Ein wunderbarer Tag.

Er las es in der Zeitung. Zuerst meinte ein Teil seines unabänderlichen Verstandes, es müsste sich um eine andere Elise handeln. Natürlich, es konnte nicht DIE Elise sein. Doch der kleine Kasten mit der schwarzen Umrandung verriet Rüdiger schließlich auch das Geburtsdatum, was die Zweifel recht schnell ausräumte.

Elise Ritter
geb. Krauss
*19.01.1971
†20.06.2009
In Liebe und in Dankbarkeit

Und hatten die Spatzen es nicht ohnehin schon vom Dach gepfiffen? Erst vor zwei Tagen beim Einkaufen war die dicke alte Erna Brauer mit ihren vollen Einkaufstüten wie ein Pinguin auf Rüdiger zugewatschelt, um ihm nur ganz schnell ihr Beileid auszusprechen.

»Elise hatte einen Autounfall?«, hatte er rückgefragt und versucht, ein wenig Entsetzen in seiner Stimme mitklingen zu lassen. »Nein, das wusste ich noch nicht. Wissen Sie, Frau Brauer, ich habe zu meiner Exfrau keinen Kontakt mehr gehabt. Zumindest nur noch selten. Aber haben Sie Dank. Ich werde mich natürlich mit den Angehörigen in Verbindung setzen.«

Hatte er selbstverständlich nicht getan. Zugegeben, für einen Augenblick hatte er tatsächlich darüber nachgedacht, Horst anzurufen. Horst. Horst! Wer war überhaupt Horst? Sie hatte wieder geheiratet – und dann ausgerechnet diesen Horst Ritter. Nicht ganz helle, arbeitete von früh bis spät auf dem Bau. Ein Mann wie ein Bär. Kein drahtiger Informatiker wie Rüdiger einer war. Was sie von dem nur gewollt hatte? Natürlich hatten Rüdiger und Elise sich einvernehmlich getrennt. Vor zwei Jahren schon – nach nur fünf Jahren Ehe. Aber hatte sie denn gleich wieder heiraten müssen? Das hatte den Kleinkrieg schließlich erst entfacht. Und dann ausgerechnet diesen dämlichen Horst! Er hatte Horst nicht angerufen. Was hätte er ihm denn sagen sollen? Mein Beileid zum Tod meiner, nein, DEINER Frau? Willkommen in der Truppe, Sohn? Nein, es hätte keinen Zweck gehabt.

Während Rüdigers Augen nun wieder und wieder die Zeilen überflogen, verfestigte sich die Gewissheit in ihm. Ja, sie war tot. Hier stand es doch! Schwarz auf weiß! Die Feder war mächtiger als das Schwert, also musste sie auch die Wahrheit sprechen. Rüdiger nickte, ohne es zu merken. Er erhob sich von dem klapprigen Stuhl und legte die Zeitung auf den Küchentisch. Noch einmal betrachtete er die kleine, schlichte Todesanzeige in der Ecke der aufgeschlagenen Seite. Und nun schlich sich ein leichtes Grinsen in sein Gesicht. Hatte Gott ihm also endlich Gerechtigkeit zuteilwerden lassen und diese undankbare Frau mit einem symbolischen Blitz niedergestreckt! Ha, dachte Rüdiger, welch grandioser Start in einen wunderbaren Tag!

Natürlich gehörte es sich nicht, sich über den Tod eines Menschen zu freuen. Schon gar nicht über den dieses ganz bestimmten Menschen. Aber reichte es nicht, zu wissen, dass es sich nicht gehörte? Im Endeffekt war es doch wie mit der Schadenfreude: Man weiß, dass sie falsch ist, und dennoch genießt man sie auf eine spezielle Art. So, wie man Bitterschokolade genießt, die auch nie so wirklich schmeckt. Solange Rüdiger wusste, dass er sich falsch verhielt, war doch nichts dabei, ein wenig vom Triumph zu nippen.

Er schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien. War es nicht ein wunderbarer Morgen, um auf dem Balkon zu frühstücken? Mit einer schwungvollen Handbewegung zog Rüdiger die Kühlschranktür auf und prüfte sogleich den Inhalt. Alles da. Mit einem geträllerten Bohemian Rhapsody auf den Lippen stellte er alles auf das leicht eingestaubte Tablett, das er kurz suchen musste, um es dann angelehnt neben dem Kühlschrank zu finden: Käse, ein wenig Schinken, Erdbeermarmelade, die selten gebrauchte Halbfettmargarine und natürlich das geschnittene Brot. Den Kaffee würde er sogleich nachholen. Mit dem Tablett voraus schob er sich auf den sonnenbeschienenen Balkon. Sofort fiel ihm das unschöne Bild auf: Was hatten all die leeren Kartons hier zu suchen? Unbedingt aufräumen, vermerkte Rüdiger sogleich auf seinem gedanklichen Notizblock. Wie lange er schon nicht mehr hier draußen gesessen haben musste. Fast drei Jahre musste das doch schon her sein. Er wischte den Gedanken rasch hinfort, zuckte mit der Schulter und ging wieder ins Haus, um den Kaffee zu holen.

Die Vögel sangen ihre Oden auf den Tag und das Leben, während die Sonne allmählich höher stieg und die Luft in ein warmes Kleid hüllte. Ein schöner Tag, doch den Kaffee hatte Rüdiger irgendwie heute nicht hinbekommen. Und das Brot musste wohl auch schon zu lange herumgelegen haben. Ihm schmeckte es heute einfach nicht, und so beschloss er, alles wieder abzuräumen. Der herrliche Tag ließ sich auch für einen Spaziergang nutzen.

Auf dem Weg nach draußen warf Rüdiger noch einmal einen flüchtigen Blick in die Zeitung. Elise Ritter. Schwarz hatte sie geheißen. Damals. Nicht mehr Krauss und schon gar nicht Ritter! Rüdiger warf die Tür zu und ging gemächlich die Hausflurtreppe herab. Another One Bites the Dust lag ihm auf den Lippen. Eigentlich war es doch ein Tag zum Feiern.

Irgendwie war der Stadtpark auch nicht mehr das, was er mal gewesen war, stellte Rüdiger schwermütig fest, nachdem er den verspielt verschnörkelten Weg inmitten durch die Wiesen, vorbei an Bäumen und dem großen Teich, ein Stück weit gegangen war. Die mussten hier umgebaut haben. Früher war das doch schöner gewesen. Und nun? Die ganze Atmosphäre hatten sie dem Park genommen. Warum betonierten sie ihn nicht gleich zu, wie auch den Rest der Stadt? Rüdiger fühlte sich sehr unbehaglich. Nein, ein Spaziergang hier war nicht das Wahre. Augenblicklich machte er kehrt und ging zurück nach Hause.

Immer wieder fiel sein Blick in die Zeitung. Ja, sie war gestorben. Einige Male blickte er auf das Telefon, das stumm blieb. Auch er rief niemanden an. Er würde den Tag einfach auf seiner Couch verbringen und ein wenig fernsehen. Vielleicht war das heute genau das Richtige, um die Jubelstimmung zu genießen.

Das Fernsehprogramm war wieder einmal fürchterlich. Typisch.

In der Nacht fand Rüdiger kaum Schlaf. Viel zu oft musste er sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischen. Manchmal war es doch wie verhext, dachte er, als er gerade das Kissen herumdrehte, um auf der trockenen Seite liegen zu können. Da musste er doch tatsächlich weinen, ohne zu wissen, weshalb. An einem so wunderbaren Tag.

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