Mal wieder lange Gedankengänge.

Eigentlich hab ich’s ja schon lange nicht mehr gemacht. Was? Nein, nicht das. Ich meine, ich hab schon lange keine exorbitant langen Texte mehr gepostet. Wird mal wieder Zeit. Inspiriert von der lieben LadyLy, die der, ich nenne sie mal »Kunstfigur« des PhanThomas eine kleine Textreihe gewidmet hat, die [hier] und [dann hier] gelesen werden kann, gibt’s von mir eine kleine, feine Fortsetzung. Weil Sonntag ist und ich morgen frei habe. Und so.

Das Reich hinter dem Glas (2)

»Die gläsernen Gräser, hach ja. Klingt toll, was? Da bist du ja geradewegs ins Reich meiner Fantasie abgedriftet. Es muss ein heftiger Sturm gewesen sein«, sagt er mit verschmitztem Lächeln und nippt an seiner Kaffeetasse. Dann scheint er sich daran zu erinnern, was sie gerade gesagt hat und fragt: »Aber sag doch, warum warst du überhaupt zu so später Stunde auf dem Weg zu deiner Lichtung? Sorgt dich etwas? Muss ich mir Sorgen um dich machen?«

Sie lässt ein liebevolles Lachen erklingen und winkt ab. »Ach, was. Du weißt doch, dass ich alt genug bin. Niemand muss sich Sorgen um mich machen«, sagt sie im gespielt mauligen Tonfall. »Ich wollte nur ein wenig abschalten. Die Ruhe genießen und den Enten zuschauen. Vielleicht auch dem großen Reiher, der so hypnotisch auf- und abstakst – wenn er denn überhaupt dort sein sollte. Ich wollte einfach dem Sturm in meinem Leben für einige Stunden die Tür vor der Nase zuschlagen.« Dann lacht sie plötzlich. »Ich konnte ja nicht ahnen«, sagt sie, »dass auch hier ein Sturm tobt. Ich frage mich, wo er herkommen mag.«

Er rührt mit dem Löffel in seinem niemals erkaltenden Kaffee und wirft ihr einen unschuldigen Blick zu. Dann kann er sich das Grinsen nicht mehr verkneifen. »Nun gut, ich war es. Ich geb‘s zu. Ich sah dich durch meine kunstvollen Wälder kommen und dachte, dass ich eigentlich ein wenig Gesellschaft brauchen könnte. Ich schätze die Ruhe hier, aber die lässt sich doch auch zu zweit genießen. Und na ja, ich würde den Sturm ja gern stoppen, doch irgendwie ist mir da wohl das Gemüt durchgegangen. Ich schätze, wir müssen warten, bis er von selbst abflaut. Ach, und störe dich nicht an der seltsamen Ausdrucksweise, die wir hier hegen. Hier in meiner Fantasie wird eben so gesprochen.«

»Ach, das stört mich nicht. Ich liebe doch die Sprache, wie du weißt. Aber du hättest doch wenigstens das gläserne Gras hinfortdenken können. Oder hast du deine Manieren vergessen?«, fragt sie und schmollt ein wenig. Mit der linken Hand reibt sie, als wolle sie diesen Tadel betonen, ihren noch leicht schmerzenden Fuß.

»Oh, aber du verstehst nicht«, sagt er und springt auf wie ein Kastenteufel. »Genau DAS ist doch der Sinn. Dieses Gras muss ebenso verletzend sein wie all jenes, was mich einst dazu gebracht hat, die künstlichen Wiesen, die Wälder und dieses hübsche Café zu erschaffen. Doch warte, ich will dir helfen. Auch ohne Tetanusspritze.«

Er zwinkert ihr zu. Dann konzentriert er seinen Blick auf ihren Fuß, und sofort lässt seine Fantasie den Heilungsprozess einsetzen.

»Hihi, das kitzelt ein wenig«, kichert sie und verschüttet dabei einen großen Schluck ihres Kakaos. Als er das sieht, fletscht er für einen kurzen Moment schmerzverzerrt die Zähne. Augenblicklich verschwindet der Fleck, so als wäre er nie da gewesen. Ihre Tasse füllt sich wieder, und alles ist wie zuvor. Sie hat diese Reaktion natürlich sehr wohl mitbekommen.

»Warum lässt du dieses Detail nicht zu?«, fragt sie und schaut ihn ernst an. Er dreht sich weg und läuft ein wenig durch den Raum, während die hölzernen Dielen unter seinen Füßen knarzen. Eigentlich ein Geräusch, das Gemütlichkeit erzeugen sollte, doch hier, in diesem seltsamen Café, klingt es ausgesprochen künstlich, fast schon metallisch. Er geht ans Fenster und schaut hinaus. Es ist nicht das Fenster, durch welches er die Wälder sehen kann. Durch dieses hier kann er einen Blick in die wahre Welt, jene, die außerhalb der Fantasie allein existent ist, werfen. Eine Welt, die er nicht kontrollieren kann, die weniger steril, weniger vollkommen ist.

»Gefällt dir diese Welt dort draußen?«, fragt er mit nachdenklicher Stimme. Die Hände hat er hinter seinem Rücken verschränkt.

»Aber ja. In dieser Welt leben wir doch schließlich. Wie sollte ich in ihr leben, wenn sie mir nicht gefiele?«, antwortet sie ihm. Sie steht ebenfalls auf und geht zu ihm ans Fenster. Die Tasse mit dem Kakao nimmt sie mit.

»Ich hasse sie. Schau sie dir an. Schau dir die Menschen dort draußen nur an. Sie sind von Makeln übersät. Makel, die schmerzen, die so verletzend sein können und es viel zu oft auch sind. Wir tricksen die Evolution aus, spielen Gott, schaffen Leben und nehmen es. Und doch sind wir so hässlich unvollkommen. Wir tun einander weh und machen uns deutlich, dass wir alles andere als gleichberechtigt zusammen leben. Menschen wie ich sind dort draußen sozialdarwinistische Ausschussware.«

Er unterbricht seine Red und atmet tief durch. Er genießt diesen Ausdruck, den er nur allzu gern zitiert und auf sich selbst richtet wie eine geladene Waffe. »Hätten wir die Natur nicht überlistet, ich wäre längst der Auslese zum Opfer gefallen. So sollte es sein, doch so ist es eben nicht, und so muss ich über die Erde wandeln wie ein Untoter, dessen Seele vergessen wurde, während alle anderen ins Paradies eingelassen wurden. Nun ja, und eben deshalb bin ich lieber hier.«

Sie schaut ihn mit traurigen Augen an. Für eine Minute schweigt sie und fragt dann: »Und deshalb ist hier alles so vollkommen? Weil du die Welt dort draußen wegen ihrer fehlenden Perfektion hasst?«

»Es ist fehlende Perfektion, ja. Und damit ein Mangel an Liebe. Wir gehen für unsere Zwecke jederzeit über Leichen. Allzu oft habe ich gespürt, wie Menschen, die ich geliebt habe, achtlos über mich hinweggeschritten oder sogar auf mich getreten sind, als läge ich am Boden wie ein im Krieg gefallener Soldat. Hier drinnen-«

Sie will das Glas des Fensters berühren, das ihr den Blick in die Welt außerhalb seiner Fantasie gewährt. »Nicht!«, sagt er und packt ihre Hand. »Du würdest gefrieren. Dieses Glas ist kälter, als Eis es je sein könnte.«

»Weshalb lässt du das Glas denn so kalt sein?«, fragt sie und bringt ihn damit zum Lachen. Darauf legt sie die Stirn in Falten und schaut ihn Verständnis suchend an.

»Wundere dich nicht«, sagt er. »Ich war das nicht. Also das mit dem Glas. Es ist die Welt, die es kalt werden lässt. Dieses Glas ist unser Schutz hier drinnen. Ginge es zu Bruch, würden wir augenblicklich erstarren. Wir würden den Halt verlieren und zurück in die Realität purzeln, als wären wir nachts im Schlaf aus dem Bett gefallen. Dieses ganze Fantasiegebilde würde zusammenbrechen, es würde gefrieren. Vielleicht auf ewig. Ein Fossil im Raum einer Vorstellung, die für uns unerreichbar wäre.«

Diese Gedanken faszinieren sie, doch sie gefallen ihr nicht. Und so lächelt sie wieder. Sie möchte die Situation etwas auflockern und sagt: »Da gefällt mir meine Lichtung aber doch besser. Vielleicht sollten wir dorthin gehen, wenn der Sturm nachlässt. Wir könnten am See sitzen und den Enten zuschauen.«

Er schweigt einen endlos langen Augenblick. Dann sagt er: »Hm, vielleicht könnten wir das tun. Sobald der Sturm vorbei ist.«

Dann deutet er mit der Hand zum Tisch hinüber und fügt hinzu: »Komm, setzen wir uns wieder.«

Sie gehen zurück zum selben Tisch, an dem sie zuvor bereits Platz genommen hatten. Als hätten sie sich abgesprochen, lassen sie ihre Blicke durch den leer und damit irgendwie ungemütlich wirkenden Raum schweifen. Und dann, so als hätte er eine Frage in ihrem Blick erkannt, unterbricht er die Stille und sagt: »Hier gibt es vielleicht auch nicht viel Wärme, wie du schon bemerkt haben magst. Doch es gibt eben auch keinen Schmerz. Hier ist alles ruhig. Alles perfekt. Bis auf diese Tasse hier.« Und damit deutet er auf die Scharte im Porzellan seiner weißen Kaffeetasse.

»Warum hat diese Tasse einen Riss?«, fragt sie. »Du könntest sie doch bestimmt sofort mit deinen Gedanken reparieren.«

»Ach was«, lacht er. Plötzlich färbt sich die Tasse, nimmt schillernde Farben an. Sie wechselt von gelb auf grün, dann auf blau, auf schwarz und zurück auf weiß. Und auch die Form verändert sich. Hatte sie eben noch die Form eines Zylinders, läuft sie nun nach unten hin schmal zusammen. Dann plötzlich bekommt sie Kanten, wird kastenförmig. Doch egal, welche Erscheinung sie gerade hat, die Scharte im Porzellan bleibt.

»Siehst du das?«, fragt er und lächelt stolz. Er hebt seinen Blick und schaut ihr tief in die Augen. »Egal, was geschieht, sie behält ihre Beschädigung. Ihren eigenen Makel. Diese Tasse ist gewissermaßen ein Bild meiner selbst. Auch ich kann mich verändern, kann an mir arbeiten, mich entwickeln. Doch ganz egal, was ich tue, du wirst mich immer erkennen. Denn die Scharte, die ich mit mir trage, bleibt. Auch ich habe meinen Makel, denn schließlich bin ich dort draußen ein Teil der Welt. Wären wir alle eine solche Tasse, wir alle wären unvollkommen. Alle Tassen hätten Makel. Doch Risse wie diese, nun, die würden nur ganz wenige Tassen haben.«

Ein breites Lächeln legt sich auf sein Gesicht, während die Tasse fortwährend ihre Farben wechselt. Doch sie erkennt keine Wärme in diesem Lächeln. Es wirkt bemüht herzlich auf sie. Es ist kalt. Ja, sie meint, für einen kurzen Moment sogar eine Art Besessenheit darin zu erkennen. Vielleicht eine falsche Selbstverliebtheit? Sie hofft, dass der Sturm bald aufhört, damit sie ihn auf die Lichtung führen kann. Eine kleine Luftveränderung wird ihm gut tun, da ist sie sich sicher.

Ein Poltern ertönt plötzlich irgendwo in einem der Hinterzimmer. Es reißt sie aus der hypnotisierenden Wirkung der, sich noch immer ständig verändernden, Tasse. »Was war das?«, fragt sie und klingt ein wenig erschreckt.

»Das? Ach, das war nur meine Freundin«, sagt er und nimmt einen weiteren, kräftigen Schluck Kaffee aus der schillernden Tasse zu sich.

»Deine WAS? Aber du hast doch gar keine Freundin«, erwidert sie und man könnte meinen, ein riesiges Fragezeichen hätte sich soeben über ihrem Kopf manifestiert.

»Richtig«, sagt er und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Dort draußen in der Kälte mag das tatsächlich so sein, doch hier drinnen gibt es sie, diese Freundin. Hier gibt es alles, was ich haben und sehen möchte. Das weißt du doch.«

Plötzlich legt sich ein erwartungsfrohes Glänzen in den Blick ihrer dunklen Augen. »Wer ist sie? Wie heißt sie?«, fragt sie hastig und schlägt ungeduldig mit der flachen Hand auf den hölzernen Tisch. Das Geräusch, das sie dabei erzeugt, klingt einmal mehr sehr künstlich – so gar nicht nach Holz – doch sie achtet gar nicht darauf.

Er seufzt. Dann lächelt er ihr zu. »Geduld«, sagt er. »Ich rufe sie sofort her.«

Dann dreht er sich nach hinten, legt eine Hand an den Mund, als würde er durch ein Megafon sprechen wollen und ruft: »Schaaaahaaatz! Kommst du bitte?«

Schritte nähern sich, dann tritt eine Gestalt durch eine der schmucklosen, hölzernen Türen in die Gaststube. Der Glanz ihrer Augen scheint in ein Leuchten überzugehen, doch dann erstirbt er plötzlich und wird durch einen Ausdruck des Schreckens ersetzt. »Sie- sie hat ja gar kein Gesicht!«, schreit sie geradezu, und dem sich hysterisch überschlagenden Ton ihrer Stimme haftet eindeutig ein Ekel an.

»Aber natürlich nicht«, sagt er auf eine Art, als hätte er ihr erklärt, dass man Tomaten erst essen könne, wenn sie rot seien.

»Warum?«, fragt sie mit schriller Stimme.

»Hab doch keine Angst. Ich werde es dir erklären«, sagt er. Er legt eine Hand auf ihre, die ein wenig zu zittern scheint. Die gesichtslose Gestalt steht reglos hinter ihm. »Sie gefällt dir wohl nicht, was? Vielleicht sollte ich ein paar Details ergänzen. Wie wäre es mit Blumen im Haar? Hm?«

Tatsächlich taucht eine Blume in dem leicht gelockten, hellen Haar der gesichtslosen Fantasiefrau auf.

»Besser?«, kichert er. »Nun, also mir gefällt sie auch ohne die Blumen. Du wunderst dich noch immer was? Wie erkläre ich es am besten? Hmm. Ah, ich weiß.«

Er beugt sich ein wenig über den Tisch und beginnt: »Nun also, wie könnte sie ein Gesicht haben? Sie hätte Augen, mit denen sie mir vorwurfsvolle Blicke zuwerfen könnte. Eine Nase, die sie rümpfen könnte. Und sie hätte einen Mund, mit dem sie sprechen könnte, mit dem sie über mich urteilen könnte. Und, na ja-«

Plötzlich schaut er beschämt weg. »Was na ja?«, fragt sie mit sanft klingender Stimme.

»Ach, weißt du, es würde doch irgendwie meine Vorstellung von dieser perfekten Frau zerstören, wenn ich plötzlich wüsste, wie sie wirklich ist. Weißt du, wir schreiben uns. Nur so kommunizieren wir. Und so hat sie keine Stimme, die mir nicht gefallen könnte, keine Meinung, die mir nicht zusagen könnte, keine Eigenarten, die ich hassen könnte. Klar, ich werde sie so niemals wirklich kennen lernen, doch hey, sie wird mich niemals enttäuschen können. Ich werde niemals verletzt.«

Wieder legt sich dieses entsetzlich kalte Lächeln auf sein Gesicht. Und nun endlich kann sie es deuten. Er belügt sich. Er belügt sich selbst und ist kurz davor, sich alles zu glauben. Sie schaut zum Fenster, das einen Blick in den künstlichen Wald gewährt. Der Sturm lässt tatsächlich endlich nach. Vielleicht, so denkt sie, wird es allmählich Zeit, dass sie sich die Beine vertreten.

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