Fahrt durch die Nacht

Vor Anstrengung keuchend ließ Mike den Kopf immer wieder nach unten sinken und sah die asphaltierte Straße unter sich vorbeiziehen, als blicke er von oben auf eine riesige Filmrolle, die einen Projektor durchläuft. Dieser Vergleich kam Mike häufig in den Sinn, wenn er eine seiner nächtlichen Radtouren unternahm.

Immer wenn der unbarmherzige Wind dieser ersten wirklich kalten Septembernächte ihm wie eisige Messer ins Gesicht schnitt, spürte er abermals das irrationale aber beglückende Gefühl einer bevorstehenden Weihnacht – ein Gefühl, dass im Grau des scheinbar unendlich gedehnten Depressionsduos Oktober und November langsam dahinsiechen würde, um erst in der darauf folgenden Adventszeit wieder zu neuem Leben zu erwachen. Doch jetzt war sie da, diese Barmherzigkeit, die Mike von der Verzweiflung, zu wissen, dass die lauwarmen Sommerabende sich für eine lange Zeit verabschiedet hatten, ablenken sollte, wie sie es schon immer für ihn und für jeden anderen getan hatte und auch weiter Jahr für Jahr tun würde. Mike genoss dieses Gefühl für einige Augenblicke mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel, schüttelte es dann um seiner Konzentration willen jedoch ab und trat fester in die Pedale.

Mit jedem Tritt spannten sich die Sehnen in Mikes Körper wie Gitarrensaiten. Seit einer Stunde trieb er sein Rennrad über den dunklen Asphalt, und die Muskeln in seinen Beinen fühlten sich bereits zum Bersten geschwollen an. Unter dem Schmerz, der aus dieser Anstrengung resultierte, bleckte Mike die Zähne der windig kalten Nacht entgegen. Es war ein heilender Schmerz – eine Pein, die ihn für kurze Zeit von allen Sorgen befreien sollte, welche tagsüber auf seinem Rücken lasteten und ihm finstere Worte ins Ohr setzten. Mike musste beschleunigen, höher schalten, immer schneller fahren, und schon zogen sich die Plagegeister zurück – ein Gefühl versiegenden Zahnschmerzes auf seinem Gemüt.

Der größte Teil seiner 23 Lebensjahre verlief für Mike ziemlich durchschnittlich, etwas zu durchschnittlich vielleicht. Und so war er gerade 19, als das Geflüster in seinem Kopf begann. Anfangs waren es die Abende, denen er nicht selten unter Tränen ins Bett entschwand. Schon bald jedoch wachten die bösen Geister morgens zusammen mit ihm auf und begrüßten auf ihre heimtückische Art der Schwarzmalerei den neuen Morgen. Die andauernden Phasen im Keller der Gefühle waren es, die alle Höhepunkte in Mikes Leben bereits im Aufkeimen zunichte machten.

Obwohl er nie besonders gut ausgesehen hatte, das heißt gut im abschätzenden Auge einer für ihn attraktiven Frau, hatte er es zu zwei Freundinnen gebracht. Beide konnte Mike nicht auf Dauer halten, vertrieb sie mit seinem Zorn sich selbst und seinem für ihn so unbefriedigenden Leben gegenüber. Das Alleinsein verbesserte seine Lage nun nicht gerade, und der aufblühende Gedanke an diesen desillusionierenden Zustand trieb eine einzelne, verirrte Träne über seine Wange, die sich im Fahrtwind stockend ihren Weg in Richtung des Haaransatzes bahnte. Mike drückte seinen Daumen gegen die Handschaltung, es machte klick-klick, als die Fahrradkette in einem höheren Gang ist Stellung ging, und so ließ die zusätzliche Belastung erneut einen ziehenden Schmerz in seinem rechten Oberschenkel herausbrechen, der das düstere Gedankengut eilig wieder vertrieb.

Der Sarkasmus, den ein jeder wohl entdeckt haben würde, hätte er Mikes bisheriges Leben im Gesamtkontext betrachtet, blieb ihm selbst immer verborgen. Dass er äußerst intelligent war, im Gegensatz zu den meisten seiner früheren Mitschüler keinerlei Leistungsdruck in der Schule ausgesetzt war, dass er erfolgreich Informatik studiert hatte und nun in einem Job arbeitete, der ihm eigentlich Spaß machte und immerhin so viel Geld einbrachte, dass er keinen Cent zweimal umdrehen musste – all diese Dinge erschienen ihm selbstverständlich und angesichts dessen, was er nicht haben konnte, als so belanglos.

Es war Nähe, die er gern wieder gefühlt hätte, doch auch Materielles und ein gewisser Status, die ihm fehlten. Wie gern etwa hätte er statt eines Fahrrads ein Auto besessen, hatte bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr sehnlichst davon geträumt. Dann war diese Blase abrupt geplatzt, denn Mike hatte es nie geschafft, die immense Angst zu überwinden, die bei jeder Autofahrt wilde Panikschübe durch seinen Körper gejagt und das Lenkrad durch seine verschwitzten Finger gleiten lassen hatte. Mit 18 Jahren hatte Mike keine Angst vor dem Tod gehabt, wohl jedoch davor, dessen Zeitpunkt nicht selbst bestimmen zu können. Und bei jeder Fahrt war es doch genau das gewesen, was die Angst in seinem Kopf tiefer verwurzelt hatte. Mike war einige Male und dann nie wieder Auto gefahren. Und heute, gerade in diesem Moment, war er sich sicher, dass es schon damals die Dämonen gewesen waren, die diese Panik in ihm gesät hatten. Augenblicklich packte ihn wieder die helle Wut, die rot aufglimmende Funken in sein Blickfeld trieb. Sofort trat Mike noch fester in die Pedale, obwohl er längst spürte, dass er seinen Körper bereits ans Limit getrieben hatte.

Als Mike am Ende der Studienzeit eines Abends mit seinem WG-Mitbewohner bei einem Bier in der gemeinsamen Küche gesessen und im leicht angetrunkenen Zustand über Hoffnungen und Enttäuschungen philosophiert hatte, da hatte dieser ihm gesagt, dass man beginnen müsse zu leben, wenn alle Träume ausgeträumt seien. Und selbst Mike wusste, wie ungeheuer unsinnig es klang, doch es war ihm gerade in der letzten Zeit mehr und mehr bewusst geworden, dass er mit seinen jungen 23 Jahren genau diesen Zustand erreicht hatte. Der Träumer hatte ausgeträumt. Es gab keine ihn liebende Frau an seiner Seite, nichts, was noch zu erreichen war, die bösartigen Kopfdämonen würden sein Hirn weiter zernagen, und so würde sein Leben für immer eine Fahrt durch die Nacht bleiben – und nur die körperlichen Schmerzen der Anstrengung würden ihm zeigen können, was es bedeutet, wirklich zu leben. Für Mike bedeutete sein Dasein nichts anderes als ein schwarzes Gefängnis, durch dessen Gitterstäbe er verendete Träume hinter und ein unerreichbares Leben vor sich sehen konnte. Noch einmal wendete er seine letzten Kraftreserven auf und beschleunigte seine Fahrt, um dieses schaurige Bild zu vertreiben und einmal mehr den viel zu kurz währenden süßen Geschmack eines spürbaren Lebens kosten zu dürfen.

Stecknadelgroße Lichter glimmten in der Schwärze vor ihm auf. Mike schaltete das Licht aus und wechselte auf die Gegenfahrbahn. Als würde er das Auto, das jetzt direkt auf ihn zu raste, dafür hassen, dass er es selbst niemals fahren würde, senkte er seinen Oberkörper hinab und sauste lautlos auf das tödliche Stahlmonstrum zu. Die Dämonen in Mikes Kopf gerieten in Ekstase, schienen ihn auszulachen für das, was er war und schrien in ihn hinein. Durchbrich die Mauer, riefen sie schrill wiederholend in seinen bröckelnden Verstand hinein. Durchbrich die Mauer deiner erbärmlichen Existenz und wir werden gehen! Werden mit dir gehen.

Mike brüllte laut in die Nacht und nur wenige Meter vor dem großen Knall schwenkte er den Lenker seines Fahrrads zurück auf die rettende andere Straßenseite, wie er es in so vielen Nächten zuvor getan hatte. Die bösen Geister in seinem Kopf würden verstummen, wenn er einmal mehr entkam, würden sich enttäuscht zurückziehen und erst am nächsten Tag wieder aufleben, vielleicht sogar erst am übernächsten. Nur Sekundenbruchteile trennten Mike vom Zusammenstoß mit dem gnadenlosen Stahl des Autos, und so trat er noch einmal so stark in die Pedale, wie seine völlig überlasteten Muskeln es zuließen. Im Augenblick, als Mike das rechte Bein durch die Pedale belastete, mischte sich ein peitschender Knall wie eine hässliche Dissonanz in das näherkommende Motorengeräusch. Der sofort ausstrahlende Schmerz seines gerissenen Muskels zerstreute das Schwarz der Nacht und malte erst weiße, dann rote Töne in seinen Blick, die sich miteinander vermischten und wild vor seinen Augen tanzten. Während er stürzte, schien es Mike für einen kurzen Moment, als würden die Dämonen ein ausgelassenes Fest in seinem Kopf feiern. Im nächsten Augenblick wurde er gnädigerweise aus dem Bewusstsein gerissen, was ihm jeglichen weiteren Schmerz beim Aufprall auf die Karosserie des grauen Opel ersparte. Und so hatte Mike tatsächlich die Mauer durchbrochen und setzte seine Fahrt durch die Nacht auf der anderen Seite fort.

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