Tödlich kreativ, der dritte Anlauf.

Und da soll doch noch mal einer sagen, die EU-Staaten östlich der Oder wären etwas rückständig! Von denen kann man tatsächlich noch richtig was lernen. Zumindest von den ausgefuchsten Bulgaren. Denn dort, abseits halbechter Markenschnäppchen mit zweiwöchiger Haltbarkeit und übervölkerter Strände, an denen der Alkohol wie Milch und Honig fließt, hat die tödliche Kreativität wieder zugeschlagen. Not macht bekanntlich erfinderisch, und wenn die Wirtschaftskrise kein Notfall ist, was ist sie dann? Die Frage stellte man sich wohl auch rund ums schöne Sofia und fand alsbald die perfekte Lösung.

Ja, richtig gehört! In Bulgarien löst man – die Nachrichten verkünden es derzeit – nun die Krise so ganz für sich selbst und beschreitet dabei völlig neue Wege – wenn diese auch für den ein oder anderen einige drastische Einschnitte bezüglich der Lebensqualität bedeuten mögen. Neuerdings werden nämlich vorwiegend wohlhabende Leute, vorzugsweise übrigens Manager und deren Anhang, entführt und nur gegen saftige Lösegelder wieder freigelassen. Alter Hut? Klar, abgesehen von einem schnittigen Detail. Denn ich sprach schließlich von einschneidenden Erlebnissen. Das sollte man nämlich wörtlich nehmen, denn zusammen mit den Lösebriefen verschicken die Entführer gern hübsch zusammengestellte Päckchen, angefüllt mit Ohren, Fingern und vielleicht anderen, leicht abtrennbaren Kleinteilen der nicht ganz freiwilligen Spender. Klingt nach ekligem Horrorfilm? Tja, wenn man solchen Müll mittlerweile in den Kinos dieser Welt ablädt, muss man sich nicht wundern, dass früher oder später jemand zwischen Kunstgliedmaßensammlungen und heraushängendem Gummigedärm den wohlriechenden Duft druckfrischer Dollars wahrzunehmen glaubt.

Wobei… Eigentlich tue ich den Entführern ja Unrecht, denn wie man hört, werden die erzielten Margen wohl auch gern als Spenden an Kinderheime und dergleichen weitergereicht. Wow, in Bulgarien scheint man den Kommunismus noch atmen zu können. Hierzulande poltert Oskar Lafontaine über die Privatisierung der Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung der Verluste, während im Balkan der soziale Fortschritt ausgebrochen ist: Es wird einfach alles sozialisiert, angefangen beim üppig vorhandenen Zaster der Krawattenfetischisten, bis hin zu deren gut genährten Körperteilen. Und was wohl erst passieren mag, wenn ein weiterer skrupelloser Geschäftshai aus der Chirurgiebranche erkennt, dass sich auch mit den Einzelteilen Geld machen lässt, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Doch ich denke, spätestens, wenn Michael Jacksons verloren gegangene Nase bei Ebay auftaucht und mehr Geld einbringt als alle verkauften Exemplare des Thriller-Albums zusammen, wird die Boulevardpresse uns auch das wissen lassen. Ich sehe schon die Bild-Schlagzeile vor mir: »Geldsegen am Balkan: Lebendzaster wächst jetzt rund um Armanianzüge!«

Ob das allerdings dann noch so viel mit Kommunismus zu tun hat, wage ich zu bezweifeln. Doch ohnehin hat uns die Geschichte gelehrt, dass selbiger nur in der Theorie so richtig funktioniert, auch wenn rebellische Bananeninseln was anderes behaupten mögen. So ganz wasserdicht sind die Geschäfte der Liebhaber destruktiver Körperkunst nämlich nicht: Glaubt man nämlich den Nachrichten, spielt der Zufall eine wichtige Rolle dabei, ob der beschnippelte Proband nach dem Lösegeldeingang auch wirklich in einem Stück oder, ähm, sagen wir, zumindest gesund und munter daheim eintrifft. Ach, und hinzu kommt, dass die Idee der »maßgeschneiderten« Monetarisierung nicht so ganz neu ist. Während in Bulgarien nämlich erst mühsam ein Vertriebssystem inklusive Kunden- bzw. Opferaquise mit angeschlossenem postalischem Informationssystem errichtet werden musste, wurde abseits der EU, nämlich in China bereits vor einigen Jahren der Direktvertrieb eingeführt: Findige wie windige Geschäftsschlächter brausten auf Motorrädern durch Fußgängerzonen und schnetzelten ahnungslosen Passanten die Handtaschen herunter, indem sie den Arm gleich mit entwendeten. Tja, selbst im ansonsten als ach so kommunistisch proklamierten China bleibt eben keine Zeit für Feintuning, wenn es ums Geldverdienen geht.

Auch im Land, in dem seit jeher alles verspeist wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und dort bleibt, hat man erkannt, dass sich mit ein wenig destruktivem Nachdruck Kohle machen lässt – wenn auch nicht im Zusammenhang mit geldwerten Blutorgien. In Frankreich ist es ja schon fast Tradition, dass zwei, drei Dutzend Köpfe rollen, wenn beim Pöbel das Geld nicht mal mehr für Tiefkühlfroschschenkel in der wässrigen Brühe reicht. Da die gute Frau Guillotine jedoch mittlerweile etwas angestaubt und nur noch wenig zeitgemäß ist, jagt man heute einfach alles in die Luft, was auch nur im Entferntesten brennbar zu sein verspricht. So lässt man sich daher irgendwo jenseits des Rhein eben derzeit hohe Abfindungen zahlen und verspricht im Gegenzug, nicht die kostbare Fabrik, die man zuvor liebevoll verdrahtet hat wie einen Weihnachtsbaum, über den Jordan zu schießen. Und sollte es dann doch krachen, gibt es sowieso wieder Mord und Totschlag mit jeder Menge Blut. Das liegt dem früheren Erbfeind eben in den Genen und gehört wohl einfach dazu, wenn man tödlich kreativ den dicken Reibach machen will.

Und während nun um uns herum fröhlich gesprengt, geklaut, geschnitten, gehackt, gemeuchelt und bei alledem ordentlich geschachert wird, tun wir Deutschen, was wir am besten können: den Kopf schütteln und ein wenig murren, anschließend vielleicht mal wieder zur Wahlurne schlurfen und hoffen, dass irgendwann einmal irgendwas anders wird, egal was, Hauptsache, es wird besser. Selbst schuld, oder? Vielleicht sollte ich beweisen, dass auch die Piefkes Sinn für’s große Geschäft haben und die Sache in die Hand nehmen, indem ich ein neues Volksmotto ausrufe: »Leute, packt die Messer und den Zünder ein! Wir fahren nach Berlin! Oder nach Frankfurt«. Einfach mal die ein oder andere Scheibe von den EU-Kollegen abschneiden. Hm, andererseits fällt mir dabei gerade ein, dass die Sache einen Haken hat: Ich kann leider kein Blut sehen. Vergesst, was ich gesagt habe. Wir warten auf den Aufschwung.

2 Kommentare

  1. Was du beschreibst, diese Gewaltlösungen, die kommen dann zum Zuge, wenn die Leute keine andere Lösung mehr sehen. Bedenklich wird es dann, wenn sie noch andere Optionen offen haben, aber die brutale Lösung zuerst probieren. Das ist schon der Fall? Oh!

    Und…wieso soll Kommunismus nicht funktioniert haben? Die Frage ist nur: Für wen? Also der Stalin hat auf Bildern immer zufrieden geguckt, weil der Kommunismus nämlich so funktioniert hat, wie er sollte.

  2. Jepp, der Stalin hat schon zufrieden und gut genährt geguckt. Aber wehe, jemand hat ihm 'ne rote Nase angemalt. 🙂 Und der Honni? Dem ging's auch gut. Hatte sogar 'nen Videorekorder, in dem noch ein Porno lag, bevor er sich nach Chile davongemacht hat. Aber das war ja Sozialismus. Der funktionierte auch so, wie er sollte, ne? 🙂

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