Aus dem Delirium…

… melde ich mich zurück, mit einem kleinen Geschichtlein, um den Rosenmontag ausklingen zu lassen. Viel Spaß beim Lesen bzw. beim Ignorieren.

Das Ding aus dem Sumpf

Was ich Ihnen nun erzählen werde, mag auf die erste Betrachtung hin etwas obskur wirken, doch ich schwöre, genau so, und nicht anders, ist es geschehen. Dieser Abend, an dem mir der Schock meines jungen Lebens in die Glieder fuhr, liegt jetzt fast genau zwei Wochen zurück, und doch läuft mir noch immer ein leichter Schauer über den Rücken, wenn ich versuche, von meinem Erlebnis zu berichten oder auch nur, daran zu denken.

Am besten beginne ich einfach am Anfang. Macht bei genauerer Betrachtung ja auch am ehesten Sinn. Meine Freundin, mit der ich an jenem Abend erst ganze drei Tage zusammen war, und ich, wir kamen gerade aus dem Kino und wollten unsere Verabredung irgendwie romantisch ausklingen lassen, so wie man das am Anfang einer Beziehung eben macht. Nun, Sie müssen wissen, im Kino lief dieses Cinema-Classics-Programm, wie sie es dort nennen, und wir hatten… Tja, wie soll ich sagen? Also wir hatten uns „Das Ding aus dem Sumpf“ angesehen. Jetzt werden Sie sicher sagen, wie unromantisch das denn bitte sei und mich für einen hoffnungslosen Versager halten. Ist ja auch alles richtig, zumindest bis hier, also lassen Sie mich weiter erzählen, ja? Ich habe ja gesagt, ich beginne am besten einfach am Anfang. War vielleicht doch keine so gute Idee von mir.

Also, um allmählich zum Punkt zu kommen, nun, komme ich dann mal zum, ähm, eigentlichen Punkt. Sie müssen wissen, damit habe ich ab und an meine Probleme, zumindest sagt man mir das gelegentlich. Aber das muss nichts heißen, denn man unterstellt mir auch des Öfteren Emotionslosigkeit, was selbstverständlich ausgekochter Schwachsinn ist. Ich meine, ein Mädchen würde doch nicht mit jemandem ausgehen, der emotionslos ist, oder? Da sehen Sie’s. Doch ich merke schon, ich schweife ab. Also, jedenfalls sind wir zu dieser sogenannten „Lovers Lane“ gefahren. Sie wissen schon, das ist einer dieser Orte, zu denen die Pärchen mit den geliehenen Wagen ihrer Väter hinfahren, um, nun ja, also eigentlich, um es heimlich zu treiben. Aber bevor Sie mir hier solche Dinge unterstellen, will ich doch betonen, dass ich den Wagen von meinem Onkel geliehen hatte, nicht von meinem Vater. Und im Auto seines Onkels tut man sowas schließlich nicht, hab ich Recht? Na also! Nun, jedenfalls war dieses Auto ein BMW-Cabriolet. Tja, da staunen Sie, was? Aber es kommt noch besser: Wir wollten uns die Sterne anschauen, den Mond natürlich auch, über wichtige Dinge wie Politik und so reden und einfach der Stille der Nacht lauschen. Ha, von wegen unromantisch, was? Da hab ich Sie aber dran gekriegt.

Oh, ich merk schon, ich werde ganz euphorisch, dabei ist Euphorie doch eigentlich, betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte, gar nicht angebracht. Denn, jetzt halten Sie sich fest, wie wir gerade so bei geöffnetem Dach im Auto saßen, die Sitze nach hinten geklappt hatten, um den wunderschönen, wolkenlosen Nachthimmel betrachten zu können, da musste ER sich angeschlichen haben. Ich weiß genau, was Sie jetzt denken! Diese Lovers Lanes sind die idealen Orte, werden Sie sagen, um verrückten Messerstechern zu begegnen, die gerade vom Festmahl kommen und sich in den Büschen vor der Polizei verstecken, dabei vor lauter Langeweile vielleicht noch ein oder zwei Pärchen abmurksen. Aber ich muss ganz entschieden betonen, dass Sie gewaltig daneben liegen. Als wir den Kerl nämlich endlich hörten, weil er auf einen Ast oder sowas getreten war, da sprangen wir natürlich wie von der Tarantel gestochen hoch und stiegen schleunigst aus dem Auto. Man will ja schließlich nicht wehrlos herumsitzen, wenn… Nun ja, ich geb’s zu: Im ersten Moment dachte ich wirklich an einen verrückten Killer. Aber dieser Kerl, das sollte ich bald erkennen, war eben kein Mörder. Eigentlich war er nicht mal ein „Er“, sondern ein „Es“, ein richtiges Monster!

Jetzt werden Sie denken, dass ich nicht mehr alle Latten im Zaun habe, von wegen Monster und so, stimmt‘s? Aber ich sag Ihnen was: Ich dachte im allerersten Augenblick auch, hey, das muss ja ein Typ in einem Monsterkostüm sein, denn das Ding vor uns sah genauso aus, wie das Monster aus dem Kinofilm, wie dieses Ding aus dem Sumpf eben. Und da ging mir ganz schön die Muffe, kann ich Ihnen sagen. Aber dann erkannte ich recht schnell, dass dieses Ding hier zwar tatsächlich genauso grün war, wie das im Film, dass es allerdings drei Augen hatte, während das Vieh in dem Film nur zwei davon besessen hatte. Und außerdem war dieses Monster vor uns mindestens drei Meter groß, wenn nicht noch größer. Kein Typ in einem Kostüm ist drei Meter groß, oder? Zudem war das gar kein Ast, auf den dieses Ding getreten war, sondern irgendein Kerl, der nun regungslos auf dem Boden lag. Musste sich wohl gerade gebückt haben, um das Messer aufzuheben, das er noch in seiner Hand hielt, und war dann unter die Füße dieses Dings geraten. Arme Sau. Na, jedenfalls kann doch kein Typ in einem Kostüm einfach jemanden platt treten, oder? Da sehen Sie’s!

Das alles zu erkennen, kann eigentlich nur Sekunden gedauert haben, denn erst, als ich damit fertig war, begann meine Freundin, wie am Spieß zu schreien. Sie wissen schon, so wie das Frauen eben tun, wenn sie vor drei Meter großen Sumpfmonstern stehen. Doch Frauen sind mit dem Feststellen ja eigentlich recht schnell, von daher muss das alles wirklich sehr, sehr schnell gegangen sein, was jetzt natürlich nicht heißen soll, dass ich meine Auffassungsgabe hier schamlos über den Klee loben will. Doch, um zurück zu diesem Abend zu kommen, möchte ich sagen, dass der Schrei meiner Freundin das Ding ziemlich erschreckt haben musste, denn es machte plötzlich einen Satz nach vorn, hob meine Freundin hoch und steckte sie kopfüber in sein Maul. Er zerkaute sie nicht mal, warf sie einfach ein, als wär sie ein Aspirin, und schlang sie hinunter. Meine Freundin! Einfach heruntergeschluckt! Das muss man sich mal vorstellen. Das Ding legte danach noch nicht mal einen zufriedenen Gesichtsausdruck auf. Ein solches Ende wünscht man sich doch für niemanden, nicht mal für seinen ärgsten Feind. Vielleicht hätte sie einfach nicht schreien sollen, denn wenn ich die Sache noch mal genauer überdenke, könnte es natürlich auch sein, dass der Schrei für das Monster wie der Gong zum Mittagessen geklungen hatte. Aber ach, es bringt ja doch nichts, über Vergangenes zu spekulieren. Sie wissen schon, damit holt man sich nur die Büchse der Pandora ins Haus. Oder so ähnlich halt.

Und da stand ich nun, ganz allein, neben dem Cabrio meines Onkels, das ich nun ja eigentlich nicht mehr brauchte. Das Ding aus dem Sumpf, wenn es denn überhaupt von dort kam, stand noch immer vor mir und schaute mich ganz verwundert, ja irgendwie fragend, an. Und weil es eben einen so fragend wirkenden Blick hatte, fiel mir spontan nichts anderes ein, als zu fragen, ob es denn eine Zigarette wolle und ihm die angebrochene Schachtel Luckys hinzuhalten. Das Ding griff tatsächlich zu, betrachtete die Schachtel neugierig von allen Seiten, riss dann sofort die Enden oben und unten ab und schob sich die ganze Packung mit den restlichen Zigaretten ins Maul. Etwas unverschämt, wenn Sie mich fragen. Aber ich dachte mir, gut, wenn es eben die ganze Schachtel auf einmal rauchen will, soll’s mir auch Recht sein, und so gab ich Ihm Feuer. Tja, und da standen wir also unter dem besternten Himmel, direkt neben dem Cabrio meines Onkels und rauchten ganz friedlich zusammen eine.

Nachdem sich das Ding auf seine ihm eigene, wortlose Art verabschiedet hatte, machte ich mich schließlich auf den Heimweg. Während ich so dahinfuhr, war ich natürlich zuerst etwas geknickt, weil das Ding mir alle Zigaretten weggeraucht hatte, und natürlich auch, weil es meine Freundin einfach so mal eben, ohne zu kauen, heruntergewürgt hatte. Dann fiel mir plötzlich ohne ersichtlichen Grund ein, dass meine Eltern für jenen Abend ein Grillfest geplant hatten. Wenn ich mich beeilte, dachte ich sogleich, würde ich ankommen, bevor sich mein verfressener Vater im Rahmen eines nächtlichen Happens über die Reste hergemacht hätte. Und so war’s dann auch, was den Abend gleich in einem deutlich positiveren Licht erscheinen ließ. Dennoch, das sage ich Ihnen nochmals, saß der Schreck dieses abendlichen Erlebnisses tief und tut es auch jetzt noch.

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