Die fabelhafte Welt der »Anderen«.

Irgendwo im Laufe des Dahinvegetierens, soll heißen, während wir diesen Prozess noch als Erwachsenwerden bezeichnen, eben während wir noch besser und nicht einfach nur älter werden, muss bei einigen Mitmenschen was gründlich schief laufen. So verstandtechnisch, mein ich. Geboren werden wir ja doch irgendwie alle gleich. Dauerquengelnde glatzköpfige Minischeunendrescher, wie wir sind, machen wir uns daran, die Welt zu erkunden, indem wir alles beäugen, jeden unbeaufsichtigten Moment nutzen, um ungesicherte Steckdosen zu begrapschen und idealerweise zur persönlichen Anteilnahme jede greifbare Substanz genüsslich sabbernd in den Mund stecken.

In Krippen und Kindergärten, sofern bezahlbar, treffen wir bei Zeiten dann auf gleichgesinnte Nervenbündel. Pausbäckige Jungen auf dem Weg zum Jagdinstinkt bringen sich selbst mit Brüllwerk und Fausteinsatz an die Spitze der Aufmerksamkeit, während weitaus stillere Mädels sich mit Puppen ganz von selbst auf die Rolle vorbereiten, die sie im kinderfeindlichen Deutschland eventuell niemals einnehmen möchten, während sie ganz nebenbei lernen, welchen Nutzen es haben kann, die Nebenbuhlerin mit hinterlistigen Mitteln auszuspielen, um am Ende die Welt aus dem Untergrund zu regieren. So weit, so gut. Die Welt ist noch in Ordnung, und irgendwie sind doch immer noch alle gleich. Minisozialismus zum Anfassen.

Jetzt wird sich der ein oder andere fragen, worauf ich eigentlich gerade hinaus will. Nun ja, ich geb zu, ich hab etwas weit ausgeholt. Genau genommen geht’s gar nicht noch weiter. Aber das dient alles der Verdeutlichung. Ein, uh, überproportional aufgeplustertes Stilmittel eben, einfach zur Verdeutlichung der Gleichheit. Denn irgendwo während des länger andauernden Lebensabschnitts, in dem wir mal mehr und meist weniger begnadeten Pädagogen beim Unsinnvermitteln zusehen und vor Langeweile konzentrische Formen zwischen unsere Aufzeichnungen kritzeln, muss die Abspaltung beginnen. Irgendwo da. Vielleicht während eines schicksalsträchtigen Augenblicks, den einige verpassen, weil sie gerade auf der geistigen Toilette eine Illustrierte lesen. Oder so. Denn während die eine Hälfte der heranreifenden Pubertierendengarde beginnt, die Welt und ihre Bestandteile akribisch zu hinterfragen, sich für Politikbetrug und Gesellschaftswahnsinn zu interessieren, die Schönheit der Welt und ihrer Nachahmung, der Kunst, schätzen lernt, tut die andere Hälfte etwas, nun, sehr Überschaubares: nichts.

Wann genau diese Abspaltung vom Nachdenken oder, energischer ausgedrückt, vom Denken stattfindet und vor allem, weshalb das passiert, ist mir doch, gelinde gesagt, schleierhaft. Während die bildungsinteressierten, oft zum Grübeln neigenden Exemplare der Gattung Mensch so sehr damit beschäftigt sind, Weltanschauungen zu hinterfragen, eigene auszuprägen und die Sinnhaftigkeit ihres Daseins zu koordinieren, ja, während sie die Denkpausen nur dafür nutzen, ihre verknoteten Gehirnwindungen zu entwirren, scheint das Hirn der Nichtdenker-Fraktion sehr aufgeräumt daherzukommen: gerade mal ein langer, leer gefegter Gang, will man es denn verbildlichen. Ohne Türen. Ohne Fenster. Beleuchtet mit flimmernden Leuchtstoffröhren, die nervig klackern. Die Luft stets sehr stickig. Immerhin gibt’s dann der farblichen Abwechslung halber einen doppelten Schmuckstreifen an der kalkweißen Gangwand. Klingt eintönig? Langweilig? Belanglos? Willkommen in der Welt der Anderen.

Und wie äußert sich ein solcher Hinderwäldlerverstand im nicht abstrahierten Sinn, also im wahren Leben? Für gewöhnlich treten diese Fünf-Watt-Leuchten in Rudeln auf, so um die fünf Personen, damit vier herumhampeln und einer dümmlich aber laut lachen kann. Sehr anstrengend kann das sein. In öffentlichen Verkehrsmitteln beispielsweise bestechen sie durch ihre nur rudimentär vorhandene Sprachfunktion. Mehr Ausdrucksfähigkeit wird jedoch auch gar nicht benötigt, geistert ihnen doch sowieso kein Thema von Belang durch den schallverstärkenden Schädelinnenraum, das über das Niveau einer Jamba-SMS-Ansage hinausginge. Für den Rest der anwesenden Fahrgäste ist die prähistorisch anmutende Lautsprache zugegebenermaßen ein ziemliches Ärgernis, zumal diese tatsächlich immer in Lautstärkeverhältnissen detonierender Atomsprengköpfe vonstatten gehen muss. Da helfen auch iPod und Konsorten nichts. Mit dem Schmökern im Groschenroman ist’s sowieso ganz vorbei. Und so sitzt man mehr duldend daneben, während einem innerlich der Kamm schwillt.

Gelegentlich ist man als atmender und denkender Mensch in das Rumgeblödel dieses nervigen Genüberschusses derart involviert, dass man solchen Leuten eigentlich eine deutlich sichtbare Kennzeichnungspflicht verordnen müsste. Intern scheinen sie etwas Ähnliches sogar schon zu verwenden, wie ich kürzlich einmal mehr feststellen konnte. In einer nur mäßig spaßigen Bonner Lokalität zur, öhm, abendlichen Unterhaltung per Volldröhnung bis zum Ohrenbluten konnte ich beobachten, wie das Dümmste vom Dummen aus dem weiblichen Lager es schaffte, zielgenau tatsächlich das ganz offenbar verstandfeindlichste männliche Exemplar im ganzen Raum zu finden. Klar, ich hatte selbiges unterdessen auch schon als geistigen Tiefflieger ausgemacht, allerdings musste ich dafür meine gesamte Beobachtungsgabe aufwenden, ein wenig analysieren und abschätzen, während das Mädel einfach nur direkt nach dem Hereinkommen sargnagelinhalierend zum kurzen, lässigen Rundumblick ansetzte und ihr Ziel des Abends sogleich ausgemacht hatte. Ins Gespräch kamen die beiden augenblicklich. Veni vidi vici quasi. Schön, dass es noch so einfach sein kann.

Und gerade, wenn es um diese Einfachheit im Leben geht, kommt doch bei mir irgendwie der Neid auf. Ich meine, ist ja toll, wenn man auf der intelligenzabseitigen Ebene der Existenz ach so schnell zueinander findet. Nur weshalb zum Teufel muss unsereiner dann das Kennlernprozedere bis ins winzigste Detail eines Taschenuhrwerks ausdehnen, nur damit wir anschließend feststellen können, dass die ein oder andere Gesinnung eben doch nicht zueinander passt und man ärgerlicherweise Unmengen seiner begrenzten Daseinsberechtigung für nichts verschwendet hat? »That’s life«, hätte Frank Sinatra wohl gesagt. »Frank wer?« hätten die beiden geistigen Milchtoasts aus der erwähnten Discothek wohl gesagt.

Aber auch abseits der lieben Liebelei scheint so Einiges einfacher zu funktionieren. Wer im Leben nicht nur perplex geradeaus, sondern auch mal nach links, rechts und nach hinten schaut, wird feststellen, dass so mancher Aspekt des Daseins kein Zuckerschlecken ist. Nehmen wir zum Beispiel das Finanzielle: Man plant, rechnet nach, legt um und schaut, dass man irgendwie so durch kommt, dass man nachts noch ruhig schlafen kann. Nicht so die geistige Totgeburt: Denn da wird schlicht das Geld ausgegeben, das man sowieso nicht hat. Macht ja nichts, steht diesem Vorgehen doch am Ende trotzdem ein materieller Gegenwert in Form üppig ausgestatteter Einbauküchen und protziger Autos deutschen Fabrikats gegenüber. Und geht gar nichts mehr, kommt Peter Zwegat oder einer seiner Ableger vorbei und bringt alles wieder ins Lot. Kein Grund, sich auch nur ansatzweise den inhaltsfreien Kopf zu zerbrechen.

Überhaupt ist es mit den Sorgen so eine Sache. Sollte etwa das Wochenende doch der Entspannung dienlich sein, ist es, was mich und ähnlich geartete bemitleidenswerte Leute betrifft, doch letztlich vor allem ein Zeitraum des Gedankenordnens. Endlich hat man mal ein paar Momente, um ein wenig Hirnschmalz darauf zu verwenden, sich wegen der Sensationsnachrichten zu Wirtschaft, Politik, Klima und Gesundheit Sorgen zu machen, ohne dass einem der Chef dreinquatscht. Ablenkung sucht man meist vergeblich. Und so hat man spätestens am Sonntagabend so viele Kellen Gedankensülze nachgeschenkt, dass man sich fühlt, als stünde man kurz vor dem geistigen Brechreiz. Kein Wunder, dass man anschließend eigentlich ein Wochenende zur Erholung vom Wochenende braucht. Wohl deswegen erwischt man sich ab und an eben doch beim Wunsch, zu den Auserwählten zu gehören, die sich noch nicht mal um sich selbst Sorgen zu machen scheinen. Keine hirnflutende Dauerbeschallung mehr am Wochenende, sondern einfach nur ein sanft rauschendes Testbild geistiger Umnachtung. Ausgerechnet ein intelligenter Mensch wird es wohl gesagt haben: »Das Glück gehört den Dummen.« Das kann ich nur laut seufzend wiederholen und mich damit beruhigen, dass wir zum Lebensabend hin wahrscheinlich doch wieder alle gleich sind.

6 Kommentare

  1. Erinnert mich frappierend an die SpongeBob-Folge in der Patrik merkt, dass er dumm glücklicher ist als intelligent.
    Der Unterschied zu den beschriebenen Personen ist, dass er in dieser Folge beide Seiten erlebt.

  2. Kenn ich gar nicht. Aber ich bin eh der Ansicht, dass Spongebob nicht eben eine dämliche Serie ist. Man muss nur mal genauer hinschauen. 😉 Davon abgesehen schön, dass man sich auch anderswo Gedanken um dieses Phänomen macht.

  3. Ganz klassisches Beispiel für intelligente Serien ist ja auch Southpark…

    Grad viele ältere Generationen tun diese Serie als Schmach oder Unsinn ab…Obwohl sie nichtmal eine Folge gesehen haben.

  4. Das liegt wahrscheinlich daran, dass South Park derartig mit Schimpftiraden um sich wirft, dass es einem die Unterhosen auszieht. Aber ich geb dir vollkommen Recht. Nicht umsonst ist South Park meine Lieblingsserie. 🙂

  5. Sie rührte klirrend in ihrem erst seit kurzem leeren Bowleglas. „So sehr die fabelhafte Welt der Anderen auch nach permanentem Urlaub, Spaß ohne Zeitbegrenzung und naiver, aber genüsslicher Leichtigkeit aussieht,“ sagte Mary mit einem tiefen Seufzer voller Unmut und trotzdem Stolz im Unterton, „nein, ich würde lieber nicht tauschen wollen!“ und schenkte sich eine weitere Kelle Gedankensülze nach.

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