Der Geschmack der Rache – Teil 3

Willkommen zu einer neuen Lektion in der Reihe „Wie vergraule ich meine Stammleserschaft?“. Heute machen wir weiter mit Teil 3 meiner Geschichte. Sollte sich jemand bisher gelangweilt haben: Jetzt gibt’s ein bisschen Action…

Was bisher geschah:
I. Die Waffe – Erstes Zwischenspiel
II. Der Anruf

III. Chuck

Als ich das enge, düstere Treppenhaus hinaufstieg, hatte ich den Eindruck, als wäre die größte Woge der Wut, die mich zuvor überrollt hatte, bereits wieder abgeflaut. Das kam mir gerade jetzt sehr recht, denn ein klarer Kopf war schließlich die Voraussetzung, wollte ich mit Chuck auf die Art und Weise reden, die ihn einschüchtern und mir Genugtuung verschaffen würde.

Viertes Stockwerk. Sein Name stand in unleserlichen Buchstaben auf dem verschmutzten Klingelschild. Ich drückte auf den quietschenden Klingelknopf, und ein unheimlich schriller Ton erklang. Passt perfekt zu Chucks Stimme, dachte ich und mir schien, als hätte ich fast schon wieder ein wenig gute Laune.

Ich hörte, wie eine Tür zugeschlagen wurde. Hatte ich den armen Chuck beim Onanieren gestört? Beim Studieren von Wurstkunde? Oder war Sam gar bei ihm? Dann würde ich gegen das dynamische Duo antreten müssen. Ein schwerer Stand, doch so sei es, dachte ich. Ich würde halt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Vorsichtig wurde die Tür einen Spalt weit geöffnet. Chucks Glotzauge schob sich vor. Erkannte mich. Chuck öffnete die Tür und sah mich ungläubig an. Dann schien ihm klar zu werden, weshalb ich gekommen war, und ich konnte an seiner Visage sehr deutlich ablesen, dass er gerade die Augen verdrehen wollte, es dann aber doch für keine allzu gute Idee zu halten schien. Besser so. Die ersten roten Fünkchen sprühten wieder vor meinen Augen.

„Oh, du hast den Anrufbeantworter abgehört, was?“ sagte er in sehr herablassendem Tonfall. „Also pass auf, ich hab keine Lust, mit dir darüber zu diskutieren. Nicht, wenn Sam nicht dabei ist.“

Sam – er nannte sie so, wie ich sie einst liebevoll genannt hatte. Besonders, wenn wir unter uns gewesen waren, im Bett. Ich hasste es, wenn seine eklige Stimme den Namen aussprach. Es klang fast wie eine Beleidigung. Perlen vor die Säue, dachte ich.

„Du solltest lieber wieder gehen“, sagte Chuck und war doch tatsächlich gerade im Begriff, mir die Tür vor der Nase zuzuknallen. Aber so leicht wollte ich ihn nicht davonkommen lassen.

„Nicht so schnell, Freundchen“, sagte ich und schob rasch einen Fuß in den Türspalt. Durch die Öffnung sah ich, wie Chuck seine hässlichen Schweinsaugen aufriss. Er fühlte sich offensichtlich provoziert, wollte sich mit seinen feigen Mitteln zur Wehr setzen. Gleich würde sein Geplärr wieder beginnen.

„Das- das ist Hausfriedensbruch“, plärrte er. „Wenn ich Sam erzähle, dass du mich bedrohst, kannst du dich auf was gefasst machen. Dann wirst du Leila überhaupt nicht mehr sehen. Du wirst-„

Ich hörte schon gar nicht mehr, was er von sich gab. Leila war das Stichwort gewesen. Chuck der Wurstfachverkäufer hatte es geschafft, das Glimmen in meinem Gemüt wieder auflodern zu lassen. Schlimmer noch: Er hatte einen verheerenden Buschbrand entfacht. Nachdem er Leila auf seine schmutzige Art ins Spiel gebracht hatte, spürte ich deutlich, wie tief in meinem Inneren ein gigantisches Pulverfass explodierte, hörte das gefühlte Geräusch, als wenn dicke Stränge der Vernunft rissen.

Würde man mich nun danach fragen, könnte ich sehr genau erklären, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich und vollkommen unerwartet den Verstand verliert. Denn genau dies war geschehen. Chuck hatte jegliche Rationalität meines Denkens in einen vollkommen unpassenden Urlaub geschickt und sollte nun die Rechnung kassieren.

Ich holte weit aus und schlug mit der flachen Hand die Tür auf. Dabei konnte ich sehen, wie die Türkante mit voller Wucht gegen Chucks Gesicht schlug. Eine Blutfontäne schoss aus seiner Nase, während er einen erstickten Schrei von sich gab und rückwärts taumelte.

„Das wirst du bereuen“, brabbelte er in nasalem Ton und ließ den Arm ziemlich benommen vorfahren, um mir einen Haken zu verpassen. Ich versuchte auszuweichen, wurde jedoch trotzdem am Unterkiefer getroffen. Stechende Schmerzen ergossen sich, flossen durch jeden Nerv meines Körpers, um sich schließlich geballt in meiner linken Gesichtshälfte zu sammeln. Das Schwein hatte es offensichtlich geschafft, mir den Kiefer zu brechen.

Statt mich zur Vernunft zu bringen, mir vielleicht eine Abkühlung zu verpassen, stachelten mich die Schmerzen nur weiter an. So holte ich wiederum aus und bohrte meine Faust mit aller Kraft in Chucks Gesicht. Noch immer vom Schlag der Türkante benommen, unternahm er nicht einmal den Versuch, sich zu wehren. Ich spürte, wie seine Zähne unter der Wucht des Aufpralls brachen. Ein Schwall Blut sickerte aus seinem Mund, als hätte er sich gerade dazu entschlossen, seine Eingeweide auszukotzen.

Chuck wankte von links nach rechts, hob dann langsam den Kopf, sah mich wütend an. Plötzlich hatte er sich entschlossen, zurückzuschlagen. Ihm in seinem jetzigen Zustand auszuweichen, war nun jedoch alles andere als schwer, und so verprügelte er nur noch die Luft. Und so unfassbar es auch wirkte, er faselte noch immer vor sich hin, und die Worte Sam, Leila und Gericht waren seinem zerschlagenen Mund deutlich zu entnehmen.

Warum hielt er nicht einfach das Maul? Ich würde es ihm scheinbar endgültig stopfen müssen, damit er die verdammte Fresse geschlossen ließ. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich solchen Hass auf einen Menschen verspürt. Ich packte Chuck an den Haaren, nahm alle Kraft zusammen, die ich aufbringen konnte, und schlug seinen Kopf mit dem Gesicht voraus gegen die Wand. Er hinterließ einen großen, roten Fleck aus Blut und Sabber und sackte sofort zusammen, ganz so, als besäße sein Körper plötzlich keine Knochen mehr.

Trotz des urgewaltigen Wutrausches, der mich in diesem Augenblick völlig wirr machte, habe ich noch ein Bild dieser Situation vor mir. Und ich bin überzeugt davon, dass mir meine Wahrnehmung in diesem Moment einen grotesken Streich spielte. Doch in jenem Augenblick sah ich, was ich nun mal sah: Chuck drehte sich mühsam auf den Rücken, blickte mit seinen zugeschwollenen, und doch noch immer ekelhaft glotzenden, Augen zu mir hoch. Selbst jetzt konnte ich in dem Blick, den er mir zuwarf, die arrogante, spottende Verachtung entdecken, die er mir seit jeher entgegenzubringen pflegte. Ein Blick, mit dem er mir stets gesagt hatte, dass ich alter Kerl es einfach nicht brachte und dass er es Samantha schon kräftig besorgen würde. Nun jedoch schien dieser Blick zu sagen, dass er mir Leila jetzt endgültig wegnehmen würde, dass er ihr ein besserer Vater sein würde, als ich es jemals war. Mochte dies auch eine Sinnestäuschung gewesen sein, so war es doch eine sehr mächtige, die ausschlaggebend für alles war, was ich anschließend tat.

Zähnefletschend krampfte ich zusammen, hob langsam das Bein und schmetterte meinen Fuß in Chucks Gesicht. Ich vernahm ein knirschendes Geräusch und sah weitere Stücke von Chucks Zähnen über den Fußboden fliegen. Chuck rührte sich kaum noch, und in jenem Augenblick war klar, dass ich ihn nicht am Leben lassen würde. Es gab keinen Beweggrund, kein Motiv dafür, ihn nun tatsächlich umzubringen. Es war einfach nur purer Hass, der mich antrieb. Nicht mehr. Dieses Arschloch hatte es geschafft, sämtliche Emotionen in mir auf die niedrigste Ebene zu reduzieren. Ich wollte Chuck vernichten. Musste ihn vernichten.

Also schleifte ich Chuck, der in seinem fast regungslosen Zustand nur noch unverständliche Laute von sich gab, durch den Flur, als wäre er nichts weiter, als ein zu schwer geratener Müllsack. Ich öffnete eine Tür und stand plötzlich in seiner Küche. An einer Pinnwand gegenüber der Tür hing ein großes Foto, auf dem Chuck zusammen mit Sam in die Kamera lächelte. Ein typisches Jahrmarktsfoto: Beide waren eingepackt in dicke Jacken. Vor sich hielten sie eine große Portion Zuckerwatte. Glückliche Blicke. Die Nasen von der Kälte gerötet.

Es war dieses Foto, das dazu führte, dass mir Samantha überhaupt erst wieder in den Sinn kam. Zuvor war ich so sehr auf Chuck fixiert gewesen, dass mein ganzer Hass nur ihm gegolten hatte. All meine Gedanken waren nur auf ihn gerichtet gewesen, darauf, es diesem Ekelpaket heimzuzahlen. Doch jetzt stand fest, dass auch Samantha ihr Schicksal besiegelt hatte. Ich würde sie beide zerstören. Würde sie aus meinem Leben tilgen. Sie hatten ihren verhöhnenden Tanz lange genug auf den Scherben meines Daseins aufgeführt.

Zuvor allerdings musste ich mich noch um Chuck kümmern. In aller Eile hatte ich beschlossen, ihn aus dem Küchenfenster zu werfen, hoch genug war es schließlich. Doch dann begann er, wieder lauter zu stöhnen, zu ächzen und den Kopf von einer Seite zur anderen zu werfen. Er kam langsam zu sich, was ich nicht zulassen wollte. Nicht zulassen konnte. Ich wollte seine Stimme nicht länger hören, wollte ihn nicht mehr ertragen müssen, nicht heute und nicht morgen. Nie wieder. Meine Blicke wanderten hektisch durch den Raum, suchten nach einer Lösung.

Die Lösung schließlich sollte ich finden. So beigefarben wie unauffällig, stand sie auf der Arbeitsplatte, diese recht altertümlich aussehende Brotschneidemaschine. Nun wanderten meine Blicke abwechselnd zu Chuck und zurück zu der Maschine. Dann ließ ich Chucks Bein, das ich noch immer festhielt, fallen. Wie ein Stein fiel es zu Boden. Chuck begann, sich mehr und mehr zu winden. Es schien, als würde er nun deutlich schneller wieder zurück ins Bewusstsein finden. Jetzt musste alles sehr schnell gehen.

Ich brach die Sicherheitsabdeckung aus Kunststoff von der Brotschneidemaschine ab, so dass das Sägeblatt frei lag und drückte auf den Netzschalter. Nichts. Der Stecker war nicht in der Dose. Das war schnell behoben, und schon begann die Brotschneidemaschine, sich laut surrend in Bewegung zu setzen.

Vielleicht ahnte Chuck, was ihm blühte, jedenfalls versuchte er tatsächlich, mit letzten Kräften auf die Beine zu kommen. Ich half nach, zog ihn an den Haaren hoch und schlug seinen Kopf kräftig auf die Arbeitsplatte. Wieder spritzte Blut durch den Raum. Er verdrehte benommen die Augen, wollte sofort wieder in sich zusammensacken, doch das ließ ich nicht zu.

Ich hielt ihn oben, schob ihn auf die Arbeitsplatte und drückte sein Gesicht langsam in das Sägeblatt der Brotschneidemaschine. Kräftiger Motor, keine Sicherheitsblockierung. Tatsächlich eine alte Maschine, dachte ich. Chucks Körper zappelte, als stünde er unter Strom. Er schrie. Ich sah zu. Ja, ich genoss es irgendwie. Sah, wie sich das Sägeblatt gierig in sein Gesicht hineinfraß, wie es genüsslich ratternd sein zuvor doch so jugendlich wirkendes Antlitz zerstörte. Und noch immer schwelte der pure Hass in mir. Nun gab es endgültig kein Zurück mehr. Ich drückte fester. Adrenalin sprudelte durch meinen Körper, spendete mir Freunde. Schenkte Genugtuung. Es war nur gerecht.

Die Schreie waren bereits verstummt, als Chucks letzte Zuckungen endlich abebbten. Sein Oberkörper lag nun regungslos auf der Arbeitsplatte, umgeben von einer großen Lache seines eigenen Blutes. Die Küche sah aus wie ein Schlachthaus. Die Wand war rot gesprenkelt, ich ebenso. Chucks Gesicht – nur noch ein Haufen Matsch. Chuck der Wurstverkäufer war tot. Chuck der Fleischsalat, dachte ich. Sollte er sich doch selbst verkaufen. Eins fünfzig für hundert Gramm. Ich lachte laut.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort in der Küche stand, doch mehr als ein paar Minuten dürften nicht ins Land gezogen sein. Ich sah auf mein Werk hinab, und nun, da der Blutrausch spürbar von mir abließ, war es mir egal, welch widerwärtiges Bild sich mir darbot. Ich sah auf mich selbst hinab, und meine blutbefleckte Kleidung war mir ganz und gar nicht nicht egal. Das Badezimmer musste ich in dieser kleinen Bruchbude nicht lange suchen. Ich wusch hastig meine Hände und mein Gesicht. Mit all den Blutspuren würde ich draußen sicher nicht weit kommen, dachte ich.

Anschließend durchsuchte ich Chucks Wohnung nach frischen Klamotten, die ich mir überwerfen konnte. Ich fand einen schwarzen, langen Mantel. War mir gut genug. Zwar war es draußen nicht gerade kalt, doch unpassende Kleidung würde sicher weniger auffallen, als mit Blut beschmutzte.

Nachdem auch das erledigt war, wollte ich gerade hektisch aus der Wohnung stürmen, als mir der Schlüsselkasten neben der Haustür auffiel. Ich probierte einige Schlüssel an der Tür aus und fand schließlich den passenden. Dabei entdeckte ich auch einen einzelnen Schlüssel, an dem ein Namensschild befestigt war. Samantha, stand in geschwungenen Lettern darauf. Wie passend, dachte ich und steckte den Schlüssel ein.

Nachdem ich die Wohnungstür hinter mir zugeschlagen hatte, schob ich den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn zweimal herum und sorgte anschließend mit einigem Nachdruck dafür, dass er abbrach. Den Rest des abgebrochenen Schlüssels ließ ich in meiner Hosentasche verschwinden und rannte anschließend die Treppenstufen hinab.

Bis zu Samanthas Wohnung waren es keine drei Meilen. Ich würde zu Fuß gehen, dabei die Nebenstraßen nehmen. Sie sollte mich nicht schon von der Hauptstraße aus kommen sehen.

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