Der Geschmack der Rache – Teil 2

Aufgrund des heute vorherrschenden mangelnden Interesses, was das Geschehen auf der Weltbühne angeht (mal abgesehen vom Herrn Mehdungdorn, dessen Sturz ich schon sehr toll finde), machen wir weiter im Programm: Heute mit dem etwas längeren zweiten Teil meines Geschichtleins.

Was bisher geschah:
I. Die Waffe – Erstes Zwischenspiel

II. Der Anruf

Ich hatte Kaffee über den angefangenen Brief verschüttet und musste nun noch mal von vorn beginnen. Ich hätte mich wahrscheinlich ziemlich über diese Dummheit aufgeregt, hätte meine Faust aus reiner Wut einmal mehr an der Wand malträtiert, wäre der Brief nicht an Leila gewesen. Mehrarbeit machte mir wenig aus, solange sie meine Tochter betraf.

Samantha hatte sich viel Mühe gegeben, Leila und mich zu entzweien, doch meine Kleine war immerhin bereits sechzehn, hatte ihren eigenen Kopf. Einen Sturkopf. Ihre äußere Erscheinung mochte sie voll und ganz von der Mutter haben, was den Charakter betraf, kam sie jedoch nach ihrem alten Herrn.

Sam regte sich gern darüber auf, wenn ich Leila zu oft traf, aber das Schreiben konnte sie mir schließlich nicht verbieten, wenngleich ihr auch das missfiel. Leila und ich schrieben uns Briefe, keine E-Mails, einfach der Persönlichkeit wegen. Außerdem liebte ich den Duft den das Papier versprühte, auf dem sie mir antwortete. Erinnerte mich an die gute alte Zeit mit der Familie. Als ich noch mit beiden Beinen im Leben stand, statt vergeblich Halt auf dem Treibeis der eigenen Existenz zu suchen. Und auch, wenn ich mir vielleicht nur einbildete, dass Papier so duften konnte, machten Leilas Briefe mich für eine gewisse Zeit glücklich. Ich hatte das Gefühl, als würde ich ihr zuhören, als könnte ich ihr der Vater sein, der ich gern sein würde. Der ich einmal war.

Nicht nur das Lesen ihrer Briefe, auch das Schreiben selbst verfehlte seine Wirkung für gewöhnlich nicht. Es beruhigte mich ungemein. Die Briefe waren meine Droge. Wenn ich Leila Tipps gab, wie sie den Kerl los wurde, der in der Stadt im Starbucks arbeitete und nun schon seit Wochen hinter ihr her war, wenn ich sie an alte Ausflüge erinnerte, die wir gemeinsam unternommen hatten, als die Tage für uns noch hell leuchteten, wenn ich schmalzige Textzeilen aus Songs niederschrieb, die wir beide gern mochten oder ihr einfach nur ein paar erstklassige, neue Bücher empfahl, dann gab mir das sehr viel Halt, gab mir die innere Ruhe, die Samantha mir geraubt hatte, als sie mit Chuck durchgebrannt war.

Chuck, der Wurstfachverkäufer. Der Mann an der Theke. Chuck, der nichts konnte, als Brotbeläge zu unterscheiden und allein deswegen glaubte, die Welt verstanden zu haben. Chuck, den Sam beim Einkaufen kennengelernt und dann regelmäßig getroffen hatte. Zuerst nur in Cafés und Restaurants, später wahrscheinlich häufig auch im Bett.

Vor knapp einem Jahr hatte der große Sturm begonnen. Ich war aufgewacht, weil ich mich seltsam unbehaglich gefühlt hatte, irgendwie beobachtet. Sam hatte dicht neben mir gelegen, mich mit ernsten und gläsernen Augen angestarrt. Ein Bild, dass sich mir ins Gedächtnis brennen sollte. Ich sah sie noch oft morgens auf diese Art neben mir liegen und erschrak, bevor der Halbtraum verpuffte, um die tatsächliche Leere im Bett in meine allmählich zunehmende Wahrnehmung fluten zu lassen.

Nach ihrem Geständnis war alles alles verdammt schnell gegangen. Samantha war wie ein Tornado durch alles gebraust, was wir uns gemeinsam aufgebaut hatten, und sie hatte nichts als Trümmer hinterlassen. Rückwirkend betrachtet, scheint es mir so, als hätte sie lediglich einige Minuten benötigt, um sich anschließend mit mir zu streiten, ihre Koffer zu packen, vorerst in eine eigene Wohnung zu ziehen und die Scheidung einzureichen. Siebzehn Jahre Ehe, geopfert für den Wurstmann, dessen Bude noch nicht einmal groß genug für Sam und sich war. Leila hatte sie gegen ihren Willen mitgenommen. Sam wollte es so. Das Gericht wollte es. Was ich wollte, interessierte niemanden.

Über diese Geschichte nachzudenken, machte mich ziemlich mürbe, zog mich aus dem Bewusstsein in eine tiefe Schwärze hinab, in der ich vor lauter Verzweiflung und innerem Hass nichts sehen und hören konnte. Es war Hass auf Chuck, Hass auf Samantha. Es war Hass auf die Ungerechtigkeit, die mir widerfahren war.

Dort, tief unten, musste die Gefahr gelauert haben, die zu allem geführt hatte, was anschließend kommen sollte. Hätte ich geahnt, welche Schatten unter dem Mantel der Verdrängung bereits in mir herangewachsen waren, hätte ich dann alles verhindern können? Hätte ich es gewollt?

Ich hörte das Telefon erst, als es bereits wieder verstummt war. Der Anrufbeantworter war angesprungen, während ich gerade über dem soeben fertiggestellten Brief hockte und meinen Gedanken nachhing. Es war Chuck.

„Ähm, hey. Ich bin‘s, Chuck“, plärrte er durch das Telefon, und seine penetrante Proletenstimme verlieh der Tatsache, dass er‘s wirklich war, Nachdruck. „Bist du gar nicht zu Hause? Oder willst du einfach nicht abheben? Nun, krieg das jetzt bitte nicht in den falschen Hals, okay? Sam hat einen deiner Briefe gelesen. Also, ich wollte dir nur sagen, dass sie ziemlich wütend ist. Sie sagt, du hättest vor, Leila gegen uns aufhetzen.“

Chuck machte eine Pause, als würde er meinen, dass ich eine bräuchte, während ich den Kugelschreiber in meiner Hand mit dem Daumen entzwei brach. Dann sprach er weiter: „Wir beide wissen, dass Sam manchmal ein wenig empfindlich ist. Aber dennoch… Nun, ich glaube ihr. Ich wollte dir nur sagen, dass wir zu dem Schluss gekommen sind, dass du besser aufhören solltest, Leila Briefe zu schreiben. Tu‘s zumindest nicht mehr so oft, okay? Und versuche nicht noch mal, sie auf deine Seite zu ziehen, verstanden? Das war‘s schon. Mach‘s gut.“

Ich saß am Tisch, atmete in heftigen Stößen, während meine zu Fäusten geballten Hände zitterten. Die Fingerknöchel traten bereits weiß hervor und doch verspürte ich den Drang, noch kräftiger zudrücken zu müssen. Ich wollte Schmerzen spüren. Schmerzen, die mich beruhigen würden. Doch kam die Ruhe nicht. Vor mir lagen der Brief an Leila und der zerbrochene Kugelschreiber. Rote Funken sprühten in meinen Augen, ließen die viel zu große Wohnung um mich herum in surrealen Farben erscheinen.

Ich sprang auf, schrie laut in die Leere hinein und schlug mit der geschlossenen Faust, so fest ich nur konnte, auf den Tisch. Die dünne Sperrholzplatte krachte, und der Tisch ging, wie zuvor schon der Kugelschreiber, entzwei. Da stand ich nun, vor den versinnbildlichten Trümmern eines halben Lebens, noch immer voller Zorn.

In der Mitte des zersplitterten Tisches lag, wie das friedliche Auge eines Sturms, der Brief, den ich an Leila geschrieben hatte. Ich hob ihn auf, faltete ihn sorgsam zusammen und schob ihn, mit noch immer zitternden Händen, ungeschickt in den Umschlag, den ich bereitgelegt hatte.

Ich würde gar nicht einsehen, die Briefe auch noch einzustellen. Reichte es nicht, dass Sam mir bereits fast alles genommen hatte? Musste sie nun wiederkommen, um sich wie ein Aasgeier auch noch die letzten Reste von der Tafel meines bestohlenen Lebens zu krallen?

Natürlich hatte ich in meinen Briefen ab und an auch Dinge über Chuck und Sam geschrieben. Leila hatte mich von selbst nach solcherlei Angelegenheiten gefragt, verdammt. Ich gehörte nie zu der Sorte von Menschen, die anderen Leuten, schon gar nicht ihren eigenen Kindern, bei jeder Gelegenheit ihr Leid klagen, nur weil sie das Gefühl haben, so ihre Bestätigung zu bekommen. Ich gehörte aber auch niemals zu der Sorte, die bittere Themen totschweigen, weil sie glauben, auf diese Art besser vergessen und vergeben zu können.

Ich beschloss, Leila später von der Schule abzuholen und ihr den Brief persönlich zu übergeben. Auch wenn Sam sich wieder aufregen würde, weil ich das nicht angekündigt, beziehungsweise, sie um Erlaubnis gebeten hatte, so würde doch allein der Anblick meiner Tochter wie Balsam auf meine schreiende Wut wirken. Und das war‘s allemal wert. Ich würde mich abregen, würde sicher ein wenig Freude verspüren und heute Abend vielleicht sogar beruhigt schlafen können.

Aber noch zuvor würde ich Chuck einen kleinen Besuch abstatten. Leila könnte ich anschließend über das Handy erreichen, dachte ich. Derweil würde ich ein paar Takte mit dem Wurstmann reden müssen und dabei sicherlich nicht auf eine kultivierte Wortwahl achten. Ich würde ihm sagen, was ich von einem kleinen Scheißer wie ihm hielt, der zu nichts anderem in der Lage war, als echten Männern die Ehefrau auszuspannen. Wenn ich mit ihm fertig war, würde er mich ganz bestimmt nicht wieder anrufen wollen. Dessen wollte ich mir sicher sein.

Dass diese Entscheidung der größte Fehler meines Lebens werden würde, konnte ich in jenem Augenblick nicht erahnen. Jedoch wusste ich auch nicht, dass ich gerade bereits von der verderblichen Schwärze gekostet hatte, die in den Tiefen meiner Seele wie ein großer, giftiger See vor sich hin brodelte. Deshalb kann ich nun mit Gewissheit sagen, dass der Lauf der Dinge in dem Augenblick unabwendbar wurde, als ich ins Auto stieg und den Motor anließ.

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