Weiter, weiter…

Das gleichmäßige Rauschen des Zuges versucht immer und immer wieder, meine Gedanken zu umhüllen, mich zum Schlaf zu bekehren, denn geschlafen habe ich nicht. Doch welch unsinniges Unterfangen, denn ich kann ohnehin keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn, festhalten. Stattdessen habe ich die Stirn an die kühlende Fensterscheibe gelegt und starre mit leeren Augen in den grauen Oktobertag hinaus, der ebenso an mir vorbeirauscht wie sie an mir vorbeigerauscht ist. Noch eben habe ich sie zum Abschied umarmt, hätte sie am liebsten ganz festgehalten, und schon war sie fort. Derweil ich versuche, nichts zu spüren, warte ich auf die ersten Tränen, die ihre salzig warme Bahn über meine ausgekühlten Wangen legen werden. Doch es fließen keine Tränen.

Man lebt sein Leben locker in den Tag hinein und fühlt sich gut, weiß, dass es immer weiter und weiter vorangehen wird. Es mangelt einem an wenigen Dingen, und selbst die zwischenmenschlichen Bande vermisst man nicht oder nur sehr selten, denn Beruf und Leben füllen die Leere. Und immer dann, wenn die Dinge so sauber dahingleiten wie der Zug auf seinen Schienen, in dem ich mich nun befinde und der mich von ihr hinfortträgt, bricht ein Sturm herauf. Und man meint immer, er käme ohne Vorankündigung, würde die Dächer von den rationalen Gedanken fegen wie ein wahnsinnig gewordener Tornado, doch das stimmt nicht. Alles beginnt mit einem lauen Lüftchen, das hier und da ein wenig Frische ins Leben trägt und den alten Mief von der Anrichte mit all den aufgestellten, beständigen Werten bläst. Und erst dann, wenn man den Wind der Veränderung auch tatsächlich im Gesicht zu spüren bekommt, dreht er auf und verwandelt sich in jenen Sturm, gegen den man sich letztlich nicht mehr erwehren kann.

Ich überlege, ob ich die Musik einschalten soll, doch lenkt sie mich von ihr ab? Wahrscheinlich nicht, und so lausche ich weiter dem Rauschen des Zuges. Vielleicht ist das auch besser so und ich sollte mich daran gewöhnen, denn ein Rauschen wird mich in den kommenden Tagen und Wochen mit Sicherheit begleiten, ohne dass ich es abstellen kann. Ich werde damit umgehen müssen, denn diesen Weg habe ich gewählt: Ich bin schließlich mit rostiger Rüstung und schartigem Schwert in den Kampf hinausgezogen und wusste doch, dass ich keinen Sieg erringen würde. Doch heißt es nicht, wer nicht kämpft, der hätte schon verloren? Und dennoch fasste ich auf längst verlorenem Posten den Mut, ihr zu gestehen, was sie längst wusste. Aber ist Erfolg eben nicht immer der Lohn für unsere Mühen, so bitter diese Erfahrung auch schmeckt.

Die Zwischenhalte werden angekündigt. Weit ist es nicht mehr, bis ich wieder dort bin, von wo es mich gestern zu ihr gezogen hat. Und nun endlich, brechen die Fragen über mich herein wie das dunkle Grollen eines heraufziehenden Gewitters. Fragen, die mir niemals jemand beantworten wird. Was hätte ich noch tun können? Und hätten weitere Mühen auch nur irgendetwas geändert? Und wenn alles, was man zu tun in der Lage ist, dieses Mal doch nur für eine schmerzhafte Niederlage gereicht hat, wie sollte es denn dann beim nächsten Mal anders sein? Ich mag mir diese Verdammung nicht einreden, spüre sie aber dennoch gerade über mir wie das drohende Damoklesschwert. Immerhin hat sie mir das Herz nicht gebrochen, denn ich spüre ja, wie es hinter meiner Brust pulsiert. Und jeder Schlag tut weh. Und so möchte ich weinen, doch es fließen keine Tränen.

Wie wird es nun weitergehen? Was habe ich noch zu sagen? Was hat sie noch zu sagen? Und was haben wir uns noch zu sagen? Ich kann sie nicht bei mir tragen und will sie doch nicht missen. Ja, der Sturm weht noch, reißt nun mit ganzer Härte die Gedankenschlösser ein, trägt die Zuckergussziegel in unendliche Ferne. Und letztlich erfasst er selbst das gigantische Fundament, das ich einstmals Hoffnung getauft habe. Eine Hoffnung, die niemals eine war.

Die Zugdurchsage meldet die Endstation. Ich steige aus, spüre den eisigen Wind und weiß nicht, ob meine schwachen Beine denn wirklich nur der Kälte wegen zittern. Für einen Moment blicke ich dem Zug nach und wünsche mir, ich säße wieder in ihm. Doch wische ich den Gedanken abermals schmerzlich beiseite und versuche, nach vorn zu schauen. Es geht noch nicht, doch es wird gehen. Denn es geht immer weiter und weiter. Meine Augen sind noch immer trocken, doch ich weiß, dass Tränen fließen werden. Und auch nach den Tränen wird es weiter gehen. Und dann wird der Sturm abebben, denn es wird weiter gehen. Die Sonne wird durch den Wolkenhimmel brechen, und es wird weiter gehen. Und jetzt fließen die Tränen.

2 Kommentare

  1. Oh Gott. Auch wenn der Kommentar jetz dem Text nicht ansatzweise angemessen ist: Wie kann man in einem Zug überhaupt an Schlaf denken? Da sind andere Leute und es ist laut! Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der in einem Zug schlafen kann. Mit Lärm. Mit Kopf an der vibrierenden Scheibe. Ganz beeindruckend.

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