Die Crux am Nachwuchs.

»Wie lange wir wohl noch zusammen sind? Na, wir machen Schluss, oder ein Kind«, singt er, der begnadete Kabarettist Rainald Grebe, in seinem Lied über dreißig jährige Pärchen in Berliner Szenebezirken und zeigt damit süffisant den heutigen Stellenwert des Wunsches nach dem Nachwuchs, der Frucht geschundener Lenden deutscher Working Class Heroes, dem Ergebnis potenzieller Potenz. Nun ist die Welt aber eben im Wandel, und so muss der Stammhalter leider allzu oft zugunsten der Vorführung ausgefallener Krawattenmuster oder in edler Schlichtheit designter Brillengestelle während wöchentlicher Abteilungsmeetings zurücktreten. Wer in der Gesellschaft des Kapitals angekommen sein möchte, wer jemand sein möchte, getreu dem Motto, »Haste wat, biste wat«, der weiß, Kinder kriegt man heutzutage unfallbedingt im Alter von 12 oder aber am besten gar nicht.

Doch selbst dann, wenn man sogar gütigerweise bereit wäre, seine geldwerte Zeit in das monatlich wiederkehrende, dezent im Kalender markierte, Stelldichein mit dem geduldeten Lebensabschnittsbegleiter zu investieren, um ausnahmsweise nicht den Haussegen im Gleichgewicht zu halten, sondern tatsächlich, um der Zukunft des Familiennamens ein zunächst pausenlos plärrendes Gesicht zu verpassen, wird schnell ein schlagkräftiges Gegenargument herbeizitiert: Zu teuer sind sie, viel zu teuer, die lieben Kleinen. Klar, wenn man das Unternehmen Haushalt auch wirklich wörtlich nimmt, will unternehmerisches Denken an den Tag gelegt werden. Das undankbare Balg will ein schickes Nintendo DS? Kein Problem, gibt’s das Kindergeld doch gerade so her, und man selbst erkauft sich ein wenig Ruhe zur Genesung der natürlichen Haarfarbe. Doch wie, die Spiele kosten extra? Oh oh, Herr Projektleiter, intervenieren Sie bitte. Wir haben das Budget maßlos überzogen!

Steigt das Ausmaß dieser Denkweise auch nur annähernd so exponentiell an, wie gefühlt, so schaffen wir noch in diesem Millennium das, was weder Naturkatastrophen, noch Pest oder gar Schweinegrippe zu bewirken vermochten: nämlich der nächsten zivilisierten Lebensform auf dem schönen Erdball Platz zu machen. Unsere Nachfolger hätten es dann sogar ungleich leichter als wir vor tausenden von Jahren, hinterlassen wir denen doch Unmengen niemals abgezahlter Eigenheime zur trauten Bleibe – sofern wir nicht vorher den Planeten ins Nirwana bomben. Prickelnde Aussichten, nicht wahr? Und wollen wir das verhindern, brauchen wir Kinder. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Denn dass letzteres eben auch nicht sicher klappt, zeigt Madonna ja in letzter Zeit sehr eindrucksvoll, wenn sie während ihrer Afrikasafaris mal wieder Kinder aus den ansässigen Stämmen heraussammelt, als befände sie sich im Zoogeschäft, nur um dann doch an der ominösen Bürokratie ansässiger Behörden zu scheitern.

So radikal müssen wir letztlich ja auch gar nicht werden. Die Lösung liegt doch so nahe. Ich meine, wer sorgt denn hierzulande noch für Nachwuchs? Eben, genau jene, die für kostspielige Freizeitaktivitäten keinerlei Bares gebunkert haben. Damit also nicht eines Tages ganze Zombiehorden aus der zeugungsfreudigen Lower Class losziehen, um auf Pump die Moneten der aussterbenden Upper Class zu verprassen und somit die nächste Krise heraufzubeschwören, müssen wir es denen nur nach tun. Aber nun singt der Herr Grebe ja im gleichen Lied: »Wenn die Liebe geht, die Hobbies bleiben.« Und wie Recht er offenbar hat, zeigen diverse Studien. Glaubt man einer gewissen Umfrage, so ziehen über siebzig Prozent aller Männer das neuste Computerspiel einem Schäferstündchen mit der Liebsten vor. Und Frauen, nun, die haben bestimmt auch, ähm, ganz tolle Hobbies.

Daher mein so einfacher, wie effektiver Tipp: Einmal wöchentlich wird den deutschen Haushalten abends der Strom abgedreht. Pärchen bekommen Ausgehverbot, Kinder auch. Warum auch Kinder? Denen will man schließlich nicht die Geschichte vom Klapperstorch verderben. Denn schließlich stromern dann nur noch willige Singles durch die Straßen, die keinerlei Gefahr mehr laufen, an bereits vergebenes Genmaterial zu geraten. Also warum Zeit verlieren, wenn die Sache eh klar ist und man die frische Liebe direkt auf Mutter Naturs asphaltierten Straßen vertiefen kann? Und für alle daheim gebliebenen? Kein Fernseher mit Styling-Tipps für die Frau. Kein Internet-PC mit YouPorn für den Mann (und ja, wir lassen die verdammten Notebooks jetzt mal außen vor). Im Ergebnis dürfte das eine deutlich größere Ernte ergeben als ein drittes Woodstock je erreichen könnte. So könnte sich der gute Norbert Blüm am Ende wieder über sichere Renten freuen. Die Alterspyramide würde endlich gesunden, ohne dass wir einmal mehr den alten Teil der Bevölkerung in einem sinnlosen Krieg verbrezeln müssten. Kinder wären wieder ein Big Business. Förderung für alle, Kindergärten für alle, und am Ende könnte niemand mehr behaupten, er hätte keine Zeit oder kein Geld für den Nachwuchs.

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