Alter Wein aus neuen Schläuchen.

Ich bin eine faule Sau. Na ja, eigentlich nicht, schließlich hab ich viel Arbeit in die Restauration gesteckt, aber dennoch, öhm, ist die folgende Kurzgeschichte meinerseits letztlich ein Repost. Bereits vor einigen Jahren geschrieben, hab ich meinem kleinen Liebling die nötige Substanz verpasst, die ihm gefehlt hat. Hier ein bisschen gemeißelt, dort ein wenig gestrichen, an anderen Stellen komplett neu modelliert. Jetzt jedenfalls entsprechen Tempo sowie Schreibstil so ziemlich meinen derzeitigen Ansprüchen. That’s it. Der Plot mag immer noch simpel sein (Hey, es war mein Erstling.), die Charaktere triefen vor Schwülstigkeit (Uh, die ursprüngliche Fassung war, was das betraf, wahrlich ein Block Butter.), aber dennoch mag ich die schlichte Atmosphäre, die auf mich selbst ein wenig wie Zeit, gefangen im Einmachglas, wirkt.

Ein nettes Paar – oder »Nie gesagt«

Seit einer Stunde sitzen sie sich gegenüber. Der Eichenholztisch ist gedeckt, die weißen Porzellanteller sind bereits geleert. Er hatte eine Pizza Salami, wie fast immer, sie Spaghetti Carbonara. Die Gläser sind noch halb mit Cola und Mineralwasser gefüllt.

Ununterbrochen treffen sich ihre Blicke, während sie ausgelassen in alten Erinnerungen wühlen und neue Geschichten austauschen. Denn sie sehen sich nicht mehr allzu oft, seit sie die Schule vor über einem Jahr verlassen und sich ihre Wege getrennt haben. Meistens lächeln sie, nur hin und wieder scheint es, als wären sie ganz ernst.

Ein nettes Paar, wohl beide so um die 20, würden die anderen Gäste sicher denken, wären noch welche anwesend, denn der Stundenzeiger der großen Uhr an der Wand nähert sich bereits der Zwölf, und das Restaurant hat sich geleert. Ruhig ist es um sie herum geworden. Die unaufdringliche, angenehme Musik spielt jetzt nur noch halb so laut.

Warum erzählst du mir diese Geschichte immer wieder, denkt er, als würde er es ihr sagen. Doch sagen kann er nicht viel. So hört er zu, tut es, wie er es so oft tut. Manchmal fragt er sich, ob sie ihn nur deswegen treffen will, verdrängt den Gedanken jedoch schnell. In Gedanken schüttet er ihr sein Herz aus. Ja, du hast Sorgen, aber du weißt auch nicht, dass ich in der letzten Nacht jede halbe Stunde aufgewacht bin. Aufgewacht wegen dir.

»Ich könnte mich immer noch darüber aufregen, dass er allen erzählt hat, ich wär schuld«, sagt sie und legt die Stirn in Falten. »Nein, dem trauere ich sicher nicht nach. Hab ich überhaupt nicht nötig.« Sie nippt am Wasserglas, als bräuchte sie die Pause, um Luft zu holen. »Ich konnte halt nicht mehr so weitermachen, und ich wollte auch nicht mehr. Ich hatte einfach keine Lust mehr, die zweite Geige zu spielen. Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn man immer hintenan gestellt wird? Wenn die Freunde immer zuerst kommen? Wirklich immer! Weißt du das?« Er nickt ihr verständnisvoll zu, hat den Kopf auf seine aufgestützten Arme gebettet und schenkt ihr tröstende Worte. »Und seine Mutter!« sagt sie und verdreht die Augen. »Ach, ich könnte mich den ganzen Tag über diese Furie ärgern. Die hasste mich von Anfang an. Aber das weißt du ja selbst.«

Immer wieder ein zustimmendes Nicken seinerseits, dann hebt er einmal mehr das Glas und trinkt einen Schluck seiner abgestandenen Cola, während seine Ohren und seine Gedanken getrennte Wege gehen. Wie sehr du doch beschäftigt bist, deine Geschichte wieder und wieder zu erzählen, sagt er ihr, ohne dass die Worte seine Lippen verlassen. Es tut mir auch leid für dich. Dabei siehst du gut aus, wirklich erholt – so viel besser als noch vor ein paar Wochen. Keine Regung. Sein Mund bleibt verschlossen. Er lächelt leicht, achtet auf ihre neue Frisur, auf ihr neues Kleid. Punkte stehen ihr, findet er und stellt sich zusammenhanglos vor, wie sich wohl eine Blume in ihrem wunderbaren Haar machen würde. Seine Gedanken sprechen unaufhörlich mit ihr, während sie, sein Abschweifen nicht bemerkend, aufgeregt weiterredet. Es war die richtige Entscheidung, die du da getroffen hast. Ganz klar. Und nun bist du wieder frei. Frei für-

»Wie gut, dass ich wenigstens noch mit dir reden kann«, sagt sie und schenkt ihm ihr schönstes Lächeln. Sie fühlt sich verstanden und zeigt es ihm auf diese Art. Dann nimmt auch sie noch einen letzten Schluck und leert ihr Wasserglas, dessen Rand sie in einer Angewohnheit weiter mit den Fingern umspielt.

Der Minutenzeiger, der auf der Uhr neben ihnen gemächlich seine Runden zieht, hat jetzt die Zwölf passiert und damit die Stunde und auch den Tag vollendet.

Noch immer scheinen ihre Gedanken sie wie ein Bienenschwarm zu umkreisen, um endlich als befreiende Worte von ihren Lippen zu fallen. Sie sieht ihm dabei unablässig in die Augen. Er erwidert ihren Blick, kann diesen Kontakt jedoch nie lange halten. Viel erzählt er nicht, hört nur zu und lächelt sie meistens an. Lächelt mit geschlossenem Mund. Mittlerweile schaut er immer wieder unauffällig zur Uhr, wirkt ein wenig hektisch, so als wollte er gehen.

Dein Mund, dein gemalter Mund, flüstert er ihr in Gedanken zu. Er öffnet und er schließt sich. Ohne Pause. Du lässt mich kaum zu Wort kommen. Ein geringes Ärgernis, wie er findet, entschädigt ihr Lächeln ihn doch tausendfach dafür. Seine Gedanken schlagen weite Kreise, ziehen eine Bahn um diese Frau, während sein unablässiges Nicken ihre gesprochenen Worte bestätigt. Hie und da formen seine Lippen eine tröstende gerade Linie.

Er achtet auf den Klang ihrer Stimme, hat das Gefühl, als würde sie unendlich schöner klingen als früher. Du könntest ewig so weiterreden, sagt er und lässt seine Worte einmal mehr unausgesprochen. Ich frage mich, ob du verstummen würdest, wenn ich dir erzählte, weshalb ich heute müde bin, weshalb ich die letzte Nacht fast kein Auge zugetan habe und weshalb ich auch dieses Mal nicht zur Ruhe kommen werde. Weiterhin sprachlos sieht er sie einfach nur an.

Er richtet sich etwas auf, fast als wäre er aus einer Trance erwacht und hört auf, mit den Fingern an der Kante der Tischdecke zu zupfen. Er denkt nach, denkt an seine Chancen, denkt an seine Gelegenheiten. Sein Zitat aus einem Buch fällt ihm spontan ein: Jeder Hund hat seinen Tag. Und er fragt sich, ob sein Tag wohl tatsächlich der heutige sein könnte. Er hofft es. Er ballt die Hände angespannt zu Fäusten, macht sich bereit.

»Entschuldigen Sie bitte, aber wir müssen gleich schließen«, tönt es plötzlich von der rechten Seite des Tisches. Die junge Kellnerin, die ihnen das Essen serviert hatte, steht neben ihnen und wirft ihnen einen bedauernden Blick zu. »Ja natürlich, ist schon in Ordnung«, sagt die junge Frau, die nun zum ersten Mal von ihrer Geschichte ablässt. Und schon im nächsten Augenblick zieht er die Brieftasche aus seiner dünnen Sommerjacke, die auf dem leeren Stuhl neben ihm liegt. Er blinzelt ihr zu und bekommt ein dankbares Lächeln dafür zurück.

»Schade, dass ich morgen schon wieder los muss«, sagt sie und schaut ihm wehleidig in die Augen. Dann lächelt sie wieder. »In einer Woche bin ich wieder hier. Wenn du magst, können wir uns dann ja wiedersehen. Ich hab noch ziemlich viel zu erzählen«, sagt sie und setzt ein verschmitztes Grinsen auf, während sie ihr Kleid zurecht rückt.

Auf das Wiedersehen freut er sich. Sein Gesichtsausdruck wirkt zufrieden. Dies war eben doch noch nicht sein Tag, doch würde die nächste Woche ihm genügend Zeit zur Vorbereitung bieten. Zeit, die passenden Worte zu finden. Zeit um Mut zu sammeln. Er sieht gute Chancen für sich, will sie doch gerade ihn unbedingt wiedersehen.

»Eine gute Nacht Ihnen Beiden«, ruft die Kellnerin, die nun hinter der Theke steht und ihnen nachschaut. Ein nettes Paar, denkt sie kurz. Dann geht sie zu dem eben noch besetzten Tisch hinüber, um die herunter gebrannte Kerze zu löschen. Sie schließt die Tür ab, als die letzten Gäste bereits in die nächtliche Dunkelheit entschwunden sind.

Schon in einer Woche werden die Beiden tatsächlich wieder hier sein, um im gleichen gemütlichen Restaurant ausgelassen miteinander zu reden. Sie werden wieder an diesem Tisch in der linken hinteren Ecke unter dem großen Fenster sitzen. Er wird eine Pizza Salami bestellen, wie so oft, sie Spaghetti Carbonara, dazu ein Wasser und er eine Cola. Wie immer wird sie unheimlich viel zu berichten haben, wird ihm von ihrem neuen Freund erzählen, wie sehr sie auf Wolke Sieben schwebt, wie viel besser sie sich bei diesem Mann fühlt, und fast vergessen wird das Ärgernis der Vorwoche sein. Er wird ihr selbstverständlich wieder höflich zuhören, wird ihr in die Augen schauen, wird sie anlächeln und ihr immer wieder zunicken, ganz als verstünde er alles, was sie denkt und sagt. Ein nettes Paar, werden einige der anwesenden Gäste denken, und niemand wird seinen müden Blick bemerken oder die Trauer in seinem Lächeln entdecken.

10 Kommentare

  1. Hmm kommt mir irgendwie bekannt vor 😛

    Nein ich find die Geschichte echt schön und auch ziemlich aus dem Leben gegriffen.

    Wenn du nach Ideen suchst die du schreiben könntest, musst du ja nicht weit von dieser Geschichte abweichen.

    Schreib doch z.Bsp. die Sache mal mit verdrehten Ansichten (also in die Frau reinversetzt und der Mann erzählt halt irgendwas) dürfte ne kleine Herausforderung sein.

    Oder du streichst den letzten Absatz und sie treffen sich nach einer Woche wieder und kommen dann doch zusammen.

    Oder du baust entlang dieser "kommenden Woche" ne parallele Handlung auf, wo aus ihrer Sicht erzählt wird was sie verlebt und umgekehrt…immer eben im Hinblick auf das Treffen am Ende der Woche.

    Huha jetz werd ich aber kreativ…Muss mich gleich zügeln nicht auch was zu Papier zu bringen 😉

  2. Die umgedrehte Sichtweise find ich echt interessant. Das müsste ich echt mal versuchen. Aber ich weiß nicht so recht, wie Frauen da ticken. Könnte schwer werden.

    Happy Ends sind dagegen nichts für mich. *g* Aber du könntest es ja mal selbst versuchen, wo du eh schon grad kurz davor bist. 🙂

  3. Ich weiß, du kannst nichts dafür, aber jetzt bin ich final deprimiert und geh schlafen. Auf dass der angebrochene Tag ein besserer wird. Hach.

    [Was nichts anderes heißt als: Sehr, sehr schön geschrieben, trotzdem ein Danke dafür und schlaf gut.]

  4. Oh, hab eben schon gesehen, dass du einfach entschwunden bist. Hm. Hab ich dir jetzt mit der Geschichte die Laune vermiest? Das wäre ja fatal! War nicht meine Absicht. Die soll ja nur unterhaltend sein. Oh weh, ich bin ein böser Mensch. Manchmal.

    Schlaf du auch gut. 🙂

  5. Tja ich denke man kann sich auf Anhieb mit den Personen bzw mit der "Opferrolle" des Typs identifizieren und sich in die Situation reinversetzen.

    Erfahrungen gesammelt haben wir ja alle schon in diese Richtung, denke ich…ob nun positiv oder negativ.

    Aber ne Schnulzgeschichte schreibe ich nicht…das läge mir fern. 😉

  6. Haben wir doch alle schon mal irgendwie erlebt, stimmt schon. Gehört zum Leben dazu, und ach, was wär selbiges ohne solche Erlebnisse.

    Du schreibst keine Schnulzen und schlägst mir das vor? Frechheit! 😉

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