Von der Rolle. Aufgewärmt.

Heute mal was Althergebrachtes, ein Ausflug in die Vergangenheit des PhanThomas, eventuell schon mal hier gewesen, aber der Neuleser wird es vermutlich nicht bemerken. So denn, guten Appetit!

Eine beschissene Situation

Noch bevor ich mich auf den weißen Porzellanthron hocke, um das zu tun, wofür ich das Bad betreten habe, werfe ich einen unsicheren Blick in den Vorratsschrank. Erleichterung macht sich breit, denn das flauschige, dreilagige Papier, das in so manch brenzliger Situation durchaus wichtiger ist als sein bunt bedruckter Banknotenbruder, ist noch im verschweißten Sechserpack vorhanden. Ein zweiter Kontrollblick zum Toilettenpapierhalter sichert das heikle Geschäft ab: mehr als genug für diese und weitere Sitzungen. Klar, schließlich ist keine Frau anwesend, denn die holde Weiblichkeit – das ist bekannt – geht mit dem weichen Wischwerkzeug fast noch verschwenderischer um als mit der Kreditkarte des Ehemanns. Doch weshalb ich nun so vorsichtig bin, wenn es um die häusliche Geschäftsgrundlage geht, mögen Sie sich fragen. Das ist schnell erzählt.

Fast zehn Jahre dürften inzwischen – bitte verzeihen Sie das billige Wortspiel – durch den Abfluss der Zeit gerauscht sein, seit ich als pubertierender Sechzehnjähriger meine unschätzbar wertvollen Sommerferien damit vergeudete, im Betrieb meines Vaters Pappkartons im Akkord zu falten und in dicken Höllenmaschinen meine Gliedmaßen zu riskieren, nur damit ich mir endlich diese elende PlayStation leisten konnte. Ja, damals war das eben so: Arbeiten und alles sogleich wieder verprassen, kaum, da die Kohle auf dem spärlich bestückten Konto angekommen war. In Sachen Geldpolitik eine kleine Ein-Mann-Bundesrepublik quasi.

Die gnadenlos kurze Mittagspause war soeben angebrochen, und nach dem raschen Einwurf des sorgsam von Mutti einpackten Stärkungshappens, musste für dessen Verdauung erst mal Platz geschaffen werden. Soll heißen, das Frühstück musste raus. Soll heißen, nun, ich musste eben aufs Klo. Einige Treppenstufen später hatte ich meinen jugendlichen, arbeitsmüden Kadaver von einem vor sich hin pubertierenden Körper auf den leidlich sauberen Lokus gehievt, um der Dinge zu harren, die mich da verlassen wollten. Nach getaner Arbeit hockte ich erleichtert da und griff instinktiv zum Klopapierrollenhalter, an dem das typische, einlagige Putzpapier der Marke »Kimmenkiller Extragrob« hängen würde, nur um nach kurzem Herumtasten erkennen zu müssen, dass mich lediglich eine völlig abgewickelte und somit splitternackte Papprolle angrinste. Toll.

Wie gut, dass es zwei Klos gab, direkt nebeneinander – getrennt durch eine dünne Spanplattenwand, in der sich bereits Generationen vor mir verewigt zu haben schienen. In meinem jugendlichen Leichtsinn erhob ich mich vom Hort der rektalen Intimität, um in angestrengt gebückter Haltung ins Nachbarklo zu wackeln und das dort vorhandene Toilettenpapier zu kapern, als-

-plötzlich die Tür aufflog und ein schwer schnaufendes Etwas – das Geräusch seiner stampfenden Schritte ließ knappe zwohundert Kilogramm wandelnde Fleischmasse erahnen – sich auf den Weg zum noch freien Lokus machte. Gesagt, getan, hockte das Menschmonstrum also gegenüber von mir, machte, dass die Luft stank, schnaufte hier, schnaufte dort, als wäre es ein Rennpferd nach dem Lauf seines Lebens, wickelte ganz dreist und unbeschwert an der Klopapierrolle herum und stahl sich schließlich frisch gewischt aber noch immer schnaufend wieder davon. Krach, die Tür flog wieder zu, das Ding aus einer anderen Welt entfernte sich allmählich. Derweil noch Stillschweigen auf meiner Seite der Trennwand – inklusive obligatorischem Luftanhalten, um die unerwartete Senfgasattacke irgendwie zu überstehen. Nun ja.

Die Ruhe war also eingekehrt, und ebenso klärte sich der Nebel des Giftgaskrieges allmählich, so dass mir das Atmen endlich wieder möglich war. Zeit, einen neuen Anlauf zu wagen. Wieder erhob ich mich, schlich in gebückter Haltung und mit heruntergelassener Hose – weshalb sollte ich die Details auch verschweigen – ins nun freie Klo und schloss augenblicklich die Tür ab. Ein Blick auf den Toilettenpapierhalter ließ jedoch sofort den fürchterlichsten Albtraum Realität werden: das gewohnte Bild – nur noch das unbrauchbare Pappröllchen war übrig. Da hatte mein Vorsitzer tatsächlich ziemlich zugeschlagen. Noch mal toll.

Tja, was nun? Erkunden, wozu eine raue, abgearbeitete Handfläche in lebensbedrohlichen Extremsituationen wie dieser in der Lage ist? Oder sollte ich doch die Schändung des eigenen Hosenbodens riskieren, immer unter der Gefahr, für den Rest des Tages von den Nase rümpfenden Kollegen tunlichst umgangen zu werden? Nackte Panik ob meines nicht minder nackten Hinterns überfiel mich wie ein durchgedrehter Kanarienvogel. Schweißperlen rannen mir von der Stirn. Und nicht nur von der Stirn... Es war aus.

Dachte ich – doch unverhofft kommt bekanntermaßen oft, und so entdeckte ich im seitlichen Blickwinkel das mich rettende Utensil: eine Happy Weekend, die sich neben dem Klobecken vor mir verstecken wollte. Lektion fürs (Über-)Leben: In lauten und heißen Industriebetrieben hängen in den Produktionshallen immer (!) mindestens drei Kalender mit groß- und barbusigen Damen, während auf den zugehörigen Betriebsklos ebenso immer, aber auch wirklich immer, Schmuddelheftchen zu finden sind. Man muss sie nur entdecken. Gut, in Zeiten von YouPorn und Co. mag sich das ein wenig geändert haben. Aber generell gilt in Sachen Industrie und Sex wohl: je oller, desto doller und umgekehrt. Diese Regel ist definitiv fest!

Nachdem ich das, hm, für damalige Verhältnisse noch recht brisante Material also sitzend gesichtet und qualitätsgesichert hatte, galt es, eine schwierige Entscheidung zu treffen: Sollte ich die charmant lächelnden Hochglanzdamen wirklich dem Gesäßgott opfern? Aber hallo! Raaatsch, los ging’s. Dumm an der ganzen Sache war eigentlich nur, dass Hochglanzpapier relativ wischresistent ist. Nun gut, das Resultat war somit leider, dass ein Großteil der nackten Nymphen dran glauben musste. Uh! Andererseits kann ich von Glück reden, dass das schon so lange her ist. Heute, im vollends digitalen Zeitalter, hätte ich anstatt einer Illustrierten wohl ein iPhone vorgefunden. Olé!

Nach Beendigung meiner schändlichen Tat und der Beseitigung aller, ähm, Spuren, machte ich natürlich sofort, dass ich rauskam. Nur für den Fall, dass das schnaufende Etwas aus der Zwischenwelt zurückkommen sollte, um seine nun arg geschmälerte Qualitätsillustrierte zu holen. Bald darauf konnte ich eigentlich schon über den ganzen Fauxpas lachen. Und ja, auch heute hab ich noch gut Lachen, schließlich habe ich aus dem Schlamassel gelernt, sage ich und werfe einen entspannten Blick auf den prall gefüllten Toilettenpapierhalter neben mir.

8 Gedanken zu “Von der Rolle. Aufgewärmt.

  1. PhanThomas

    Psssst! Mensch! 😀 Wobei es den Text hier, glaub ich, noch gar nicht gab. Nur auf meinem Schreibgedönsblog. Von daher geht das ja soooowas von in Ordnung! 😉

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  2. Luise

    Ich kannte es zum Glück nicht und nur damit ihr es wisst, genau wegen solcher Geschichten liebe ich seine Seite so sehr. Keiner, aber wirklich keiner und ich kann es nicht oft genug sagen, schreibt lustiger als Herr Thomas. Im Grunde sind es aber doch eher die tollen Formulierungen die dieser Mann benutzt.

    Herr von und zu Thomas, sollte und das meine ich wirklich ernst...denkmalgeschützt sein.

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  3. PhanThomas

    @Luise: Liebsten Dank, teuerste Luise! Aber ich, ein Denkmal? Herrje, müsste ich dann nicht irgendwo friedend an der kalten Luft stehen und mich einschneien lassen, damit mich jeder anglotzen kann? Huh...

    @Me: Gern geschehen! Über dieses Thema lohnt sich ein Blog doch immer!

    Antwort

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