Tage wie dieser. Ein, hm, Repost, okay.

Ich weiß, Reposts sind doof. Ein bisschen doof wenigstens. Wie ständige Wiederholung im Fernsehprogramm oder sich wiederholende Reklametafeln auf der Autobahn. Oder immer die gleichen Radioansagen. Oder oder oder. Allerdings hab ich das folgende Gruselgeschichtchen [Achtung, Text!] akribisch und, klar, auch liebevoll überarbeitet, mit, öhm, sagen wir, bestem Wissen. Oder so.

Tage wie dieser

Dieser Tag hatte beileibe schon schlecht begonnen. Ja wirklich, ich wünschte, ich wäre heute gar nicht erst aus dem Bett gekrochen. Kaum hatte ich mich und meinen schweren Rückstand von einem Vorabendkater gegen acht von der Matratze zur Kaffeemaschine gehievt und sie in Gang gesetzt, da geschah auch schon das erste Malheur: Mit einem müden blinzelnden, wahrscheinlich noch immer rot unterlaufenen Auge sah ich gequält dabei zu, wie das Kaffeewasser in die Kanne lief und stellte fest: Ich hatte die extrem entkoffeinierte Mischung erwischt, ganz einfach, indem ich vergessen hatte, den gemahlenen Kaffee in die Maschine zu tun.

Kann passieren, was soll‘s also, dachte ich und startete das ganze Prozedere noch einmal: neuer Filter, frisches Wasser in die Maschine, Kaffee hinzu und- Hoppla, plötzlich bahnte ein dicker Klumpen Kaffeepulver sich seinen Weg aus der Dose, um sich rücksichtslos über den Tisch zu verteilen. Super!

Aber ach, Zeit zum Ärgern blieb nicht, schließlich musste ich mich doch beeilen. Die Arbeit wartete, und ich war eigentlich schon fast zu spät dran. Während der Kaffee also gemächlich in die Kanne rieselte, betrieb ich die obligatorische Katzenwäsche, zog ich mich hektisch an und eilte anschließend zombiegleich mit der leeren Tasse zurück zur Maschine.

Mit dem gefüllten Becher machte ich mich auf ins Wohnzimmer, um die benötigten Unterlagen für den Arbeitstag holen – dachte ich mir. Denn mein Plan wurde jäh durch eine Kollision mit der massiven Küchentür durchkreuzt, die ich scheinbar beim eiligen Eintreten geschlossen haben musste. Damit verteilten sich sowohl mein Kaffee als auch die Tasse sorgfältig über den Fußboden.

Doch will ich hier keine wissenschaftliche Abhandlung über die falsche Anwendung einer Kaffeemaschine plus Zubehör liefern, sondern Ihnen lediglich ans Herz legen, dass Sie an einem Morgen, der so schief geht, wirklich nicht das Haus verlassen sollten. Einen solchen Rat hätte ich mir heute sehr gewünscht, denn das dicke Ende sollte erst noch kommen.

Es kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass ich gegen neun Uhr in die U-Bahn gestiegen bin. Wie bereits jeden Morgen der Vorwoche zog ich mein zerlesenes Shining Paperback aus der Aktentasch. Kaum zu glauben, seit diesem Moment ist noch längst kein Tag ins Land gezogen.

Der Ärger über die private Kaffeekrise und meine morgendliche Müdigkeit waren gerade dabei, zu verfliegen, während meine Augen hektisch das Kapitel verfolgten, in dem Jack seinen Sohn Danny mit dem Hammer frisieren wollte. In genau diesem Augenblick geschah es: Meine Nase prallte auf eine Wand von unerträglichem Schweißgeruch. Es war ein Gestank, der weit über das übliche, penetrant unangenehme Aroma hinausging, bei dem man unbemerkt von Nasen- auf Mundatmung umschaltet. Nein, dies hier war wirklich unbeschreiblich widerwärtig.

Während eines realen Anflugs von Atemnot rang ich automatisch nach nicht vorhandener Frischluft und zog den Gestank dabei unfreiwillig tief in meine Lungen – was einen sofortigen Brechreiz auslöste. Ich konnte es gerade vermeiden, auf den Boden vor mir zu erbrechen.

Die Welle des Gestanks war so rasch über mich hereingebrochen, dass mir noch nicht einmal Zeit geblieben war, von meinem Buch aufzuschauen. Das tat ich erst jetzt, und was ich sah, ließ meine Kinnlade ziemlich sicher nach unten klappen.

Was da gerade an der letzten Station die U-Bahn betreten hatte, war mit Abstand die dickste Frau, die mir in meinem ganzen Leben begegnet war. Ich hätte sogar dagegen gewettet, dass Menschen, die so unvorstellbar dick sind, sich überhaupt noch bewegen können.

Und wie um das zu bestätigen, sahen ihre schleppenden Bewegungen auch tatsächlich nach Schwerstarbeit aus. Es wirkte eher, als würde sie sich innerlich an ihren eigenen Massen vorbeidrängen, um den überholten Teil ihres Körpers mit aller Kraft und Schwung wieder nach vorn zu werfen. Dieser wabernde Bewegungsablauf wirkte geradezu hypnotisierend auf mich, und so bemerkte ich erst, als es zu spät war, dass die groteske Gestalt direkt auf mich zu wankte.

Vielleicht hätten ein oder zwei Sekunden genügt, um noch rechtzeitig aufzustehen, nun jedoch hätte es regelrecht nach Flucht ausgesehen. Eigentlich sollte man denken, ein Mensch diesen Ausmaßes und mit einem solchen Gestank dürfte Grund genug sein, um dennoch das Weite zu suchen, auch wenn diese Reaktion noch so unhöflich wirken mag.

Doch dieser Gedanke hatte keine Chance, sich in einem Kopf zu manifestieren, der sich am selben Morgen von einer Kaffeemaschine verspotten ließ. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Riesenfrau nahm Platz – direkt auf dem, mir rechts gegenüber liegenden, Sitz. Mein Bewegungsraum war nun ziemlich eingeschränkt und ich hätte sie bitten müssen, noch einmal aufzustehen, wenn ich nun doch die Absicht gehabt hätte, zu gehen.

Das machte mir die Angelegenheit noch unangenehmer, und so beschloss ich, die Enge und den in der Nase brennenden Körpergeruch dieser Frau bis zu meiner Haltestelle kurzatmig zu ertragen. Mich wieder dem vor Jack flüchtenden Danny zuzuwenden, könnte mich ein wenig ablenken, dachte ich und versuchte, mich energisch auf das Buch zu konzentrieren.

Doch meine Nase war stärker, und hinzu kam, dass nun schon die nächste Katastrophe auf mich zurollte. In den zermürbenden Schweißgeruch mischte sich plötzlich das Aroma von Fisch. Von altem Fisch. Ich hatte beileibe schon schlimmen Mundgeruch erlebt, aber das hier war ganz klar ein völlig anderes Ausmaß.

Langsam blickte ich auf und sah, dass die Frau noch nicht einmal in meine Richtung atmete! Und was ich außerdem sah, ließ meinen Blick nun auf ihr verharren: Ihr Kopf war dermaßen in umgebendes Fett eingesunken, dass dieser aussah, als trüge sie auf ihrem unsichtbaren Hals einen Wassersack mit aufgeklebtem Gesicht.

Wie konnte ein solcher Mensch überhaupt noch am Leben sein, dachte ich. Ich war wie besessen von diesem fürchterlichen Anblick, so dass ich nicht realisierte, dass die Frau dabei war, ihren Kopf in meine Richtung zu drehen.

Und dann war es auch schon passiert: Ihr Blick traf auf meinen. Erschrocken und ein wenig peinlich berührt vergrub ich mich sofort wieder in mein Buch. Doch doch diese Frau hatte offenbar bemerkt, dass ich sie förmlich angeglotzt hatte. Denn sie blieb unnachgiebig, indem sie mich nun penetrant anstarrte. Das konnte ich am Rand meines Blickfeldes gerade noch erkennen.

Jetzt war sie die, die glotzte, als wäre ich eine seltsame Tierart. Und sie hatte wohl beschlossen, ihren starrenden Blick nicht mehr von mir nehmen zu wollen.

Ich entschied, für den Rest der Fahrt einfach aus dem Fenster zu schauen. Zwar befanden wir uns zwar in einem U-Bahn-Tunnel, in dem es bekanntlich wenig zu sehen gibt, doch ich war der Hoffnung, dass sie irgendwann ihren bohrenden Blick abwenden würde, wenn ich doch nur lang genug Desinteresse an ihr heuchelte.

Ich musste mich ziemlich konzentrieren, während mich die Schwaden aus Schweiß und vergammeltem Fisch weiterhin gnadenlos umwehten. Für eine Weile sah es so aus, als könnte das klappen, und ich war mir sicher, dass diese Verrückte sich gleich endlich wegdrehen würde, wenn sie es nicht sogar schon getan hatte.

Plötzlich spürte ich etwas Weiches an meinem Bein. Ganz sanft hatte dieses Etwas begonnen, sich gegen mich zu pressen und schmiegte sich nun sanft näher und näher an meinen Körper.

Das konnte, verdammt noch mal, nicht wahr sein, dachte ich. Jetzt rückte mir diese unerträgliche Person auch noch auf den Leib. Ich beschloss, an der nächsten Station auszusteigen und auf die nächste U-Bahn zu warten. Zwar würde ich zu spät zu meinem Meeting kommen, doch diese Tatsache interessierte mich im Augenblick am allerwenigsten.

Ich setzte einen nicht ganz gespielten, entnervten Blick auf, wendete mich der Frau wieder zu und wollte gerade den Mund öffnen, um sie zu bitten, mich herauszulassen, da traf mich der Schlag. Sämtliche Worte blieben mir unausgesprochen im Hals stecken.

Ich wusste zuerst nicht, ob es daran lag, dass der Sauerstoff um mich herum einfach nur knapp geworden war. Vielleicht war ich auch schlicht so benommen vom Anblick dieser unheimlichen Person, dass sich Halluzinationen unbemerkt in meinen Kopf geschlichen hatten, doch bildete ich mir ein, dass diese Frau inzwischen noch dicker geworden war.

Natürlich war das unmöglich. Wahrscheinlich hatte mich einfach eine Art Panikreaktion befallen, dachte ich, denn ich fühlte mich mehr als unbehaglich. Das Schlimmste war, dass diese fette Frau mich noch immer durch ihre Maske von einem Gesicht anglotzte, als wäre ich ein fremdes Wesen von Altair-IV oder sonst wo.

Der Anblick, der Gestank, all das war einfach zu viel für mein Gemüt. Ich öffnete meine Tasche, um das Buch hineinzustopfen und anschließend sofort das Weite zu suchen. Doch waren meine Hände mittlerweile ein wenig zittrig geworden und so tat es das Buch der Kaffeetasse von heute Morgen nach und fiel zu Boden.

Ich beugte mich hinab, griff es und stellte dabei fest, dass der Gestank hier unten noch übler war. Das Atmen fiel mir augenblicklich noch schwerer. Also sah ich zu, dass ich mich wieder erhob.

Und sofort stockte mir erneut der Atem. Ich hatte mich nicht geirrt, denn diese Frau WAR dicker geworden. Sie sah nun eigentlich kaum mehr wie ein Mensch aus. Die zum Bersten gespannte Kleidung an ihrem Körper gab mir Recht. Dieses Ding war fetter geworden, während ich weggesehen hatte.

Das ist ein Traum, schoss es mir blitzartig durch den Kopf, und doch wusste ich, dass dies hier keiner war, denn Träume stinken nicht.

Panisch rieb ich über die Augen, kniff sie einige Male zusammen und hörte plötzlich ein reißendes Geräusch. Natürlich ahnte ich, was passiert sein musste, und doch blickte ich noch einmal zu dem Ding hinüber, das soeben noch eine viel zu dicke Frau gewesen war.

Meine vage Hoffnung auf Besserung der Situation verflog augenblicklich, denn dieses Etwas hatte die wenigen Sekunden, in denen ich meine Augen geschlossen hatte, genutzt, um noch einmal kräftig zuzulegen. Seine Arme und Beine waren nur noch zu erahnen – und natürlich war die Kleidung des Dings komplett zerrissen.

Durch die entstandenen Risse waren schiere Massen von Fett zu erkennen, die sich mit dem Holpern der U-Bahn zu bewegen schienen, als wäre dieses Monstrum ein wandelndes Wasserbett.

Und immer dann, wenn man meint, schlimmer könnte es eigentlich nicht mehr kommen, saust der Hammer der Erkenntnis schmerzlich herab: Die Bahn ruckte einige Male, dann setzte mehrfaches Bremsen ein, und die U-Bahn kam zu Stehen – mitten im Tunnel. Verdammt!

Nun saß ich also hier, gegenüber von dem Ding, das jetzt gewiss keine Frau mehr war. Ungeduldig wartete ich auf eine Ansage des Zugführers. Sekunden schienen sich zu Minuten zu dehnen, Minuten zu Stunden.

Das Ding glotzte mich noch immer durch sein emotionsloses, fratzenhaftes Gesicht an. Es war ein fühlbar stechender Blick, und ich wusste, dass ich ihm nicht lange standhalten konnte. Ich wollte etwas sagen und brachte es doch nicht fertig, denn ich war mir doch inzwischen ziemlich sicher, dass dies hier keinesfalls ein Mensch sein konnte. Was es war, wusste ich jedoch auch nicht.

Die bohrenden Augen des Dings schienen förmlich in mich eindringen zu wollen, was ich kaum zu ertragen vermochte. Und so machte ich noch einmal den Fehler und wendete meinen Blick ab. Es war keine Absicht, sondern geschah wie von selbst; als eine Art Schutzreaktion, die ich schnell wieder revidieren wollte.

Doch es war zu spät, und so musste ich erblicken, was ich erwartet hatte, als ich das Ding wieder ansah. Es war noch einmal in alle Richtungen gewachsen. Ein Teil davon lag jetzt fast auf meinem Schoß, die übrigen Massen füllten den Gang des Waggons fast vollständig aus.

Und noch immer glotzten diese Augen mich an, während ich versuchte, dem Blick möglichst lange stand zu halten. Ich hatte Angst, es würde weiterhin wachsen, wenn ich wegsah.

Und irgendwann musste diese Bahn auch schließlich weiterfahren. Spätestens an der nächsten Station würde ich über den Rücksitz flüchten und laufen, was meine Beine hergaben.

Ich war noch dabei, meine Fluchtpläne im Kopf durchzugehen, da begann der Mund des Dings, sich vor meinen aufmerksamen Augen langsam zu verziehen. Es lächelte! Nein, es grinste! Es grinste mich an, und selbst durch all die entstellenden Fettmassen war zu erkennen, dass dies ein höhnisches Grinsen war.

All das ist vor nicht einmal drei Stunden geschehen. Die U-Bahn steckt noch immer im Tunnel. Ich habe bereits mehrfach um Hilfe geschrien, doch seltsamerweise ist niemand außer mir in dem verdammten Abteil. Auch der Zugführer hat bisher nichts von sich hören lassen, und so weiß ich noch immer nicht, warum wir hier mitten im Tunnel feststecken.

Vor einigen Minuten wurde ich noch einmal schwach sah weg. Seitdem drückt ein guter Teil der Massen dieses Monstrums alles andere als angenehm auf meinen Schoß. Eine Flucht über die Rückbank ist deswegen mittlerweile unmöglich.

Schweißperlen stehen auf der Stirn.

Das Ding redet nicht, grinst immer nur mit seinem grotesk verzogenen Maul auf mich herab. Was passiert, wenn ich noch häufiger wegsehe? Ich nehme an, es wird mich einfach zerdrücken, mich überrollen, als wäre es ein Panzer.

Und das kann nur noch eine Frage der Zeit sein, sofern nicht noch ein Wunder geschieht: Denn meine Augen brennen sehr, da ich mir nicht einmal mehr ein Blinzeln erlaube.

Ab und an denke ich noch, ich hätte heute wirklich im Bett bleiben sollen. Die Zeit kriecht förmlich dahin, und mein Kaffeeunglück scheint Jahrhunderte zurückzuliegen.
Kann es noch schlimmer kommen? Ja, das kann es scheinbar. Gerade jetzt hat das Ding begonnen, mit einer gigantischen Zunge über seine wulstigen Lippen zu lecken.

Es hat Hunger.

5 Kommentare

  1. @Mary: Ach soooo, das Bild meinst du! Das, öhm, hat Google mir geschenkt. Ahem. Ja. Wusste ich gar nicht. Danke schön für die Info. 🙂

    @Ugla: Ja, so etwas gibt es bei uns. Hab die Frau letztens wieder in der Bahn gesehen. Uh! Aber sie hat noch nicht versucht, mich zu essen.

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