Big Business

Klack, klack, klack, sangen die Sohlen des heute unglaublich selbstbewusst auftretenden Dirk Schirach-Erker im Dreivierteltakt, als er die marmornen Treppenstufen erklomm, immer in Richtung des Chefbüros seines derzeit wichtigsten Kunden. Das heißt, nahm man es genau, handelte es sich um den wichtigsten Kunden seines Chefs, aber im Angesicht seines wirklich unmessbar großen Selbstbewusstseins erschien Dirk diese Tatsache so verschwindend gering, dass er sich doch lieber gleich selbst als großer Boss fühlte. Es ging hier schließlich um den ganz dicken Zaster,und dieser Sachverhalt allein ließ keine andere Herangehensweise zu.

Man würde mitnichten versuchen, es Dirk in den Verhandlungen besonders einfach zu machen. Doch das kam ihm eben gerade recht. Dirk fühlte sich voll und ganz als Kämpfer. Kein Wadenbeißer, ein Bluthund. Ein Mann wie ’ne Fahnenstange. Ein ganzer Kerl. Zumindest sah er sich selbst so, vor allem heute. Ja, heute strahlte Dirks Selbstbewusstsein gefühlt heller als so einige Sonnen in den Weiten des Universums. (Anm.: Das war, was Dirk nicht wissen konnte, insofern sogar richtig – wenngleich auch fatal – als dass der universale Energieerhaltungssatz (kurz: ein Pott Energie für alle), von dem bis dato niemand gehört hatte, dafür sorgte, dass ein solch gigantisches Selbstbewusstsein diversen, weit entfernten Sonnen tatsächlich derart viel Energie abzapfte, dass Fantastilliarden zivilisierter Lebensformen in plötzlich hereinbrechenden Temperaturstürzen ihre Existenz aushauchten. Doch dies ist eine andere, traurige Geschichte voller Entbehrungen, die hier aus absichtlich nicht erläuterten Priorisierungsgründen leider zurücktreten muss.)

Oben angekommen, sah Dirk sich einem langen, geraden Gang gegenüber, an dessen Ende diese eine, große Tür wartete, auf die er all die Jahre hingearbeitet hatte, für die er seinem Boss so oft die stinkenden Lackschuhe geküsst hatte. Dirk hatte diese Chance in jedem Fall gewollt, wollte sich nun profilieren, wollte einmal den großen Max raushängen lassen, wollte die Infusionsnadel am Tropf der Firma sein. Und schließlich hatte sein Chef, dem bereits seit geraumer Zeit die Ohren geblutet hatten, kapituliert und Dirk die leitende Verantwortung für das heikle aber prestigeträchtige Projekt übertragen.

„Ganz große Sache“, hatte Dirk noch am Morgen seiner Frau erklärt, als er zu begründen versucht hatte, weshalb er seit geschlagenen fünf Stunden vor dem Spiegel herumgetanzt war wie eine Primaballerina auf Koks. Und dieser Aufwand, so hatte er schließlich befunden, hatte sich allemal gelohnt: Der unfassbar teure Anzug schimmerte, wann immer sich die Gelegenheit bot, im vorherrschenden Tageslicht, als wollte er sagen: „Hey, hier bin ich, und ich bestehe aus Unmengen von Diamantstaub, den tausend Kinderhände tausend Jahre lang reiben mussten, bis die Finger abfielen.“

Natürlich konnte ein solches Unikat nur von unglaublich teuren Krokodillederschuhen ergänzt werden, deren Material jeweils zehn Exemplaren einer vom Aussterben bedrohten Krokodilart entstammte. Zwar hätte es für das Paar Schuhe locker auch ein Krokodil getan, aber die exzessive Verschwendung der Echsenviecher, so hatte der Händler versichert, würde dafür sorgen, dass die Schuhe ihren exklusiven Seltenheitswert bewahrten. Das hatte für Dirk so logisch wie vielversprechend geklungen, und so hatte er, vor Zufriedenheit hörbar schnurrend, zugeschlagen.

Bei einem wirklich so unglaublich teuren Outfit waren natürlich keine Weihnachtsgeschenke mehr für Frau und Tochter drin gewesen (Geburtstage und Hochzeitstag waren auch allenfalls im Hause Schmalhans gefeiert worden), doch, so hatte Dirk sich selbst zu beschwichtigen gewusst, was waren schon die paar Tränen der Enttäuschung im Gegensatz zu all der materiell fußenden Freude, die eine baldige Gehaltserhöhung mit sich bringen würde, wenn Dirk erst mal einen der komfortablen Bürostühle mit automatischer Höhenverstellung in der Chefetage wärmen dürfte? Dirk verdrängte den Gedanken an den fast greifbaren Geldsegen vorerst und ging in Gedanken vorsichtshalber noch einmal seinen akribisch ausgearbeiteten Plan durch.

Keine zwanzig Meter trennten Dirk von der finalen Tür, und so stand er schweigend im Gang, zerschnitt unbewusst mit prüfenden Blicken die Luft, als wäre sie weich gewordene Butter, und grübelte nach, während sein Anzug schimmerte, was der Stoff hergab. Eine von Ehrfurcht erfüllte Ruhe umgab ihn dabei. Ein Mann und sein Koffer im wilden Westen des Big Business. Die Ruhe hätte in diesem Moment gern ein passendes Lied angestimmt, wollte ihrem Namen aber doch alle Ehre machen.

Schnell stellte Dirk fest, dass er, wie eigentlich zu erwarten gewesen war, alle Details des Plans im Kopf hatte. Alles, aber auch wirklich alles, war wasserdicht und bis ins kleinste Detail durchdacht. Musste es auch sein, denn sein Chef hatte ihm gesagt, dass dieser besonders wichtige Kunde leider auch besonders schwierig war und man ihm, so hatte er es ausgedrückt, doch besonders gut zureden musste. Kommunikative Kompetenz und ein gut bemessenes Entgegenkommen waren angesagt, ein wenig Schleim und ab und an eine bewundernde Verneigung (immer im Wechsel) – alles Talente, die Dirk besonders ausgezeichnet lagen, wie er selbst fand.

Sich seines Sieges völlig sicher, setzte Dirk seinen Weg in Richtung Tür fort und schenkte sich selbst, wie auf Kommando komm raus, sein schönstes Lächeln. Beim Strahlen seiner unbeschreiblich weißen Zähne (passend zu den unbeschreiblich anmutenden Attributen seines Anzugs und der Schuhe) erschrak die Luft und hellte sich augenblicklich auf. Zugegeben, das Zahnwerk war alles andere als echt, aber in Anbetracht des wirklich weißen Weiß war das durchaus eine tolle Sache. (Anm.: Gott hatte gerade eigentlich ein Pferd modellieren wollen, als er noch mal nachgezählt und festgestellt hatte, dass laut Fünfjahresplan bereits genügend Pferde vorhanden gewesen waren. So hatte er versucht, zu retten, was zu retten war und aus dem angefangenen Gaul eben Dirk gebastelt. Dieser hatte das penetrante Pferdegebiss bereits vor Jahren in der weisen Voraussicht ersetzen lassen, dass keine Firma der Welt gern Fury im Vorstand haben würde.)

Einige vornehm und gleichmäßig klackende, krokodillederne Schritte später war es schließlich so weit: Nur noch Zentimeter des trist gestalteten Ganges trennten Dirk von der Tür zum Chefbüro. „Rohrschlach – Unternehmensführung“, stand in dicken, goldenen Lettern an der Tür. Dirk atmete noch einmal ziemlich sportlich anmutend durch, fuhr sich mit der Hand durch sein schwarz nachgefärbtes Haupthaar, dessen Locken er am Morgen, so geduldig wie gnadenlos, mit geschätzten zwei Kilogramm Pomade zu Tode gegelt hatte, und klopfte schließlich ehrfürchtig und zugleich nachdrücklich an die massive Holztür. Völlige Stille. Dirks Anzug und die Goldlettern an der Tür glitzerten derweil um die Wette. Dann rief plötzlich eine matt und auf ihre Art geheimnisvoll klingende Stimme auf der anderen Seite der Tür: „Ja, bitte. Kommen Sie doch herein!“

Dirk öffnete die Tür, trat einen Schritt vor und setzte kämpferisch zum Gespräch an: „Guten Tag Herr Rohrschlach. Mein Name ist Schirach-Erker. Wir haben gestern Morgen telefoniert. Ich möchte…“ Das antrainierte Siegerlächeln fiel Dirk augenblicklich aus dem Gesicht, als wäre es nur eine Briefmarke, die man zu sparsam bespuckt hatte, und schon war all das zurecht gezimmerte Auftreten dahin. Er verzog das Gesicht dermaßen, dass er, trotz seiner Premiumzähne, einem Pferd nicht unähnlich war. Selbst sein Anzug beschloss, angesichts dessen, was sich ihm darbot, das Schimmern vorsichtshalber einzustellen: Das Zimmer war von einem gigantischen, fortdauernd pulsierenden Anus ausgefüllt, der in feierlich gestalteten Mustern von zentimeterdicken Haaren umrahmt wurde. „Ich erinnere mich, Herr Schirach-Erker“, sprach der Anus leise und bedächtig. „Treten Sie doch ein. Wie ich sehe, sind Sie gut gegelt. Sehr schön, wirklich sehr schön.“ Die dicken Haare erzitterten vor Entzücken. „Möchten Sie zuerst einen Kaffee, oder sollen wir gleich beginnen?“

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