Eine verlassene Seele (Teil I)

Teil I: Der erste Besuch

Der schrille Piepton, den der penetrante Wecker auf dem Nachttisch von sich gab, riss Karl Geschke aus seinem tiefen, erholsamen Schlaf. Im Augenblick seines Erwachens knurrte er kurz in die Dunkelheit und schlug dann mit der linken Hand unsanft auf den Wecker. Im nächsten Moment wälzte er seinen vom Trinken aufgedunsenen Körper über die Bettkante, zog mit halb geschlossenen Augen die Latschen neben seinem Bett an und schlurfte demotiviert und noch ziemlich verkatert Richtung Badezimmer, während er lautstark die Nase hoch zog, um den dicken Rotzklumpen, der sich über Nacht angesammelt hatte, hinunterzuschlucken. Seinen schleppenden Gang ins Badezimmer unterlegte Karl mit einem rasselnden Husten, der ihm nicht erst seit heute ins Bewusstsein rief, wie tief sich die Ungmengen Rauch von drei Zigarettenschachteln pro Tag schon in seine Lunge gefressen haben musste. „Verdammte Scheiße“, murmelte Karl dem neuen Tag grummelig entgegen, klappte den Toilettendeckel hoch und ließ, die eigene Nase rümpfend, seinem übel riechenden Morgenurin freien Lauf. Noch während er das erleichternde Gefühl seiner sich entleerenden Blase genoss, dachte er darüber nach, was er am Vortag getan hatte.

Es war Sonntag gewesen, und Karl war gegen 11 Uhr unter dem benebelnden Einfluss seines Freundes Jim Beam und fünf Dosen Bier in die Kirche getorkelt. Den Pastor in seiner Predigt unterbrechend hatte er einem Mann von etwa 40 Jahren in der ersten Reihe entgegen gebrüllt: „D-Du Dreckschwein hass meine F-F-Frau gebummsssss. Ich hab euch gesehn, in der St-ta-tadt. Ha-haste verstadn? Ich polier dir jetz die sch-sch-scheiß Fresse.“ Im Augenblick, als dem ziemlich überraschten Pastor angesichts dieser Situation die Kinnlade nach unten geklappt war, war auch der betroffene Mann in der ersten Reihe aufgesprungen und hatte seinerseits das Feuer eröffnet: „Karl, sie hat dich schon vor einem Jahr verlassen, und das weißt du ganz genau. Außerdem hast du das selbst verschuldet. Geh nach Hause und schlaf deinen Rausch aus.“ Das hatte gesessen, und so war Karl wie von der Tarantel gestochen mit erhobenen Fäusten auf sein Ziel zugestürmt. „Dir geb ich’s“, hatte er dabei wieder und wieder durch die gefletschten Zähne gegrunzt. Doch dann hatten ihn zwei tatkräftige Herren aus dem Lauf heraus gestoppt und ihn, die Halle entlang, zurück zur Tür geschleift. „Ihr Huaahnsöhne, das seid ihr a-a-alle. Schmort inna Hölle, ihr Wi-Wichser“, hatte Karl mit seiner tauben Zunge gebrüllt, und dann war er auch schon recht unsanft vor die Tür gesetzt worden. Gleich darauf hatte man ihm selbige vor der Nase zugeschlagen und ihn ausgesperrt. Noch vom Schwindelgefühl seiner eigenen unglaublichen Wut gepackt, hatte Karl schließlich einen dicken Stein aus dem Gehweg geklaubt und damit unter lautem Scheppern eines der reich verzierten Kirchenfenster eingeworfen. Währenddessen und auch noch eine ganze Weile danach hatte er der innen versammelten Kirchengemeinde die wildesten Flüche entgegen geschrien. Die Konsequenz: ein schneller Abtransport per Polizei mit anschließender Anzeige. Vor allem aber hatte man Karl bis auf weiteres Hausverbot erteilt.

Hausverbot in der Kirche, war das zu fassen? Karl schüttelte angesichts dieser surrealen Tatsache ungläubig den Kopf, während er seine blutrot unterlaufenen Augen im Spiegel des Badezimmerschranks betrachtete und mit den Händen durch seinen ungepflegten Stoppelbart fuhr. Dann grinste er plötzlich und sprach in einem Singsang zu seinem eigenen Spiegelbild: „Ich bin eine verlorene Seeeeele!“ Und plötzlich lachte er schallend los, als hätte ihm jemand gerade den Witz des Jahrhunderts erzählt. Verdammt, eigentlich sollte er doch über diese ganze Scheiße mit Katharina hinweg sein. Der Typ in der Kirche, also Katharinas Neuer, Thomas Heuser war sein Name, hatte sogar Recht gehabt: Er war tatsächlich selbst schuld an der ganzen Misere. Die drei Jahre zuvor geschlossene Ehe mit Katharina hatte für Karl perfekt begonnen gehabt: romantische Abende bei Kerzenschein, gemeinsame Radtouren und Reisen, Kinderplanung und der ganze Kram. Doch dann hatte er begonnen, häufiger zu trinken, und irgendwann hatte sich die Fahne nicht mehr so einfach durch Kaugummi und Odol-Mundwasser vertreiben lassen. Das hatte seinen Kunden natürlich wenig gefallen und seinem Chef noch weit weniger. Letztlich hatte Karl seinen Bankschalterjob verloren und danach eine zermürbend lange Zeit nach einer neuen Beschäftigung gesucht. Mehr als eine mies bezahlte Hausmeisteranstellung in der örtlichen Grundschule hatte man ihm jedoch nicht mehr angeboten, und so hatte er begonnen, dem Alkohol noch häufiger zu frönen. Die Streiteren mit Katharina hatten in der Folge auch zugenommen und waren mit der Zeit immer heftiger und letztlich sogar handgreiflich geworden. Der krönende Abschluss war gewesen, dass Karl seiner einst geliebten Frau im Rausch eine ziemlich dicke Lippe verpasst hatte. Katharina war augenblicklich ausgezogen und hatte kompromisslos die Scheidung eingereicht. Mit Karl war es seitdem nicht gerade bergauf gegangen.

Als Karl gerade dabei war, seinen Dreitagebart zu stutzen und dabei weiter über Katharina, seine Aktion in der Kirche und die Konsequenzen der Anzeige nachgrübelte, mischte sich plötzlich ein Geräusch zwischen das konstante Surren des Elektrorasierers: blubb blubb. Es klang, als würde jemand mit einem Strohhalm in ein Wasserglas pusten. Karl schaltete den Rasierer ab und lauschte mit verkniffenem Gesicht. Doch da war nichts zu hören. Er zuckte die Schultern und setzte seine Rasur fort. Dann kam es wieder: blubb blubb blubb. Wieder schaltete Karl das Gerät ab und spitzte die Ohren. Und da war es doch: blubb. Es kam eindeutig aus der Kloschüssel. Karl legte den Rasierer weg und ging langsam zur Toilette hinüber. Knapp einen Meter davor stehend reckte er den Hals, als könnte ihn etwas anspringen, und dann verzog er plötzlich das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. Da schwamm ein Auge im Wasser der Toilette. Es war ein großes lidloses Auge, offensichtlich das eines Menschen, das nach oben schaute und ihn ausdruckslos anglotzte. Karl schüttelte angeekelt den Kopf, blinzelte einige Male und sah wieder hin. Das groteske Ding starrte ihn noch immer an, während zwei Blasen links und rechts davon aufstiegen: blubb blubb.

Das hab ich jetzt vom Saufen, schoss es Karl schlagartig durch den Kopf, und er kniff ungläubig die Augen zu. Es konnte nicht sein, was er da gerade gesehen hatte. Wieder schloss er die Augen und begann, laut zu zählen, als würde er mit Kindern das Versteckspiel spielen. Bei zehn riss Karl die Augen auf und starrte erneut in die Toilette. Und tatsächlich, da war nichts. Eine ganze Minute richtete er seinen Blick in die Schüssel, doch das Wasser schwamm nur ungeregt vor sich hin. Vorsichtig griff Karl nun nach vorn und klappte dann den Deckel zügig runter. „Himmel, jetzt ist es soweit. Ich werde verrückt“, murmelte er zu sich selbst und ging leise zum Waschbecken zurück, um seine Rasur fortzusetzen. Gerade als er den Rasierer eingeschaltet hatte, passierte es erneut: Ein einfaches, lautes Klopfen kam aus der Toilette, so als hätte jemand von innen einen Kieselstein gegen den Deckel geworfen. Wieder legte Karl den Rasierer weg und schlich lautlos zur Toilette hinüber. Langsam bewegte er seinen Arm in Richtung des Deckels, dann riss er ihn auf, als wolle er laut ‚Aha, erwischt!‘ in die Schüssel brüllen. Doch er konnte nichts erkennen, nur das Wasser und -doch! Drei kleine Bläschen trieben kurz über das leicht schwappende Wasser in der Schüssel, um dann zu zerplatzen. Da war also doch was gewesen. Eine Ratte, das muss eine verdammte Ratte gewesen sein, dachte Karl und nahm sich fest vor, den alten Hauswart im ersten Stockwerk zu informieren, bevor er gleich zur Arbeit gehen würde.

Die Rasur setzte Karl an diesem Morgen nicht mehr fort, und so ging er mit einem reichlich löchrigen Stoppelbart aus dem Bad, zog sich im Eiltempo an, warf anschließend sein Frühstück, welches aus zwei Äpfeln und einem Flachmann bestand, in den Rucksack und verließ fluchtartig die Wohnung. Im ersten Stockwerk hämmerte Karl mit der Handfläche mehrere Male auf die Türklingel mit der Aufschrift ‚M. Schneider‘. „Ich komm doch schon“, sagte die dumpf klingende Stimme hinter der Tür genervt. Dann öffnete die Tür sich einen Spalt weit und ein alter Mann schaute verwundert hinaus in den Hausflur. Als er Karl erkannte, öffnete der alte die Tür schließlich ganz. „Herr Geschke.“, sagte er und zeigte ein reichlich aufgesetztes Lächeln, das jedoch nicht verbergen konnte, dass Karl ihn wahrscheinlich gerade davon abgehalten hatte, die Happy Weekend noch einmal durchzublättern. „Was kann ich für Sie tun?“ schloss er an. „Ratten!“ sagte Karl energisch und der ältliche Hauswart bekam eine leichte Brise von Karls Vorabendfahne ab. „In meiner Toilette war eine riesige Ratte“ gab er laut zu verstehen und zog die Mundwinkel nach unten, als könnte er das fette Biest direkt vor sich sehen. „Herr Geschke, nun beruhigen Sie sich mal“, sagte der alte mit vorsichtiger Stimme. „Sind Sie sicher, dass Ihr-„, der Hauswart unterbrach seinen Satz kurz, räusperte sich und setzte dann fort: „Dass Ihr Verstand Ihnen keinen Streich gespielt hat?“ Karl setzte augenblicklich ein grimmiges Gesicht auf und und sagte laut: „Wollen Sie mir damit jetzt sagen, ich hab sie nicht alle?“ Sofort wich der alte einen Schritt zurück, dann antwortete er kurz und knapp: „Natürlich nicht.“ Darauf atmete er mit einem leisen Seufzen aus und schloss an: „Also gut, wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich gleich nach dem Frühstück hinauf in Ihre Wohnung und schau mir die Sache mal an.“ Diese Antwort stellte Karl offensichtlich schon eher zufrieden, denn sein Blick entspannte sich augenblicklich. „Das wär nett. Und bitte geben Sie mir heute Abend Bescheid, ob Sie das Vieh gefunden und erledigt haben. Ich bin gegen acht wieder zurück. Ach, und entschuldigen Sie bitte, dass ich gerade etwas laut war. Das Mistvieh hat mich echt erschreckt.“ Der alte Hauswart setzte wieder sein gequältes Lächeln auf und sagte: „Nicht weiter schlimm. Ich seh mir die Sache gleich mal an.“ Darauf lächelte Karl ebenfalls und entgegnete mit etwas zu freundlich klingender Stimme: „Vielen Dank, Herr Schneider. Ich muss dann jetzt zur Arbeit. Ich wünsch Ihnen viel Erfolg bei der Rattenjagd. Bis heut‘ Abend dann.“ Der alte hob abwinkend die Hand und erwiderte: „Ist gut. Alles kein Problem. Bis heute Abend.“ Dann schloss er die Tür sofort wieder. Karl drehte sich um und rollte genervt mit den Augen. Eigentlich hasste er diesen alten, faulen Sack von Hauswart, der fast nie seinen Arsch hoch bekam. Aber vielleicht würde er ja ausnahmsweise tatsächlich nachsehen und das Biest sogar finden.

Auf dem Weg zur Arbeit, den Karl regelmäßig mit dem Bus zurücklegte – ihm war sehr wohl bewusst, dass ein Auto ihm zum Verhängnis werden könnte, wenn er mit dem Restalkohol vom Vorabend und dem Flachmann in der Tasche in eine Verkehrskontrolle kommen würde – konnte er keinen anständigen Gedanken mehr fassen. Die ganze Zeit über schwirrte das Bild dieses widerlichen Auges in der Toilettenschüssel durch seinen Kopf – dieses Auge, das eigentlich eine verirrte Ratte gewesen sein musste. Denn natürlich hatte sein versoffener Verstand ihm hier einen geschmacklosen Streich gespielt und ihm dieses ekelhafte Ding vorgesetzt. Dennoch verursachte es ihm immer wieder eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, wie ausdruckslos ihn dieser lidlose Augapfel von unten herauf angeglotzt hatte. Und gleichzeitig wurde Karl doch das beängstigende Gefühl nicht los, dass dieses Ding ihm irgendwie zugelächelt -nein, ihn ausgelacht hatte.

Fortsetzung folgt…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)

%d Bloggern gefällt das: