Experimentelles. Und so.

Öhm, nun kommen einem ja in den seltsamsten Momenten die seltsamsten Gedanken. Kürzlich ging ich an einem Herrn mittleren Alters vorbei, der gemütlich an sein Auto gelehnt stand, eine Senfgurke aus seinem, nun, Senfgurkenglas zog und diese genüsslich verzehrte. So ganz, als wäre dies das Geheimnis des Glücklichseins. Unbeschwertes Senfgurkenessen. Warum auch nicht? Aber ach, ich schweife ja schon wieder ab. Jedenfalls fiel mir dabei ein, dass ich seinerzeit in einem Blog herumgeschnüffelt hatte, in dem es Minimalprosa zu bestaunen gab. Winzig kleine Kurzgeschichten, die nichts anderes tun, als die Phantasie anzuregen. Mein Erstling war, betrachtet man meinen ausladenden Eingangsgedanken einmal mehr:

„Die ruhigen Momente machen das Leben perfekt“, sagt er, grinst und nascht eine weitere Gurke aus dem Einmachglas.

Macht im Kontext ja Sinn. Nun wäre ich aber wohl nicht ich, wenn ich mich über Unbeschwertheit auslassen würde. Also drauf gespuckt und noch mal nachgedacht. Letztlich entstand dann die folgende kleine Reihe aus 13 Minigeschichten. Jede aus 13 Wörtern. Klar.

13 : 13

In vier Sekunden pralle ich auf dem Boden auf.
Ob ich wohl Schmerzen –

Im Dunkel der Schattenwelt ahnte Martin nur,
dass unsichtbare Zähne sich geifernd näherten.

Kein Passant entdeckte Maike im hohen Gras.
Ihre aufgeschnittene Kehle fraß alle Schreie.

Sabine lächelte ihrem Mann zu.
Das Rattengift im Essen würde viel Freude bringen.

Doktor Kaiser sah zu, wie die Leber seines Patienten
in der Pfanne anbriet.

Sebastian beobachtete Marina lange durch das Fernrohr,
bevor sein Finger den Abzug betätigte.

Verdammter Mist, dachte Inge. Jetzt hatte doch eines
seiner Einzelteile das Kanalrohr verstopft.

Klaus wusste instinktiv, dass eine falsche Bewegung
seine Knochen noch weiter zermalmen würde.

Die Jäger hatten Jörg letztlich gefunden.
Vor seinen Augen luden sie ihre Gewehre.

Einige Zuschauer beschlich das Gefühl,
dass die Vergewaltigung auf der Bühne echt war.

Mareike hatte sich versehentlich im Tresor eingeschlossen,
und das lange Wochenende stand bevor.

Stundenlang weinte Christian,
bevor er seiner schlafenden Frau das Messer ins Herz trieb.

Scheiße, ich rutsche doch über die Kante.
Hoffentlich breche ich mir nicht das –

15 Kommentare

  1. Hey,
    würd gern mal wissen, welche Zielgruppe du mit deine Minigeschichten inspirieren möchtest? Mörder, Vergewaltiger Selbstmörder…?
    Das geht ja mal garnicht….

    Gruß Toppa

  2. Hehe, du musst darüber nicht lachen. Mein Humor ist etwas eigen. Der Reiz solcher Geschichten ist ja, dass sie einfach eine Situation aus einer angenommen Geschichte herausgreifen, dabei dennoch für sich stehen, bei alledem aber vorn und hinten offen sind.

    Aber genug der Erklärungen. Jedenfalls danke für’s Vorbeischauen und Lesen. Hab noch mehr solcher Reihen geplant, dann aber thematisch anders gesetzt. Blöd nur mit den Zahlen. 13 ist gut geeignet, aber z.B. 7? Huh, 7 Wörter ist hart.

  3. Die Mareike ist vom Herrn King inspiriert. Wenn ich mich recht entsinne, ist in The Stand jemand aus der überlebenden Nachhut in so eine Kühlkammer gekommen, deren Tür zugefallen ist. Oder so in der Art.

  4. Ach Gott, daran kann ich mich garnicht mehr erinnern… mir ist besonders der arme Jogger im Gedächtnis geblieben, der die Seuche überlebt hat, nur um dann beim ach so gesundem Joggen einem Herzinfarkt zu erliegen… und weit und breit kein Arzt zu sehen… dumme Sache, das.

  5. Mareike hat sowas halb belustigtes, halb bedrohliches im Unterton. Wunderbar!

    Und die Auszüge erinnern mich so ein bisschen an 11:14, falls du den gesehen hast.

    Ach und weil es mir gerade einfällt: Da gibt es auch die japanischen Kurzgedichte, Haiku genannt (hier bei meinem Bloggerkollegen Jay Nightwind aufgeschnappt). Die haben mir auch gut gefallen, treffen aber vermutlich eher nicht dein Genre. Trotzdem kann man ja mal über den Tellerrand schauen! 🙂

  6. Haikus befassen sich, soweit ich weiß, fast immer mit der Natur, bzw. müssen dies sogar irgendwie einbinden. Und die haben ja auch eine feste Form. Vielleicht versuch ich mich ja auch mal daran.

    11:14 hab ich gesehen, klar. Sehr interessanter Film, gerade wegen episodenhaften des Aufbaus (unvergesslich, wie Patrick Swayze in dieses köstlich knusprige Sandwich beißt).

  7. Uh, vielen Dank! Der ist mir glatt irgendwie beim Lesen entgangen. Hab Haiku gelesen und danach während des Weiterlesens wohl über Haiku-Fakten nachgedacht. So kann’s gehen.

  8. Huch. Da wurde ich hier etwähnt und hab es gar nicht gemerkt.

    Vieles hat eine feste Form, aber es gibt doch nichts schöneres, als damit zu spielen und für sich daraus etwas abzuleiten.

    Wenn du Experimente magst, dann guck dir doch mal die aktuellen 3 Texte bei mir an. "Das Lied" ist auch ein Experiment.

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