Weiter, weiter… II – Eine Begegnung

Während er wie ein Besessener die Scherben vom Boden kehrte, pfiff St. Phan wild durcheinander diverse Gitarrensoli aus alten Guns N‘ Roses-Songs. Er liebte den guten alten, dreckigen Sound, der immer auf alles zu scheißen schien, ganz egal, ob nun Regenwolken den Tag verfinsterten oder die Sonne den Himmel schmückte. Meine Fresse, dacht er, wie konnte ein einziger Mensch nur ein solches Chaos verursachen? Hier musste wirklich das größte luftgefüllte Glasschloss gestanden haben, das jemals ein vernebelter Verstand jenseits der realen Welt, hier, wo man sich an Gefühlen schneiden konnte, ausgeschissen hatte. Und so kehrte St. Phan all die großen Scherben und auch die kleinen an den Rand, bahnte sich einen schmalen Weg durch die unzähligen Trümmer, um wenigstens etwas Ordnung in all das Wirrwarr zu bringen. Außerdem war er auf der Suche. Wenigstens war die Luft mittlerweile nicht mehr allzu dunstig von dem vielen Schutt, der erst kürzlich hier produziert und aufgewirbelt worden war. Später würde St. Phan all den, an den Rand gekehrten, Müll fein säuberlich in die vielen gigantisch großen Container befördern müssen, die niemals jemand zur Entleerung abholen würde und die stets wie eine große eiserne Welle aus der Ferne drohten, auf dass man sie niemals ganz vergessen sollte. All diese Arbeit würde sicher ihre Zeit einfordern, aber hier drüben lief die Uhr doch ohnehin ein wenig anders.

Gerade pfiff er einige Noten aus »Sweet Child O Mine«, als St. Phan ein besonders schönes Bruchstück ins Auge fiel. Er bückte sich und hob es auf. Es schillerte in allen erdenklichen Farben, so dass für keine einzige Sekunde auch nur eine einzelne Farbe wirklich greifbar war. Doch gerade das machte dieses scharfkantige Mauerstück so schön. St. Phan legte den Kopf bewundernd auf die Seite, begutachtete die Scherbe noch einmal von allen Seiten und steckte sie dann schulterzuckend in die linke Hosentasche seines Blaumanns. Dann fegte er weiter, kehrte Schutt um Schutt an den Rand und erarbeitete sich so einen Pfad mitten durch die vollkommene Zerstörung.

Als er nun abermals die Lippen spitzte, um »Think About You« anzustimmen, blieb ihm die Luft jedoch in den Lungen stecken, denn endlich hatte St. Phan gefunden, wonach er neben der eigentlichen Arbeit Ausschau gehalten hatte. Er zog seine Kappe mit dem großen Schirm etwas tiefer ins Gesicht und räusperte sich.

»Hier bist du also, Junge. Deine Arbeiten sind vorbei, und eigentlich solltest du schon längst nicht mehr hier in den Resten herumlungern. Bist doch kein streunender Straßenköter, man«, sagte er zu dem jungen Mann, der mit hängenden Schultern vor ihm im Dreck saß. Sein Gesicht, das Haar und auch die Kleidung waren grau und schmierig von all dem aufgewirbelten Schutt.

»Wer bist du jetzt, und was willst du?«, fragte der Mann, während er St. Phan nun mit seinen roten und geschwollenen Augen ansah. Über seine Wangen mussten unzählige Tränen geflossen sein. Ihre Bahnen konnte man in all dem Schmutz erkennen wie ausgetrocknete Flussbetten.

»St. Phan heiß ich momentan, weil ich das so will«, sagte St. Phan und nahm langsam die Kappe vom Kopf, so dass sein Gesicht nicht länger im Schatten lag. Der Mann, der am Boden saß, blickte für einen Moment verwundert drein und erkannte dann – sich selbst. »Du- du siehst genau aus wie ich«, stammelte er, während seine Stirn sich in schmutzige Falten legte.

St. Phan, der sich auf seinen Besen gestützt hatte, lachte schallend und sagte: »Junge, woran mag das wohl liegen? Hm? Scheiße man, ich bin du, du dummes Schafsviech. Ein Teil von dir, könnte man gewissermaßen sagen.«

Diese Auskunft vermochte die Verwirrung des schmutzigen Mannes nicht gerade zu lösen, denn sein Gesichtsausdruck schien sich zu einem einzigen, großen Fragezeichen verzogen zu haben. »Ich bin du? Du bist ich? Wie jetzt? Ich heiße Thomas, du nennst dich St. Pan. Was soll der Quatsch? Und was willst du überhaupt von mir?«

St. Phan grinste hämisch. »Ist schön, in seinem eigenen Saft zu schmoren, was? Oder sollte ich sagen, in den Trümmern seiner eigenen Wünsche und Träume zu baden und sich dann zu wundern, dass man eine elende Heulsuse ist?«, warf er dem Mann, der Thomas hieß, spöttisch zu.

»Was soll der Scheiß?«, fragte Thomas, ohne auch nur zu versuchen, ein gewisses Maß an Nachdruck in seine Stimme zu legen. »Lass mich einfach in Ruhe.«

»Meine Fresse, guck dich doch mal an. Du sitzt mit Dreck im Gesicht auf dem Boden herum und ersäufst bald an deinen eigenen, dämlichen Tränen, während ich deinen Scheiß hier wegräumen darf. Weißt du, im Selbstmitleid baden hat noch niemanden wirklich sauber gewaschen.«

»Ach, altkluge Sprüche hat er auch drauf, der Herr St. Phan, was? Oder soll ich dich Fuck-Off-Thomas nennen, wo wir doch eh schon ein und dieselbe Person sind?«, giftete Thomas zurück.

St. Phan legte den Besen beiseite und beugte sich hinab, um auf Augenhöhe mit Thomas zu kommen. »Sieh mir jetzt, verdammt noch mal, ins Gesicht«, sagte er leise und sah Thomas ernst an. »Sieh es dir genau an, mein Freund. Wir sind nicht ein und dieselbe Person. Wir sind überhaupt keine Personen, allenfalls Teile einer Persönlichkeit. Irgendwann geteilt, während wir beide immer wieder in diesem Pisszug namens Hoffnung herumgegondelt sind, der da hinten ständig vorbeirast. Während sie dich zum Luftpalasteinreißen verdonnert haben, fege ich schon eine ganze Weile all den Dreck wieder weg und pfeife das ein oder andere Liedchen. Aber weißt du, ich hab während des scheiß Kehrens hier sowieso nach dir gesucht. Hab mir doch gedacht, dass du noch in der Kacke kriechst, die du fabriziert hast. Wir beide, man, wir gehören zusammen. Kapierst du‘s?«

Thomas musterte aufmerksam St. Phans Gesicht, das seinem so unheimlich ähnlich sah und doch irgendwie falsch und verschoben wirkte.

»Du schaust dir die Narben an, was?«, fragte St. Phan und grinste wissend.

»Entschuldige bitte, ich wollte nicht-«, begann Thomas, bevor St. Phan eine Hand hob, die ihm Schweigen signalisieren sollte.

»Kein Ding, man. Die Narben, die ich trage sind die, die jeder sieht. Und sehen soll, verdammt. Und du? Du trägst die Kerben auf der Brust. So sieht‘s aus, Alter. Ach, da fällt mir was ein.« St. Phan griff in seine Hosentasche und zog die schillernde Glasscherbe heraus, die noch immer in allen möglichen Farben schimmerte und bunt verspielte Kaleidoskopmuster auf ihrer Oberfläche auftrug, um sie sogleich wieder zu zerstreuen. »Chic, was?«, sagte er grinsend.

»Ist das-«

»Ja, man. Das hast du erschaffen. Du mit deiner emotionalen Scheiße. Und das bleibt übrig von all deinen Träumereien. Tu mir den Gefallen man, und belass es nächstes Mal bei einem gemütlichen Eigenheim, ja? Bau dir einen verkackten Kamin ein, wenn du willst und leg von mir aus einen toten Bären davor, wenn du drauf stehst. Aber du musst hier nicht gleich den Kreml aus Glas nachbauen. Ich feg mir da echt die Finger wund und renn mir den Arsch ab. Und was krieg ich dafür? Blasen an den Pfoten und Narben im Gesicht.«

Thomas zog die Stirn kraus und fragte: »Warum kommen die Narben davon?«

In einer übertriebenen Geste schlug St. Phan sich die Hand vor die Stirn. »Meine Güte, du Volltrottel vergisst aber auch jedes Mal alles wieder, was?« Darauf hob er die Scherbe, setzte sie an der Stirn an und stieß sie durch die Haut, so dass augenblicklich ein dünnes Blutrinnsal über sein Gesicht lief. In einem halb runden Bogen zog er die Scherbe bis auf die Wange herunter. Das Blut tauchte mittlerweile einen großen Teil seiner linken Gesichtshälfte in ein tiefes Rot. »Na, Erklärung genug, du blökendes Häufchen Elend?«, stieß St. Phan frotzelnd hervor. »Und jetzt du.«

Bevor er sich wehren konnte, hatte St. Phan Thomas Hemd aufgerissen und ihm die Scherbe in die Brust gerammt. Mit einem kräftigen Ruck zog er sie herunter und verpasste der Haut damit einen tiefen Einschnitt. All das ging so schnell, dass Thomas noch nicht einmal Zeit zum Schreien blieb. »Verdammt, warum hast du das getan? Du hättest mir das Ding ins Herz rammen können!«, brüllte er und amtete heftig ein und aus.

Doch das brachte St. Phan nur zum Lachen. Er schüttelte mitleidig den Kopf und sagte: »Bengel, guck dich doch mal an. Sitzt da, mit Dreck und Tränen in der Fresse und erzählst mir was von kaputten Herzen? DU hast dir das Herz doch selbst längst zerstochen. Ich hab nur eine weitere Kerbe gesetzt. Auf dass du dich daran erinnerst. Auch wenn du‘s scheinbar nicht wirklich tust. Oder vielleicht bist du auch nur ein dämlicher Dickkopf und willst es gar nicht.«

Thomas blickte wehleidig auf. Seine Lippen zitterten, und neue Tränen wollten sich einen Weg über sein staubiges Gesicht bahnen. »Soll ich so sein wie du? Mir die warnenden Narben gleich im Gesicht verpassen? Als Garantie für das ewige Alleinsein? Nichts fühlen, dafür aber auch nichts erdulden, weil ich ein scheiß Angsthase bin?«, brachte er mit brüchiger Stimme hervor. Und wie auf Kommando kullerte eine einzelne Träne unaufhaltsam über seine schmutzige Wange, fiel lautlos vom Kinn und verendete im Scherbenstaub des eingerissenen Luftschlosses.

»Nein man, das sollst du nicht.«, sagte St. Phan mit gutmütiger Stimme und legte den Zeigefinger an Thomas Kinn. Langsam hob er mit einer Lockbewegung seinen Kopf ein wenig an, so dass er ihm wieder in die Augen schauen konnte. »Ich finde nur, du könntest ein klein wenig vorsichtiger werden. Wie gesagt, man. Eigenheime, keine Paläste. Weniger Arbeit für mich und weniger Herzblut für dich.«

St. Phan erhob sich darauf, atmete tief durch und sagte: »Pass auf, Junge. Ich räum den ganzen Scheiß hier noch eben weg. Von mir aus vergieß Tränen, bis deine Tränendrüsen verkrusten und dir die Backen platzen. Danach hol ich dich ab, und wir schmeißen zusammen ein paar fette Baumstämme auf die Schienen da hinten, damit diese Dreckshoffnungslok entgleist. Das Ding kotzt mich schon lange an. Und anschließend gehen wir beide eine fette Pizza essen.«

Plötzlich entwich Thomas ein Lächeln. »Pizza? Hier?«, fragte er zweifelnd.

»Ja, was denkst du denn, wo wir sind? Zurück in der sowjetischen Besatzungszone, wo selbst das Scheißhauspapier in Einzelblättern zugeteilt wird?«, rief St. Phan. »Heiliger Bimbam, ich kann dir auch ein beschissenes Fahrrad herzaubern, wenn du eines haben willst. Das hier ist unser gemeinsames Gedankenreich. Hier und da ein bisschen kaputt, okay. Es stinkt, es klebt, es ist verstaubt, und wahrscheinlich ginge hier bis in alle Ewigkeit jede Pflanze ein. Aber hey, das Ding gehört uns, okay? Vergiss doch mal das Mädel, und streng deinen Schafskopf an, du Nuss. Wie sieht‘s also aus mit der Pizza?«

Thomas schnaufte, verzog den Mund zu einer nachdenklichen Miene und grinste schließlich zaghaft. »Geht klar, Chef.«

»Ha! Na also«, brüllte St. Phan und schlug sich belustigt auf den Oberschenkel. »Ganz verloren ist dein Erbsenverstand dann wohl doch nicht. Aber hey, ich geb die Bestellung auf, und du hältst mal schön bis auf weiteres die Fresse. Bei deinem Gejammer liegen sich sogar Käse und Wurst heulend in den Armen. Überlass mir das Ruder und halt dich zurück. Vergiss nie: Ich bin der Ballon, du das Halteseil. Ich brauch dich, um nicht ganz nach oben zu steigen, du brauchst mich, um überhaupt ein wenig Höhenluft schnuppern zu können und nicht an deinen eigenen Fürzen zu ersticken. Klar soweit?«

»Glaub schon«, sagte Thomas und wischte mit der Hand über seine schmutzigen Wangen.

»Na geht doch. Also ich werd dann mal noch ein wenig deinen Abfall wegkehren. Tu du mir derweil bitte den Gefallen, lass alles liegen, fass nichts an und steck dir bloß nichts in die Taschen! Wenn ich fertig bin, komm ich sofort wieder. Nicht bewegen!«

Thomas legte die Hand an die Stirn. »Aye aye, Captain«, rief er laut und im zackigen Tonfall. St. Phan nickte ihm freundlich zu und schwang sogleich wieder den Besen, während er energisch den Refrain zu »Don‘t You Cry« pfiff.

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