Eine kleine Gefälligkeit.

Es muss irgendwann anno 2005 gewesen sein. An Finanzkrisen war noch nicht zu denken, im Irak wartete der Saddam noch auf sein strammes Seil, und weit abseits meiner damaligen Wahlheimat Stuttgart hatte mich das zukünftige Verderben namens Freundin noch nicht kennen gelernt. Seinerzeit wohnte ich noch in trauter Viersamkeit, mit mal mehr und mal weniger erträglichen Mitbewohnern, mal mehr und mal weniger freiwillig, unter einem mal mehr und mal weniger gemütlichen Dach.

Und so trug es sich zu, dass eine meiner reizenden Mitbewohnerinnen krank im Bett lag, während ich gerade auf Socken zur Tür schlich, um in Winterskälte meine kargen Singleeinkäufe, bestehend aus billigem Bier, Diätcola und abgepackter Salami, zu erledigen. Gerade schob ich meine schlanken Füßlein grazil wie eine Primaballerina ins ausgelatschte Schuhwerk, als es durch die angelehnte Tür tönte: »Thooooooomas? Gehst du in die Staahaaaaaadt?« Da hatte das kleine Biest doch tatsächlich auf mich gelauert wie ein Raubtier in der Finsternis. Und schon begannen die Gedanken, in meinem Kopf schneller und schneller zu kreisen, als würden sie auf kräftigen Promilletierchen Rodeo reiten. Eine Ausrede musste her. Eine kleine Lüge, einfach nur eine-

– ach, war das nicht herzallerliebst? Wie sie in ihrem Bett lag, kränklich zusammengesunken wie eine seit Jahren abgenutzte Matratze. Die schneewittchenweiße Alabasterhaut war erkältungsbedingt überall rotfleckig. Wie ein kleiner, süßer Fliegenpilz, nur farblich umgekehrt, sah sie aus, die werte Mitbewohnerin mit dem ach so hübschen Namen, den ich hier einfach mal zu Brigitte verschandele. Das, wegen eines Friseurbesuchs beim Haarschlächter missratene, Haupthaar hing ihr in verschwitzten Strähnchen in die putzig rote Stirn. Und weg waren sie, die bösen Gedanken, eingestürzt das schon mal vorsichtshalber errichtete Gerüst aus Lügen und Ausflüchten. Diesem possierlichen Wesen konnte ich nun ganz und gar keinen Gefallen abschlagen. Hätte ich es mal getan.

So stand ich also in voller Montur in ihrem Zimmer, bereit mich sogleich den eisigen Messerwinden hinzugeben, die mir auf der Stuttgarter Königstraße um den Riechkolben wehen würden, und wartete untertänigst auf meinen Auftrag. Der ließ nicht lange auf sich warten. Zum »Zara« sollte ich gehen, meinte sie, die Brigitte, während sie sich wie ein süßer, kleiner Krabbelkäfer unter der Bettdecke herumwälzte. Einen erdbeerfarbenen Samtblazer sollte ich für sie holen, den sie doch am Wochenende uuuunbedingt benötigen würde, versicherte sie, die Brigitte, während sie herzerweichend hüstelte und ins Taschentuch schnäuzte. Wo ich das Ding denn suchen müsse, fragte ich und bekam als Antwort, ich würde es finden. Und ich glaubte ihr, denn eine zumeist eklig esoterische Ökolatschenträgerin mit Hang zur Verkünstelung ihres näheren Umfeldes, wie sie war, wusste ich um ihren verboten alternativen Geschmack.

Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis ich das völkerrechtliche Verbrechen von einem Kleidungsstück mitten im sonstigen Textileinheitsbrei des »Zara« gefunden und an mich genommen hatte. Wie hatte ich mich nur so verblenden lassen können, ging es mir durch den Kopf, als ich die stoffgewordene Scheußlichkeit vor meinen ungläubig aufgerissenen Augen hatte. Da hatte dieses niedliche, kleine, bezaubernde, kränkelnde Wesen von einer Mitbewohnerin doch tatsächlich das fiese Hexenwerk vollbracht, meine Frühwarninstinkte nachhaltig zu stören, um mich auf dieses Himmelfahrtskommando zu schicken. Was soll’s? Ab zur Kasse und raus hier!

An der Kasse angekommen, musste ich fatalerweise feststellen, dass man es mir so leicht nicht machen würde. Ich hielt die erdbeerfarbene Kluft von mir wie eine nasse, nach Verwesung stinkende, tote Ratte und wartete mehr als ungeduldig darauf, dass der Verkäufer, der offensichtlich Gicht in den Pfoten hatte, die Kundschaft vor mir abfertigte. Selbige hatte leider größtenteils dermaßen viel Zeug eingesammelt, dass man meinen wollte, die werte Klientel würde sich damit sogleich für fünfzig Jahre in den nächsten Atombunker verdrücken. Ach, und so stand ich mir die Beine in den Bauch und hoffte inständig darauf, dass noch niemandem aufgefallen sein würde, mit welchem Schandmal ich hier öffentlich bloßgestellt war. Derweil floss die Zeit langsamer und langsamer dahin, bis die Zeiger der Uhr offensichtlich zu schmelzen begannen wie die Flüssiguhren in Salvador Dalís Bildern.

Vorsichtig ließ ich meinen Blick von links nach rechts schweifen, suchte argwöhnisch nach belustigten Beobachtern, nach heimlichen Blicken aus freudentränenden Augen. Suchte. Suchte. Suchte. Und fand sie! Ja, selbst der Verkäufer schien hinter seiner seriösen Fassade zu lachen, dass sich die Balken bogen. Begann er nicht gerade, seine Schneckenhände noch langsamer werkeln zu lassen? Fehlte nur noch, dass er erst einmal einen Kaffee kochen ging und mich so meinem Schicksal überantwortete. Und dann kam sie auch schon über mich, diese unerträgliche Hitze! Sie fiel auf mich herab und klatschte urplötzlich in mein Gesicht wie ein Backstein. Ich spürte, dass ich soeben errötete wie ein Dampfkessel vorm Bersten, bis sich an meiner Stirn erste Schweißperlen bildeten. Gleich würde ich im ganzen Gesicht glänzen wie ein poliertes Fabergé-Ei. Und das nur, weil ich mir so unglaublich fehl am Platz vorkam: ein Kerl mit echten Männerträumen, mit latent sexistischer Grundhaltung, mit sorgsam gepflegtem Dreitagebart – in der Hand ein eeeeerdbeeeerfarbener Blaaaaazer. Dies war einer jener Momente, in denen man gern die Augen schließen würde, um bis zehn zu zählen und dann schreiend aus dem Bett zu fallen. Mit schmerzendem Steißbein zwar, aber glücklich, nur geträumt zu haben.

Doch dies war kein verdammter Traum. Ich stand noch immer in der festgefahrenen Schlange, fühlte mich von allerlei shoppendem Weibsvolk unter abwertenden Blicken geradezu ausgepeitscht und wollte doch eigentlich nur noch den ersten und letzten Herzinfarkt meines bis dato unbekümmerten Lebens geschenkt bekommen. Herr, streck mich nieder! Und so leuchtete und schimmerte ich wahrscheinlich bereits wie eine Lavalampe, als ich doch endlich an der Reihe war, um mit zittrigen Händen den horrenden Preis für den Stoff des ultimativen Grauens zu berappen und sogleich fluchtartig das Geschäft zu verlassen.

Wutschnaubend betrat ich unsere Wohnung, in der Absicht, der guten Brigitte ihren Erdbeerblazer um die Ohren zu klatschen, bis ihr die Löffel glühten wie Christbaumlichter. Der Schrecken saß mir noch immer tief in den Knochen, als ich stramm wie ein Zinnsoldat und mit bitterer Miene in ihr Zimmer marschierte, um ihr die größte Standpauke zu halten, die jemals ein Mensch zu-

– aber ach, wie sie da in ihrem Bettchen lag: zusammengekauert wie ein schlafendes Kätzchen, dem man doch so gar nichts zuleide tun möchte, die elfenhaften Gesichtszüge unter den äußerlichen Krankheitssymptomen bis an die Grenze der erträglichen Niedlichkeit betont. Ein Bild, so süß wie Erdbeermarmelade von der Lieblingsgroßmutter! »Uuuuuund? War alles okaaaaaaay?«, fragte sie mit ihrer rasselnden Hustenstimme. »Klar, war gar kein Problem«, sagte ich liebevoll und zwinkerte ihr lächelnd zu. Wie hätte ich auch schimpfen können?

4 Kommentare

  1. Ich glaub, ich weiß vor lauter Metapher und weiteren rhetorischen Stilmitteln gerade nicht mehr wo oben und unten ist *g*

    Und wer würde bei dieser herzzereissende Umschreibung nicht schwach werden 😉

  2. Ja, ich geb zu, die hab ich ganz dick aufs Brot geschmiert. 😉 Ist, äh, mein künstlerisches Geltungsbedürfnis. Oder so.

    Aber schön, wenn du auch schwach geworden wärst. Hättest sie sehen müssen. Da konnte man wirklich nicht nein sagen. 😉

  3. "wie eine seit Jahren abgenutzte Matratze" würde ich nicht "herzzereissend" nennen, aber ich wurde bei sowas auch immer schwach. Ich glaube aber, es mir inzwischen abgewöhnt zu haben, was nicht unbedingt stimmten muss, da ich seit Monaten wenig mit anderen Menschen, am allerwenigsten mit jungen Frauen zu tun habe.

  4. Ich hätte auch was anderes geschrieben. Aber so und nicht anders sah sie aus. Irgendwie, hm, durchgelegen halt. Wie man eben aussieht, wenn man zerknautscht im Bett herumliegt.
    Du hast wenig mit anderen Menschen zu tun? Huh. Auf Dauer ist das doch aber auch nicht das Gelbe vom Ei, oder? Bei den Frauen schließe ich mich dagegen allerdings an. So ist das. 😉

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