Der Terror ist sicher!

»Der Terror ist sicher!«, hätte Norbert Blüm vielleicht so ganz unverblümt vom Stapel gelassen, wenn er noch im Amt und zudem Innenminister wäre, so wie er einst die Rente heilig sprach. Was uns nun aber angekündigt wird, finden wir so gar nicht heilig, weil der kommende Terror auf deutschem Boden, der so nebulös wie bedrohlich durch die Medien geistert, so ganz und gar nicht im Sinne westlicher Heiligtümer ist. Und so stehen sie da vorne am Mikrofon, der werte Herr Innenminister und seine Bediensteten, und kündigen für demnächst heftige Anschläge an, wie uns Jörg Kachelmann zu seinen besten Zeiten monsunartige Regenfälle prophezeit hätte.

Und der Terror, nun, der kommt selbstverständlich aus dem Osten, aus dem für uns so gar nicht griffigen Morgenland. Dort, wo dauermürrische Kuttenträger bunte, muffige Teppiche küssen, wo man Schweine so richtig blöd findet, dafür aber gern barfuß durch köstlich frisches Ziegenblut watet, dort, wo Frauen allenfalls in Albträumen oder aber im Paradies Miniröcke tragen und wo Männer Bärte pflegen wie biedere Westeuropäer ihre Schrebergärten. Wir verstehen nicht, wie man dort drüben, wo der Musikgeschmack grundsätzlich inakzeptabel ist, lebt, wir können die Wertevorstellungen des Islam mit unserer westlichen Bierbauchlebensart nicht erfassen, wir wollen es nicht, und wir müssen es auch gar nicht. Gern aber sehen wir Abdullah und seine Schergen mit der Bombe unterm Nachthemd. Das finden wir sogar sehr griffig, darunter können wir uns was vorstellen, da nicken wir einvernehmlich, halten zusammen, davor können wir Angst haben.

Denn Angst haben wir Deutschen grundsätzlich unheimlich gern. Ja, im Kuschen und Fressehalten sind wir erfolgreicher als der FC Bayern in der Geschichte der Bundesliga. Wenigstens in dieser Hinsicht sind wir unglaublich kompromisslos: Wenn der frustrierte Immigrant aus östlichen Kulturkreisen uns Deutsche nicht ausstehen kann, daher zu Gewaltakten neigt, sich gleichwohl aber gern hier niederlässt, dann zeigen wir ihm nicht, wer hier die Hosen anhat, sondern stoßen eine Integrationsdebatte an. Dabei würde ein verbales Pfund aufs Maul ihn vielleicht zurechtrücken, ihn zum Schweigen bringen, zu Einsicht und Akzeptanz, so wie auch wir immer nur schweigen und akzeptieren, wenn wir nicht gerade debattieren - die Integration wäre geglückt! Doch das tun wir nicht, weil wir Blitzkriegmentalität seit fünfundvierzig generell garstig und allenfalls bei Rammstein cool finden. Und so reden wir oder schweigen, haben dabei stets konstant Angst, während der Fremdproband uns vielleicht gerade deswegen noch weniger leiden kann. Kein Wunder, wer mag schon Weicheier?

Und so muss der böse Kameltreiber vielleicht gar nicht erst aus dem Osten anreisen wie einst der Bürger aus der ehemaligen DDR nach dem Mauerfall über den Westen herfiel, nur dass der gekommen war, um zu bleiben, während der erstgenannte vermutlich kommen würde, um zu explodieren. Nein, vielleicht ist er bereits hier, der Bombenleger, und knutscht seinen Teppich in einer zentral beheizten Zweizimmerwohnung in Berlin Mitte, kauft meistens bei Lidl und manchmal bei Rewe und holt samstags gegen Mittag seine Zeitung aus dem Briefkasten. Fakt ist, wir sollten uns vorsehen, der Feind könnte unser Nachbar sein.

Ja, natürlich sehen wir uns vor, das müssen wir, das wollen wir, schließlich würgen die Zeitungen keine anderen Schlagzeilen mehr heraus, das Fernsehen berichtet von früh bis spät, abends zeigen die Privatsender Terrorismusthriller und kassieren dafür vermutlich höhere Quoten als »Wetten, dass!?« und »Das Musikandenstadl« zusammen. Ganz, als würde abermals die Fußball-WM erneut Einzug in deutsche Stadien halten, erheben wir den kommenden Terror, für den es sogar einen Stichtag gibt, zum Mediengroßereignis. Die berichtende Branche boomt, derweil zumindest die demnächst loslegenden Weihnachtsmarktbetreiber sicherlich ausbleibendes Kundenvieh befürchten. Dabei wird sich der Deutsche doch nicht wegen ein bisschen T.N.T. von Glühwein und Krakauer abhalten lassen, ist er da doch ähnlich konsequent wie im Angsthaben: Wenn es um urdeutsche Traditionen geht, kann ein mulmiges Gefühl den Piefke nicht beirren, und wenn das bedeutet, die Wohnung nur noch mit Kevlarweste und Stahlhelm zu verlassen, dann sei es eben so! Und so haben wir alle ein wenig Panik, während wir uns trotzdem mit heißem Punsch den Schädel zudröhnen, genießen aber zugleich den Nervenkitzel, wenn wir ehrlich sind, und sind unserem Innenminister für seine frühzeitige Warnung dankbar.

Denn endlich ist man in der Politik auch mal ehrlich, endlich redet man Tacheles und sagt, was ansteht. Endlich ist der Bürger mal wichtig und nicht irgendeine eklige Bank, die sich einmal mehr auf dem Börsenparkett verzockt hat, als wäre sie beim Roulette, endlich wird wieder Politik für die Menschen gemacht, statt für Energiemogule und Hotelketten. Oder etwa doch nicht? Denn was ist, wenn der Bombenleger gar nicht bärtig und und kuttentragend ist? Was ist, wenn er lieber maßgeschneiderten Zwirn trägt, einer durchaus deutschen Partei mit drei Buchstaben angehört, sich vor diverse Fernsehkameras stellt und den dauerhysterischen Pöbel vor Terror ab Ende November warnt? Was, wenn es lediglich darum geht, dem braven Volk unangenehme Gesetzesentwürfe schmackhaft zu machen? Zugegeben, solche Annahmen mit der Äußerung vom fingierten Angriff Polens auf Deutschland oder dem (Nicht-)Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen im Irak zu vergleichen, ist vielleicht etwas hochgegriffen. Dennoch, auch wenn es letztlich tatsächlich darum gehen sollte, die Freiheit des Deutschen zu beschneiden, indem noch mehr Daten erfasst und geradezu krankhaft gehortet werden und dies natürlich lediglich zu unserem Besten sein würde, heiligt der Zweck noch lange nicht die Mittel. »Die Daten sind sicher!«, hätte Norbert Blüm vielleicht geflüstert, wenn er noch im Amt und Innenminister wäre.

2 Gedanken zu “Der Terror ist sicher!

  1. Anonymous

    Luise:
    Oh weh, da wird einer Träumenden Luise doch gleich wieder die kalte Wahrheit der Welt präsentiert. Ich korigiere...der Menschen.
    da sollte ich doch glatt meinen Glauben an sie verlieren. Ich tue es aber dennoch nicht.
    Dein Text rüttelt auf, zwingt einen dazu sich Gedanken zu machen und über die doofe Politik nachzudenken. Was ich doch so gar nicht gerne mache.
    Was sollen wir tun? Zu den Menschen sprechen, zu der ganzen Welt sprechen. Sie endlich zur Vernunft bringen und doch bitte an die Zukunft unserer Kinder denken.

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  2. PhanThomas

    Was wir tun sollen? Na ja, warten, bis es knallt, nehm ich an. Mehr bleibt ja da nicht. Reden braucht man da nicht, für die ist das ja Vernunft.

    Antwort

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