommen und ich hätte mir den Weg sparen können. Dem sollte ich in den Schnaps pissen. Wie ein Totengräber, der seine Arbeit getan hatte, schwang Maaf den Spaten über die Schulter, schaute noch einmal in die Küche, dann erneut ins Bad und öffnete schließlich die Haustür wieder. Da war eindeutig nichts gewesen, wofür er den Spaten benötigt hätte, abgesehen vielleicht von dem widerlichen Haufen an Karls benutzten Unterhosen, den er scheinbar systematisch auf dem gefliesten Fußboden neben dem Waschbecken im Badezimmer errichtet hatte. Maaf warf die Tür zu, schloss sie wieder ab und trabte die Treppe hinunter, zurück zu seiner eigenen Wohnung. Später würde er Karl dann sagen, dass die Ratten nicht da waren, als er oben war. Aber er würde es in einem Tonfall sagen müssen, der Karl zeigte, dass Maaf ihm glaubte. Sonst würde dieser cholerische Säufer wieder so durch das ganze Haus brüllen. Vielleicht sollte ich ein wenig vor dem Spiegel üben, dachte Maaf und grinste erheitert.

Karl war dagegen gerade überhaupt gar nicht zum Lachen zumute. Eines der Kinder hatte sich mal wieder mehrmals auf dem Pausenhof übergeben. Gerade war die Magendarmgrippe im Umlauf, und Karl war schon in der Woche zuvor mehrfach abwechselnd zum Schrubben und zum Sandstreuen ausgerückt. Er konnte von Glück reden, wenn er sich nicht auch noch mit diesem Mist ansteckte. Das heutige Kotzattentat wurde direkt vor der Humboldt-Statue verübt, die im Zentrum des Hofgeländes stand. Wäre es nicht ein wirklich gewaltiger Haufen Erbrochenes gewesen, hätte Karl jetzt gelacht, denn für ihn sah das ganze ein wenig so aus, als hätte der vor ihm thronende Alexander von Humboldt persönlich den Schulhof mit der Kotze der Weisheit gesegnet. Und in diesem Augenblick blitzte ein wirklich amüsanter Gedanke in Karls Verstand auf, der ihn die vergangenen Ereignisse vorläufig vergessen ließ. Da hatte ihn dieser Kotzhaufen doch auf eine nette Idee gebracht. Mal sehen, was ihr davon haltet, kam es ihm in den Sinn und er musste unweigerlich lachen. Immer wieder dachte er an diesen Einfall, während er das Erbrochene mit Sand abdeckte und die Sprenkel von der Statue wischte, und je längerer er darüber nachdachte, desto besser erschien ihm diese Idee. Er hob den Arm und sah auf die Uhr. Kurz vor elf – nicht mehr lange, dann würde er sich erst einmal einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann gönnen – einen sehr kräftigen Schluck.

Fortsetzung folgt…

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