Das Glück ist Apfelkuchen.

Schon lustig. Da schwadroniere ich erst kürzlich noch über das Glück an sich und pendle mit den Gedanken hin und her, ohne wirklich irgendwo ankommen zu können, und da spinnt sich der Faden doch glatt von selbst weiter. Wie daraus ein Stück Apfelkuchen wurde, weiß ich, um ganz ehrlich zu sein, auch nicht. Aber hey, ich würde gerade unheimlich gern eines essen.

Das Glück ist Apfelkuchen

Genüsslich drücke ich die drei Zinken der Gabel in den festen Zuckerguss, ganz so, als würde ich eine verletzliche Eisschicht durchstoßen wollen. Ich liebe die süßen Apfelstücken, gebettet auf festem aber doch zugleich luftigem Boden, gedeckt von der dicken und verlockenden Zuckerschicht. Derweil ich mir die Kaloriensünde auf der Zunge zergehen lasse, blicke ich gedankenverloren aus dem großen Küchenfenster, das milchiges Tageslicht in meine kahle Wohnung wirft. Hier und da zieht ein einsames Auto wie ein Präriepferd in der weiten Steppe über den grauen Asphalt. Dann wieder passiert irgendjemand, den ich ganz gewiss nicht kenne, die Ampel, den Kragen der Kälte wegen hochgeschlagen und den Kopf eingezogen, oder aber gleich in einen dicken Schal gehüllt, um kurz darauf in den Häuserschluchten dieser Stadt zu verschwinden, die sich lustlos vor mir ausbreitet, als hätte sie ohnehin keinen Spaß an meiner Gesellschaft. Geht mir am Allerwertesten vorbei, denn dies ist ein Gefühl, das wir teilen. Diese Stadt ist im Herbst, doch ist sie es eben zu jeder Jahreszeit. Und ich mag den Herbst nicht. Mochte ihn nie. Vielleicht sollte ich gehen.

Der süße, fruchtige Kuchen umschmeichelt meine Geschmacksnerven. Und genau in dem Augenblick, in dem meine bereits ungeduldig wartenden Rezeptoren auf die gebackene Köstlichkeit prallen, bin ich glücklich. Glücklich durch ein Stück Apfelkuchen? Kein Grund, gleich das bemitleidende Lächeln aus der Tasche der halbherzigen Zuwendungen zu zaubern! Das Leben bietet eben nicht viele Gelegenheiten, um das zu empfinden, was sich ganz zweifellos als Glück erkennen lässt. Nicht mehr. Einmal mehr nicht mehr. Und so ziehe ich mich wieder an den kleinen Dingen hoch, greife nach ihnen, als wären sie rettende Strohhalme, die mich davor bewahren können, im Herbstgrau zu versinken und eins mit dem tristen Schauspiel hinter meinem Fenster zu werden. Doch sie alle sind nichts als Brotkrumen auf dem Weg zum Festmahl, nehme ich an. Auf dem Weg zum nächsten, großen Ziel, das Glück für mehr als einen Wimpernschlag verheißt. Und ich glaube, ich spüre es bereits, das Ziel.

Während ich mit dem Teller am Fensterbrett stehe, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wo ich, wie so viele andere vor und mit mir wahrscheinlich ebenso, im Leben falsch abgebogen sein mag. Wann habe ich damit aufgehört, schlicht und einfach glücklich zu sein, um stattdessen meine Zeit damit zu vergeuden, es wieder zu werden? Vielleicht war es diese Schleichfahrt von der Kindheit in die Jugend, die zu viele Fragen, zu viele Gedanken und mit alledem zu viele Enttäuschungen auf mich herabhageln ließ. Oder war gar nicht dieser Prozess, sondern eine Art nächtlicher Hammerschlag schuld, überwältigend und verheerend wie der Blackout nach dem ersten Besäufnis? Vielleicht, so stelle ich fest, ist gerade dieses Beispiel weniger weit hergeholt, als es gerade scheint. Denn ich glaube, ich hörte in etwa zu jener Zeit auf, dauerhaft glücklich zu sein, als wir uns alle johlend ins nächste Millennium schaukelten. Das Millennium, das vermaledeite. Ich erlebte den beschissenen Wechsel nicht, weil ich mit meinem Kopf in einem roten Eimer hing. Statt großer Feuerwerke hängt mir lediglich das Bild eines roten Eimerbodens, bedeckt mit meiner eigenen Kotze, im Kopf. Vielleicht bin ich also seitdem in dem verdammten Eimer stecken geblieben. In den glücklichen Momenten schaue ich auf und sauge frische Luft ein, um mich sogleich wieder in den roten Eimer zu hängen und mich mit dem Schlechten zu befassen, das auf seinem Grund schwimmt und meine Atemwege verpestet. Vielleicht sollte ich aufhören, den Kopf im roten Eimer zu vergraben, bevor ich noch an seinen Inhalten ersticke.

Ich blicke auf den Teller und denke, ich hätte Schlagsahne kaufen sollen. Zumindest verspüre ich spontan Lust darauf. Aber eigentlich ist der Kuchen doch auch so schon süß genug, um süß zu mir zu sein. Ein weiteres, großes Stück schiebe ich in meinen Mund, den ich langsam wieder schließe, um genüsslich zu kauen, um anschließend tief durch die Nase ein- und wieder auszuatmen.

Um Sorgen zu atmen. Sorgen und Missmut, die mich doch zuletzt noch nicht umgaben, als ich irgendwann und irgendwo in einer weiteren, vergänglichen Phase der Glückseligkeit badete. Wo ist es, verdammt noch mal, hin, das Glück? Wer hat ihm die Siebenmeilenstiefel angezogen? Und wo soll ich es jetzt schon wieder suchen? In der Liebe, die so süß wie der Zuckerguss hier sein möchte, mich aber nur allzu gern mit Spott für meinen Mut bestraft oder aber denselben Mut kurzzeitig belohnt, nur damit ich auf dem Highway der Gefühle aus dem Wagen gestoßen werde, im Straßengraben liegend und mit einem Pfennigabsatz im Herzen? Wo ich den Rücklichtern wehmütig nachblicken kann, um dann spüren zu müssen, wie der Verstand zu bersten droht, wenn die erlebte Zweisamkeit den Blinker betätigt und aus dem Sichtfeld entschwindet? Nein, davor möchte ich mich verschließen, will mich einmauern, zubetonieren. Ein leiser Seufzer entfährt mir. Vielleicht sollte ich es doch riskieren.

Mit der Gabel suche ich den Teller nach einem weiteren Stück Apfelkuchen ab. Doch einzig der Pling-Laut dringt an mein Ohr, als die Gabel auf das leere Porzellan des Tellers trifft. Überrascht schaue ich nach unten und stelle fest, dass das kurze Glück schon wieder vorbei ist. Verschwunden in meinem Magen, der sich nun zwei Stunden lang an den Resten gütlich tun darf. Wieder atme ich tief durch, gehe dann zur Spüle hinüber und stelle den Teller ab. Mit dem Zeigefinger picke ich die letzten Krümel auf und nasche sie von der Fingerspitze. Nach diesem kurzen Glück wird es Zeit für eine größere Portion. Zeit zu gehen, diese Stadt zu verlassen, das Abenteuer dort zu suchen, wo der Herbst hoffentlich nur der Herbst ist. Zeit, den Kopf zu heben und den ewigen Eimer ins Klo zu entleeren, denn mag auch die Luft nicht immer blumig duften, ist sie sicher allemal besser als der dauernd gleiche Mief des ewig Gestrigen. Und ja, auch Zeit, die Mauern einzureißen, zu offenbaren, dass hinter Backsteinen, rot vom Herzblut, noch Leben und Wärme warten.

All das mag mich vorerst ins große Glück führen. Und ebenso weiß ich, dass auch dieses Glück vergehen wird. Doch abermals blicke ich auf den leeren Teller, denke an den süßen Kuchen. Jetzt frage ich mich, ist das Glück nicht einfach Apfelkuchen? Irgendwann ist jedes Stück gegessen, hinterlässt schmutziges, tristes Porzellan und einige kleine Erinnerungskrümel, an denen man sich wehmütig vergeht. Aber, verdammt noch mal, was hält mich davon ab, einfach loszuziehen und mir ein neues Stück zu besorgen, wenn der Appetit es verlangt? Ein letztes Mal schaue ich auf den Teller, verziehe den Mund zu einer nachdenklichen Miene. Zeit, sich wieder mal ein extragroßes Stück unter den Nagel zu reißen, schätze ich.

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