Lesestoff aus dem Niemalsland.

Ach ja, da bin ich also wieder. Angekommen in der brandenburgischen Pampa, quasi im Schnee feststeckend und derzeit noch relativ eventlos vor mich hin gammelnd. und selbstverständlich bereite ich daher gerade den Jahresabschlussbericht vor, nach PhanThomas’schem Rezept zubereitet, versteht sich. Okay, war gelogen. Ich leg derzeit die Beine hoch und tue mehr oder minder nichts. Es sei mir gegönnt, schätze ich. Daher schmeiße ich dem nach Lesestoff gierenden Volk einfach mal mein aktuellstes Geschichtlein hin, das heute Morgen aus meiner zehnfingrigen Feder entschlüpft ist. Mal wieder was Weihnachtliches. Nun ja, ich hab mich wohl ein wenig anstecken lassen. Grmpf! Na ja, hm, viel Spaß!

Der Pfefferkuchenmann

Hey Kumpel! Ja, du da! Wenn ich noch öfter auf die Hupe haue, ruft irgendjemand die Polizei. Hör auf damit, so traurig in den Schnee zu glotzen, sonst färbt der sich wegen dir noch schwarz, und ich muss dir eins auf die Nase geben. Denn weißt du, ich mag Schnee zur Weihnachtszeit. Wusstest du überhaupt, dass es im Schnitt nur alle sieben Jahre zu Weihnachten schneit? Tendenz abnehmend! Wusstest du nicht? Du weißt nicht wirklich viel, oder? So wie du aus der Wäsche guckst, hab ich mir das eigentlich schon gedacht. Dann sag ich dir jetzt mal was, Bürschchen: Du solltest dich, verdammt noch mal, freuen, dass du Schnee zu Weihnachten geboten bekommst. Aber Weihnachten ist wahrscheinlich auch nicht dein Ding, was? Meine Fresse, kann ja keiner mit ansehen! Los Junge, steig ein! Mach nicht so ein verdutztes Gesicht, du musst nichts bezahlen. Auf meiner klapprigen Karre steht zwar Taxi drauf, aber du hast Glück, denn du bekommst von mir eine astreine Freifahrt geboten. St. Phan hat heute seine weihnachtlichen Spendierhosen an. Ob das mein Name ist? Tut das denn was zur Sache? Nenn mich, wie du willst und frag nicht so viel! Schnall dich lieber an und halt die Augen offen! Los geht’s!

Hier, schau mal meinem Zeigefinger nach. Siehst du das Haus da hinten? Ja, das heruntergekommene, das ein wenig so aussieht, als hätte es dort ziemlich gebrannt. Hat es nicht, aber weißt du, die Leute, die dort wohnen, haben nicht wirklich das Geld für teure Renovierungsarbeiten. Ach, was rede ich! Die haben überhaupt kein Geld. Das sind die Webers: Eltern seit Jahren arbeitslos und über alledem auch noch drei Kinder und die pflegebedürftige Großmutter im Haus. Manchmal ein echtes Trauerspiel, sag ich dir. Aber nee, Junge, seufz jetzt nicht so, sondern schau mal durchs Fenster! Ich fahre mal eben etwas langsamer. Siehst du das Leuchten dort im Zimmer, ja? Das ist ein Christbaum, verdammt! Haben sie vor einigen Tagen im Wohnzimmer aufgebaut. Himmel, ich hab keine Ahnung, was die Webers alles an den Baum gehängt haben. Wahrscheinlich sogar Großmutters alte Socken. Auf jeden Fall alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Aber du verstehst das Wesentliche, oder? Die Leute mögen nicht viel Geld haben, wohnen in einer Hütte, die so zugig ist, dass jede Hechtsuppe vor Neid erblassen würde und essen zum Mittag womöglich eingelegte Handtücher. Aber sie haben einen echten Christbaum aufgestellt, damit die Familie sich daran erfreuen kann. Das ist es, worauf es im Leben ankommt. Worauf es zumindest ankommen sollte. Aber das verstehst du derzeit nicht, oder? Du schaust ja schon wieder weg.

Was ist eigentlich mit dir los, hm? Ich schaue in den Rückspiegel und glaube fast, der fleischgewordene Trauerklos persönlich hockt auf meiner schmutzigen Rückbank und fettet meine alten Sitzbezüge ein. Keine Ahnung, was los ist? Lass mich raten, du bist gebeugt von den Schatten deiner Vergangenheit, suhlst dich im Schlamm der Gegenwart und knickst vor den Zweifeln der Zukunft ein. Vielleicht noch ein wenig Pessimismus oben drauf und mit einer Prise Liebeskummer verquirlt, was? Fertig ist der Pudding, der du bist. Der du zu sein glaubst. Weißt du, so wie dir geht’s uns allen mal. Wir alle müssen irgendwann die Paddel auspacken und gegen den Strom rudern. Und das ist unendlich schwer, doch ist die Hauptsache, dass wir rudern. Aber du lässt dich treiben und versteckst dich. Läufst vor dem davon, was du zulassen solltest. Willst du ein Bon Bon? Hier, ich hab allerdings nur Eukalyptus. Ist mein letztes, und jetzt ist es deins. Frohe Weihnachten, Junge!

Scheibenkleister, jetzt wäre Onkel Phan wegen dir doch fast dem dämlichen Laster hinten drauf gefahren. Mein Taxi, ein Schrotthaufen zur Weihnachtszeit! Das wäre es ja nun noch gewesen. Da hätte ich mir zu Hause eine Standpauke anhören können, dass der Nachbarschaft die Ohren vom Stamm gefallen wären. Ha! Was quatsche ich auch so viel? Und warum geht’s eigentlich nicht weiter? Ist da vorn eine Ampel? Siehst du vom Rücksitz aus irgendwas, Junge? Beug dich mal zur Seite. Nichts? Na ja, warte, ich steig eben aus und schaue nach.

Pah, das hätte ja was gegeben, wenn ich den dicken Laster geknutscht hätte. Wirst es nicht glauben, aber das Ding selbst hat so einen heruntergekommenen Kombi erwischt. Jetzt stehen sie da, ein Mann und eine Frau, und schauen sich den Schlamassel ratlos an. Komm, wir ziehen ganz vorsichtig dran vorbei. Siehst du das? Es scheint im ersten Moment, als würde der Brummifahrer mit der Frau aus dem Kombi streiten. Aber schau mal genauer hin! Sie lächeln ab und an. Ich glaube, die unterhalten sich über irgendwas. Und wenn du noch etwas genauer hinsiehst, erkennst du auch, dass der Schaden eigentlich nur ganz klein ist. Guck mal, auf dem Rücksitz des Kombis hocken zwei Kinder, die ihre unbeaufsichtigte Zeit nutzen, um sich zu kabbeln. Ist das nicht schön? Was? Nein, nicht der Unfall, du Miesepeter! Die Tatsache, dass eigentlich nichts passiert ist. Wer weiß? Eine Mutter die zur Weihnachtszeit allein mit ihren Kindern unterwegs ist, könnte praktisch alleinerziehend sein. Und der Lastwagenfahrer hatte doch ungefähr ihr Alter. Wer weiß, wer weiß? Ha! Zu Weihnachten ist alles möglich, Junge. Kannst du mir ruhig glauben.

Du glaubst jedoch nicht viel, ich weiß. Hast deinen Glauben verloren oder vielleicht auch nie wirklich gefunden. Und das liegt daran, dass du die Augen vor dem verschließt, was sich um dich herum abspielt. Was sich für dich abspielt. Während du durch dein zerbrechliches, kleines Leben hastest, schaust du dich dauernd um, in der Angst, die vergangenen Tage könnten dich einholen. Doch dabei blickst du eigentlich nur auf verblasste Ansichtskarten. Nach vorn schaust du dagegen nicht, weil du deine verdammten Augen ja hinten hast. Das macht dich zum Maulwurf, denn so siehst du eben gar nichts. Sehen heißt glauben, Junge. Du solltest dir ein paar Weihnachtsmärchen ansehen. Von denen kannst du noch was lernen.

Da, deine Chance, auch mal etwas zu sehen: Schau mal links zum Fenster raus! Ist der Park nicht die reinste Idylle? Da vorn spaziert ein altes Pärchen den verschneiten Weg entlang. Arm in Arm. Bei meinem weißen Barte, stell dir nur vor, die kennen sich schon seit über vierzig Jahren. Haben geheiratet, als die Welt noch eine völlig andere war. Und sie haben alles erlebt: Freude, Lachen, Trauer, Streit, Wut. Aber immer war Liebe dabei. Ja, das gibt’s auch heutzutage noch hin und wieder. Man erkennt das jedoch nur, wenn man die Augen offen hält! Woher ich das alles weiß? Ach, tut doch nichts zur Sache. Ich weiß es eben. Und jetzt schau mal weiter nach rechts. Da baut ein Vater mit seinem Sohn einen Schneemann. Hey, der besteht ja aus vier Kugeln! Wie sieht das denn bitte aus? Denen sollte ich glatt mal zeigen, wie’s richtig geht. Ha! Aber darauf kommt’s eigentlich gar nicht an, schätze ich. Schau dir mal die Augen des Jungen an! Siehst du, wie sie leuchten? Sie haben den Zauber inne, der dir scheinbar abhanden gekommen ist. Denn deine leuchten ungefähr so stark wie zerschlagene Scheinwerfer. Und warum? Weil du immer nur wegschaust. Sieh dir all das hier an! Dieser wunderbare Märchenpark mit seiner weißen Schneedecke, der wirkt, als hätte man ihn direkt aus einer Bilderbuchwelt hierher geholt. Die vielen Bäume sehen aus, als wären ihre Kronen aus Zuckerwatte. Und unter ihnen genießen Menschen Frieden, Ruhe und Besinnlichkeit.

Nur du bist nicht dabei, denn schon wieder schaust du weg. Willst du’s nicht sehen? Weil es dir selbst anders ergeht? Du glaubst zumindest, dass es dir anders geht, doch das ist deine eigene Schuld. Ja, du bist selbst schuld daran, dass du traurig bist. Weißt du, Freude und Trauer wohnen Tür an Tür. Wie die Liebe und der Hass. Und manchmal kommt einer von den Beiden besoffen nach Hause und irrt sich in der Hausnummer. Bei dir irren sie sich dauernd, was? Und so hocken sie alle bei Genosse Trauer und kloppen die ganze Nacht Skat. Doch solange du sie spielen lässt, wird der Morgen wohl nicht anbrechen. Kalte Nächte können sehr lange dauern, Junge. Und wenn du nicht aufpasst, geht die Sonne bald gar nicht mehr auf, weil du erfroren bist. Verstehst du das wenigstens ein bisschen? Na ja, endlich nickst du mal. Ist doch ein Anfang.

Ich glaube, ich hab dir ohnehin genug erzählt, was? Zwar glaube ich nicht, dass ich dir deine kostbare Zeit gestohlen habe, denn mit der hättest du ohnehin nichts Gescheites angestellt, aber nun wirst du Zeit brauchen. Um in dich zu gehen. Ordne deine Emotionen, schick sie alle in ihre Häuser zurück und zeige ihnen, dass du der Herr über ganze, verdammte Nachbarschaft bist. Du bist Mensch! Es ist dein Leben! Also lass nicht zu, dass du in der kalten Trostlosigkeit erfrierst.

So, wir sind wieder da. Hier wohnst du, nicht wahr? Na dann, raus mit dir! Und nicht in den hübschen Schnee pinkeln! Wie gesagt, die Fahrt war für dich gratis. Hast du das denn kapiert? Ich habe meine Zeit freiwillig für dich hergegeben. Habe dir diese wunderbaren Dinge gezeigt. Mit dir geredet. Und weißt du was? Ich mag dich, Junge. Du kannst noch so sehr dreinschauen, als würden alle Sorgen der Welt auf deinen Schultern lasten. Man erkennt eben doch, dass du eigentlich ein toller Kerl bist. Und die Feststellung gibt’s auch gratis vom Weihnachtsmann. Oh, hab ich Weihnachtsmann gesagt? Ach, da hab ich mich wohl versprochen. Ich meinte natürlich St. Phan. Hey, endlich lächelst du mal. Weißt du, ich betrachte dein Lächeln hier und jetzt als dein Geschenk an mich. Und ich glaube, dass du es auch so meinst, denn ich sehe es. Sehen heißt glauben. Denk an die Weihnachtsmärchen! Dein Geschenk macht jetzt auch mich glücklich. Und darauf kommt es an. Verschließ dich nicht, lauf nicht davon, versteck dich nicht. Du bist, verdammt noch mal, nicht der Pfefferkuchenmann! Merk’s dir ein für allemal!

Okay Junge, ich muss weiter. Ist spät geworden, und ich muss heute noch ein wenig Kleingeld verdienen. Sonst setzt es daheim kräftig was mit dem Nudelholz. Sollten wir uns demnächst wieder begegnen, will ich nicht noch einmal mit dir um die Häuser fahren müssen, sonst berechne ich dir den doppelten Fahrpreis. Vielleicht kann ich dich stattdessen beim nächsten Mal als lobendes Beispiel vorzeigen, wenn eine andere trübe Tasse auf meiner Rückbank hockt. Ha! Frohe Weihnachten, Junge. Leb wohl!

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