Fliegen hinter Glas.

Es war Mai oder Juni des Jahres 1997, und meine Grundschulzeit befand sich ziemlich souverän auf der Zielgeraden. Das Ende dieser ersten großen Ära war bereits greifbar, und ein aufregendes Gefühl des Wandels brachte die Luft zum Knistern, fast wie ein heraufziehendes Gewitter. Dies war eine magische Grenze, eine Grenze, die für einen jungen Menschen eigentlich unmöglich erreicht werden kann, solange die Anzahl der Kerzen auf der Geburtstagstorte noch unterhalb der Zahlen Zwölf oder Dreizehn liegt. Alles darüber hinaus ist in diesem Alter eine Art Nimmerland – unerreichbar. Man denkt nicht über Kommendes nach, denn das gegenwärtige, noch taufrische Leben bietet selbst so schier unglaublich viel zu entdecken, dass kaum Zeit für Ausflüge in eine Zukunft der Veränderung bleibt, die man so oder so nicht wahrhaben will.

Wie dem auch sei, ich besuchte die sechste Klasse, und nun sollte ich an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass in meiner Brandenburger Heimat die Grundschule eben bis zu jener sechsten Klasse besucht werden muss. Eine Regelung, die, wie ich finde, durchaus sinnvoll ist, doch das möchte ich an dieser Stelle nicht näher ausführen. Mai, Juni, das bedeutete mitunter wirklich elend heiße Tage. Tage, die ein schlecht isoliertes Uraltschulgebäude wie das unsere schnell in einen Kochtopf verwandeln konnten. Und so saßen an jenem Tag, von dem ich berichten möchte, achtzehn oder neunzehn junge Garnelen in diesem Kochtopf fest, brodelten in einer unangenehm riechenden Suppe vor sich hin und färbten sich unter der zunehmenden Hitze allmählich rot.

Eine dieser Garnelen war ich. Letzte Sitzreihe, linke Seite. Es war die Fensterseite, was ich nutzte, um ab und an den Blick ins Freie schweifen zu lassen, die Zeit tot zu schlagen. Denn es war Freitag, und dieser Tag endete mit einer berüchtigten Doppelstunde Englischunterricht. Englisch, das bedeutete langweiliges Fließbandlernen, geprägt durch ewiges Abspielen und Zurückspulen einer abgenutzten Hörspiekassette. Lesson five. Listen and repeat. Englisch, das bedeutete geheuchelte Aufmerksamkeit, um nicht von Frau Tasche ermahnt, vorgeführt und nach seinem Nichtwissen benotet zu werden.

Und, oh, Frau Tasche wusste fürwahr, wie der langweiligste und unbequemste Unterricht der Welt auszusehen hatte. Sie hatte ihn erfunden, da war ich mir damals sicher. Langeweile und Genörgel bildeten ihre Königsdisziplin. Stets olympisches Gold für Frau Tasche. Das lag sicher daran, dass diese Frau mit sich selbst nie so ganz im reinen war, eine Tatsache, die sie ihre Schüler nur allzu gern spüren ließ. Ein draufgängerischer Klassenkamerad änderte ihren Namen in seinem jugendlichen Leichtsinn einmal zu »Mrs. Bag« ab, worauf er zunächst sichtlich stolz war, bis Mrs. Bag ihm auf ihre mürrische Art recht deutlich klar machte, dass Namen nicht ins Englische übertragen wurden. Mrs. Bag was not amused. Zudem gehörte Mrs. Bag zu jener Sorte von Leuten, die ihren Apfel während der Pause auf eine Art essen, die äußerst aggressionsfördernd ist. Man begegnet solchen Leuten immer wieder, etwa im Studium, und man kann sie tatsächlich nie ausstehen. Langweiliger, unbequemer Unterricht und aggressivitätsförderndes Apfelessen gehen Hand in Hand. Eine Lektion fürs Leben.

Von brütender Hitze umgeben und von Mrs. Bags monotonem Organ beschallt, hatte ich an besagtem Tag meinen schwer gewordenen, kochend heißen Kopf auf die aufgestützten Arme gebettet. Wie gern hätte ich mich umgedreht und die Poster an der Wand betrachtet. Auf einem war die Band TLC abgebildet, deren Mitglieder, oben herum unbekleidet, ihre Brüste nur mit den Händen bedeckten. Ein Anblick, der mich damals zugegebenermaßen ziemlich erregte, was mir allerdings irgendwie unangenehm war. Und so sah ich nur zu diesem Poster auf, wenn ich mich unbeobachtet fühlte. In Mrs. Bags Unterricht jedoch wurde man immer beobachtet, und deswegen war ich eben gezwungen, meine Augen zwischen dem Fensterausblick und der Raumfront pendeln zu lassen. Nach vorn zu schauen war gerade an jenem heißen Tag besonders qualvoll, weil oberhalb der Tafel eine große Uhr hing, deren Zeigern man dabei zusehen konnte, wie sie sich nicht zu bewegen schienen.

Nein, ich war mir nicht nur sicher, dass sie sich überhaupt nicht bewegten, ich hatte sogar den Eindruck, dass sie ein gutes Stück zurückkrochen, wenn ich gerade mal wieder aus dem Fenster sah, um einigen unendlich glücklichen Kindern dabei zusehen zu können, wie sie bereits ihren Heimweg antraten. Bei Mrs. Bag gab es kein vorzeitiges Unterrichtsende, sofern es nicht vom Direktor angeordnet war. Und das war es nicht! Während die Zeit sich also heimlich rückwärts bewegte und mich um meinen freien Nachmittag betrog, ließ ich meine Blicke weiter kreisen, immer darauf bedacht, einigermaßen aufmerksam zu erscheinen, um Mrs. Bags gefürchtetem Tadel zu entgehen.

Auf der Fensterbank lagen zwei Fliegen. Scheißhausfliegen, die ebenso groß wie tot waren. Wie im Krieg gefallene Soldaten hatten sie auf dem Rücken liegend ihre letzte Ruhe gefunden. Die Beinchen zeigten steif nach oben. Was sie wohl dahingerafft hatte? Entweder war es Mrs. Bags launisch geleiertes Dauerfeuer gewesen oder aber sie hatten das Prinzip der Fensterscheibe nicht verstanden. Da Fliegen auch in meinen noch so bunten Vorstellungen keine Ohren besaßen, bevorzugte ich den verlorenen Krieg gegen das Fenster. Hoffnungslos hinter dem Glas gefangen überdauerten sie ihre Zeit in unserem Klassenzimmer und brutzelten zusammen mit uns in der Hitze, mit dem Unterschied, dass die beiden es hinter sich hatten, während wir ewig in diesem Raum sitzen würden. Und dessen war ich mir sicher: Diese Doppelstunde würde niemals enden. Ich würde nie diesen Raum verlassen, nie den freien Nachmittag bei einem kalten Glas Eistee und Cartoons genießen können, denn die verdammte Zeit betrog mich. Sie tat, als würde sie voranschreiten, stand dabei abwechselnd still und trat den Rückweg an, sobald ich ihr keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. Ich war gefangen. Gefangen in der ewig währenden Englischunterrichtshölle der Mrs. Bag. Listen and repeat.

Die Erinnerungen an diese, aus heutiger Sicht, frühen Tage verschwimmen allmählich, verblassen zunehmend wie Farbfotos, die zu lange in der Sonne lagen. Nur dieser eine Tag, diese Doppelstunde ist mir mitsamt aller Zähigkeit im Gedächtnis verblieben. Ich hatte mich an diesem Tag fürchterlich geirrt. Die Zeit stand nämlich weder still, noch lief sie rückwärts. Denn seit diesem Tag sind mittlerweile zwölf Jahre ins Land gezogen. Ebenso viele Lenze, wie ich während dieser Doppelstunde überhaupt auf dem jugendlichen Buckel hatte. Die Zeit scheint im Gegenteil eher einige Gänge hochgeschaltet zu haben. Und sie tut es noch immer. Noch immer betrügt sie mich. Denn schaue ich zur Uhr, scheinen die Zeiger ihren normalen Dienst zu tun, mitunter sogar zu kriechen. Doch wende ich mich ab, setzt die Zeit zum Sprint an, was sie mich, gehässig wie sie ist, auch deutlich spüren lässt. Wenn ich diese Tatsache genauer betrachte, komme ich mir fast wie eine der beiden Fliegen von damals vor, die Mrs. Bags Unterricht nicht überlebt hatten. Wie gern würde ich die große Fensterscheibe durchbrechen, diesen Krieg gegen das undurchdringliche Glas gewinnen und aus dem vorherbestimmten Ablauf entkommen, statt hoffnungslos hinter der Scheibe fest zu sitzen, im Zimmer der Mrs. Bag des Lebens und aussichtslos kämpfend dazu verdammt zu sein, mich eines Tages auf der größten aller Fensterbänke zur Ruhe zu begeben.

8 Kommentare

  1. Linke Sitzreihe am Fenster, ganz hinten, aber: Platz am Gang! Listen and repeat bei 'Käthe E.', die ihren Namen nur allzu gern als 'Kate' hörte, wir sie aber natürlich nicht mit ihrem Vornamen ansprachen. Das war erst der Fall, nachdem sie uns erklärte, unsere Abiklausuren hätten sie unendlich viele Nerven und ein großes Glas Nutella gekostet. Dann war sie auch für uns 'Kate'. So viel zum Thema Namen würden nicht übertragen.

    Dabei fällt mir ein: Kate hieß dieses mürrische rothaarige Mädchen in einem der ersten Green Line Englischbücher in der Schule, anhand dessen Verhalten ich das Wort "terrible" lernte…
    Kategorie: Unnütze Erinnerungen.

    Was wollte ich fragen? Ach ja, wie hat sie denn ihren Apfel gegessen? Und ach, den Rest frag ich jetzt nicht hier… 😉

  2. Kate? Bei mir hießen die Dave, Kevin, Sandra und Liz. Werd ich nie vergessen. Außerdem gab's Merlin und Dr. K. Nickel (der ein Hase war… Fürchterliches Wortspiel!). Das waren aber Cornelsen-Bücher. Na ja, hab's gehasst. Vor allem die leiernden Lieder auf den Kassetten. Urgs!

    Nach dem Apfel haben schon mehrere Leute gefragt. Kennst du Suppenschlürfer? Dann stell dir das mit einem Apfel vor. Der wird so genüsslich gegen den Mund gepresst, dass die essende Person während des Saugens am Fruchtfleisch völlig abwesend und nicht mehr ansprechbar ist. Das regt mich schon ein bisschen auf. So ganz dezent. 😉

  3. Japp. I'm Dave King. I'm from London. Oder so. Sein Kumpel Kevin war aus Dover. Und dennoch alle in der gleichen Schule. Dumb.

    Lemon Tree war übrigens tatsächlich genau diese Zeit. Verbinde es auch direkt damit. Man ist da so konditioniert, nicht wahr?

  4. Wie schändlich! In einen echten Englischunterricht der mittigen Neunziger gehört Lemon Tree. Meine Lehrerin mochte das Lied übrigens auch nicht, weil der Sänger Lemon als "Lämmen" und nicht als "Limmen" sprach. Nun ja, man kann sich eben über alles ärgern.

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