Von vergessenen Weinen und beschädigter Milch.

Es ist mal wieder so weit. Hoch die Füße, ran an die Teetasse und gemächlich säuselnder Musik gelauscht. PhanThomas hat sich so ganz pillenfrei an einer etwas anderen Kurzgeschichte versucht. Hm, ja. Von jeglichen Fragen nach dem Ursprung der Idee bitte ich höflichst abzusehen. Ahem. In diesem Sinne wünsche ich wie immer viel Spaß beim Lesen oder Ignorieren – je nach Präferenz.

Eduard fasst sich ein Herz

Eduard fühlte sich so unendlich einsam. Er konnte gar nicht in Worte fassen, WIE einsam er sich tatsächlich fühlte. Während er gedankenverloren an der Kante des weißen Regals stand, sandte er sehnsüchtige Blicke in die Ferne der Terrakottaküche aus und träumte fortwährend von einem aufregenden Leben abseits zunehmend säuerlicher Ausdünstungen.

»Hach ja«, seufzte er laut in die nachmittägliche Stille hinein und verzog das Gesicht zum traurigsten Flunsch, den man je von diesseits des Regals bis zum Ende der weiten, sündhaft überteuerten, marmornen Arbeitsplatte gesehen hatte. Und dabei hatte er doch versucht, seine Situation zu verbessern. Er hatte sich sogar dazu durchgerungen, sich mit der Gewürzgang eingelassen, die eine Etage über ihm in der hintersten Ecke hauste. Doch als die wildgemischte Bande Eduard letztlich dazu verführen wollte, einen Zug des guten Zeugs zu nehmen, das Bruder Muskat stets bei sich hatte, nun, da hatte Eduard doch lieber das Weite gesucht, das eine Etage tiefer in Form eines angetrockneten Glasrandes auf ihn wartete. Er mochte zwar nur ein Essig sein, ein unheimlich saurer dazu, aber sich deswegen mit Muskat um den Verstand zu würzen, kam ihm nicht in die sprichwörtliche Tüte. Seitdem verspotteten die Gewürzjungs ihn hin und wieder, wenn sie gerade nichts besseres zu tun hatten.

»Du bist doch allenfalls noch für‘s Klo zu gebrauchen«, pfefferten sie dann, und Junge, Junge, das saß! Manchmal fühlte sich Eduard mittlerweile so mies, dass er am liebsten eingeknickt wäre, was sich jedoch als ziemlich unmöglich erwies, wenn man eine Glasflasche war. Tja, nicht einmal das klappte. Nun, immerhin konnte durch das dunkle Glas niemand sehen, dass Eduards Innenleben vor lauter Trübsal schon ganz undurchsichtig wurde. Und wenn das rauskam, würde er wahrscheinlich wirklich nur noch für die Toilette taugen. Ach, das Leben war schon eine Schmach, dachte Eduard.
»Hach ja«, seufzte er erneut. Niemand antwortete ihm, nicht einmal die geduldige Uhr an der Wand, deren Zeiger so geschmeidig wie eh und je über das glänzende Ziffernblatt wanderten und selbstverliebt die ach so triste Zeit verkündeten. Eine Uhr müsste man sein, dachte Eduard und seufzte erneut. Warum eine Uhr? Das wusste er wohl selbst nicht.

»Jetzt ist aber mal gut. Wenn ich mir das weiterhin anhören muss, werd ich echt sauer. Und wenn ich sauer werde, dann gibt das unschöne Klumpen. Willst du das etwa?« Wo kam plötzlich diese Stimme her? Um ein Haar wäre Eduard vor Schreck vom Regal gefallen und hätte sich auf dem Fußboden reichlich dünn gemacht. Nun sah er sich wundernd um, drehte den wohlgeformten Hals von einer Seite zur anderen und konnte doch niemanden entdecken.

»Hier unten, du Trauerkloß«, rief die, doch recht belustigt klingende, Stimme erneut. Eduard folgte dem Hinweis und schaute nach unten. Doch auch dort – ach, doch! – links auf der Arbeitsplatte, direkt neben dem Kühlschrank, stand sie: die Milch im praktischen Karton. Nicht gerade quadratisch praktisch, aber irgendwie doch ausgesprochen praktisch.

»Ich bin kein Trauerkloß«, sagte Eduard belehrend. »Ich bin ein Essig.« Er betonte das Wort Essig, als hätte nie zuvor irgendwer etwas so Seltsames gehört, und das belustigte die Milch offenbar.

»Das seh ich doch selbst, du Witzbold. Du bist so sauer, das riech ich bis hier. Und wenn du da oben weiter so vor dich hin schmollst, steckst du mich noch an«, sagte die Milch. »Du bist der Eduard, nicht wahr?«, fragte sie darauf.

»Ja, stimmt«, sagte Eduard. »Woher weißt du das? Und wie heißt denn du?«

»Na ja, die Gewürze über dir lachen ja nicht gerade leise über dich. Letzte Nacht waren sie so laut, dass ich vor Schreck fast aus dem Kühlfach gepurzelt wäre. Ach so, und ich heiße übrigens Gisela.«

»Freut mich, Gisela. Ich würde ja gern runterkommen und dir die Hand geben. Aber erstens hab ich gar keine Hände, und zweitens bin ich ziemlich säuerlich und steck dich nur mit meiner Laune an. Ich sollte wohl lieber hier oben bleiben. Sonst gibst du mir am Ende noch die Schuld für deine hässlichen Klumpen«, sagte Eduard und schaute weiter traurig drein.

»Was macht dich denn überhaupt so säuerlich, wenn ich fragen darf?«, hakte Gisela nach.

»Ach, das ist eine lange Geschichte. Wenn du sie hören willst, solltest du dich hinsetzen«, sagte Eduard und seufzte einmal mehr.

»Ich bin ein quaderförmiger Karton. Wie soll ich mich denn bitte hinsetzen?«, fragte Gisela und kicherte. »Ich kann höchstens umkippen. Dazu müsstest du mich aber erst mal aus den Latschen hauen.«

»Ach, dann fass ich mich lieber kurz. Denn wer soll dir aufhelfen, wenn du umkippst? Du bist bestimmt reichlich schwer«, stellte Eduard klar.

Gisela verzog das Gesicht und schäumte ein bisschen. »Das solltest du zu einer Frau nie sagen. Wärst du nicht einfach ein kleiner Tollpatsch, würde ich dir sagen, dass du mich mal am Barcode lecken kannst.«

Eduard erschrak. »Na, lieber nicht!«, rief er herunter. »Ich kann ziemlich ätzend sein, weißt du?«

»Ja, weiß ich«, rief Gisela zurück und lächelte, damit er merkte, dass sie nicht wütend auf ihn war. »Nur, was dich so sauer macht, das weiß ich immer noch nicht.«

»Ach, weißt du-«, begann Eduard und verkniff sich eine kleine Träne, die am elegant geformten Glas seiner Flasche herabrinnen wollte, um sich sanft ins lackierte Holz des Regals zu fressen und dort für immer und ewig zu versauern. »Ich war mal ein echter Wein. Ein ziemlich guter, möchte ich meinen. Keiner von den Bonzen mit den guten Korken, aber doch ein recht tolles Zeug, für das man mindestens einen Zehner hinlegen muss. Mir standen die Gläser dieser Welt offen. Tja, und was passiert dann? So eine treulose Tomate öffnet mich und lässt mich einfach stehen. Na ja, ganz ehrlich, das zehrte ganz schön an der Substanz. Und jetzt meinen manche Leute hier eben, ich wäre nur noch als billiger Putzmittelersatz zu gebrauchen.«

Gisela schaute ihn traurig an. Sie überlegte, dachte hin und her, so dass die Milch in ihr geradezu in Vibration geriet. Dann lächelte sie plötzlich. »Ach Eduard, sagte sie. Sag mal, darf ich dich Eddy nennen?«

»Na, von mir aus. Kannst mich auch Meister Propper nennen, so wie die blöden Typen da oben«, nörgelte Eduard.

»Nein, Eddy ist schöner«, sagte Gisela und lächelte weiter, als wäre sie soeben sprudelnd aus dem Euter der glücklichsten Kuh der Welt geflossen. »Hast du mal versucht, das Gute in dir zu sehen?«

»Was, den Essig?«, fragte fragte Eduard und schaute ziemlich verwirrt drein.

»Nein, du trübe Tasse«, lachte Gisela. »Ich meine, dich kann man doch jetzt bestimmt super zum Kochen brauchen.«

»Mich? Meinst du? Ach, Quatsch. Das sagst du doch nur so. Und am Ende lachst du auch über mich und willst mich ins Klo kippen«, sagte Eduard und begann, wieder zu schmollen, wie die Welt dieser Küche es noch nicht erlebt hatte.

Jetzt seufzte auch Gisela. Dieser Typ würde sie wirklich noch anstecken, wenn er das Spiel so weiter trieb. »Jetzt pass mal auf, Schnucki«, rief sie. »Schau mich an. Ich bin eine Milch, die hier so herumsteht. Willst du wissen, weshalb, ja? Na, ich werde es dir erzählen. Siehst du das hier oben? Hm? Das ist ein Schraubverschluss. Tja, und da kam eben dieser Typ, schraubt mich auf, zieht an der Plastiklasche, um mich zu öffnen. Und was geschieht? Der Depp reißt doch glatt die Lasche ab. Jetzt steh ich hier, verschlossen und wie bestellt und nicht abgeholt.«

Eduard musterte Gisela mit traurigen Augen, und doch wirkte sein Blick irgendwie interessiert. »Oh, das tut mir echt ziemlich leid. Ist ja wirklich eine traurige Geschichte. So etwas macht mich echt sauer.«

»Na, lieber nicht«, sagte Gisela und lachte. »Sonst frisst du dich mit deinem Gram noch durch die Flasche. Außerdem sehe ich tatsächlich das Gute darin. Irgendwann findet sich schon jemand, der meine Ecken und Kanten zu schätzen weiß und sich schließlich eine vornimmt, um sie zärtlich abzuschneiden.« Darauf schloss sie entzückt die Augen und blubberte vergnügt vor sich hin.

»Hm, du siehst wirklich alles irgendwie ziemlich positiv, was?«, fragte Eduard. Gisela hatte ihn tatsächlich zum Nachdenken gebracht.

»Hihi, aber klar doch«, kicherte Gisela. »Von mir kannst du was lernen.« Dann kam ihr ganz plötzlich ein Einfall. »Ach, Eddy. Sag mal, hast du vielleicht Lust, jetzt gleich mit mir in den Kühlschrank zu gehen? Die Naturjoghurt-Stundentenverbindung gibt eine Laktoseparty. Da steppen die Milchsäurebakterien, sag ich dir. Wird bestimmt ziemlich abgedreht.«

Eduard wippte von links nach rechts. Lust hatter er ja schon, aber war so eine Party das Richtige? »Hmmmm«, sagte er und blickte eingeschüchtert zur Seite. »Hmmmmm. Ich weiß ja nicht. Ach, hmmmm. Ich glaube, das ist nichts für mich. Ich bleib liebe hier und denk ein bisschen nach. Nee, geh du nur mal und hab deinen Spaß.«

Jetzt platzte Gisela aber wirklich fast der Karton. »Ach, dann eben nicht, du olle Buddel«, sagte sie in gewollt beleidigt klingendem Ton. »Dir ist wohl echt nicht zu helfen.« Und so machte sie sich allein Richtung Kühlschrank auf. Eduard zog deutlich hörbar die Luft ein, oxidierte ein wenig und atmete laut seufzend und zutiefst übersäuert wieder aus. Jetzt reiß dich doch mal am Riemen, sagte er zu sich selbst. Gerade, als Gisela schon fast verschwunden war, rief er ihr nach.

»Ach, ähm, Gisela?«

Gisela, die absichtlich sehr langsam gegangen war, drehte sich noch einmal zu ihm. »Was ist?«, fragte sie und gab sich alle Mühe, außerordentlich genervt zu klingen.

»Na ja, also, hm«, druckste Eduard sich herum. »Nun, ich dachte mir, na ja, hast du vielleicht Lust, morgen Abend zusammen mit mir zu kochen? Ich würde mich auch um deine abgerissene Lasche kümmern.« Puh, das war schwierig, dachte Eduard und war froh, dass sein Glas so trüb war. Andernfalls hätte man jetzt wohl den ersten komplett erröteten Essig der Welt erleben können. Nun kniff er die Augen zu und rechnete mit dem Schlimmsten.

»Warum denn nicht gleich so?«, rief Gisela und kicherte wieder. »Ich würde sagen, ich sehe dich um acht hier unten.« Sie warf ihm eine Kusshand mit Kuss und ohne Hand zu und verschwand elegant in den Kühlschrank. Eduard derweil hatte das Seufzen zumindest für heute aufgegeben. Er grinste bis über beide Ohren, die er nicht besaß und fühlte sich fast wieder wie ein guter Wein.

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