Vom Schein des Seins.

Du schaust müde aus, sagen die Kollegen. Und dein Gesicht wirkt heute so blass, meinen Freunde. Gestern wohl zu tief ins Glas geschaut, scherzen sie alle wie abgesprochen und klopfen mir auf die Schulter. Alles Unsinn, ist nur das fahle Licht der Deckenlampe, erkläre ich und winke ab. Die ersten schauen zur Lampe auf, als würde sie plötzlich flimmern und sind offenbar zufrieden mit der fixen Antwort. Für die verbliebenen Zweifler gibt es ein oder zwei spontane Witze, locker wie gezinkte Karten aus dem Hemdärmel geschüttelt – Erkennungsmerkmal meines Scheindaseins. Entdecke ich weitere Blicke der Skepsis, gebe ich gern eine nette Zugabe. Alles kein Problem, denn Humor ist der »süße Brei« und wird jederzeit gern und großzügig mit der Kelle verteilt. Humor ist ebenso eine Pflanze, ihr Nährboden heißt Intelligenz. Auch Täuschung ist eine solche Pflanze auf demselben Boden, und getäuscht habe ich sie wieder einmal alle. Recht so, was geht es sie auch an? Was interessiert es sie, die ebenso wenig an mir interessiert sind wie ich an ihnen? Fabelhafte Logik.

Uns so drifte ich müde hinfort, gleite unsanft hinüber in diese bunt bebilderten Welten, geboren aus dem eigenen Verlangen nach mehr, durchblättere sie immer wieder wie liebevoll angelegte Fotoalben. Mit glänzendem Gedankenblick begehre ich die Motive und träume mich in sie hinein. Erinnerungsfotos eines nie gelebten Wunschdaseins. So viele Bilder, so viele Welten, manche mit viel Kraft vielleicht erreichbar, andere so unendlich weit entfernt. Sie passen nicht recht zusammen. Und so kollidieren sie wie dunkle Wolken, die dann grollende Donnerschläge und zuckende Blitze zur Erde schicken. Nur bleiben Donner und Blitz hier aus, denn alles ist ganz still. Alles ist in Ordnung.

Den Mantelkragen hochgeschlagen, sitze ich aufrecht in der Bahn, sehe, wie die Lichter der Stadt an mir vorüberrauschen. Wenn ich lächle, wird niemand die Ringe unter den Augen entdecken. Und ich lächle immer, denn das gehört sich so. Ein Lächeln lässt alle Dinge leichter werden, und ein Lachen ist schließlich die Kirsche auf der Torte.  So war es, und so wird es immer sein – Triebwerk einer Scheingesellschaft. Ich schaue mir die blauen Schalensitze in der Bahn an. Und die gelben Festhaltestangen. Blau und gelb. Für eine Sekunde oder länger schließe ich die Augen, konzentriere mich, öffne sie wieder und sehe die Farben, wie sie sind. Blau und gelb. Sie sind Teil meiner Welt, der echten Welt. Nun höre ich, dass Leute reden. Hinter mir blättert jemand die Zeitung um. Vor mir schädigt ein junges Mädchen ihre Ohren mit zu lauter Musik. Die stummen Wolken lichten sich für einen Moment, und ich erkenne, dass auch ich Bestandteil dieser kompletten Welt bin. Dieser, in der ich wirklich lebe und atme, in der ich wahrgenommen werde. Kein Teil meiner Kopfwelten. Und ist es nicht ein Wunder, dass ich hier sein darf? Dass ich genau jetzt und hier diese Farben sehen und die Geräusche hören kann und dass ich dazugehöre? Augen auf, sage ich mir. Halte die Augen geöffnet, denn jetzt bist du glücklich! Und ich bin es tatsächlich, doch kaum erreicht diese Gefühlswoge wie eine starke Droge mein Bewusstsein, verdunkelt sich der Himmel wieder. Überdosis? Ich weiß es nicht. Der schwindende Sonnenschein lässt die junge Blüte rasch wieder verkümmern. Niemand konnte all das an mir erkennen, denn ich sitze noch immer aufrecht und lächle. Weil sich das nun einmal gehört.

Und nun? Als würde ich die schönen Farben und Töne anderswo benötigen, entziehe ich sie der Welt, die ich für einen kurzen Moment über meine Sinne empfinden konnte. Wieder fliege ich über Welten und Zeiten, die vor und hinter mir liegen, über und unter mir, doch niemals bei mir. Verzweifelt versuche ich, mich an die Bilder zu klammern, will mich abermals in sie hineinversetzen, ein Teil von ihnen werden, doch ich schaffe es nicht, mehr als ein unordentlich aufgeklebtes Abziehbild auf wunderschönen Ansichtskarten zu sein. Wohl deswegen muss ich nun wieder verzweifeln.

Ich drehe den Schlüssel im Haustürschloss herum. Ein kehliger Laut der Erschöpfung dringt aus meinem geschlossenen Mund. Die Jacke kommt an den Haken, die Schuhe nebeneinander an die Wand. Die Tasche stelle ich an den Tisch, dann setze ich mich. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um wieder echte Farben zu sehen, das weiß ich sehr wohl und denke darüber nach. Doch ich kann mich zu keiner inneren Bewegung durchringen. Die Zahnräder sind verklemmt, weil ich eben nur hier die Gelegenheit habe, ich selbst zu sein. Kein Witz, kein Trug, kein Lächeln und keine aufrechte Haltung. Wahrscheinlich wirke ich wie ein alter, gebeugter Mann, fühle mich ein wenig so und bin doch eigentlich viel zu jung. Dennoch kann ich nur hier ich sein, also bin ich es. Denn es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Ich sollte schreien und bleibe doch stumm. Wahre den Schein des Seins.

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