Seltsam, der Mensch

Menschen sind schon eine seltsame Spezies, was wahrscheinlich an ihren, für ihre Körpergröße, viel zu groß proportionierten Gehirnen liegen mag. Zumindest wird das wohl vom Standpunkt eines handelsüblichen Tieres so wirken, das zumeist ein weitaus kleineres Hirn aufweist. Aber auch der Mensch selbst scheint diesem Sachverhalt in seinem Unterbewusstsein nickend zuzustimmen, hätte er doch sonst den filmtechnisch allseits beliebten Zombie nicht erfunden, der mit Vorliebe menschliche Gehirne weglutscht, als wären selbige ein Karameleisbecher mit einer Extraportion Schlagsahne. Diese Tatsache macht die Seltsamkeit der menschlichen Spezies noch mal um ein gutes Stück seltsamer. Kommen wir damit zum Fortpflanzungstrieb, der zwar auf den ersten Blick nichts mit dem eingangs Erwähnten zu tun hat, doch wird dies dem menschlichen Hirn in all seiner Seltsamkeit kaum auffallen. Zudem bin ich gewillt, einen ebenso seltsam anmutenden Bogen zu schlagen, damit dieser Text in seiner ihm eigenen Seltsamkeit mit der Seltsamkeit des menschlichen Gehirns korrelliert.

Fasst der Wille zur Fortpflanzung auf dem aalglatten Weltverständnis des Menschen Fuß, geht’s an den Prozess der Partnerfindung, der so unglaublich unlogisch erscheint, dass schon die bloße Existenz jeglichen menschlichen Lebens an ein Wunder grenzt: Während die ungleich logischeren Tiere sich je nach persönlicher Vorliebe bunt einfärben oder bzw. und laut durch den Wald brüllen, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass da heut Nacht was gehen könnte, üben wir Menschen uns, dem potenziellen Partner gegenüber, lieber in Schweigen und Zurückhaltung. Mit der Behändigkeit eines umstürzenden Kühlschranks nähern wir uns dem auserwählten Individuum, versuchen es auszukundschaften und benehmen uns dabei unbewusst wie ein Serienkiller, der das Opfer fürs nächste Schlachtfest auserkoren hat. Wir führen Pingpong-artigen Small Talk, der von seiner inhaltlichen Reichhaltigkeit her einer aufgeweichten Haftnotiz entspricht, während wir mit den Gliedmaßen und Augen zappeln, als hätte man uns einen Elektroschocker in den Allerwertesten geschoben. Und letztlich finden wir gerade jene Person am interessantesten, die uns am gekonntesten ignoriert. Der gemeine Anthropologe mag das damit erklären, dass unsere keulenschwingenden Vorfahren sich um derlei Probleme keine Gedanken machen mussten, da sie eben grundsätzlich jene Keule als Argumentationsgrundlage verwendeten.

Und wo wir schon bei häuslicher Gewalt sind, fällt doch gleich die nächste Ungereimtheit der menschlichen Psyche ins Auge, wenn’s um das zwischenmenschliche Miteinander geht: Speziell Frauen legen ab und an das leidlich ulkige Verhalten an den Tag, dass sie dem Hausherrn gegenüber gerade dann am treuesten sind, wenn dieser ihnen des Öfteren eine Diskobrille verpasst und im schlimmsten Fall bei der Herausnahme der Zähne behilflich ist. Mag anfangs das Geschrei noch groß sein, scheint der weibliche Proband doch recht schnell die Vorzüge einer devoten Lebensweise zu erkennen, wenn die große Liebe konsequent entsprechend schlagkräftige Argumente parat hat. Forscher haben sicher auch hier eine tolle Erklärung parat. Ich halte es da lieber einfach und erkläre mir diesen Umstand wiederum mit der Geschichte vom Vorfahren und seiner Keule.

Glücklicherweise sind Keulenschwinger in der heutigen Zeit rar geworden und haben gleichfalls unglücklicherweise dem verweichlichten Zerrbild eines männlichen Wesens Platz gemacht, das versucht, sein weibliches Umfeld mit Hilfe der Offenbarung von Gefühlen zu überzeugen. Die Überzeugung der Frau hält hier genau so lange vor, bis ihr vom Geheule des männlichen Weichtieres die Ohren bluten und sie ohne jegliche innere oder äußere Regung zum nächsten weiterzieht. Das, wohlgemerkt, tut sie mit einiger Wahrscheinlichkeit so lange, bis sie den Richtigen gefunden hat, nämlich den Mann mit der Faust. Die ausgeschlachteten Opfer, die sie dabei zurücklässt, krauchen, was wieder der Seltsamkeit des Menschen gereicht, noch einige Zeit hinter der Verflossenen her, verlieren dabei in jedem Fall den Rest ihrer Credibility und riskieren im schlimmsten Fall ein Autogramm vom Mann mit der Faust. Es ist ein Verhalten, das der Frau Genugtuung verschafft und dem restlichen männlichen Lager einen so gewaltigen Anflug von Fremdschämen beschert, dass „Mann“ sich hinter Boxkämpfen, Bier und Brüsten versteckt, um doch zumindest sich selbst gegenüber die Überlegenheit der männlichen Rasse zu demonstrieren.

Ganz schlimm wird die Spezies Mensch für den Außenbetrachter dann, wenn ein Gefühlsmann ohne kräftige Linke und eine Gefühlsfrau ohne Herzzerschmetterwahn aufeinandertreffen. Da sich hier auch über längere Zeit hin keine stärkere Position herauskristallisiert, beginnen solche Exemplare nach einer gewissen Inkubationszeit mit der totalen Symbiose. Angeglichen werden sämtliche Geschmäcker, sei es für Essen, Klamotten oder Musik. Hobbies werden ausnahmslos gemeinsam ausgeführt und selbst der Freundeskreis wird brav geteilt. Dummerweise geschieht all das immer nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners, so dass letztlich offensichtlich das Hirn zu verkümmern beginnt. Der menschliche Organismus leitet umgehend einen Rettungswurf ein, indem die Reste der matschigen Hirnmasse ebenfalls eine Symbiose eingehen. Äußerlich macht sich diese Phase durch den vermehrten Austausch von Worten in Babysprache bemerkbar: Der vermeintlich besseren Hälfte werden, vor ekelhafter Niedlichkeit triefende, Kosenamen verpasst, und jegliche Konversation erfolgt mit dermaßen gehobener Stimme, als würde jemand versuchen, seinem drollig dreinschauenden Hamster gut zuzureden, doch bitte noch mal ins Laufrad zu steigen.

Ach, es ist seltsam, dass wir überhaupt gewillt sind, uns auf derlei Geplänkel einzulassen, wo wir doch, noch im geistig gesunden Singlezustand befindlich, genau wissen, welche Tortur uns erwarten wird – beim Glücksrad der Gefühle, wo der Hauptgewinn wahlweise ein gebrochenes Herz, eine gebrochene Nase oder aber ein gebrochener Verstand ist. Ich sag’s ja, der Mensch ist seltsam, wobei ich nun, wie versprochen, auch den, zugegebenermaßen etwas seltsam wirkenden, dramaturgischen Bogen zu Ende gespannt habe. Dem menschlichen Gehirn würde in all seiner Seltsamkeit kaum auffallen, dass der Rückbezug objektiv betrachtet doch sehr erzwungen wirkt, hätte ich es hiermit nicht sehr deutlich offenbart, was wiederum auf eine gewisse Seltsamkeit meiner Wenigkeit schließen lässt, obwohl ich doch eigentlich zur Kategorie „einsamer Steppenwolf“ gehöre. Seltsam, das.

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