Fiktion und so.

Da ich die Welt ohnehin schon zu genüge dazu nötige, sich von mir Verfasstes anzutun, kann ich das auch gleich an dieser Stelle fortführen. Daher zum Ausklang einer arbeitsamen Woche mein Beitrag zur Erhaltung des Kulturgutes Sprache. Oder so ähnlich eben.

Irgendwann kehren die Vögel zurück

Sie hatte zu lange geschlafen, das wusste sie sofort, als sie wach wurde. Die Sonne stand bereits viel zu hoch und flutete das Schlafzimmer mit grellem Tageslicht. Als sie sich aufsetzte, knarzte das Bettgestell fürchterlich. Ihr Schädel dröhnte, als würde jemand in ihrem Kopf eine große Trommel schlagen. Sie streckte sich, warf den Kopf in den Nacken, versuchte zu sich zu kommen. Sie stank. Nach Schweiß, auch nach dem eines Mannes. Ein Geruch, den sie verabscheute, so widerwärtig, so wiederkehrend. Nicht der Geruch ihres Mannes, sondern der eines anderen. Mühsam warf sie die Bettdecke zurück. Das Laken war von Blut verschmiert. Es war ihr Blut, das nicht nur auf dem Bett, sondern auch an ihren nackten Schenkeln klebte. Wie lange hatte er sich an ihr vergangen? Es mussten Stunden gewesen sein, Stunden, in denen sie nicht geschrien, sondern nur erduldet hatte, was sie zu erdulden hatte. So war es nun einmal.

Schließlich hatte er das Sagen. Ihm gehörte das einzige Trinkwasser, und er gab es nur all jenen, die ihm gefügig waren. Er hatte Beziehungen, das wussten alle. Immer wieder kamen Lastwagen von außerhalb, brachten Paletten mit unzähligen, prall gefüllten PET-Flaschen voller köstlichem Wasser und verschwanden wieder. Es war Wasser, das ihm allein gehörte. Früher, als die Mauer noch nicht stand, die sie alle seither in eine andere Welt verbannte, eine Welt, die nicht mehr Gedelitz oder Meetschow oder Gorleben hieß, die kein einfaches Dorf mehr war, war er lediglich ein austauschbares Beamtentier gewesen. Ein zeitlich geregelter Schauläufer für wechselnde Krawattenmuster. Heute nannten sie ihn den Mafioso. Eine Rolle, in der er sich gefiel, die ihm jedes Recht gab, sich zu nehmen, was er haben wollte. Und ein weiteres Mal hatte er sie genommen. Was machte das schon?

Sie stand auf. Das Gehen bereitete ihr Schmerzen. Schmerzen, die ihr vertraut waren, die stumm blieben. Natürlich wusste ihr Mann Bescheid, er hätte das Wort erheben können, doch dann hätten sie auch ihn als Verräter der Neuen Republik Lüchow-Dannenberg verurteilt. Der Mafioso hätte ihn in der großen Scheune aufhängen lassen, wie schon andere, die den Mund aufgemacht hatten. Und wer hätte ihr dann geholfen, wo sie ohnehin von allen gemieden wurde? Gemieden, weil sie ein Wunder vollbracht hatte. Ein Wunder, das Juliette hieß. Ein Wunder, das inzwischen sieben Jahre alt war und noch immer lebte. Und vor allem war das Mädchen gesund geblieben, ohne Tumore, ohne körperliche Behinderungen, ohne schwachsinnig zu sein wie die Kinder der anderen. Ein gesundes Mädchen, vielleicht das einzige auf der Welt diesseits der Mauer.

Die nackten Füße steckte sie in ausgetretene Schlappen, die einzigen Schuhe, die sie noch besaß. Wie gern hätte sie neue gekauft. Wie gern wäre sie in die Stadt gefahren, zum Schaufensterbummel, so wie sie es damals getan hatte, als das Leben sich noch nicht stumpf angefühlt hatte. Als es noch keine Mauer gegeben hatte, keinen Wall, der nichts und niemanden herein oder heraus ließ, außer die monatlichen Lieferungen, die ohnehin der Mafioso kontrollierte. Ob draußen noch alles wie früher war, fragte sie sich manchmal.

Für einen Moment stand sie regungslos im Schlafzimmer, lauschte der Stille, der allgegenwärtigen. Sie betrachtete sich im Spiegel, sah ihre tiefen Augenringe, ihr sprödes Haar, das weiße, eingefallene Gesicht, geprägt von zu weit herausragenden Wangenknochen. Sie sah ihren Körper: nur Haut, durch die sich die Knochen nach außen zu pressen schienen. Wie so viele, war sie ein Abbild dessen geworden, was sie alle ereignet hatte: die Katastrophe. Der jüngste Tag. Sie seufzte Welten, dann warf sie sich ihr schmutziges Nachthemd über und verließ sie das Zimmer.

»Ich habe verschlafen«, rief sie. Ihre Stimme war rau vom Schlaf. Keine Antwort.

Wie ein Geist wankte sie zur Haustür. Sie ging nach draußen, sah sich um. Gerade wollte ein Anflug von Panik sie befallen, die Befürchtung, der Mafioso hätte sie abholen lassen, ihren Mann und Juliette natürlich, als ihr einfiel, dass eine ihrer Kühe ein Junges erwartete. Vermutlich würde es das letzte Kalb des alten Tieres sein. Der letzte Versuch.

Sie ging zum Stall hinüber. Als sie näher kam, vernahm sie gedämpft klingende Stimmen. Der vom Regen der Nacht nasse Boden gab unter ihren Füßen nach. Dann die Stimmen zweier Männer. Hannes, ihr Nachbar, der allein in seinem großen Haus lebte, der einzige Mensch, der auch nach allem, was passiert war, ein Freund geblieben war, würde ihrem Mann behilflich sein. Hannes, der nicht zerfressen war, vom Neid auf das Wunder des Lebens, das sie vollbracht hatte.

Als sie den Stall gerade betreten wollte, nahm sie im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ein Reflex ließ sie herumfahren. Juliette stand am Zaun und starrte auf das unbestellte Feld hinaus. Dorthin, wo nichts wachsen durfte, weil alle Nahrung, die sie diesseits anbauten, nicht sättigte, sondern nur krank machte. Das Mädchen trug ein bordeauxfarbenes Kleid, gemacht aus einem ihrer alten Kleider und schmutzig von zu wenigen Wäschen. Das brünette Haar fiel dem Kind bis über die Schultern und wehte im seichten Wind mit. Wie schön sie ist, dachte die Frau, als sie ihre Tochter ruhig betrachtete. Wie gern hätte sie jetzt eine Träne des Glücks vergossen, das ihr widerfahren war, ein Hoffnungsschimmer, ein strahlendes Licht in einer finsteren Nacht ohne Sterne.

Das Mädchen hatte sie offenbar gehört und drehte sich herum.

»Mama?«

»Schatz.«

»Du hast lange geschlafen, Mama. Du hast mir kein Frühstück gemacht.«

»Ich weiß, Juliette. Manchmal schlafen auch Mamas lange. Hat Papa dir Frühstück gemacht?«

»Ja, hat er.«

»Schön.«

Sie lächelte. »Was machst du denn hier?«, fragte die Frau dann.

»Komm her, Mama, ich will‘s dir ins Ohr flüstern.«

Sie kam näher. Das Mädchen lächelte. Vorn fehlte ihr ein Schneidezahn, ein Zahn, der erst noch wachsen würde. Wachsen, wie das Kind selbst noch so sehr wachsen würde. Wie schön sie ist, dachte die Frau erneut. Dann beugte sie sich zu ihrer Tochter herab.

»Na los, sag es mir«, flüsterte sie und bemühte sich um einen gespannten Ton.

»Ich hab einen richtigen Vogel gehört, Mama«, sagte das Mädchen. Ihr Atem klang aufgeregt.

»Was? Du hast doch noch niemals vorher einen Vogel gehört«, flüsterte die Frau zurück. »Wie kannst du dann wissen, wie ein Vogel klingt?«

»Ich weiß es. Das klang ganz, ganz toll. Wie ein Lied, das jemand pfeift.«

»Vielleicht hat auch nur jemand gepfiffen.« Die Frau strich dem Mädchen sanft über den Kopf. Sie ist zu dünn, dachte sie. Viel zu dünn.

»Nein, das war kein Pfeifen, Mama. Das war ein Vogel. Von da drüben aus dem Wald, hinter dem Feld.« Das Mädchen zeigte mit dem Finger auf die Bäume hinter dem tristen Acker.

»Na gut, vielleicht war es wirklich ein Vogel. Einer, der sich verirrt hat.«

»Vielleicht kommen die Vögel ja zu Besuch zu uns, Mama.« Das Mädchen biss aufgeregt in seine Hand. »Und vielleicht kommen ja noch mehr Vögel. Vielleicht bleiben sie bei uns und singen Lieder für uns.«

Die Frau schmunzelte. Wenn alle Menschen einst so reine Gedanken hatten, dachte sie, was musste ihnen alles widerfahren sein, dass sie letztlich doch zu so verdorbenen Gestalten wurden? Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Mafioso, sah, wie er über ihr war.

»Hast du Hunger, Juliette?«, fragte die Frau und versuchte dabei zu lächeln.

»Ein bisschen. Machst du mir Mittag? Machst du Pudding?«

»Ich mach uns Suppe. Gehen wir rein, ja?«

»Na gut. Und Mama?«

»Ja?«

»Irgendwann kehren die Vögel zurück.«

»Ja, irgendwann, Schatz. Irgendwann ganz bestimmt.«

Sie nahm das Mädchen an die Hand und ging mit ihm zum Haus zurück, als plötzlich ein schriller Schrei aus dem Stall ertönte. Für einen Moment bekam sie Angst, doch dann wusste sie sehr genau, dass Hannes sich erschreckt haben würde. Sie wusste, was passiert war, und sie wusste, was als nächstes passieren würde.

»Halt dir die Ohren zu, Juliette«, sagte die Frau. Dann ertönte ein lauter Knall. Der Schuss eines Gewehres. Sie sahen beide zum Stall hin. Das Tor öffnete sich, und ihr Mann kam heraus. Seine Stiefel waren beschmutzt von Rinderkot. Das Gewehr trug er in der rechten Hand, den Lauf resigniert zum Boden gerichtet. Er sah seine Frau an, schüttelte den Kopf und senkte dann den Blick. Sie verstand. Wieder kein Erfolg, dachte sie. Vermutlich wieder ein halb totes Kalb mit zwei Köpfen, fünf Beinen oder anderen grotesken Absurditäten.

»Papa?«, rief das Mädchen.

»Komm, wir gehen rein«, sagte die Frau. Ihre Tochter folgte ihr.

4 Gedanken zu “Fiktion und so.

  1. Anonymous

    Luise:
    Wirst du sie weiter schreiben?
    Traurig.
    Die Mutter tut mir schrecklich leid, überhaupt jeder in dieser Geschichte tut mir leid, bis auf den bösen Mann natürlich.

    Aber gut geschrieben, wie immer!

    Antwort
  2. PhanThomas

    Na ja, die Geschichte soll ja eigentlich nur das Thema Strahlenverseuchung behandeln. Das hat sie getan. Die Geschichte ist also zu Ende erzählt. Und danke schön! 🙂

    Antwort

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