Unterwegs in Köln.

Er hat alles andere als gut begonnen, der Tag, an dem ich in Köln den Halbmarathon laufen will. Da macht man sich zur reichlich schlaftrunkenen Uhrzeit gemütlich auf den Weg zur Bahn, nur um kurz vor dem Bahnhof festzustellen, dass der eventuell benötigte Personalausweis noch daheim auf dem Tisch liegt. Also, alle Mann kehrt! Ein kleines Aufwärmtraining später, gegen sechs Uhr dreißig etwa, sitze ich schließlich durchgeschwitzt und mit noch halbwegs vollem Bauch röchelnd und pfeifend in der Bahn. Den Personalausweis habe ich inzwischen parat, die Getränkeflasche liegt wie gehabt daheim. Ganz toll.

Endlich in Köln angekommen, sieht es nur unwesentlich besser aus: Knappe zehn Grad Außentemperatur laden zum gemütlichen Verweilen in der Rheinmetropole ein, über der ein zutiefst grauer Wolkenschleier hängt, der kunterbunte Beerdigungsstimmung verbreitet. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei staubtrockenen einhundert Prozent, passend zum eisig lauen Lüftchen, das durch die Straßen fegt wie die Schneekönigin auf Speed. Ich finde ja, es könnte ruhig noch etwas stärker regnen, denn dann hätte das Gute-Laune-Wetter tatsächlich seine Perfektion erreicht. Aber ach, das Leben ist zumeist kein Wunschkonzert, und so mische ich mich unter das Laufvolk, das bereits eifrig dabei ist, sich auf das vorzubereiten, was es da auch immer erwarten mag.

Während sich also die gewissenhaften Profiläufer mit allerlei Technikschnickschnack ausrüsten, den selbst ein früherer James Bond neidisch besabbert hätte, sich mit ergonomisch konstruierten Wasserkanistern behängen, seltsam blinkende Gerätschaften zur Erfassung der Vitalfunktionen an ihren Gliedmaßen befestigen und ihre gestählten Körper unterhalb der Laufkluft mit allerlei Gummigehänge zusammenzurren, stülpe ich mir des Regens wegen einen orangefarbenen Müllsack über den müden Kopf und gehe erst mal aufs Klo, um das Bisschen Wasser aus meiner Blase herauszubekommen, das meine Haut wohl unterwegs aufgenommen haben muss. Denn zu viel getrunken habe ich schließlich ganz offensichtlich nicht. Der Profiläufer nutzt die Zeit dagegen nun, um sich akribisch aufzuwärmen, sich auf jede erdenkliche und auch weniger erdenkliche, weil gewiss schmerzhafte, Weise zu verrenken und mit jeder Menge Warmlauftraining das müde Gebein in Schwung zu bringen. Dabei zieht er verkrampfte Grimassen, als wäre er soeben dabei, einen Kürbis durch die Gesäßbacken zu drücken. Da ich mich selbst nicht als Profi bezeichne, mir jedoch ein gesundes Maß an Überheblichkeit und Arroganz bewahrt habe, stelle ich mich »Tritratrullala« pfeifend in eine leere Ecke und schnalze gelegentlich mit der ausgetrockneten Zunge, bevor ich mich dann doch entscheide, einen kleinen Spaziergang zur Laufstrecke zu unternehmen.

Dort angekommen, startet gerade der Zehnkilometerlauf. Da ich bis zum Start des Halbmarathons selbst noch vierzig Minuten Zeit habe, meldet sich meine Überheblichkeit abermals zu Wort, und so überlege ich für einen kurzen Moment, ob ich die die zehn Kilometer zur Aufwärmung schnell mal mitlaufen soll. In vierzig Minuten müsste das doch wohl zu schaffen sein. Doch eine schneidende Windböe der Sorte Tranchiermesser holt mich recht schnell auf den eisigen Boden der Tatsachen zurück, und so tue ich es lieber meinen Leidensgenossen nach und hüpfe ziellos durch die Gegend, bis Freund und Feind sich endlich mit mir zusammen am Startpunkt einfinden. Während ich also innerlich über das grottige Wetter murre, dass auf meinem Gemüt der rostige Teekessel pfeift, haut ein dezent nerviger Moderator einen Gassenhauer nach dem anderen unter die wartenden Massen. Dabei spart er nicht an Superlativen und Rekordzahlen: Allein 80.000 Bananen stünden zum genüsslichen Verzehr zur Verfügung, staunt er, während das, was er sonst so von sich gibt, selbst so dermaßen Banane ist, dass sein Gesülze die gelbe Krummfrucht locker wieder aufwiegt.

Als wäre das nicht schon genug, rülpsen die wuchtigen Lautsprecher plötzlich Karnevalsmusik in meine leidenden Ohren. Das Kölner Feiervolk stört sich daran naturgemäß nicht und grölt die für mich vollkommen unverständlichen und wahrscheinlich sinnfreien Texte klatschend mit. Ja, wenn es was zu feiern gibt, lässt er sich nicht lumpen, der Rheinländer an sich.

Doch dann endlich, wird mein akustischer Sinnesapparat erlöst. Der erste Startblock mit den zweibeinigen Gazellen wird auf die Straße losgelassen, bevor auch der zweite Startblock schließlich die Haxen schwingen darf. In diesem Block stehe übrigens auch ich und nehme mir fürs Erste vor, das doch reichlich sportliche Mädel mit dem Pferdeschwanz, das sich vor mir warmhüpft, gekonnt schnittig zu überholen. Und los geht’s! Das obligatorische »Eye Of The Tiger« dröhnt aus den Lautsprechern, worauf ich an den Knöpfen meines MP3-Players herumfingere, um die liebevoll zusammengefrickelte Playlist in Gang zu bringen. Prompt wird des Tigers Auge durch ein ungleich motivationsfördernderes »Welcome To The Jungle« ersetzt. Kratzige Raucher- und Säuferstimmen machen mich nun mal mehr an als glasklares Tenorgequäke. Das gilt übrigens nicht gezwungenermaßen für Frauen, aber das nur am Rande.

Und so zieht es mich um die ersten Kurven, als mir wieder einfällt, dass ich das Mädel von eben überholen wollte. Ich blicke mich verwundert um, bis ich entdecke, dass der rhythmisch wippende Pferdeschwanz gerade weit vor mir am Horizont zu entschwinden droht – wie übrigens auch ein Großteil des restlichen Startblocks. War wohl keine gute Idee von den Organisatoren, mich in die scheinbar semiprofessionelle Laufriege zu stecken. Aber ach, die preußische Überheblichkeit meldet sich wieder zu Wort und sagt mir, dass man sich immer zweimal im Leben sieht. Sollen sie also laufen, die Windhunde. Die hole ich schon wieder ein. Denn sie alle mögen technisch besser ausgerüstet sein als das US-Militär im Irakkrieg, doch ich habe einen entscheidenden Vorteil: nämlich die unnachgiebige emotionale Beißkraft eines Tellereisens!

Tatsächlich dauert es noch nicht einmal lange, bis mir die ersten Spurter wieder begegnen, denn gefühlt geht es die ganze Zeit über bergab. Ein sehr bequemes Unterfangen, das mir dabei hilft, einen nach dem anderen zu zeigen, aus welch robustem Holz wir Brandenburger geschnitzt sind. »You Could Be Mine« säuselt Axl Rose derweil durch meine Kopfhörer, worauf mir das Mädel wieder einfällt. Doch keine Chance, die ist weg. Wahrscheinlich längst überholt. Dafür entdecke ich im Vorüberlaufen, dass auch Sportsvolk aus dem Ruhrpott anwesend ist. Ein dichter Schnauzbart und die modisch nie verkehrte Vokuhilafrisur lassen keinen Zweifel an dieser Erkenntnis. Zudem geht es vorbei am ersten Versorgungsstand. Um keine Zeit zu verschenken, beschließe ich prompt, diesen schlicht zu ignorieren – und stoppe sogleich um einen Becher mit Wasser vom Tisch zu greifen. Dann wird es Zeit für mich, das Mahlwerk der stetigen Gedankengänge vorerst auszuknipsen, die übermäßige Sinneswahrnehmung zu kappen. Der Tunnelblick wird aktiviert, und für eine lange Zeit folgt erst einmal nichts mehr.

Erst, als ich auf der anderen Straßenseite bereits die Topläufer aus dem Ausland an mir vorbeiziehen sehe, werde ich kurz wach. Ich richte meine Argusaugen nach vorn und meine, den Wendepunkt auf meiner Geraden sichten zu können. Verwundert frage ich mich, ob die eben gesichteten Überathleten einfach nur langsam sind oder ich so schnell bin. Kurze Zeit später bekomme ich die Antwort, denn es gibt keinen Wendepunkt, sondern lediglich eine Kurve. Mehr als zwanzig Minuten später finde ich mich schließlich tatsächlich an der Stelle wieder, an der ich zuvor die menschlichen Laufapparate entdeckt habe, und die Welt hat wieder ihre Ordnung. »Do You Know The Enemy?« fragt Billy Joe Armstrong inzwischen via Kopfhörer, und natürlich kenne ich den Feind: Er ist irgendwo hinter mir und schluckt das Wasser, das von den Sohlen meiner Schuhe nach hinten spritzt. Einmal mehr schüttle ich die mir eigene Überheblichkeit ab, schließlich gilt es, auf das, vom Regen glatte, Kopfsteinpflaster zu achten. Ich hätte Regenreifen aufziehen sollen, denke ich, während ich vorsichtig wie ein Jäger auf der Pirsch vorantapse. Als die Straße endlich nicht mehr glatt ist wie ein rasiertes Hinterteil, schalte ich wieder zurück in die geistige Umnachtung.

Erst auf den letzten beiden Kilometern komme ich zu mir. Ich versuche zu sprinten, doch meine Profiwade, die sich eben jenen Profistatus schon längst durch ihr ständiges Verkrampfen und Ausfallen redlich verdient hat, schreit, dass ich doch bitte endlich einen Gang zurückschalten soll, schließlich lägen wir doch gut in der Zeit. Unter Metallicas knatterndem Gitarrenfeuer fällt mir das jedoch erstens sehr schwer, und zweitens habe ich soeben festgestellt, dass meine selten getragene Armbanduhr unglaublich falsch geht, was jegliches Zeitgefühl elend verenden lässt. Also renne ich weiter, als wäre ein mit Nagelbrettern bewaffneter, prügelfreudiger Hauptvolktrupp aus meiner ostdeutschen Heimat hinter mir her. Es gilt schließlich, die selbst gesetzte Zielzeit von 1:45:00 zu erreichen. Dass diese eigentlich utopisch ist, stört mich derweil kaum, schließlich bin ich unlängst kapitalgesellschaftlich geschädigt und schon allein deshalb an unerreichbare Ziele gewöhnt.

Dann endlich, die schmerzende Blase unter meinem Fuß hat sich mittlerweile tatsächlich auf die Größe eines Luftkissenboots gemausert, flitze ich über die Ziellinie. Schnaufend wie ein verstopftes Didgeridoo, bahne ich mir so eilig, wie es eben noch möglich ist, den Weg durch den Finalistenspießrutenlauf, auf welchem allerhand Medaillen, Werbegeschenke, Schokoriegel und Getränke dargereicht werden. Unterwegs werden zudem mit Fluggesellschaftswerbung bedruckte Leichensäcke verteilt, die sich auf den zweiten Blick jedoch als Warmhaltefolien für den gefrosteten Läufer entpuppen. Das Ding übergeworfen, geht es weiter und weiter. Der Stand mit dem alkoholfreien Weißbier will schließlich erreicht werden. Das eigentlich eklige Gesöff entwickelt sich nämlich nach einem dermaßen kraftraubenden Lauf zum so ziemlich geilsten Zeug unter der Sonne. Böse Zungen behaupten sogar, dass so mancher Läufer lediglich an der asphaltierten Tortur teilnimmt, um sich eine dieser erfrischenden Gaumenfreuden zu gönnen. Ist natürlich totaler Unsinn, denn der Genießer von Welt kippt sich sogleich mindestens drei Becher davon in den ausgetrockneten Schlund.

Und während dann so allmählich das totale Bewusstsein zurück in meine zunehmend lebendige Hülle fließt, wird mir klar, dass ich nicht nur meine Zielzeit geschafft habe, sondern diese auch noch um ganze sechs Minuten unterboten habe. Mit dieser schillernden Erkenntnis im Kopf, wird sogleich der nächste Vorsatz gefasst: Nächstes Jahr im September gilt es, den Schnarchnasen in Berlin zu zeigen, wo beim einhundert und vierundsechzig Zentimeter großen Exilpreußen der Laufhammer so hängt. Das neue Ziel vor Augen, geht es dann so allmählich heimwärts – so gut wie tot aber glücklich.

2 Kommentare

  1. Nur die obligatorischen fünfzehn Minuten Ruhm. Geht wohl eher ums Dabeisein. 😉 Es gibt ansonsten eben 'ne Urkunde (zum Selbstausdrucken, versteht sich) und 'ne nette Medaille. That's it. Das alles ist eher 'ne Art Selbstbeweis.

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