Was lange nicht war, muss wieder sein.

Nein, ich will nicht den Sozialismus ausrufen. Tz. Ich dachte mir eigentlich nur, zum Ausklang der Woche ließe sich doch ein kleines Geschichtlein erzählen, gerade wo ich das doch schon, hm, seit geraumer Zeit nicht mehr getan habe. Soll heißen, im Folgenden muss man tatsächlich lesen und scrollen! Wer das nicht gern tut oder nicht kann, möge bitte – wie gehabt – weitergehen, denn hier gibt es nichts zu sehen.

Ein furchtbar ungemütlicher Tag

Unter geradezu unerträglichen Schmerzen in der Nackengegend und einem sprichwörtlich zugeschnürten Hals, erwachte Friedbert aus seiner leider nur allzu kurz andauernden Trance. Was, zum Teufel, plagte ihn hier überhaupt so fürchterlich, fragte er sich, als es ihm auch schon wieder einfiel: Klar, es war sein Leben – herzlichen Glückwunsch – das an einem seidenen Faden hing. Nun gut, seiden war er nicht und eigentlich war es auch kein kein Faden, sondern viel mehr ein dicker und -Wikipedia sei Dank – gut geknüpfter Strick. Doch reichte dieser kleine Unterschied der unvorteilhaften Situation nun auch nicht gerade zur Verbesserung.

Es war ein furchtbar ungemütlicher Tag, und ach, selbst das war eigentlich eine Untertreibung sondergleichen. Das ganze bisherige Jahr war ein einziges, grobes Ärgernis gewesen, und dabei hatte doch alles so schön begonnen: ein fester Job in der Automobilfertigung, ein nettes, kleines, pastellfarbenes Häuschen in ruhiger Vorstadtlage, und vor allem hatte Friedbert endlich den Bund fürs Leben zu schließen gewagt. Ach, Susanne war wahrlich eine Wucht gewesen!

Doch kaum war alles so unverschämt perfekt gewesen, hatte irgendjemand hoch oben, dem so viel Glück offenbar so gar nicht behagt hatte, Friedbert zum nächsten Hiob auserkoren: Seine frisch angetraute Herzensdame hatte noch nicht einmal die Hochzeitsnacht bei ihm überstanden. Irgendwann, zu später Stunde, war sie still und leise aufgestanden, hatte ihr Bettzeug glattgestrichen und war mit gepackten Koffern klammheimlich aus dem Zimmer geschlichen, um auf nimmer Wiedersehen mit dem Standesbeamten durchzubrennen. Einschneidendes Erlebnis Nummer Eins.

Und wie es nur allzu oft geschieht, kommt ein Unglück bekanntlich zumeist in munterer Gesellschaft daher. Tatsächlich sollte dieser Tiefschlag nur der erste kleine Schubser in Richtung Güllegrube des Lebens sein. Denn noch in der Folgewoche hatte ein geleckter Manager mit reichlich Öl im Haar und ebenso reichlich Spucke auf den Lackschuhen festgestellt, dass so etwas wie ein umgebauter Colaautomat Friedberts Arbeit deutlich schneller und kosteneffizienter verrichten würde – ein Toast auf die Wirtschaftskrise! Vom Standesbeamten beraubt, von einer Maschine ersetzt. Einschneidendes Erlebnis Nummer Zwei.

Doch sind aller guten Dinge nicht zumeist drei? Und ob sie das sind! Den dritten Fauxpas hatte Friedbert selbst eingefädelt: Gerade eine Woche nach seiner Entlassung hatte er beim unachtsamen Herausfahren aus der kleinen, feinen Garage neben seinem Haus seinen treuen Hund und Wegbegleiter Knut überrollt. Unter dem Brechen seines Rückgrades hatte das sterbende Tier dermaßen schmerzverzerrt gejault, dass Friedbert vor Schreck zuerst im Rückwärtsgang den Gartenzaun eingerissen hatte, um dann leider allzu hektisch die Automatikschaltung in die normale Fahrstellung zu zwingen und mit Karacho ins Eigenheim zu rauschen – ein Umstand, den das Fertigteilhaus nur ungern über sich ergehen lassen hatte. Die Konsequenzen waren so offensichtlich wie fatal: Hund futsch, Auto futsch, Haus futsch. Einschneidendes Erlebnis Nummer Drei und einstweilen genug für einen Satz Nerven. Glücklicherweise hatte Friedbert sich beim Umzug in die schäbige Einraumwohnung keinerlei Gedanken mehr über das nun überschüssige Mobiliar machen müssen. Das hatte seine Exfrau erstritten. Immerhin.

»Fahren Sie in den Urlaub, ruhen Sie sich aus! Lassen Sie die Seele baumeln!«, hatte der Arzt Friedbert wohlmeinend verordnet, und dieser hatte letztlich doch nur versucht, den guten Rat zu beherzigen. Nun baumelt eine Seele ungeheuer schlecht allein, wo sie doch ziemlich untrennbar im Körper feststeckt. Diese Tatsache hatte Friedbert letztlich auf die glorreiche Idee gebracht, einfach Körper UND Seele baumeln zu lassen.

Und es hätte doch auch alles so einfach sein können: Ein schneller Sprung, ein kleiner Knacks im Genick, und schon hätte es auf eine kurze Reise in die düstere Galerie gehen sollen, um bis in alle Ewigkeit das einzig vorhandene Gemälde anzustarren: »Schwarz -Acryl auf Leinwand«. Aber so einfach wollte sein Leben den gebeutelten Friedbert scheinbar nicht davonkommen lassen. Und nun hing er da, wurde hier und da ein wenig stranguliert und musste erdulden, dass seine Gesichtspartien sich zunehmend rot einfärbten.

Wäre er doch lieber im Bett geblieben, schoss es dem hoffnungslos verzweifelten Friedbert durch den Kopf. So schlimm hatte der Tag schließlich nun auch wieder nicht begonnen. Doch wie sagt der Engländer? »Your neighbour‘s grass is always greener.« So schön es daheim gerade auch gewesen sein würde, jetzt war eben nichts mehr zu machen. Egal, denn irgendwann würde ihm schon die Luft ausgehen.

Wo er schon so nutzlos in der Gegend hing und wartete, dachte Friedbert, könnte er auch gleich noch eine rauchen. Hektisch durchsuchte er die gefühlten einhundert achtunddreißig Taschen seiner Funktionsjacke und anschließend seine Hosentaschen, nur um dann wehmütig festzustellen, dass er die verdammten Glimmstängel im Rucksack gelassen hatte, der nun ein gutes Stück weiter unten an jenem Baum angelehnt stand, an dem Friedbert so friedlich hing wie eine matt rote Weihnachtskugel am Christbaum. Toll.

Immerhin verschwamm das Bild vor seinen Augen bereits zunehmend. Es konnte sich somit eigentlich nur noch um wenige Minuten handeln. Na, das war doch wohl auszuhalten, oder nicht?

Und so wäre dies das Ende der traurigen, kleinen Geschichte um den furchtbar ungemütlichen Tag einer geschundenen Seele, hätte der offenbar geistig verwirrte Rotspecht auf dem Nachbarbaum Friedbert nicht als ausgesprochen exquisites Domizil ausgemacht. Er flog einige Meter weit und setzte sich auf Friedberts Schulter, um augenblicklich auf die rechte Schläfe seinen Kopfes einzuhämmern. Das konstante Hämmern des spitzen Schnabels sorgte dafür, dass Friedbert sofort wieder hellwach war. Nein, als Wohnhöhle wollte er wahrlich nicht enden. Und so schüttelte er hektisch und so gut es ging seinen bereits aufgedunsenen Kopf, was dem Rotspecht so gar nicht behagen wollte. Schließlich war hier Präzisionsarbeit gefragt. Schnell wurde es dem gefiederten Bauherrn zu viel, und er entschied, dass es besser wäre, sich doch etwas Klassisches zum Wohnen suchen. Doch ganz so einfach wollte er diesen seltsamen Baum hier nicht davon kommen lassen. Er hüpfte von der Schulter auf Friedberts Kopf und begann, mit seinem Schnabel eifrig auf das Seil einzudreschen.

Faser um Faser riss, bis der Strick schließlich unter Friedberts beachtlichem Gewicht nachgab und riss, um ihn per Expressaufzug zurück auf den Boden der Tatsachen zu schicken. Immerhin würde er jetzt wieder atmen können, dachte Friedbert während seines Sturzes. Eigentlich müsste er dem Specht ja dankbar sein. Er würde jetzt nach Hause gehen, sich ein warmes Bad einlassen, einen oder doch gleich zwei Becher Erdbeerjoghurt verputzen und anschließend vielleicht ein nettes Feierabendbier genießen. Er beschloss, dem Specht als Dank wenigstens einen Namen zu schenken. Was würde passen? Herbert? Rupert? Oder doch lieber Frank? Und was, wenn er eigentlich eine SIE war? Bei aller Überlegung fiel Friedbert jedoch auf, dass er reichlich viel Zeit für die Namensfindung zu haben schien. Hatte er sich wirklich so hoch gehängt?

Hatte er, wie er feststellen musste, als er wie ein Stein auf dem harten Waldboden aufschlug. Unter lautem Krachen und Knacken, das vage an eine Popcornmaschine erinnerte, brachen Friedberts Beine an allen erdenklichen und weniger erdenklichen Stellen. Und als wäre das nicht genug, bekam er noch eine Kirsche auf die Torte dieses Tages gesetzt: Er spürte, wie seine Hüfte in so viele Einzelteile zerbrach, dass sie anschließend einen hübschen Bausatz für den Biologieunterricht ergeben hätte.

Unter Schmerzen, wie sie einem eigentlich nur der Leibhaftige persönlich zufügen konnte, lag Friedbert am Boden und ächzte. Wie, zur Hölle, sollte er jetzt nach Hause kommen, fuhr es ihm durch den Kopf. Ihm war gleich etwas mulmig beim Gedanken an diesen dämlichen Baum gewesen, der hier irgendwo mitten im tiefsten Wald und abseits jeglicher Wege sein stummes Dasein fristete. Er hätte sich doch an eine handelsübliche Straßenlaterne hängen sollen. Irgendwann hätte ihn schon ein Passant aufgelesen. Aber so? Keine Chance!

Verzweifelt sah Friedbert sich um, suchte nach dem rettenden Strohhalm, entdeckte jedoch nichts als Wald, noch mehr Wald und schließlich seinen Rucksack, der ziemlich genau links neben ihm stand. Immerhin kam er jetzt an seine Zigaretten heran. Hatte der Arzt nicht gesagt, er sollte sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen? Na bitte.

Mehrfach versuchte Friedbert, der sich nun eine Marlboro zwischen die Lippen geklemmt hatte, das vermaledeite Feuerzeug dazu zu bewegen, eine Flamme auszuspucken, als er wenige Meter von sich entfernt etwas Großes ausmachte. Etwas eigentlich viel zu Großes für die heimische Fauna: Da hatte es sich doch gerade eben ein ausgemergelter Braunbär recht unbemerkt bequem gemacht, um Friedbert nun durch seine neugierigen Knopfaugen zu beobachten.

Wie, verdammt noch mal, konnte hier ein Bär sein, dachte Friedbert. Es GAB doch hier überhaupt gar keine Bären. Aber was half die Tatsache, dass die Existenz von Bären in diesem Wald ein Ding der Unmöglichkeit war, wenn man solch einen haarigen Freund vor sich hatte? Theorie und Praxis gingen hier, wie so oft, weit auseinander.

»Feines Bärchen«, stöhnte Friedbert durch seinen zugeschwollenen Hals und fand, dass das Tier, das soeben vor lauter Interesse den Kopf schräg gelegt hatte, eigentlich ziemlich friedfertig aussah.

Doch das seltsame Brummen, das so ganz eindeutig NICHT aus dem Mund des Bären kam, vertrieb diesen ersten Eindruck sofort wieder, denn dies war ziemlich offensichtlich ein Magenknurren gewesen.

Friedbert klappte vor Schreck die Kinnlade herunter. Der Bär tat es ihm augenblicklich nach und öffnete sein Maul, um mit seiner großen, feuchten Zunge über die viel zu spitzen Zähne zu schlecken. Gleich darauf machte das braune Fellknäuel erste Anstalten, sich auf den quasi festgenagelten Friedbert zuzubewegen.

Dieser schloss darauf die Augen. Da er nun endgültig resigniert hatte, entschied er, sie auch geschlossen zu halten. Das gemächliche Herantapsen des Bären, der hier eigentlich rein gar nichts zu suchen hatte, hörte er deutlicher, als es ihm lieb war. Jetzt gesellte sich bereits der Mundgeruch des Tieres hinzu. Friedbert fand Trost in der Erkenntnis, dass es nun wirklich nicht mehr schlimmer kommen konnte. Noch einmal versuchte er, die Zigarette anzuzünden, während das Hecheln des Bären lauter wurde. Dieses Mal klappte es. Immerhin. Ein krönender Abschluss für einen furchtbar ungemütlichen Tag.

6 Kommentare

  1. Guten Hunger würde ich wohl meinen 😉

    Obwohl sich mir die Frage stellt, wie zur Hölle ist der gute Friedbert auf den Baum gekommen und dann noch in die Höhe?

    *Klugschieß ein*
    Ich meine zum Beine und Becken brechen gehören schon so 4m würde ich mal meinen dazu, achso und ich glaube auch das man dann gleich vor Schmerzen ohnmächtig werden würde.
    *Kluckscheiß aus*

    So jetz weisse Bescheid Schätzelein 😉

  2. Du bist wohl nie auf Bäume geklettert, was? 😉 Ich hab auch schon von zehn Meter hohen Bäumen runtergeguckt. Außerdem stellt er doch selbst fest, dass er etwas höher gehangen hat, als gut für ihn war. 😉

    So, jetz weisse Bescheid, Schätzelein. 😛

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