Mal wieder Geschichtsstunde.

Pünktlich zum Sonntag, dem Ende einer schier unendlich grauen Woche, gibt’s frisch Gehirntes zum Sonderpreis. Kostet quasi nichts weiter als die Zeit der lieben Leserschaft. Und für die leseaverse Fraktion noch mal in aller Kürze: Achtung, der Märchenonkel schlägt wieder zu, deshalb schnell weitersurfen. Anderswo gibt’s schließlich bestimmt hübsche bunte Bilder zu beäugen.

Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen…

Hannes Obermüller fühlte sich prächtig. Das Leben mochte fürwahr nicht immer vollkommen sein, doch es gab sie noch, die unendlich kostbaren, die wahrlich perfekten Momente. Er hatte beschlossen, diesen ganz besonderen Tag nicht etwa, wie so oft, auswärts zu begehen, sondern den feierlichen Abend zusammen mit seiner Frau in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Und zu feiern gab es genug: Innerhalb lediglich eines halben Jahres hatte Hannes doch tatsächlich das kleine Kunststück fertiggebracht, den Vorsitz seines Referats hinter sich zu lassen und zum Abteilungsleiter aufzusteigen. Nun gut, der krankheitsbedingte Ausfall seines Vorgängers hatte ihm hier selbstverständlich in die Hände gespielt, aber kam es letztlich nicht einzig und allein auf das Resultat an?

Auf dem edel gedeckten Wohnzimmertisch stand der gute silberne Kerzenhalter, den Claudia das letzte Mal vor nicht weniger als zwei Jahren aufgestellt hatte, als es sich eben ergeben hatte, dass sie den Hochzeitstag mit Hannes wieder etwas intensiver feiern konnte. Und nun hatte sie unter sichtlicher Freude einmal mehr die Gelegenheit gehabt, das kostbare Stück aufzustellen, hatte es mit langen, weißen Kerzen bestückt, deren brennende Dochte das größtenteils terracottafarbene Wohnzimmer in warmes Licht tauchten.

Claudia saß ihrem Mann gegenüber auf der großen Ledercouch und blickte ihm überglücklich in die leuchtenden Augen. Ein wenig selbstgefällig wirkte es ja schon, wie er es sich mit verschränkten Armen in dem großen Ohrensessel gemütlich gemacht hatte, gekleidet in seinen samtenen, blauweiß gestreiften Pyjama. Die Füße hatte er in seine kuschelig weichen Wohlfühlschlappen gesteckt, an deren Außenseiten sich bereits kleine Löchlein bildeten. Doch ach, sollte er seinen Triumpf nur genießen. Wann hatte sie ihn das letzte Mal so freudestrahlend gesehen? Vor fünf Jahren? Oder gar vor zehn, als beide noch frisch verheiratete Turteltäubchen waren? Vielleicht – ja, vielleicht war dies tatsächlich endlich der richtige Augenblick, ihm ihr letztes, großes Geheimnis anzuvertrauen.

»Welch wunderbarer Abend, nicht wahr?«, fragte Hannes Obermüller mit einer feierlichen Melodie in der Stimme. »Wenn ich hier einmal mehr den guten Faust aufgreifen darf, dann dürfte ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön.« Darauf brach er in gequetscht klingendes Gelächter aus, welchem Claudia sich zustimmend anschloss. Anschließend hoben beide, als hätten sie sich in Gedanken abgesprochen, die gut gefüllten Weißbiergläser und stießen an. Das leicht dumpfe Klirren der Gläser unterstrich die abenteuerlich süße Stimmung aus Geborgenheit und Aufbruch. Hannes hätte zum gemeinsamen Anstoßen natürlich den Chianti bevorzugt, doch hatte Claudia sich letztlich mit ihrem niedlichen Charme durchsetzen können. Ebenso, was die musikalische Untermalung betraf: Statt Beethovens sechster Sinfonie, spielte die Stereoanlage in unaufdringlicher, lediglich akzentuierender Lautstärke, Claudias liebste CD mit all den netten Gute-Laune-Liedern für jede Gelegenheit.

»Ja, Schatz. Wirklich ein wundervoller Abend«, prostete Claudia ihrem Mann zu, der so viel Zufriedenheit ausstrahlte, dass er wirkte, als wäre er plötzlich wieder der junge Mann, den sie einst geheiratet hatte. Wenn dies nicht der passende Moment war, um auch die letzten Karten offen auf den Tisch zu legen, wann würde er dann überhaupt sein? Und so atmete sie noch einmal tief ein, als wollte sie den nötigen Mut aus der wohlig atmosphärischen Luft ziehen. Dann endlich offenbarte sie, was so lange verborgen geblieben war.

»Mein liebster Hannes«, begann sie, worauf ihr Mann sie mit einem so warmen Lächeln bedachte, dass jegliche Besorgnis augenblicklich von ihr abfiel wie ein kalter Schauer in einem gut geheizten Wohnzimmer. Den feierlichen Tonfall ihres Mannes imitierend, fuhr sie fort: »Weil dies ein so unendlich schöner Abend ist, wie du ja selbst meintest, und ich mir sicher bin, dass heute einfach alles gesagt werden kann, möchte ich auch das letzte große Geheimnis mit dir teilen, das ich seit langer Zeit mit mir trage.« Ihr nun geschlossener Mund formte ein verschmitztes Lächeln. Wie schön sie trotz oder gerade wegen der kleinen Fältchen noch immer war, dachte Hannes und sagte: »Du hast noch Geheimnisse, mein Liebling? Selbst nach zehn Jahren Ehe bist du für eine Überraschung gut, was? Na dann mal raus damit. Ich bin heute wirklich auf alles gefasst.« Und wieder ließ er sein gequetschtes Lachen ertönen, das einfach immer Moment zu lang andauerte.

»Ach Hannes«, säuselte Claudia, die ihre Hände nun ganz schüchtern auf die Oberschenkel gelegt hatte. »Wir sind seit zehn Jahren verheiratet, nicht wahr?«

»Ja, fast genau. Es fehlen noch ganze zweiunddreißig Tage, mein Liebling«, entgegnete Hannes und schlug mit der linken Hand aufrührerisch auf die Sessellehne, ganz so, als wäre soeben eine große Erkenntnis über ihn gekommen.

»Aber wir kennen uns bereits seit fast zwölf Jahren«, fuhr Claudia fort.

»Ganz recht«, stimmte Hannes nickend zu und nahm einen Schluck aus seinem Bierglas.

»Nun, also«, druckste Claudia sich herum und zog den Kopf ein wenig ein. »Ich weiß nicht so ganz, wie ich es am besten sagen soll, also sag ich’s einfach direkt, ja?«

»Aber natürlich, mein Schatz. So direkt, wie du magst. Heute gehört uns beiden schließlich die Welt«, tönte Hannes in seiner stets pathetischen Art und grinse das Siegerlächeln, mit dem er am späten Nachmittag bereits das neu bezogene Büro verlassen hatte.

»Also gut«, sagte Claudia und schluckte. »Hättest du mich nicht vor zwölf, sondern schon vor dreizehn Jahren kennen gelernt, dann wüsstest du, dass Claudia damals nicht mein Name war.«

Für einen Moment wollte das feierliche Lächeln aus Hannes Gesicht weichen. Doch dann fing er sich wieder und sagte mit weniger fröhlicher aber noch immer ruhiger Stimme: »Oho, das scheinen mir ja wirklich große Geheimnisse zu sein. Dann will ich mal ganz Ohr sein.« Innerlich gespannt, beugte er sich in seinem großen Sessel ein wenig nach vorn und runzelte dezent die Stirn. »Soll ich raten?«, fragte er und versuchte sich an einem verspielten Lächeln. »Hm, Anita?«

»Nein«, sagte Claudia. Sie hob die Hand und winkte leicht ab, als hätte sie ein unerwünschtes Kompliment bekommen

»Etwa Gertrud?«, riet Hannes weiter.

»Aber nein«, antwortete Claudia abermals.

»Doch nicht etwa Chantal?«

»Nein!«, protestierte Claudia nun etwas lauter, worauf ihr sofort ein Kichern entwich.

»Dann geb ich auf«, witzelte Hannes und lehnte sich wieder zurück. Er hob den linken Arm, als würde er versuchen, Hamlet zu imitieren und sagte laut: »So sage mir deinen Name, oh holde Maid.«

»Bernd.«

Langsam ließ Hannes den Arm wieder sinken. Er blickte seiner »Frau« tief in die Augen, wollte den Scherz entdecken und fand doch nichts als die Wahrheit. Nach zehn Jahren Ehe musste man dafür keine besondere Begabung besitzen. Und war ihr Gesicht nicht plötzlich auch sehr viel kantiger als eben noch?

»Oh«, entwich es Hannes. Dies sollte der letzte Laut sein, den er für sehr lange Zeit von sich geben würde. Für den Augenblick kehrte fast völlige Ruhe ins Wohnzimmer ein. Lediglich die Stereoanlage ließ es sich nicht nehmen, die Village People ein leises und doch so gar nicht unauffälliges YMCA anstimmen zu lassen. Während Hannes derweil innerlich spürte, dass ihm der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde, bemerkte er nicht, dass seine rechte Hand das Weißbierglas immer stärker kippen ließ. Plötzlich ergoss sich kaltes Bier sich über seinen Schoß und prickelte verhöhnend in seinem Schritt. Auch hier sollte für lange Zeit nichts mehr prickeln. Was jedoch nicht lange auf sich warten lassen sollte, war der erneute Wechsel des Abteilungsleiterpostens. Hannes Obermüller hätte krankheitsbedingt das Unternehmen verlassen, hieß es von offizieller Seite. Wohl ein Burnout-Syndrom, munkelte man in der Teeküche, wusste es jedoch nicht genau und sollte es auch nie erfahren.

2 Kommentare

  1. Danke schön. 🙂 Einige andere sind schon bei den dreizehn Jahren drauf gekommen. Scheint wohl doch sehr naheliegend zu sein. Aber ist gut so, wenn der Verdacht bereits vorher kommt, auch wenn's beim Schreiben noch anders gedacht war.

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