Wir hatten ja nichts.

Schon seltsam, wie sich die Welt verändert. Da sitzt man abends mit dem Notebook auf der Couch, balanciert eine Tasse Kaffee auf dem Sitzpolster neben sich und tippt seine zusammengehirnten Gedanken in dieses Gerät, auf dass sie schon in Kürze alle Welt lesen oder ignorieren kann. Nebenbei werden die Mails gecheckt, einige mal mehr, mal weniger herzliche Antworten rausgeschickt, hier und da ein wenig ICQ-Gedöns betrieben, und und und…

Ich erinnere mich noch gut an meine unbeschwerte, weitgehend technikfreie Kindheit. Nicht nur, dass wir da kein Internet hatten (einfach, weil das WWW als solches noch nicht aus der Hölle ausgebüchst war), nein, wir hatten ja nicht mal einen PC. Also kein Web 2.0, kein Filesharing, kein YouPorn. Ach, was rede ich. Als ich gerade zur Schule kam, da konnte man selbst ein Telefon vergeblich bei uns suchen. Denn es dauerte schon noch ein wenig, bis in Neufünfland flächendeckend Anschlüsse gelegt waren und auch wirklich jeder seine Skepsis überwunden hatte, sich so ein Ding zu kaufen.

Ich musste also, wenn ich einen meiner Freunde treffen wollte – jetzt kommt’s – zu ihm gehen (mit meinen Beinen), an der Tür klingeln und ihn persönlich fragen. Uh. Hatte derjenige dann keine Zeit, musste ich den ganzen Weg zurücklaufen. Aber ich konnte unterwegs die Natur beäugen. Und ab und an traf ich dabei jemanden zufällig auf der Straße, mit dem ich mich dann unterhielt. Oder prügelte. Oder so. Ohne Messenger. Sondern so richtig mithilfe der Sprachskills bzw. der Fäuste.

Das Wühlen in meinen Echtwelterinnerungen gibt mir ein wenig das Gefühl, dass man früher noch mehr Mensch war. Und ja, das klingt jetzt wieder, als wäre früher alles besser gewesen. Aber vielleicht stimmt das auch ein bisschen. Heute gehen wir ja nicht mal mehr aus dem Haus, ohne uns die elektronische Fußfessel namens Handy ans Bein zu binden.

10 Kommentare

  1. … <- Guck mal, ich hab dir gewunken!
    … <- Reagier ruhig, wenn ich dich rufe!
    … <- Ich bin doch hier düben! Hiiiier!

    Wie? Davon hast du jetzt nichts gemerkt?

    Achso, nur online… Hm. Mist.

  2. Ich laufe die meiste Zeit unangestöpselt ohne Handy herum, was, zugegebenermaßen, einen befremdlichen Eindruck macht. Es fühlt sich aber so gut an, dass es mir das Wert ist 🙂

    Das schöne ist, Du *kannst* Dich immernoch unerreichbar und unabrufbereit (so das denn ein Wort ist, ansonsten erkläre ich es jetzt zu einem) machen. Und wenn Du Dir diesen Luxus ab und zu gönnst, dann machen auch die Möglichkeiten der Technik Spaß.

  3. „Unabrufbereit“ ist ein tolles Wort. Das sei dir gegönnt. Gefällt mir sehr gut. Muss dazu sagen, dass ich das Handy auch oftmals vergesse. Na ja, und falls nicht, ist’s auch so gut wie egal, denn es ruft ja meist doch keiner an. Erschreckend ist nur dieses Es-fehlt-was-Gefühl, wenn man das Ding mal daheim lässt. Geht, öhm, mir jedenfalls so. 😉

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