Stachelige Geschichtenzeit.

Fast schon traditionell ist es, hier am gemütlichen Sonntag ein kleines Geschichtlein zu veröffentlichen. Nun könnte ich auch was anderes schreiben, aber da in meinem Leben derzeit gähnende Leere herrscht – meistens zumindest – mach ich’s einfach wie gehabt. Der folgende Text ist übrigens für ein kleines Plattenlabel gedacht und wird dann hoffentlich dort demnächst so ziemlich, huh, »independant« in einem kleinen Büchlein erscheinen. Ach ja, und falls der eine oder andere Leser sich fragen mag, an was ihn die ganze Geschichte denn bloß erinnert, so sind es mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit die [Critters].

Die Nacht der lebenden Igel

In der Hermannstraße war Ruhe eingekehrt. Die leergefegten Bordsteine waren längst hochgeklappt, und all die Eigenheime, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, schienen tief und fest zu schlafen. Lediglich die zirpenden Grillen untermalten die perfekte Stille, als Pantothenic Acid plötzlich in ihrem klapprigen VW-Bus um die Ecke schossen und die Ruhe mit geradezu blasphemischer Penetranz durchschnitten.

Pantothenic Acid – das waren Mike, Incredible Jürgen, Frank und Paul, alias Dr. Pepe. Und der Gig des Abends war leider ordentlich schief gegangen: Nicht nur, dass die Instrumente irgendwie partout verstimmt gewesen waren, auch die anwesende Klientel im Ultimate Fighter hatte guten Punk Rock einfach nicht zu schätzen gewusst – wie immer. Na immerhin hatte es genügend Bier für lau gegeben.

An der Hausnummer 54 kam der Bus mit quietschenden Reifen zum Stehen. Die Seitentür schob sich rasant auf, worauf sich eine dichte Nebelwolke ebenso an die frische Luft zwängte wie die lauten Riffs der Band NoFX, die aus den dicken Lautsprechern dröhnten.

»Haut rein, Jungs. Wir sehen uns übermorgen bei den Proben«, sagte Mike, während er aus dem Wagen sprang. »Ach und Frank«, schloss er an, »hau ihm eine rein, auch wenn er seine scheiß Brille aufgesetzt hat!« Gehässiges, lautes Gelächter setzte ein. Darauf grinste Mike, winkte den Jungs noch einmal lässig zu und wankte schwerfällig zur Haustür. Schon war auch der alte VW wieder unterwegs. Damit entfernten NoFX sich, und endlich kehrte die gemütliche Stille in die Hermannstraße zurück.

Gerade fixierte Mike mit den Fingern das Haustürschloss, um den rostigen Schlüssel trotz seines respektablen Alkoholpegels irgendwie rein zu kriegen, als er ein lautes Schnaufen vernahm. Was war das denn jetzt, zum Teufel noch mal? Verwundert blickte er sich um, doch konnte er partout niemanden entdecken. Und eigentlich kam das Schnaufen auch eher – ja, es kam von unten! Vorsichtig senkte Mike seinen Blick und erschrak prompt vor dem sich bewegenden Bündel auf der Fußmatte. Ein verdammter Igel hockte hier! Da hatte das scheiß Biest doch tatsächlich auf ihn gelauert, um ihn vor der eigenen Haustür zu erschrecken, oder was? In einem kurzen Wutanfall und ohne weiter nachzudenken, holte Mike mit dem rechten Fuß aus und kickte das arme Tier wie ein Lederei von der Matte. Ein kurzes, lautes Quieken des Igels verriet, dass Mike ganz ordentlich getroffen haben musste. Er sah dabei zu, wie das Vieh in hohem Bogen ins Gebüsch flog. Eigentlich, schaltete Mikes Gewissen sich plötzlich ein, war das jetzt ziemlich bescheuert gewesen. Und dennoch musste er grinsen, denn der fliegende Igel hatte ihn gerade an diesen blauen Stachelknilch erinnert, den er noch aus seinen alten SEGA-Konsolen-Zeiten kannte. Sonic, hieß das Ding, fiel es ihm ein.

Für einen Moment schaute er zum Gebüsch hinüber. Nichts. Dann zuckte Mike mit den Schultern und betrat die Wohnung. Wenn er sich in der Zeit nicht so ganz vertan haben sollte, müsste er es eigentlich gerade noch rechtzeitig zum Anfang von Apocalypse Now schaffen. Bestimmt würden sie wieder diese scheiß geschnittene Version für Kleinkinder zeigen. Eine riesige Sauerei war das. Filme waren Kunst! Könnte man bei der Mona Lisa die Titten sehen, würde die schließlich auch niemand überkleben wollen. War doch so!

Mike torkelte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und kniff vor dem Licht die Augen zu. Dann griff er den angefangenen Milchkarton aus dem Seitenfach, öffnete den Schraubverschluss und nahm einen kräftigen Schluck. Die Milch lief ihm an den Mundwinkeln herab, verteilte sich über sein T-Shirt und tropfte auf das Laminat. »Scheiße«, murmelte Mike, als er das Malheur sah, und wollte sich gerade daran machen, die verschüttete Milch mit Küchentüchern wegzuwischen, als ein lautes Scheppern aus dem Wohnzimmer an sein Ohr drang. Eigentlich sollte hier niemand weiter sein! Niemand, außer er und ein Kasten mit lauwarmem Bier neben der löchrigen Couch.

Leise schlich er sich hinüber ins dunkle Wohnzimmer. Ein wenig aufgeregt blieb er vor der Tür stehen, doch dann fasste er sich – dem Pegel sein Dank – ein Herz, griff blitzschnell mit der Hand nach dem Lichtschalter und sprang ins Zimmer. Hier war wirklich niemand. Doch da – auf dem Fußboden, direkt vor dem Fernseher lag der Center-Speaker seiner sündhaft teuren Surround-Soundanlage auf dem Boden – zerbrochen in zwei Hälften. Mike sah nach oben. Genau an der Stelle, an der eigentlich ein funktionstüchtiger Center-Speaker stehen sollte, saß so ein beschissener Igel herum. Schon wieder, verdammt! Hier musste es ein Nest geben, dachte Mike. Er spürte, wie die Wut abermals in ihm hochkochte, und schon war er dabei zu überlegen, wie er das Mistvieh wieder aus der Bude befördern konnte. Am besten würde er einfach ein Sofakissen greifen und das Biest erst mal vom Fernseher schmeißen. Anfassen wollte er das Stachelding ganz sicher nicht.

Gerade, als er zur Couch hinüberstürmen wollte, spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz am kleinen Zeh seines linken Fußes. Er schaute nach unten und schrie vor Schreck auf. Ein weiterer Igel hatte sich unbemerkt angeschlichen und sich genüsslich in seinem Zeh festgebissen. Mike konnte bereits ein kleines Blutrinnsal an seinem Fuß erkennen, worauf er den Fuß vorschnellen ließ und den Igel wegtrat. Wieder dieses Quietschen. Wo, verdammter Mist, kamen all die Viecher her? Gab es hier Löcher in den Wänden? Wieder schaute er zum Fernseher hinüber und stellte mit Entsetzen fest, dass der Igel, der auf selbigem hockte, ihn anzustarren schien. Ja, Mike hätte sogar schwören können, dass das Tier ihn geradezu hämisch angrinste. Scheiße auch, konnten Igel überhaupt grinsen?

Schweißperlen sammelten sich auf Mikes Stirn. Mit der Hand wischte er darüber, strich er sich das lange, schwarze Haar aus dem Gesicht und sah im selben Moment, dass direkt vor ihm drei weitere Igel um den Sessel gekrabbelt kamen. Sie schnauften wie Dauerläufer und hielten ausgerechnet genau auf Mike zu. Der Igel auf dem Fernseher derweil, blieb völlig regungslos und starrte ihn noch immer diabolisch an. Und ob das Vieh grinste, dachte Mike, bevor er zu der Einsicht kam, dass es eine ziemlich gute Idee sein würde, das Wohnzimmer augenblicklich zu verlassen.

Er rannte durch den Flur, zurück in die Küche. Sofort sah er, dass der Milchkarton, aus dem er soeben noch getrunken hatte, nun auf dem Fußboden lag. Die Milch hatte sich über das Laminat ergossen, und in der Pfütze hockten sechs weitere Igel, die sich an ihrem Freigetränk gütlich taten. Als sie Mike bemerkten, hörten sie jedoch sofort auf zu trinken. Sie sahen ihn mit ihren kleinen (bösen) Knopfaugen an, dann bewegten – nein – marschierten auch sie auf ihn zu. Das war endgültig genug! Mike stürzte zur Haustür, wollte diese Hölle sofort verlassen. Kurz vor dem rettenden Ausgang sah er mit schreckgeweiteten Augen, was er gewiss nicht sehen wollte: Mindestens ein Dutzend weiterer Igel hockte wartend an der Haustür. Sie glotzten ihn an und gingen sofort wie tollwütige Hunde auf ihn los. Panisch blickte Mike nach allen Seiten. Vor ihm waren Igel, hinter ihm sowieso. Rechts war eine verdammte Wand und links war – das Bad!

Ohne lange nachzudenken, riss Mike die Badezimmertür auf, stürmte ins Bad und schloss sofort die Tür ab. Plötzlich kam ihm der grauenhafte Gedanke, dass auch hier durchaus Igel sein konnten. Er sah sich um, konnte jedoch glücklicherweise keines dieser stacheligen Monster entdecken, worauf sein Herz etwas langsamer zu schlagen schien. Was wollten die überhaupt von ihm? (Rache)

»Ich hab es nicht so gemeint. Ehrlich Leute, es tut mir leid«, brüllte Mike. Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Doch dann, dieses Scharren. Immer deutlicher wurde es, und nun musste Mike hilflos mitanhören, dass die Igel offenbar bereits begonnen hatten, die Badezimmertür zu bearbeiten. Würden sie sich durch das Holz hindurchgraben können? Scheiße – diese Tür, fiel es Mike wie Schuppen von den Augen, war doch nur aus billigen Spanplatten! Am falschen Ende gespart, ganz eindeutig!

Viel Zeit zum Überlegen würde nun wohl nicht mehr bleiben. Seine Gedanken hasteten panisch über die Badezimmergegenstände, als ihm die simple Lösung auch schon ins Auge stach: Das Fenster, klar! Darauf hätte er auch gleich kommen können. Es war klein und etwas hoch gelegen, doch er würde sich hindurchzwängen können. All das Bier hatte bei ihm glücklicherweise nie auf die Linie geschlagen. Mit einem beherzten Sprung war er auch schon an Ort und Stelle und öffnete das Fenster mit schnellem Griff. Gerade wollte er sich mit den Händen am Fensterbrett hinaufziehen, als das Grauen ihn packte: Unzählige Igel fielen von draußen durch das Fenster wie Kohlen in einen Kellerschacht – und damit direkt ins Bad. Mike schrie laut auf. Er taumelte rückwärts, stolperte dabei über das Klobecken und stürzte ziemlich schmerzhaft zu Boden.

Fraßen Igel überhaupt Fleisch? Die Bandprobe konnte er jedenfalls vergessen, war Mikes letzter Gedanke, bevor die flinken Igel begannen, eifrig an seinen Beinen zu nagen und die heraufbrechenden Schmerzen ihm endgültig die Sinne raubten.

2 Kommentare

  1. Schick. In meinen Geschichten ist das Tötungs-Verhältnis von Igeln und Menschen bisher immer anders herum gewesen.

    "der Band NoFX" -> Muss man wirklich erklären, wer NoFX sind? Wer die nicht kennt, gehört von Igeln aufgefressen. Und "Pantothenic Acid" klingt wie eine Band, die ich auch hören könnte.

  2. Danke schön. Uh, bei dir gibt's Igeltexte. Klasse. Schau ich gleich rein. 🙂

    Und ja, man muss leider erklären, wer NoFX sind, fürchte ich. Kenne genügend Leute, die sie nicht kennen. Dürften vermehrt FDP-Wähler sein, nehm ich an. 😉

    Pantothenic Acid gab übrigens die Wikipedia-Zufallsartikelsuche her. Sehr gut geeignet, wenn's um derlei Namensfindung geht.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)

%d Bloggern gefällt das: