Halbe Sachen.

Eben im Supermarkt: An der Kasse sitzt diese kokette brünett gelockte Schönheit, hübsches Gesicht, hübsches Haar, selbst der Kittel samt Konzernlogo wirkt an ihr irgendwie kleidsam. Und wie ich sie so - natürlich absolut unauffällig - ins Auge gefasst habe, wollen mir doch schon wieder fast die Lider zufallen, so lethargisch schiebt sie die Waren über den Scanner. Und während sie ihre Arbeit nur mit dem halben Hintern erledigt, sendet Prinzessin Valium mir noch ein gequältes Gähnen von ihrem drehbaren Thron aus entgegen, bevor sie mich anschließend mit einem müden Abschiedsgruß in den verregneten Oktober entlässt.

Mit den Vorräten daheim angekommen beschließe ich, Kaffee zu machen. Wasser, Kaffeepad, Tasse, schon kann's losgehen, denke ich. Doch leider gibt's für mich - wie so oft in letzter Zeit - nur eine halbe Tasse, da auch meine Kaffeemaschine ihrem Job inzwischen nur noch halb motiviert nachgeht. Es ist ja nicht so, als könnte sie keine ganzen Tassen fabrizieren, schließlich gibt's auf meiner Maschine auch einen Männerknopf für echte Männertassen, doch schert der Fakt, dass ich eben diesen Knopf sogar gedrückt habe, das eigenwillige Maschinchen nicht die Bohne, ganz als wollte sie, dass eben genug Platz in der Tasse bleibt, damit noch zwei, drei Stücken Würfelzucker und ein halber Liter Kondensmilch hineinpassen. Schwachsinn, wollte ich doch einen verdammten Männerkaffee - schwarz wie altes Kettenfett! Und nun steh ich hier mit meiner halben Tasse, starre auf meine halbherzige, wenn auch formvollendet kurvige Kaffeemaschine und muss spontan wieder an die ebenso zu halben Sachen aufgelegte, wenn auch formvollendete Miss Lethargie von vorhin denken. Augenblicklich wird klar: Kaffeemaschinen müssen Frauen sein!

Denn dass die holde Weiblichkeit lediglich zu halben Sachen neigt, weiß ich nicht erst seit gestern, denke ich, während ich mir das halbe Verwöhnaroma gönne. Es fängt ja schon beim Alltäglichen an: Wenn Mann von Welt mit dem vermeintlich schöneren Geschlecht redet, bekommt er lediglich die halbe Aufmerksamkeit spendiert. Nicht dass er das merken würde, schließlich ist es niemals anders, arbeiten doch die Gehirnhälften der Frau unabhängig voneinander. Wozu auch hundert Prozent geben? Nicht anders läuft es beim täglich Brot: Das eingekaufte Futter darf nur die Hälfte an Fett haben, damit die FDH-Diät von Brigitte und Co. auch ja von Erfolg gekrönt ist. Da jedoch auch in Sachen Disziplin bei spätestens fünfzig Prozent Schluss ist, müssen zumindest Diätschokolade und andere kalorienhalbierte Süßigkeiten drin sein, was letztlich dann doch oft den gewichtstechnischen Dopplereffekt zur Folge hat. Werden immerhin hier die einhundert Prozent zumeist ungern überschritten, ziehen sich die halben Sachen ansonsten durch die Welt der Frau wie einst die Mauer durchs geteilte Berlin. Ja selbst Frauenautos, possierlich dreinblickende Blechgesellen aus Fernasien, klein und runder als eine Kugel, rollen nur mit halber Leistung über den städtischen Asphalt.

Lässt sich mit diesen Tatsachen noch ein recht ungestörtes männliches Ganz-oder-gar-nicht-Dasein führen, hört der Spaß spätestens dann auf, wenn unsereins glaubt, die bessere Hälfte gefunden zu haben. Verspricht der Begriff Zweisamkeit doch eigentlich mehr Spaß für alle, wird recht schnell klar, dass mindestens die Hälfte des bisherigen Ichs noch vor der gemeinsamen Haustür zur Verdammnis verurteilt ist. Der Mann, der in Sachen Beziehung noch das Wörtchen »Ich« in den Mund nimmt, ist mir noch nicht über den Weg gelaufen - Reduktion zweier Individuen zu einem großen »Wir«, wobei immer ein wenig das Casinoprinzip gilt: Im Großen und Ganzen gewinnt das Haus, und das Haus ist die Frau.

Neigt sich das Martyrium Beziehung dem unerwarteten Ende zu, weil Madame der Meinung ist, auch andere Herren der Schöpfung um den männlicheren Teil ihrer Persönlichkeit kastrieren zu müssen, tut sie auch das für gewöhnlich nur mit dem halben Hintern - kein Wunder eigentlich, hockt doch die andere Gesäßhälfte bereits auf dem Schoß des nächsten Kerls, der glaubt, das große Los gezogen zu haben. Man selbst müsste für das arme Würstchen eigentlich zumindest ein halbes Lächeln übrig haben, doch gilt für den Mann wie erwähnt das Prinzip »Ganz oder gar nicht« - in diesem Fall läuft's zumeist auf den Fall »gar nicht« hinaus, und am Ende kann man sich glücklich schätzen, wenn man zusammen mit der inzwischen Verflossenen nicht auch noch eine halbe Portion in die Welt gesetzt hat, weil sonst nicht nur die angeblich bessere Hälfte, sondern auch das halbe Einkommen futsch ist.

Den grausigen Gedanken abschüttelnd, stehe ich wieder in der Realität meiner Ikea-Küche, die inzwischen geleerte Tasse noch in der zitternden Hand haltend. Im Bewusstsein darüber, ein ganzer Kerl zu sein, der nunmal einen ganzen Kaffee braucht, beschließe ich, mir eine weitere halbe Tasse zu gönnen, zubereitet von der formvollendeten Lady in Weiß, die dennoch einen gewissen Ärger in mir auslöst, da doch von diesem Standpunkt aus selbst in meinem Ganz-oder-gar-nicht-Singlehaushalt die Weiblichkeit die Hosen anhat.

12 Gedanken zu “Halbe Sachen.

  1. Anonymous

    Luise:
    Der Unterhaltungswert bei diesem Text ist phänomenal, dennoch ist er uns Frauen gegenüber eine reine Frechheit. Aber was versuche ich mich hier zu beschweren,alles Sinnlos.

    Antwort
  2. PhanThomas

    Richtig, alles sinnlos. Übrigens, liebe Luise, hab ich scheinbar zu erwähnen vergessen, dass man das alles bitte nur »halb« ernst nehmen soll. Am besten gar nicht ernst. Ist doch Klamauk, der mir beim Einkaufen eingefallen ist. 😉

    Antwort
  3. PhanThomas

    Hallo OJ,
    ja, natürlich hab ich Recht. 😉 Gibt zwar die Betrachtung sicher auch aus der anderen Richtung, aber das hab ich hier ja außen vor gelassen.

    Meinen Männerkaffee krieg ich kaum mehr, weil die Maschine inzwischen die halben Tassen halbiert. Na ja, eine neue ist schon geordert. Diesmal 'ne männliche (kantiger und so).

    Grüße ins kleine B. und an den Rest der Truppe
    Thomas

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)