Allein im Bad

Das silberfarbene U-Boot tauchte gerade vorsichtig um den Felsen herum, als Godzilla erneut angriff. Lautlos schwimmend hatte er sich an das metallene Ungetüm herangepirscht, um jetzt die Gunst der Stunde zu nutzen und zuzuschlagen, als –
Bah, jetzt war Tim schon wieder Seife ins Auge gelaufen. Wie das wieder brannte! Er legte das Plastik-U-Boot auf den Badewannenrand und seinen größten Rivalen, Hartgummi-Godzilla, direkt daneben. Wo kam der Seifenschaum denn überhaupt jedes Mal her? Er hatte sich ganz sicher kein Duschbad auf den Kopf gekippt, und Mama war beim Haarewaschen immer äußerst vorsichtig. Also warum brannten einem in der Wanne ständig die Augen?
Tim war sieben, gemeinhin als Alter gefürchtet, in dem Kinder wirklich alles hinterfragen, nicht nur das Geheimnis brennender Augen, sondern, zum Leidwesen der Eltern, zunehmend auch wirklich wichtige Dinge. Sieben war ein Alter, das Glück brachte, schon wegen der Zahl. Sieben war, zumindest für Tim, auch ein Alter, in dem man sich ziemlich toll fühlen konnte, weil man jede Menge Klassenkameraden hatte, die erst sechs Jahre alt waren. Sieben war ein Alter der Zahnlücken, der wirklich großen. Tim fehlen gleich zwei Schneidezähne direkt nebeneinander. Das war allerdings ziemlich genial, denn so konnte er, wenn er die Zähne zusammenbiss, seine Zunge durch die große Lücke schieben und herumwackeln lassen, was unheimlich witzig aussah. Mit diesem Trick konnte man in der Schule wirklich jeden zum Lachen bringen. Glücklicherweise sogar Ulrike. Sieben war ein Alter, in dem man stundenlang in der Badewanne liegen konnte, ohne dass einem langweilig wurde, solange man genügend Spielzeug parat hatte. Denn mit sieben onanierte man noch nicht in der Wanne und hielt das für eine ganz große Sache. Nein, es gab auch so jede Menge Spaß, obwohl der Film „Godzilla gegen die Nautilus“ von außen betrachtet in der Dauerwiederholung lief. Denn mit Phantasie war dieses Spiel jedes Mal anders und jedes Mal wieder wahnsinnig spannend. Tim hatte mehr als genug Phantasie, wie die meisten Kinder mit sieben, und heute wollte er eigentlich endlich mal Godzilla gewinnen lassen, obwohl er Captain Nemo im Prinzip viel cooler fand. Aber dann passierte ja wieder dieser blöde Mist mit der Seife.
Doch die war nun endlich weggewischt, das Handtuch neben der Wanne kurz draufgedrückt, damit es nicht wieder brannte, und nun konnte es auch schon weitergehen. Wie war das? Ach ja, bestimmt startete Captain Nemo gerade ein Wendemanöver, um Godzilla eine volle Breitseite-
„Hey Tim“, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
„Wer spricht da?“ frage Tim leise.
„Na wer wohl, du Dummie? Ich bin’s, die Shampooflasche. Augen links!“ Tim schaute nach links. „Ja genau, Kleiner. Hier bin ich.“
„Warum sprichst du wie Popeye?“ fragte Tim.
„Willst du nicht wissen, warum ich überhaupt spreche?“ hakte die Flasche nach.
„Hmm, nöö“, entgegnete Tim und wollte den Angriff der Nautilus gerade fortsetzen. Da erhob Popeye in Flaschenform erneut das Wort: „Ich sag’s dir trotzdem, Kleiner. Du musst wissen, ich bin ein Kobold. Wir alle hier sind Kobolde, und wir lieben den Geschmack von Kinderfleisch über alles. Weißt du, wir werden dich jetzt fressen.“
„Ich glaub dir kein Wort“, entgegnete Tim emotionslos, ließ aber dennoch die Nautilus los, so dass sie auf den Grund der Wanne sank. Mit der anderen Hand hielt er Godzilla fest umkrallt.
„Oh, du glaubst mir nicht?“ fragte das Shampoo in gespielt beleidigtem Ton. „Was meinst du denn, weshalb ich dir Shampoo ins Auge gekippt hab, hm? Frag doch das Duschbad oder die Handseife? Du kannst sogar die Toilettenbürste fragen, wenn du willst.“
Tim fragte nicht, dennoch setzte ein bestätigendes Gebrabbel ein. Er hörte eindeutig die Stimmen von Dagobert Duck und Bud Spencer heraus. Bei der dritten Stimme war er sich nicht ganz sicher, ob es sich um Goofy oder vielleicht doch eher um den Weihnachtsmann handelte. Ein Lachen würde die Identität aber sicherlich noch offenbaren.
Nun setzte Tim zur Gegenwehr an: „Ich will aber gar nicht gefressen werden. Und wenn ihr nicht die Klappe haltet, dann-„
„Tim?“ erklang plötzlich eine leicht aufgeregte Stimme hinter der Badezimmertür. „Alles in Ordnung da drinnen?“
„Mama?“ fragte Tim nach.
„Ja, wer denn sonst?“ bekam er zur Antwort. „Mit wem redest du?“
„Mama, die Shampooflasche ist Popeye und hat gesagt, sie wär ein Kobold, der mich fressen will. Und die anderen Sachen hier im Band reden auch“, rief Tim durch die Tür.
„Tim, erzähl nicht schon wieder solchen Quatsch. Nichts im Bad ist ein Kobold, und es kann auch nichts davon reden. Und jetzt komm bald aus dem Wasser, sonst kriegst du wieder ganz schrumplige Haut“, sagte seine Mutter forsch, doch gutmütig.
„Oki doki, Mama“, rief Tim und war wieder beruhigt. Wenn Mama das sagte, musste es einfach stimmen. Mama wusste viel, wenn nicht sogar alles. Sie konnte schließlich auch alle Fragen beantworten. Na ja, fast alle. Weshalb Mama und Papa manchmal die Tür abschlossen und er nicht ins Zimmer kam, konnte sie ihm dann doch nicht zufriedenstellend beantworten.
Tim wartete kurz, bis seine Mutter zurück ins Wohnzimmer gegangen war und sagte triumphierend: „Ha, da seht ihr’s. Was sagt ihr nun, hä?“
Doch es kam keine Antwort mehr. Darauf verzogen sich Tims Mundwinkel zu einem leichten Grinsen, und sofort ließ Captain Nemo ganze Heerscharen von Plasmatorpedos auf den angreifenden Godzilla abfeuern.

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