Freitags wird’s prosaisch.

So da, heute ist nun tatsächlich Freitag. Für alle. Nicht nur für daheim gebliebene. Aber dennoch gibt’s nicht schon wieder Musik. Ist schließlich kein Plattenladen hier. Aber ich hab da mal was anderes vorbereitet. Kleine Kurzgeschichte quasi. Oder für alle, die’s mit der Definition dieser Textform allzu genau nehmen, ein Dreihundert-Gramm-Stück geräucherte Kurzprosa. Bitte sehr, der Herr / die Dame.

Von hier oben betrachtet

Guten Tag. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Erzähler. Genau genommen bin ich ein beobachtender Erzähler. Haben Sie es gemütlich daheim? Bereiten Sie sich doch einen Kaffee zu. Einen Tee, falls Sie den bevorzugen oder zu viel Koffein Ihrem Magen nicht allzu gut tut. Wenn Sie dann soweit sind, möchte ich gern ein wenig Ihrer wertvollen Zeit beanspruchen. Nicht viel, das verspreche ich hoch und heilig. Zeit ist schließlich Geld, und Geld kann ich Ihnen leider keines zum Ausgleich überlassen.

Was ich allerdings tun kann, ist, Sie mit auf eine kleine Reise zu nehmen. Eine Reise, die mitten durch Ihre Stadt führt. Falls Sie in einem Dorf leben oder in einer Stadt, die so klein ist, dass eine Reise kaum lohnt, weil Sie bereits vom Fenster des Esszimmers aus jeden Winkel überblicken können (und das aus Langeweile vielleicht sogar viel zu oft tun), stellen Sie sich einfach vor, Sie würden in der nächst größeren Stadt wohnen. So einfach ist das. Und schon kann unser Ausflug starten.

Natürlich nehmen wir kein gewöhnliches Verkehrsmittel. Ich sagte doch, ich bin Beobachter, bin Erzähler. Lassen Sie uns doch durch die Augen eines Vogels blicken. Vögel haben eine herrliche Aussicht. Mögen Sie Vögel? Wie wäre es mit einer Taube? Ja, ich weiß. Ich mag die Biester genauso wenig wie Sie, aber Tauben kommen nun mal herum. Oh, sehen Sie nur, hier fliegt gerade eine vorbei, eine ziemlich dicke sogar. Ist wohl auf der Suche nach noch mehr Futter. Oder einfach nach einem Platz, den sie herzlich vollscheißen kann.

Der Wind steht günstig, und so segeln wir mühelos durch die Straßenschluchten. Ich hoffe, Sie haben keine Höhenangst, denn es sind schon einige Meter bis zum Boden. Links und rechts von uns flankieren klotzige Betonbauten, von der Stadtverwaltung mit geschmacklosen Pastellfarben aufgehübscht, die Straße auf, die wir hinabschauen. Nachmittäglicher Feierabendverkehr braust dicht gedrängt direkt unter uns vorbei. Offenbar kann es mal wieder niemand erwarten, schnell genug nach Hause zu kommen. Unserem Gastvogel ist all die Hektik sichtlich egal, und so lässt er genüsslich eine Bombe auf einen herankommenden, weißen Kleinwagen fallen. Vielleicht trifft er die Frontscheibe. Den Fahrer wird es sicher freuen. Und auch uns sei ein wenig Schadenfreude gegönnt, nicht wahr?

Achtung, wir setzen augenblicklich zum Sturzflug an. Krallen Sie sich gut fest, zähmen Sie Ihren Magen und entschuldigen Sie die Turbulenzen. Doch die Taube unserer Wahl hat soeben leider eine Tankstelle ausgemacht. Ein kleiner Junge, nennen wir ihn spontan Timmy, einfach, weil das ein so witziger und netter Name ist, hat sein Eis fallen gelassen. Er plärrt nun, als hätte jemand Luftalarm ausgerufen, und in gewisser Weise stimmt das sogar. Denn wir nehmen vage wahr, dass auch die Kollegen unserer viel zu fetten Flugmaschine den unverhofften Snack ausgemacht haben. Jetzt heißt es Beeilung, denn dann ist bestimmt ein extra großes Stück der köstlichen Waffel drin. Und klein Timmy verpasst unsere Lieblingstaube auf dem Weiterflug für sein nervtötendes Gejammer ganz bestimmt auch noch ein paar farbliche Akzente. Mit ein wenig Glück erwischt sie sogar Timmys Mutter, die soeben wild fluchend herbeipoltert. Das wäre ein Fest.

Her mit der Waffel. Kräftig ziehen, bis- Oh, Timmy rückt mit vor Wut hochrotem Gesicht heran, um uns mitsamt der mittlerweile ebenfalls eingetroffenen Taubenbande zu verjagen. Der kleine Wicht mag harmlos sein, doch das weiß unsere Taube selbstverständlich nicht, so wie sie nicht weiß, dass Autos keine Toilette sind. Aber Timmy hier, der ist eine vorzügliche. Zack, Treffer und versenkt. Da schwillt das Geschrei gleich zusätzlich an, und derweil wir uns mit unserem aufgeschreckten Sturzkampfbomber wieder in die Lüfte erheben, brüllt der unglückliche, weil angeschissene, Timmy, was das Zeug hält. Wahrscheinlich sehr zum Leidwesen seiner Mutter, aber da können wir nur spekulieren, denn wir sind längst an der nächsten Kreuzung links abgebogen.

Wann wir endlich da sind? Keine Sorge, unsere kleine Tour soll hier ein Ende finden. Lassen Sie mich schnell einen Rundumblick werfen. Ah, die Regenrinne an diesem hässlichen, mintgrün gestrichenen Gebäude bietet eine hervorragende Aussicht. Und unsere Taube landet, brav wie sie ist, auch prompt genau hier. Die kleine Sitzpause nach dem stampfenden Timmy hat sie sich auch redlich verdient.

Schauen Sie mal nach unten auf die Straße. Lassen Sie den Blick ein wenig nach oben schweifen und machen Sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite Halt. Dort nähert sich ein Mann mit einer großen Tüte unter dem Arm. Er trägt den feinen Zwirn, da er gerade aus dem Büro kommt. Das wissen Sie natürlich nicht sicher, doch ich weiß es. Und als beobachtender Erzähler will ich Ihnen mein Mehrwissen ausnahmsweise auf diese unkonventionelle Art mitteilen. Dieser Mann, nennen wir ihn doch gerade Schneider, das klingt so selbstverständlich, und niemand wird sich persönlich angesprochen fühlen, ist auf dem Weg nach Hause, wo seine Frau gerade in diesem Augenblick bereits erste Vorbereitungen für das morgige Mittagessen trifft, zu dem die Verwandtschaft eingeladen ist. In der Tüte, die Herr Schneider mit sich trägt, fänden wir übrigens, würden wir hineinschauen, ein hastig nach Feierabend gekauftes Geburtstagsgeschenk für seine Tochter. Heute Abend möchte Herr Schneider mit der Familie dem McDonald’s-Restaurant in der Gegend einen Besuch abstatten. War nicht seine Idee. Seine kleine Tochter hat sich das für ihren Geburtstag gewünscht. Kinder mögen diesen Fraß, wie wir wissen. Nun denn, lassen wir Herrn Schneider für einen Moment allein, damit er eilig die Straße überqueren kann, um den Bus zu bekommen, der gerade eben an der Haltestelle eingetroffen ist.

Wir derweil lassen den Blick ein gutes Stück nach rechts schweifen, zurück zur Kreuzung, von der wir eben gerade mit Hilfe des Taubenexpress gekommen sind. Im allgemeinen Stadtlärm nehmen wir akustisch nicht allzu viel wahr, doch können wir von hier oben ziemlich prächtig sehen. Und was wir plötzlich sehen, jagt uns spontan einen gehörigen Schreck ein: Ein silberfarbener Mercedes zischt fast ungebremst durch die Kurve, genau in unsere Straße hinein, ganz, als wäre der Teufel hinter ihm her (was er vielleicht auch sein mag). Die Scheiben des Autos reflektieren die Umgebung, und so können wir nicht erkennen, wer am Steuer sitzt. Doch das ist eigentlich auch gar nicht wichtig.

Denn es dauert nur wenige Sekunden und peng, kracht der Mercedes in niemand Geringeren als unseren Herrn Schneider hinein. Wie in Zeitlupe können wir ziemlich genau erkennen, wie Herr Schneider über das Auto hinwegfliegt, als hätte ihm jemand den Tritt des Jahrhunderts verpasst. Jedoch nur ein Teil von ihm, denn eines seiner Beine fliegt in die entgegengesetzte Richtung, während das andere steil in Richtung Himmel aufzusteigen scheint, als wäre es eine Silvesterrakete. Dann, nur einen Wimpernschlag später, kracht das, was von Herrn Scheider übrig ist, auf der Straße auf wie ein Sack Zement. Der arme Mann bewegt sich nicht. Blut läuft aus seinem Körper, als hätte jemand einen Hahn aufgedreht, verteilt sich über die Straße, bis Herr Schneider inmitten einer dunkelroten Pfütze auf dem Asphalt liegt, und beginnt bereits, im Rinnstein zu versickern.

Keine Chance, ganz egal, wie schnell und ausgeschlafen die Rettungsmannschaft sein mag. Herr Schneider ist bereits tot.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich Ihnen nicht gleich gesagt habe, dass ich Ihnen etwas so Schreckliches zeigen möchte. Dazu kann ich nur sagen, dass Sie mir dann womöglich gar nicht erst gefolgt wären, oder? Ein wenig gemein von mir, ich weiß. Vielleicht fragen Sie sich aber auch, und das hoffe ich eigentlich, warum ich Ihnen das hier überhaupt zeigen wollte und weshalb das jetzt passieren musste. Was muss Herr Schneider verbrochen haben, dass ihm so etwas zustoßen muss? Das kann ich Ihnen sagen: gar nichts. Dieser Mann hätte weder große Seuchen über den Erdball verbreitet, noch hätte er den dritten Weltkrieg ausgelöst.

Gehören Sie zu der Sorte von Leuten, die glauben, für jeden von uns gäbe es einen Plan? Was war dann seiner? Mit einem silberfarbenen Mercedes zu kollidieren und sich in Einzelteilen über die Straße zu verteilen? Klingt nicht ganz zu Ende gedacht. Nein, es bringt nichts, sich Gedanken über das Warum zu machen oder nach einer Erklärung zu suchen. Es hat auch keinen Sinn, auf große Pläne und Vorherbestimmung zu bauen, denn das macht uns nur leichtfertig. Also tun Sie mir den Gefallen und verschonen Sie Ihresgleichen und auch sich selbst mit solchem Geschwafel. Lassen Sie den Deckel auf dem verdammten Fass ohne Boden. Dinge geschehen einfach. Herr Schneider zum Beispiel hatte, wenn man es zynisch ausdrücken möchte, einfach ein hundsmiserables Timing. Oder der Fahrer des Autos. Das ist natürlich eine Sache des Blickwinkels.

Ich möchte Sie nicht mit der Moralkeule erschlagen, und ich möchte Ihnen ebenso wenig das Gemüt verderben, Ihnen das Gefühl von Sicherheit nehmen oder Sie anderweitig in Unwohlsein versetzen. Sie sollen sich nicht von jetzt an in Ihren Pantoffeln elend fühlen, gewiss nicht. Ich möchte nur, dass Sie immer bei der Sache sind, dass Sie den Tag nutzen. Es gibt, wie wir eben erlebt haben, nicht immer die Möglichkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Manchmal besteht das Schicksal nun mal leider aus silberlackiertem Stahl, der uns mit unverschämt vielen Pferdestärken unerwartet erwischt. Wir sind allein auf dieser Welt, sind lediglich unter uns. Niemand ist da, der auf uns achtet, unsere Fäden spinnt und sie fairerweise erst beizeiten abschneidet. Doch ist diese Welt unsere, so lange wir auf ihr wandeln dürfen, und es liegt an uns, eine gute Zeit zu haben und bei alledem darauf zu achten, dass wir unsere Mitmenschen schätzen. Hätte Mister Mercedes etwa ein wenig mehr Acht gegeben, so müsste heute nicht jemand den miesesten Geburtstag seines Lebens verbringen. Verstehen Sie, was ich meine? Denken Sie ein wenig darüber nach. Aber nicht zu lange, denn draußen scheint vielleicht die Sonne. Gehen Sie raus und genießen Sie das schöne Wetter. Kaufen Sie sich ein Eis, falls Sie welches mögen.

Ach ja, da war noch unsere Taube, nicht wahr? Nun, Vögel mögen nicht die dümmsten Tiere des Planeten sein, doch sind sie auch nicht die klügsten, und so hat unser dicker Vogel weder verstanden, was gerade vorgefallen ist, noch interessiert es ihn sonderlich. Er stellt nur fest, dass es eigentlich mal wieder Zeit wäre, was zwischen die Rippen zu bekommen. Und so hebt er ab und segelt einmal mehr durch die Straßen, während hinter ihm der Radau jetzt erst so richtig losbricht. Für einen Moment noch wollen wir die Aussicht zu genießen versuchen, bevor wir uns von unserem gefiederten Freund lösen und ihn seines Weges ziehen lassen.

Hier endet unsere kleine Rundreise. Ich hoffe, Sie hatten trotz meines kleinen Überfalls auf Ihren gesunden Menschenverstand ein wenig Spaß. Sollte Ihnen dieser Rundflug nicht gefallen haben, denken Sie noch einmal an den kleinen Timmy. Seine Mutter ist gerade dabei, dem noch immer plärrenden Bengel die Vogelscheiße von der Jacke zu wischen. Na, ist das nichts? Mit diesen Worten möchte ich mich verabschieden. Ich hoffe, Sie besuchen mich mal wieder. Und beim nächsten Mal schauen wir uns nettere Dinge an. Versprochen.

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