Schimmeln am Flughafen.

Sterben Sie heute und gönnen Sie sich endlich wieder das Maß an Freizeit, das Sie sich verdient haben. Genießen Sie neue Aktivitäten wie gemütliches Schimmeln im handgefertigten Eichenholzsarg. Können oder möchten Sie sich den Tod nicht leisten, dürfen Sie alternativ auch an einem Flughafen Ihrer Wahl herumsitzen. Dort ist es ähnlich trist wie in der wenig geräumigen Holzkiste, und genug Zeit zum Schimmeln bleibt auch, denn mit ziemlicher Sicherheit ist der Flieger ordentlich verspätet. Zumindest dann, wenn man ich ist.

Und ich bin bekanntlich ich, also hatte ich kürzlich einmal mehr das Vergnügen, im wunderbaren Düsseldorf auf dem wahrscheinlich verhältnismäßig kleinsten Flughafen mit den weitesten Laufstrecken dieser Erde zu versacken. Düsseldorf, Düsseldorf, was macht man dort auch sonst, außer auf dem Airport festsitzen und schimmeln? In Düsseldorf, wo man Altbier in der Altstadt trinkt und so tut, als würde ersteres schmecken und als wäre letzteres schön. In Düsseldorf, der Stadt vieler Sehenswürdigkeiten wie, hmm, dem Rhein. Düsseldorf, die Stadt, in der man per Skytrain vom Bahnhof zum Flughafen gebracht wird, diesem Zug, der keinen Fahrer hat. Wahrscheinlich der feuchte Traum eines jeden Technikers und Programmierers, der sein Handwerk direkt in der Hölle vom Gehörnten persönlich gelernt hat.

Tja, und ist man dann sicher am Düsseldorfer Flughafen angekommen, dahergebracht von diesem fürchterlichen Zug aus der Unterwelt, der keinen Fahrer hat und trotzdem mit Verspätung einfährt, dann sitzt man erst einmal herum. Und wie man so sitzt, sieht man allerhand Leute, die auch nichts anderes wollen, als Düsseldorf verlassen, stattdessen aber herumsitzen müssen. Oder stehen, weil schon zu viele andere Leute sitzen. Vermutlich sind sie alle hier, weil sie das Altbier getrunken und vergessen, die Altstadt tunnelblickend durchwandert und den Rhein naserümpfend beschnuppert haben und somit so ziemlich alles erledigt haben, was es in Düsseldorf zu tun gibt. Und so sitzen wir hier, alle gemeinsam, im großen tristen Sarg namens Gate B39 und warten auf den fliegenden Tomatensafttransporter und seine servierenden Schergen.

Und wie sie so warten, die Leute, denken sie sich vermutlich, können sie mir auch ruhig ein wenig auf die Nerven gehen. Spaß haben eben, dem Thomas 'nen dicken Hals verpassen. Da wäre also dieser Mann mit seinem iPad, dem schwersten Koksspiegel, der je gefertigt wurde, und liest ein Buch. Ein E-Book. Und vermutlich kommt er sich dabei ein wenig nerdy vor, ja, geradezu geeky. Oder einfach nur cool. Beneiden tue ich ihn in dem Moment ja schon ein wenig, glaube aber immer noch, dass iPads nichts weiter sind, als Geräte, die frustgeplagte Familienväter mit auf den Abort nehmen, um sich abseits vom häuslichen Geschehen bei einem netten Schmuddelstreifen einen von der Palme zu wedeln.

Brauch ich nicht, sowas, also vergrab ich meine Augen wieder in ein echtes Buch, geklebt von echten Händen chinesischer Kinder. So lese ich also, bis das Businesspärchen neben mir die iPhones in die ledernen Etuis schiebt, um stattdessen laut schmatzend miteinander zu kommunizieren. In einer Sprache, die ich nicht gutheißen kann, versteht sich. Argh! Also stehe ich auf und wandere ein wenig durch den Sarg B39. Mein Zorn klingt ab, bis ich den Weg der telefonierenden Businessfrau kreuze. Sie ist eine jener Damen, die eigentlich ein Mann sind und denen man das Blackberry wahrscheinlich an die Wange getackert hat, denn um die Gesichtshälfte an eine starke Männerschulter zu lehnen, bleibt ja ohnehin bei allerlei Business-Bullshit-Bingo keine Zeit. Und so ledert sie auch schon los und säuselt in ihr Gerät: »Jetzt haben wir einen politischen Issue.« So so, einen politischen was? Himmel, Leute mit einem solchen Talk bringen mich innerlich zum Burnen und rauben mir vor lauer Wut den letzten Breath. Und meine Sanity sowieso. Macht nichts, geh ich halt woanders hin.

Zum Beispiel hinüber zu den Anzugträgern, die ihr Haupthaar wahrscheinlich früh morgens im Hintern eines ausgewachsenen Brauereipferdes gegelt haben und nun die Financial Times lesen, dabei immer im Hinterkopf überlegend, mit welchen Transaktionsgeschäften sie als nächstes das Konto von Oma Hildegard schmaler und das eigene dicker gestalten können. Nein, muss ich auch nicht haben, denke ich, sonst muss ich noch laut schreien. Also gehe ich auf die Toilette. Da ist es ruhig, da quatscht niemand dummes Zeug, da ist man noch ganz Mann, und allerhöchstens begegne ich dort dem Kerl mit dem iPad wieder. Egal, Hauptsache, ich schreie nicht wirklich vor Wut. Was jedoch nach kurzer Begutachtung auch gar nicht möglich ist, weil es auf dem Lokus so dermaßen stinkt, dass es mir den Hals zuschnürt. Donnerwetter, wie gehen Armani-Bügelfalten und dieses Sagophagaroma nur Hand in Hand?

Letztlich ist es egal, was ich tue, es wird nicht erträglicher, das Schimmeln am Flughafen. Und wenn das Schimmeln zu Lebzeiten schon so unangenehm ist, denke ich noch, bevor ich dann irgendwann endlich in den verspäteten Flieger steige, wo mir freundliche aber ganz sicher ebenso genervte Flugbegleiter einen guten Abend wünschen, dann möchte ich gar nicht wissen, wie das Gammeln am Ende der Fahnenstange erst wird, wenn tatsächlich jemand den Deckel auf die Holzkiste tut. Kleiner Trost: Sollte ich meiner vielen Flüche wegen nach meinem Ableben nicht nach oben, sondern nach unten fahren, werde ich zumindest dafür sorgen, dass dort unten niemand mehr automatisch fahrende Züge baut.

5 Gedanken zu “Schimmeln am Flughafen.

  1. Eifelkäuzchen

    Hui. da hast du gestern aber auch einen schönen Tag gehabt. :/
    Wann warst du denn zuhause?
    Solltest du nächsten Mittwoch ebenso spät erst ankommen gelobe ich feierlich, dich nicht voll zu quatschen 🙂
    Das mach ich dann ab Donnerstag *^^*

    Hihihi... ich find es ja immer wieder amüsant, wenn du so schimpfst, aber das hier gefällt mir am besten:

    "Tja, und ist man dann sicher am Düsseldorfer Flughafen angekommen, dahergebracht von diesem fürchterlichen Zug aus der Unterwelt, der keinen Fahrer hat und trotzdem mit Verspätung einfährt"

    Schön zu sehen,woe fähig die Technik ost *^^*

    LG

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  2. PropheT

    Sagt man da, wo du herkommst, wirklich "schimmeln"? Bei uns heißt es immer gammeln.

    Bei Flughäfen kann ich nciht mitreden, war noch nie in einem.

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  3. PhanThomas

    @Eifelk.: Darf man nicht allzu ernst nehmen, das ganze. Angeregt durch ein sehr gutes Buch, das ich gerade lese, wollt ich mal wieder 'nen wenig was Zynisches schreiben. Dass automatische Züge zu spät kommen, ist aber schon 'nen Ding. 😉

    @PropheT: Man sagt hier auch mal gammeln. Oder schimmeln. Ich meinte ja tatsächlich schimmeln. Find ich ekliger als gammeln, zumal gammeln (auf der Couch z.B.) ja was eher angenehmes ist. Also hin und wieder wenigstens.

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  4. Piano

    Oje...das hört sich schlimm an. Ich weiss noch wie ich 7 Stunden!! Am Flughafen von Toronto schimmelte. Fies war, dass es auf unserer Warteseite keinerlei Geschäfte gab. Auf der anderen Seite, für uns schön sichtbar und durch eine Glaswand getrennt, hingegen schon. Argh! Nicht ärgern 🙁

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  5. PhanThomas

    @Pia: Oh Gott, also wenn ich 7 Stunden hätte warten müssen, dann hätt ich mir wohl 'nen Zug genommen. 🙂 Die Sache mit den Geschäften find ich aber witzig. Das ist ja schon 'ne Realsatire. Sehr hübsch! 🙂

    Antwort

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