Schönes neues Deutschland.

Wir schreiben das Jahr 2023 im Land von Schwarz, Rot und Gold. Trotz jährlich zunehmenden Sonnenscheins im Angesicht eines kaum beachteten Klimawandels, macht der Deutsche seinem international anerkannten Ruf alle Ehre und motzt seinen Stimmungsmüll über die heimischen Kiefernwälder und märkischen Heiden, dass die städtischen Deponien vor Neid geradezu erblassen. Das Jahr hat ruhig und friedlich mit Frau Merkels Neujahrsansprache begonnen, in der jeder Deutsche auf eine Zeit der einschneidenden Reformen eingeschworen wurde. Nichts neues im Europa der Mitte also, wo die erste und bisher letzte weibliche Regierungschefin der Deutschen mittlerweile ihrem Ziehpapa Helmut Kohl den Rang abgelaufen hat – nicht eben in Sachen Größe und Körperfülle, wohl aber, wenn es um die Länge der Amtszeit und das Ausmaß der Abgabenerhöhungen geht.

Der Grund für die nicht enden wollende Ära Merkel ist denkbar einfach: Ein voranschreitender demographischer Wandel hat die Bevölkerung vom Land mittlerweile in die längst übervölkerten Städte getrieben. Und während man sich in Berlin und Co. nun gegenseitig auf die unfreundlichen Füße tritt und eifrig überlegt wird, ob man nicht einfach eine zweite Wohnebene oberhalb der städtischen Skylines errichten soll, ist auf dem Land, dort wo einst die Agrarwirtschaft als Standbein eines funktionierenden Staates beschworen wurde, wieder der gemeine Wolf zu Hause. Hier, im versteppten Sperrgebiet, stellt die von bösen Zungen gern als Wespenregime titulierte Regierung Merkel-Westerwelle alle vier Jahre die Wahlurnen auf. Weil nun aber der Lowerclasspöbel kein Geld übrig hat, um flüssiges Gold in die Tanks seiner verrotteten Fahrzeuge zu füllen und ebenso wenig geneigt ist, sich vom bösen Wolf die Gesäßbacken halbieren zu lassen, zieht nur noch der gut betuchte Mittelstand und die Armani tragende Obrigkeit aus gut geföhnten Schleimbeuteln aufs Land hinaus, um die gewohnten Kreuzchen bei Schwarz und Gelb zu setzen.

Und während nun überall dort, wo einstmals der militante Russe vor neunzehnfünfundvierzig keine teuren Armbanduhren klaute, dem ungezügelten Kapitalismus gefrönt wird, dümpelt der Osten noch immer dort herum, wo er sich befand, als Papa Kohl die blühenden Landschaften versprach. Blühende Landschaften gibt es in der postsozialistischen Zone tatsächlich zwar zu genüge, zumindest wenn man sich dabei auf frei wuchernde Birken und wilde Rapsfelder bezieht, doch werden diese alle Jahre wieder vom dauerunzufriedenen Ostdeutschen abgefackelt. Gern würde man mit dieser Aktion dem Wunsch nach der 28-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich Nachdruck verleihen, doch würde es hierfür eben überhaupt erstmal gezahlte Löhne erfordern. Und die sucht man dort, wo es vorwärts immer und rückwärts nimmer gehen sollte, seit jeher vergebens.

Wo keine Löhne sind, da ist bekanntlich keine Wirtschaft, schließlich gilt der giftig rote Kommunismus unlängst als ausgemerzt. Doch wo keine Wirtschaft ist, da kann auch der Herr Westerwelle seine marktradikalen Neoliberalismusdogmen nicht verbreiten. Und das wurmt ihn so arg, dass er damit der werten Frau Kanzlerin tagtäglich aufs Kanzleramtsdach steigt um zu wettern wie ein Kastenteufel, dass der kapitalistische Putz von der Decke bröckelt. Der ständige Lärm trägt wiederum nun nicht gerade dazu bei, das halbjährlich nachgeglättete Gesicht der Dauerkanzlerin glatt wie Babys Popo zu halten, und so kommt sie dem Wunsch der Marktradikalen nach, als die Kanzlerin der deutsch-deutschen Teilung in die Annalen der Geschichtsschreibung einzugehen. Sogleich steht sie im olivgrünen Sakko mit gefalteten Händen vor der versammelten Meute, die längst Lunte gerochen hat, und verkündet mit aufgenähtem Perlweißgrinsen, dass natürlich niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Der eifrige Herr Westerwelle sagt dazu freilich nichts, denn der ist bereits im Hinterzimmer im Takt zu Geiersturzflugs »Bruttosozialprodukt« dabei, den Mörtel anzurühren.

Da sich die Ingenieurskunst seit dem letzten übereilten Mauerbau deutlich weiterentwickelt hat, steht der quasi unüberwindbare Schutzwall gegen den antikapitalistischen Sozialversager binnen fünf Tagen wind- und wetterfest in der Landschaft, so dass auch garantiert niemand die Zeit gefunden haben dürfte, zwischendurch über den provisorisch aufgestellten Stacheldraht zu hechten. Während die soeben in der Mikrowelle aufgetauten Scorpions den »Wind Of Change« rückwärts spielen, übergibt das diabolisch-dynamische Duo Merkel-Westerwelle feierlich den goldenen Schlüssel zum nicht vorhandenen Tor an die neu eingesetzte Regierung Gysi und Lafontaine. Letzterer schimpft, trotz seines mittlerweile doch recht greisen Geisteszustandes noch immer dermaßen über die Sozialisierung der Finanzmarktverluste, dass selbst die heimischen Rotspechte tot von den Bäumen fallen. Die frisch organisierte Einheitspartei reibt sich in der »Deutschen Demokratischen Republik Reloaded«, der DDRR nun in kindlicher Vorfreude die Hände, schließlich kann man jetzt endlich ungestraft den Mindestlohn durchboxen, ohne als elender Demagoge oder Populist beschimpft zu werden.

Schnell stellt man im Land, in dem die Plattenbauten gerade erst wieder zusammengesetzt wurden, fest, dass Mindestlöhne irgendwie nicht so wirklich finanzierbar sind, was die junge Republik in ihre erste Krise stürzt. Zunehmende Restriktionen der staatlichen Führerschaft, die sich, abgeschottet von der Weltöffentlichkeit, noch immer als heroischer Bezwinger des Steuerbauchs feiert, lassen den Volkszorn hochkochen. Nach dem taktischen Fehler, das Westfernsehen abzuklemmen, erhebt sich unter einer zunehmenden Demokratieromantisierung eine neue Volksbewegung, die auf abendlichen Dienstagsdemonstrationen den endgültigen Niederwurf des hierzulande proklamierten Sozialismus fordert. Die Anführer des Widerstandes werden dabei finanziell von einem zuerst geheimnisvollen Mann aus dem fernen Russland unterstützt, wo man übrigens noch immer den Bruderkuss für den Handschlag von morgen hält. Schnell offenbart sich der militante Kopf aus Moskau, der sich selbst gern als der nächste »Maximo Leader« ehren lässt, als niemand anderes als der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mit Guerillakleinkriegen die Mauer zum Einsturz bringen möchte, um durch die offene DDRR eine nagelneue Hochglanzpipeline in den europäischen Westen zu verlegen, damit der Genuss von Kaviar und Markenwodka im Gegensatz zu Westerwelles Renditeträumen auch langfristig gesichert bleibt.

Eine Falschdarstellung der Figur Schröder in den Medien führt letztlich rasch dazu, dass der vormals verhasste Exkanzler als neuer Che Guevara gefeiert wird. Diesen als Vorbild im Kopf, schleppt sich der hungernde Mob aus dem Westen endlich wieder an die gut versteckten Wahlurnen und sorgt so für ein Wiedererstarken der zur Untergrundpartei verkommenen SPD. Nachdem Schröder auch noch einem, angeblich prokapitalistisch motivierten, Attentat aus dem bösen deutschen Westen zum Opfer fällt, landet die SPD mit einem Erdrutschsieg erneut an der Spitze der Macht. Mit ihrem Privat-PKW reist die eilig bestimmte Kanzlerin Ulla Schmidt während einer Nacht-und-Nebel-Aktion in den abgeriegelten Osten, um die Wiedervereinigung durchzuboxen, für deren Finanzierung man lässig lächelnd einen kleinen Obolus aus der Portokasse vorgesehen hat. Die Aufgabe der Teilung gelingt schließlich, und unter den Mauergesängen von Freiheits-Evergreen David Hasselhoff, dessen leuchtende Jacke lediglich mit neuen Batterien bestückt werden musste, feiert das ganze Volk, dass die Schwarte kracht und die Mauer bröckelt.

Selbstverständlich hat man sich bei der Kostenrechnung um eine nicht näher bestimmbare Anzahl an Kommastellen vertan, was das neu geeinte Deutschland in eine schier unüberwindbare Krise treibt. Die SPD wird unter Fackeln und Forken aus dem Parlament gejagt, worauf eine neu gebildete CDU-Regierung, geführt von einem noch wenig bekannten Jungspund, den man nur als »Merkels Jungen« kennt, eingesetzt wird, die alsbald die so genannte Agenda 2040 aus dem Boden stampft und das Volk unter Durchhalteparolen darauf vorbereitet, dass auf die mageren Jahre noch viele klapperdürre folgen werden. Das Volk derweil, konkreten Déjà-vu-Eindrücken gegenüber vollkommen immun, murrt, buht, spuckt und protestiert fleißig weiter, dass auch der letzte Mohikaner noch vom miefigen Ruf des Deutschen Wind bekommt. Trotz allen Ärgernisses wird der Deutsche an sich das Gefühl nie so ganz los, dass sich im Land überhaupt nichts zu ändern und erst recht nichts zu bessern scheint. Macht aber nichts, denn inzwischen sind die Sommer wieder ein gutes Stück wärmer geworden, und so wird sich eines nicht mehr allzu fernen Tages einmal mehr zeigen, dass eben doch alles ein Ende hat, mal abgesehen von der zweiendigen Wurst.

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