Dass der auch immer kritisieren muss.

Vielleicht, um zu beweisen, dass der gute PhanThomas auch was anderes kann, als sich selbst über den Klee zu loben und die Welt zu verteufeln, möchte er heute mal an anderer Stelle ein wenig Lob anbringen. Aber nicht zu viel. Klar. Und da es ziemlich beschissen zu lesen ist und noch beknackter, ja gar ein wenig nach Schizophrenie klingt, wenn er in der dritten Person schreibt, wird er mit dem folgenden Satz wieder in die Ich-Schreibe wechseln. Nun hatte ich ja jede Menge Zeit, mir am bisherigen Wochenende das neue Green Day-Album anzuhören (ist HIER für jedermann zu hören – legal und so). So viel Zeit, dass ich bestimmt zehn Durchläufe durch die Brüllwürfel gejagt habe. Wenn nicht mehr. Uh. Damit wage ich mal zu behaupten, dass ich selbst ’ne kleine CD-Kritik verfassen kann. Schneller als laut.de, cdstarts.de und Konsorten. Ist überhaupt ’ne gute Idee, so als zusätzlicher Content hier. Nur ab und an mal, wenn’s was leckeres Neues auf die Ohren gibt. Semiprofessionell. Mit Wertungssystem und so. Dann mal hier der Startschuss.

Green Day – 21st Century Breakdown

Anno 94 des ausklingenden letzten Jahrtausends, als ich noch Kampfroboter aus Lego-Bausteinen zusammensetzte und glücklich war, wenn ich in der Schule die Aufmerksamkeit der Mädels auf mich zog, so dass sie mir eine reindonnerten, kotzte der gerade mit einem Knall abgetretene Grunge seine musikalische Nachgeburt in die Welt. Punkrock war wieder schick, vor allem aus Übersee, meist aus dem sonnigen Kalifornien. The Offspring und Green Day waren die ganz großen Vertreter, die jeweils über zehn Millionen Exemplare ihrer Platten an die nicht zu rettende Jugend brachten. Aber auch andere Bands wie wie Pennywise, NoFX, Bad Religion, Rancid und so weiter, und so fort, mussten plötzlich eine größere Hörerschaft mit ihrem Krach versorgen. Punk war thematisch irgendwie alles, solange es nur laut und schnell war. Und so besangen die einen politische Missstände (Bad Religion, Pennywise), andere setzten auf Selbstzweifel (The Offspring), und wieder andere versuchten es einfach mit Langeweile und Masturbation (Green Day).

»I think I’m losing what’s left of my mind. – To the 20th century deadline.«
(21st Century Breakdown)

Nun sind die 90er längst Passé, und während die meisten der genannten Vertreter zwar noch aktiv, allerdings in die musikalische Belanglosigkeit abgedriftet sind, sind ausgerechnet die masturbierenden Langweiler als einzige Combo mit künstlerischer Relevanz übrig geblieben. Und wie! Denn nach einigen Burnouts, Fast-Auflösungen, musikalischen Tieffliegern (Insomniac) und kommerziell gefloppten Achtungserfolgen (Warning) kam das, womit keiner mehr rechnete: Das 2004 erschienene American Idiot wurde eines der wohl rundesten, anspruchsvollsten und erfolgreichsten Alben der Jahre 2004 und 2005. Konsequenz waren Lastwagenladungen an Preisen, ausverkaufte Konzerte (von denen ich German Idiot kein einziges gesehen habe) und am Ende natürlich ein unheimlicher Erwartungsdruck, was den Nachfolger betraf.

»There’s fire in my veins. – And it’s pouring out like a flood.«
(Christian’s Inferno)

Und der steht nun unter dem verheißungsvollen Namen 21st Century Breakdown vor der Tür. Jetzt fragt man sich natürlich vor allem: Ist die Platte besser als der Vorgänger? Oder zumindest ebenso gut? Nun, so ganz einfach ist das nicht zu beantworten. Sie ist anders. Vorab: Wer eine musikalische Kopie des Vorgängers befürchtet hat, kann aufatmen. Hier klingt eigentlich gar nichts nach American Idiot. Keine neun-minütigen zergliederten Songs vom Schlage eines Jesus of Suburbia, weniger Politik insgesamt. Lediglich die Idee des Konzepts erinnert noch an den genialen Vorgänger. Denn 21st Century Breakdown erzählt wieder einmal eine Geschichte. In drei Kapiteln (Heroes and Cons, Charlatans and Saints und Horseshoes and Handgrenades) wird die Geschichte eines jungen Pärchens, bestehend aus den Protagonisten Christian und Gloria, erzählt. Während Christian eher der explosive, energiegeladene Typ ist, bleibt Gloria abschätzend und mit politisch festem Standpunkt. In diesem Rahmen bewegen sich die Lieder durch den Scherbenhaufen einer zurückliegenden Bush-Ära, umgeben von Massenhysterie und religiösem Übereifer (alles sehr typisch Amerika) So viel also zum ambitionierten Konzept der Platte. Doch das Interessante sind schließlich die Songs. Was wird einem denn nun tatsächlich um die Ohren geklatscht?

»Sing us a song of the century – that is louder than bombs – and eternity.«
(Song of the Century)

Eigentlich wäre es nicht nötig gewesen, sich selbst unbedingt übertreffen zu müssen, wo es doch so oder so keine relevante Konkurrenz mehr gibt. Dennoch haben Green Day genau das versucht – und in vielerlei Hinsicht geschafft. Tatsächlich sind alle Tracks durchweg gelungen. Nach dem Opener Song of the Century zeigt das einmal mehr untergliederte, jedoch nicht übermäßig lange, ziemlich geniale, Titelstück 21st Century Breakdown, in welche musikalische Richtung die nächste Stunde ausschlagen wird. Denn so abwechslungsreich wie allein dieses eine Stück daher kommt, zeigt sich die gesamte CD. Ruhige Stücke wie das verträumte Last Night on Earth oder 21 Guns wechseln sich mit schnellen, dabei stets eingängigen, Punk-Nummern wie der ersten Single Know Your Enemy oder Christian’s Inferno ab. Zwischendurch wird’s auch mal etwas exotischer, wenn einem beispielsweise in Peacemaker Latino-Klänge um die Ohren wehen. Schlechte Songs sucht man wirklich vergebens. Lediglich ausgerechnet das Abschlussstück See The Light fällt ein klein wenig ab und wirkt etwas uninspiriert. Insgesamt wurden aber alle Register gezogen: Alles, was, beginnend bei Dookie über Warning, bis American Idiot erprobt wurde, fließt hier zu einem funktionierenden, musikalisch anspruchsvollen Gesamtkunstwerk zusammen. Wie schon beim Vorgänger wurde auch mit Anspielungen auf Klassiker der Musikgeschichte nicht gespart. Scott McKenzie, Bob Dylan, Herman’s Hermits, von allem lässt sich was finden, wenn man genau hinhört. 21st Century Breakdown ist eine musikalische Erlebnisreise und macht riesig Spaß.

»Do you know the enemy? Do you know the enemy? Well gotta know the enemy.«
(Know Your Enemy)

Und genau das ist das einzig wirkliche Problem der Platte. Green Day sagen von sich, sie hätten sich quasi drei Jahre lang eingeschlossen, um mit diesem Album wieder heraus zu kommen. Nun, dann müssen die Altherren aber reichlich Spaß hinter der verschlossenen Tür gehabt haben. Die Platte frohlockt förmlich vor Eingängigkeit und griffigen Melodien. Das Ding enthält gefühlt mehr Tanzbodenbrecher als alle Vorgängeralben zusammen! Ein wenig unpassend für ein Album, das sich der verzweifelten Stimmung einer zerrütteten Gesellschaft annimmt. Wo der Vorgänger seinen Charme gerade aus dem Klang nach Wut, Niedergeschlagenheit und aufkeimende Hoffnung auf Verbesserung zog, schießt 21st Century Breakdown ein wenig am Ziel vorbei. Lediglich Know Your Enemy, der Titeltrack und das melancholische 21 Guns wissen die Message so geschärft wie zu Zeiten eines American Idiot zu transportieren. All das ändert jedoch nichts daran, dass 21st Century Breakdown außerordentlich gelungen ist. Die Platte ist weniger rund als ihr Vorgänger, enthält zum Ausgleich aber noch ausgefeiltere Songs, bietet noch mehr Abwechslung, noch mehr Spaß beim Hören. Und darauf kommt es doch letztlich an. Auf den Spaß an der Musik.

Anspieltipps:
21st Century Breakdown
East Jesus Nowhere
Last of the American Girls
¿Viva La Gloria? (Little Girl)

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