Reichtum für alle?

So so, da wären wir wieder. Zum Ausklang eines herbstlichen Wochenendes gibt’s was zum Lesen von meiner Wenigkeit. Ja, ist mal wieder so ’ne Art Geschichte. Bisschen politisch geraten vielleicht. Bei allergischen Reaktionen auf Prosa übrigens bitte unbedingt meiden. Ach ja, jegliche Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen und bzw. oder Vereinigungen, sind reiner Zufall. Klar.

Reichtum für alle?

Energisch wie ein mit Armbanduhren behangener Rotarmist anno fünfundvierzig, marschierte Georg G. auf den Reichstag zu. Es wurde allmählich Herbst in Berlin, und wie zur Freude darüber warfen die Linden über ihm verschwenderisch mit Laub um sich, als wäre es Konfetti. Doch für vorherbstliche Seufzermelancholie hatte Georg augenblicklich leider gar nichts übrig, denn die Wahlen standen kurz bevor. Er hielt sein Mobiltelefon ans Ohr gedrückt und wartete darauf, dass sein Anruf endlich angenommen wurde, während er wild gestikulierend vor sich hinschimpfte wie ein Rohrspatz mit Tourette Syndrom. Dann endlich, nach fünfmaligem Klingeln hob jemand den Hörer ab.

»Parteizentrale der PIEEEEEEP. Was kann ich für Sie tun?«, fragte die Stimme in routiniertem Tonfall.

»Ja, ick bin‘s, Georg.«

»Ach Georg«, sagte die Telefonstimme hörbar erfreut. »Mensch, biste jestern noch jut nach Hause jekomm‘? Du hattest ja jetankt wie‘n Frachtschiff. Wie Jelzin zu sein‘ best‘n Zeiten, wa?«

»Na, nu‘ mach ma‘ halblang hier. Dit war allet halb so wild. Aber deswejen ruf ick ja och bestimmt nich‘ an. Jib mir ma‘ lieber schnell die Hanseln, die unsere Plakate jemacht ham. Aber dalli«, wetterte Georg und fuchtelte unbewusst wild mit seiner freien Hand durch die Luft, als würde er sie in mundgerechte Streifen schneiden wollen.

»Oh, na dit klingt ja bedenklich. Aber jut, okay. Bleib ma‘ dran. Ich schalt dir durch«, sagte die Telefonstimme hastig und drückte einen Knopf, der das Gespräch beendete und stattdessen die Warteschleife aktivierte. Für eine halbe Minute oder weniger wurde Georg nun ein pathetisches »Auferstanden aus Ruinen« entgegen geschmettert, bevor sich eine weitere Stimme meldete.

»Georg, alte Rinde. Wat willste denn?«, fragte die neue Stimme.

»Macht euch ma‘ nen anderet Lied rin. Dit kann ja keener mehr hör‘n«, wetterte Georg ins Telefon. »Und stellt ma‘ och gleich nen neuet Telefon hin. Dit klingt hier bei mir, als ob ick in Moskau im Bunker anruf. So viel Nostalgie brauchen wa nu‘ och nich‘.«

»Wie, wat denn für‘n Lied?«, fragte die Telefonstimme verwundert.

»Na dit Warteschleifending da. Mach doch ma‘ wat Peppijet rin«, antwortete Georg und motzte sofort darauf los: »So, und jetzt wird hier Tacheles jeredet. Ick jeh hier grad nischt ahnend die Straße runter und kiek mir die Plakate an, und wat müss‘n meine Ochen seh‘n? Wer hat denn uff meine Plakate ›Reichtum für alle‹ druff jeschrieb‘n?«

»Wie, findste och nich jut? Die Ulli kam jestern och schon rin und hat jepoltert, dat uns die Ohren jeschlackert ham«, sagte die Telefonstimme enttäuscht.

»Sach ma, bei euch haktet wohl aus, wa? Dit könnt ihr doch da nich‘ ruffschreiben. Dit globt doch keene Sau, mensch. Und denn mit mein Jesicht druff. Ey, mir schwillt der Kamm. Mir schwillt echt der Kamm, Manfred. Erst seh ick jestern die Plakate mit den Direktkandidaten, und die sehen da druff aus wie Schnapsdrosseln, die in den Pausen dit Leerjut uffsammeln, und dann macht ihr sowat. Ick sach euch, wenn der Alte dit sieht, dann reißt dem die Milz!« Georg brüllte und keifte ins Telefon ohne Luft zu holen. Sein Kopf war mittlerweile so rot und glänzend wie ein Parteiwerbungsluftballon.

»Ja, aber wir könn‘ die doch jetzt och nich‘ wieder abreißen. Weeßte, wat dit jekostet hat? Wenn de dir dit in Ostmark umrechnest-«

»Hör uff mit deine Ostmark. Dit is ja nu‘ schon nich‘ ma‘ mehr jestern, dit is‘ Steinzeit. Mensch, wenn ick euch in die Finger krieje. Ick sach euch, bei der nächsten Feier jibtet für euch nur noch Ahoibrause. Dit Westbier bekommt euch wohl nich. Ich glob, ick krieg nen Anfall hier, echt. SCHEISSE!«

»Mensch, dit tut mir jetz‘ ehrlich leid. Nu‘ isset ja nich‘ mehr zu ändern«, sagte die Telefonstimme reumütig.

»Ja, nu‘ macht euch ma‘ nen Kopp. Ick komm gleich rin und- SCHEISSE HIER!« Georg blieb stehen und schaute angewidert und wutschnaubend auf seinen Fuß.

»Wat denn jetz‘?«, fragte die Stimme aus dem Telefon.

»Jetz‘ hab ick mir so uffjerecht, dat ick in ne Tretmine jelatscht bin.«

»Wat? Ick dachte, die ham se wegjeräumt«, wunderte sich die Telefonstimme.

»Doch nich‘ die, du Nuss. Hundescheiße, mensch. Jetz steh ick mit de Lackraketen in der Scheiße. Und ick gloob, da drüben hat dit grad noch ener jeknipst. Wenn dit ener von der Bild war, kannste aber wiss‘n, dat der dit morjen mit euern scheiß Spruch drunter in de Zeitung schreibt. Mensch, euch sollt man int Gulag schicken. Echt ey!« Georg wetterte, dass die Linden wackelten.

»Pass uff, wir könn‘ ja-«, begann die Stimme, wurde jedoch sogleich von Georg unterbrochen: »Ach, hör uff jetzt mit euern Mist. Ick muss jetzt die Kacke hier abmach‘n. Und denn komm ick gleich rum, und zieh euch die Hammelbeene lang. Tschüss.«

Wütend klappte Georg das Mobiltelefon zu und schob es in die Tasche seines Jacketts. Die nächsten zehn Minuten war er damit beschäftigt, Ast- und Laubwerk zweckzuentfremden, um seine polierten Schuhe wieder in ihren unbekoteten Ausgangszustand zu versetzen. »Nen Hund müsst man sein«, murrte Georg dabei zu sich selbst.

Währenddessen hatte der Herr mit der Kamera sich ins Nante-Eck verkrümelt. Bei einer dampfenden Tasse Kaffee hackte er einen knappen Text in sein Notebook und grinste. »Reichtum für alle?«, schrieb er und setzte das Foto darunter, auf dem ein wutentbrannter Georg G. mitten in einem Hundehaufen stand und dreinblickte, als hätten die Liberalen die Wahl gewonnen. War vielleicht nichts für die Titelseite, aber doch ganz bestimmt vorn mit dabei.

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